Ich denke, man muss intensiv auf sich selber gucken. Ein ehrlicher Blick in den Spiegel und dazu die Frage: Würde so etwas wie der Weihnachtsmarkt meine Souveränität einschränken? Lautet die Antwort Ja, dann geht man vielleicht erst nächstes Jahr. Lautet die Antwort Nein, sollte einem Besuch nichts im Wege stehen.
Ich möchte auch einmal die andere Seite beleuchten: Ich war früher der festen Annahme, dass sich so etwas wie ein Weihnachtsmarkt immer um das Gelage dreht. Dabei habe ich festgestellt, dass ich das Gelage gesucht habe, nicht andersherum.
Es stehen heute noch dieselben Leute dort, vermutlich am selben Glühweinstand, mit denselben Mustern. Die Frage ist: Habe ich den Impuls, mich dazuzustellen (der fadenscheinige Grund sind ja häufig die 'sozialen Kontakte'), oder gehe ich zur Bude mit dem Schmalzkuchen und halte mich da auf?
Meine Erfahrung ist, dass sich mein GRUND geändert hat, zum Weihnachtsmarkt zu gehen. Ich möchte dort präsent sein, weil ich die Atmosphäre mag, aber nicht, damit ich dort Glühwein kippe.
Das ist mein Schalter und meine Überzeugung. Natürlich gibt es Pflichttermine wie das berühmte Weihnachtsessen, da wäre es sonderbar, wenn ich nicht käme. Aber die Entscheidung ist ja nicht, ob ich überhaupt komme, sondern ob ich früher gehe, wenn die anderen eskalieren.
Ich habe meine Abstinenz relativ schnell und hart im sozialen Kreis bekanntgegeben und vertreten. Aber nicht mit der Begründung, dass ich ein Problem habe (oder hatte), sondern als bewusste Entscheidung für eine neue Lebensweise. Alle wissen: Kogge geht in der Woche um 21 Uhr ins Bett und am Wochenende um 21:30 Uhr.
Denn Kogge hat einen Grund: Er steht früh auf und beginnt seinen Tag mit Yoga und Sport. Klar gibt es da einen Spruch, wenn ich mich verabschiede: „Na Kogge, morgen früh raus und wieder in den Keller?“ Meine Antwort ist dann: „Ja, wer Ziele hat, muss dafür arbeiten.“
Ich habe mir angewöhnt, meine „Ausreden“ anders zu framen – denn es sind keine Ausreden mehr, sondern eine Lebenseinstellung. Ich gehe früher, weil ich etwas anderes vorhabe, anstatt mich zu entschuldigen, dass ich nicht mehr möchte oder müde bin.
Ich sage nicht „Ich muss ins Bett“, sondern „Ich bin morgen ganz früh verabredet“ (mit mir selbst). Das sind Momente wie dieser hier: Ich sitze seit 6 Uhr morgens hier und schreibe (weil ich schreiben will).
Was ich sagen möchte: Ich habe IMMER eine soziale Legitimation für mein Verhalten. Ich brauche keine Ausrede zu erfinden, weil ich ein ZIEL habe. Und genau dieses Verhalten sorgt mittlerweile für Respekt bei den Leuten und nicht für Ablehnung. Im Gegenteil, ich bekomme oft sogar Komplimente dafür, statt mich für mein eigenes Verhalten entschuldigen zu müssen.
Das ist Arbeit, sich so ein Verhalten anzueignen. Aber so komme ich gesellschaftlich aus der „Opferrolle“ raus in eine „aktive, legitime Handlungsrolle“.
Versteht ihr, was ich meine? Deswegen sage ich ja immer: „Nur nicht mehr trinken“ reicht nicht. Man muss das leben. Aber da einen Ansatz zu finden und ein Ziel – das ist nicht so leicht, das gebe ich vollumfänglich zu.
Ein Freund von mir hat vor einiger Zeit bei sich festgestellt, dass sein Alkoholkonsum vielleicht zu viel sein könnte. Ihm geht es körperlich nicht so gut und er macht sich ein bisschen Sorgen. Er hat schon viel versucht – weniger trinken, Gewichtsabnahme etc. –, ist aber immer gescheitert.
Ich hab ihm dann ein bisschen erzählt, wie ich das mache, und einiges hat er sich abgeguckt. Auch mit Erfolg. Aber im Moment stagniert er wieder und macht Rückschritte. Er hat mir das auch erzählt, gleichzeitig konnte ich ihn bei einem Treffen mit Freunden neulich gut beobachten und hab ihm das auch gesagt:
Er sucht den „Sweetspot“. Ein bisschen besser essen hier, ein bisschen mehr Sport da. Dafür dann aber am Wochenende „kein Verzicht“, sondern anstatt 10 Bier sind es dann „nur“ 7. Also nichts Konkretes, nichts Fassbares, sondern immer so auf der Grenze, ohne sich endgültig zu entscheiden: „Was will ich nun?“
Man könnte es „versuchtes, kontrolliertes Trinken“ nennen. Ich sage ihm das nicht so direkt und vermeide es, ihm ein Alkoholproblem zu attestieren – da muss er selber drauf kommen. Aber in seinem „Projekt“ IST genau DAS seine größte Baustelle. Punkt. Er sieht es nur (noch) nicht bzw. will es noch nicht sehen.
Also wie gesagt, ich hab ihm das jetzt gesagt und ich bin gespannt, was er daraus macht. Ich kenne ja beide Seiten, weiß, wie man sich da fühlt... mal gucken.
Jetzt bin ich abgeschweift. Egal.