Hallo Gitte,
ich bin 60 Jahre alt und trinke seit 19 Jahren nichts mehr. Davor habe ich gut 25 Jahre lang mal mehr, mal weniger getrunken, oft jedenfalls sehr viel und zeitenweise Drogen genommen. Ich kenne es schon aus meinem Elternhaus und habe sehr früh damit angefangen.
Ich habe noch nie bereut, dass ich damit aufgehört habe und kann Dir daher nur empfehlen, wirklich alles dafür zu tun, was Du tun kannst. Und das, obwohl ich früher für mein Leben gern gesoffen habe und es von daher auch nicht bereue, aber jetzt geht es mir um Größenordnungen besser, was ich früher nie geglaubt hätte. Früher habe ich das Leben oft nur ertragen und konnte mich selbst nicht leiden, heute bin ich öfter mal ziemlich glücklich, insgesamt habe ich ein ganz anderes Lebensgefühl und bin mit mir selbst sehr viel besser im Reinen. Ich bin aber auch realistisch und nicht auf Rosen gebettet, aber deswegen muss ich mich heute nicht mehr selbst behandeln wie meinen ärgsten Feind, was ich mit Weitersaufen definitiv getan hätte.
Das schreibe ich Dir zur Bekräftigung Deiner Absicht. Kann ich also nur empfehlen. Jetzt noch ein bisschen was zum Aufhören an sich, ich kenne Dich aber nicht und weiss nicht, ob Du was damit anfangen kannst.
Die letzten paar Jahre meiner Karriere habe ich das nicht so ganz unähnlich gemacht wie Du, immer ein paar Tage nichts getrunken und dann wieder 2 bis 3 Tage bis zur Bewusstlosigeit zugeschlagen, auch so etwa im Wochenrhythmus. Die meiste Zeit war mir das egal, da ich ganz bewusst trinken wollte. Es war für mich halt normal, dass gesoffen wird, wie das viele tun, und ein bisschen extrem war ich schon immer, auch in anderer Hinsicht. Habe ich damals zwar selbstkritsch betrachtet, sah aber lange keinen Anlass, da was Grundsätzliches dran zu ändern, ging sehr lange immer irgendwie weiter. Ich habe auch mit längeren Trinkpausen probiert, es unter Kontrolle zu behalten, mit dem Ergebnis, dass ich dann, als ich es mir wieder "erlaubt" habe, um so mehr zugeschlagen habe, ich habe nachgeholt, was ich mir davor verkniffen hatte. Irgendwann ging es halt nicht mehr und ich musste mich entscheiden, ob ich mich in einem meiner Anfälle totsaufe oder was grundsätzlich Anderes probiere.
Eines Tages hatte ich die Schnauze voll, das war ein ziemlich plötzlicher Umschwung. Ich will Dich jetzt hier nicht mit den Details langweilen, aber der Knackpunkt bei mir war jedenfalls nicht das Aufhören, sondern die Tatsache, dass ich immer wieder angefangen habe. So wie Du ja auch. Und um das zu lösen, ging es um die Frage, warum ich eigentlich immer wieder damit angefangen habe und was ich mit dem Trinken eigentlich erreichen wollte - und ob das Trinken überhaupt das gebracht hat, wegen dem es mir so wichtig war. Ich verrate Dir vermutlich nichts überraschendes, wenn ich schreibe, dass das Trinken die Erwartungen schon lange nicht mehr erfüllt hatte, dauerte nur lange, bis ich das begriffen hatte. Und wenn die Gier da war, reichte das Denken nur bis zu ersten Erleichterung und dem warmen Gefühl beim Anfluten, aber nicht bis zu den Folgen, die Du ja auch schon beschreibst. Bei mir war es die letzten Jahre regelmässig ein sehr kurzer Spaß, wenn überhaupt, und ein Rattenschwanz an schlechten Gefühlen, also unterm Strich ein ziemliches Verlustgeschäft, was ich aber so nicht gesehen habe, wenn ich mit meiner Gier nichts besseres anzufangen wusste und sowieso erst mal nicht weiter denken wollte.
Hoffnung alleine ist meistens ein bisschen wenig, man muss es nach meiner Erfahrung und Beobachtung schon aktiv in die Hand nehmen und dranbleiben. Und bitte nimms mir nicht übel, aber ich bin der Meinung, wer so viel für die Sauferei aushält, wie es die meisten gemacht haben, kann auch was für seine Nüchternheit tun.
Ich meine, wenn einen gebrochene Arme oder so nicht am Saufen hindern, dann hält man ja was aus. Hast Du eine Idee, warum es Dir so viel schwerer fällt, nach längeren Pausen nüchtern zu bleiben? Baut sich da Druck auf, erlebst das Nüchternbleiben als Verzicht? Ich erlebe es schon lange als Gewinnn, dass ich nüchtern lebe, also das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, was ich schreibe. Früher hab ich halt zur Entspannung, Belohnung, zum Runterkommen getrunken, aber wie oben erwähnt gab es diese Entspannung oder Belohnung ja gar nicht mehr, sondern es war unterm Strich eher bescheiden, also war es ja kein Verzicht, es bleiben zu lassen. Und der Gedanke ans "Normal trinken " verging mir, als ich mir überlegt habe, was mir ein oder zwei Drinks eigentlich bringen, wenn es dabei bleibt..eigentlich auch nichts, ausser dem Gefühl, dass ich gerne weiter gesoffen hätte, mit den bekannten Folgen. "Normal trinken" war für mich noch nie der Bringer, im Nachinhein betrachtet, nichts wofür sich irgendein Aufwand oder Risiko lohnen würde. Ich konnte es drehen und wenden, da war für mich nichts mehr zu holen. Ohne konnte es nur besser werden.
Wie stellst Du Dir denn konkret vor, was Du für Hilfe brauchen würdest? Ich meine, die Angst vor dem Absturz wird sich erledigen, wenn Du feststellst, dass das ja nur eine Angst vor Dir selbst ist, denn ausser Dir zwingt Dich ja niemand zum Trinken. Da gibts ja eine banale Lösung, wenn Du Saufdruck hast, dann denke es zu Ende, wie das wird, dann vergehts Dir. Aber an sich selbst und seine inneren Einstellungen und Denkmuster ranzugehen, das ist halt die Schwierigkeit. Und auch die Frage zu bearbeiten, was man an seinem Gesamtleben ändern müsste, damit man nüchtern da hin kommt, wo man mit dem Alkohol gerne hin möchte, aber nicht hin kommt.
Aber es geht ja letztlich um Dein Leben und Saufen ist eine sehr oft tödliche Krankheit, brauchst ja nur noch eine etwas blöderen Unfall bauen, also sollte das ja schon wert sein, etwas dafür zu tun.
Im übrigen empfehle ich Dir, Dich hier durch die Themen zu lesen, denn vieles ähnelt sich und da stehen bereits sehr viele Erfahrungen, von denen Du vielleicht profitieren kannst.
Ich wünsche Dir viel Erfolg und eine guten Austausch hier
Gruß Susanne