Ergänzen möchte ich noch meine eigene Erfahrung mit Ansprachen oder Hinweisen meines Mannes, als ICH noch getrunken habe und überzeugt war, ICH hätte meinen Konsum im Griff und könnte das kontrollieren:
Mein Mann hat mich immer mal wieder besorgt auf meinen Konsum angesprochen. Er selbst hat eher wenig getrunken und eigentlich nur in Gesellschaft.
Heute kann ich seine Sorge nachvollziehen, damals aber hat mich seine Einmischung nur genervt und ich fühlte mich immer wieder von ihm bevormundet. Ich hab trotzdem gemacht, was ICH wollte und für richtig hielt. Ich war überzeugt davon, dass ER einfach keine Ahnung hat und einfach nur aus einer für mich als spießig empfunden gesellschaftlichen Konvention heraus redet und handelt. Und so habe ich abends alleine zuhause meine Flasche Wein geleert oder meine Flasche Sekt mit Aperol gemischt. Für mich war das Feierabend und Savoir-vivre/ la dolce vita. Allmählich wurden meine Mengen größer, aber da ich ja Pausen einlegen konnte, war ich mir sicher keine Alkoholikerin zu sein. Der Gedanke, auf Alkohol verzichten zu müssen, falls ich Alkoholikerin wie mein Vater werden würde, jagte mir eine Heidenangst ein. Dass mein Konsum riskant war, war mir bewusst, aber das hielt mich nicht vom Trinken ab. Riskant bedeutete für mich ja nur, dass es ein Risiko gibt, aber dieses Risiko glaubte ich, im Griff zu haben. Ich glaubte, ich könnte meinen Konsum kontrollieren.
Erst als mir mein Konsum selbst Sorgen zu bereiten begann, weil ich‘s eben doch nicht so unter Kontrolle hatte. Den Vorsatz, nur ein, maximal zwei Gläser zu trinken, konnte ich so gut wie gar nicht einhalten. Er fiel in der Regel schon beim ersten Glas: „Wieso denn nur ein Glas? Was ist denn das für ein Unsinn.“ ging mir dann durch den Kopf. Und so trank ich, bis ich satt war, und das waren zu dem Zeitpunkt, als ich aufhörte, drei Flaschen Wein (in der Regel trockener Rotwein) und/oder Sekt (pur oder mit Aperol).
Mein Mann meinte, wenn ich mich richtig erinnere, mal zu mir: „Was wäre, wenn du wählen müsstest zwischen dem Alkohol und mir?“
Ich fand das eine äußerst fiese Wahl, vor die ich da durch ihn gestellt wurde und ich hatte KEIN Verständnis dafür. Natürlich wollte ich meinen Mann nicht verlieren, aber was sollte denn diese blöde Wahl? Ich lass mir doch nicht das Messer an die Brust setzen, besonders wo ER doch ein Problem draus macht, wo gar keines ist.
So habe ich damals tatsächlich getickt. Heute kann ich seine Sorge durchaus nachvollziehen.
Heute ist es für mich unvorstellbar, überhaupt jemals wieder Alkohol trinken zu WOLLEN. ICH habe mich von mir heraus für die Abstinenz entschieden und für MICH war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Ich erzähle dir das, um zu verdeutlichen, wie ein Mensch mit einem Alkoholproblem ticken kann. Selbst wenn ein Problem eigentlich schon offensichtlich ist, löst man sich nicht unbedingt davon, weil es irgendwie undenkbar ist, ohne Alkohol auskommen zu müssen. Weil es sich fürchterlich anfühlt, das Angenehme, Schöne, was man sich vom Alkoholkonsum verspricht, entbehren zu müssen.
Das betrifft übrigens Alkoholiker, die noch nicht an dem Punkt angekommen sind, an dem ihnen nichts anderes mehr übrig bleibt, als trinken zu müssen. Die Alkoholiker, die über diesen Punkt hinweg sind, müssen dann trinken, weil die Entzugserscheinungen, wenn der Pegel wieder absinkt, nicht auszuhalten sind. Und die machen dann weiter, obwohl ihnen richtig dreckig geht, weil’s ihnen ohne Alkohol noch dreckiger geht.
Bei allen ist aber gleich: Von außen kann nicht erzwungen werden, mit dem Alkoholkonsum aufzuhören. Erfolgreich aufhören kann nur jemand, der das selbst als sich heraus aus eigenem Willen will.
Und weil das leider so ist, ist äußerst fraglich, was DU als Angehörige an Bedingungen schaffen kannst, wenn ER nicht von sich aus für sich selbst die Verantwortung übernimmt.
Etwas anderes ist das, WENN er die Verantwortung übernimmt, denn dann kannst du ihn dabei begleiten. Die Bedingungen bestimmt ihr dann im Gespräch gleichberechtigt miteinander.
Viele Grüße
AmSee