Kurzes Recap von gestern Abend – oder besser gesagt: heute Nacht.
Ich habe ja an anderer Stelle schon erzählt, wie wichtig mir Struktur ist, gerade im Winter. Dunkelheit, Kälte – der klassische Nährboden für den Winterblues. Letztes Jahr war es nicht mal mehr „Blues“, eher eine graue Wand. Und dieses Jahr wollte ich nicht wieder warten, bis sie sich über mich legt.
Also habe ich etwas getan, das niemand – wirklich niemand – von mir erwartet hätte:
Ich bin tanzen gegangen.
Ich – der „Dancing Stick“ mit Betonhüfte, der früher allenfalls einen schwer betrunkenen Dorf-Discofox auf dem Schützenfest zustande brachte. Und wenn schon, denn schon: Latein. Tänze, in denen Hüften schwingen, der Mann führen muss und Eleganz nicht verhandelbar ist.
Kleine Sidenote: In einer Zeit, in der „Maskulinität“ gern unter Generalverdacht steht, in der aus Tänzern und Tänzerinnen „die Tanzenden“ werden – da stehst du plötzlich auf dem Parkett, tanzt Rumba, Salsa, Bachata… und wickelst eine Frau um den Finger.
Und dann kommt – man höre und staune – ausgerechnet von einer sehr feministisch geprägten Tanztrainerin der Satz: „Kogge, nimm sie mal richtig ran. Gib ihr Impulse, die weiß doch gar nicht, was sie machen soll.“ Ich lass das mal unkommentiert stehen.
Jedenfalls: Ich stellte mich bei Salsa zuerst dermaßen ungeschickt an, dass ich den Takt fast nicht gefunden hätte, wenn er mir ins Gesicht gesprungen wäre. Aber die Rumba… die war anscheinend für mich erfunden worden. Und plötzlich hatte ich Spaß. Richtig Spaß. Feuer. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und dieses Feuer führte mich nicht nur in die kleine Tanzschule – sondern gestern auch auf einen großen Ball. DAS gesellschaftliche Weihnachtsevent der Stadt. Das Who is Who… und die, die gern „Who is this?“ wären, plus ein paar, die sich fragten: „Who am I?“
Dem wirtschaftlichen Untergang unseres Vaterlandes zum Trotz habe ich meine Spargroschen nicht in Gold, sondern in einen feinen Zwirn investiert.
Also flanierte ich – herausgeputzt – über das gesellschaftliche Parkett. Zwischen „Chanel No. 5“, „Louis Vuitton“, „Rolex“ und dem Polyesteranzug von H&M bewegte ich mich souverän zur Big Band, meine Tanzpartnerin fest im Arm, ihren Blick spürend, inklusive der Bewunderung meiner Führungsqualitäten. (Und ja: Ein Mann führt. Deal with it, ihr weichgespülten Gleichmacher*Innen.)
Kurz vor Ende der Veranstaltung erwischte mich ein altes Muster: Auf den Tischen lagen kleine Päckchen – Proben eines regionalen Kosmetikherstellers, der das Event sponserte.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe jetzt Duschgel und Anti-Aging-Produkte für mindestens zwei Jahre. Falls sich jemand wundert, wo seine Proben geblieben sind: Sorry… ich bin pleite. Geld steckt in Anzug und Ballkarte. Zu Hause ist das Duschgel alle.
Und falls sich jetzt jemand fragt: „Was erzählt der Kogge da schon wieder?“ Dann kommt hier der Punkt:
Ich stand oben in Loge Vier, allein am Geländer. Ich schaute auf die Gesellschaft hinunter. Und hatte diesen leisen, demütigen Moment:
Vor knapp über 1000 Tagen stand ich an der Klippe meines Lebens. Ich hätte im Keller versauern können. Ich hätte mich endgültig gegen die Wand fahren können.
Oder ich hätte – und das tat ich – mich am Riemen gerissen, mich mit mir selbst in Klausur gesetzt und Verantwortung übernommen.
Es gibt den Spruch: „Man soll das Leben tanzen.“
Ich tanze endlich.