Klar ist Alkoholismus eine chronische Krankheit und in gewissem Sinne auch nicht wirklich heilbar. Chronisch bedeutet doch, dass "wir" niemals mehr in der Lage sind ein normales Trinkverhalten in unser Leben zu integrieren - egal wie lange wir abstinent sind. Für mich ist diese Erkenntnis der wichtigste Schritt zur akuten "Heilung". Heilung im Sinne von Symptomfreiheit.
Ich vergleiche das gerne mal mit meiner Autoimmunkrankheit. Diese ist auch nicht heilbar und führt unbehandelt zu schweren Symptomen und am Ende auch zum Tod. Durch die tägliche Einnahme meiner Medikamente kommt die Krankheit zum Stillstand. Bis die letzten Symptome (nach Beginn der medikamentösen Therapie) abklingen dauert es auch Monate. Ich habe durch meine Medikamente eine ähnlich gute Lebenserwartung wie ein gesunder Mensch bei guter Lebensqualität. Die Krankheit ist immer da, ist unheilbar, kann aber behandelt werden. Diese Behandlung ist auch eine Form von akuter Heilung, wenn man den Begriff als Symptomfreiheit versteht.
Das Weglassen von Alkohol führt ebenfalls dazu, dass Craving und Kontrollverlust abnehmen. Die Suchterkrankung kommt zum Stillstand. Lebensqualität und Lebenserwartung nähern sich einem gesunden Menschen wieder an. Es dauert halt einige Zeit bis die letzten Symptome völlig verschwunden sind.
Bei der einen chronischen Krankheit muss man was weglassen, bei der anderen etwas ergänzen.
Andere psychotrope Substanzen bewirken ähnliches, doch die nehmen wir ja nicht - komisch! Da wissen wir, die sind schädlich.
Ich schon - ich habe ziemlich viel in meiner Jugend konsumiert, es dann aber auf Substanzen reduziert, die meine Alltagstauglichkeit nicht zu sehr beeinträchtigt haben. Ich musste ja meinen Lebensunterhalt bestreiten, was nicht gerade einfach ist, wenn man mit tellergroßen Pupillen am Schalter in der Bank steht.
Was ist also die eigentliche (!) Krankeit? Unsere Unwissenheit, Dummheit, Schwäche, unseren Körper nicht vor Schaden bewahren zu wollen? Ihn vorsätzlich (!) zu vergiften?
Das würde man wohl eher als Borderline-Störung bezeichnen. Spontan denke ich da eher an selbstverletzendes Verhalten, wie zB. ritzen.
Der Alkoholiker benutzt den Rauschzustand, um sich in einen anderen Gefühlszustand zu bringen, nicht um sich aktiv körperlich zu schaden. Genauso wie andere substanzabhängigen Süchte. Spielsucht ist nur insoweit anders, als dass der Rausch durch körpereigene Botenstoffe ausgelöst wird. Oder Sexsucht oder Internetsucht.
Meine Frage an Dich: bist Du mit Dir im Reinen, was Deine Trockenheit angeht? Haderst Du damit? Und wenn ja, in welchen Situationen? Und wie immer natürlich der Hinweis: Du musst das nicht beantworten.