Beiträge von AmSee13

    Zitat von Honk

    Und ich frage mich wirklich ernsthaft, weil ich das schon oft mitbekommen habe, warum ist das Nichttrinken nicht normal? Warum scheint es so zu sein, das abstinente Menschen anscheinend oft in einer "Scham"-Ecke sitzen und sich (gezwungen fühlen?) rechtfertigen, KEINEN Alkohol (mehr) zu trinken und ganz viel Wert darauf legen was das Umfeld denkt. Und vor allem auch noch das Umfeld, was oftmals selber konsumiert und ggf. sogar problematisch konsumiert.

    Nun, warum das Trinken als „normal“ angesehen wird, liegt mehr oder minder auf der Hand. Es wird in unserer Gesellschaft schon seit Ewigkeiten vorgelebt und daran scheint sich - zumindest zur Zeit - noch nichts zu ändern.


    Von meiner eigenen kleinen Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder) hätte ich eigentlich lernen können, dass Nicht-Trinken „normal“ ist und das Beispiel meines Vaters regelmäßig überdeutlich machte, dass Trinken „unnormal“ ist. Hab ich in dem Maße aber nicht, denn ich empfand unsere Familie schon sehr, sehr früh (schon mit 3 oder vier? 🤷‍♀️) als „unnormal“.
    Es gab ja auch genug Grund dafür, denn wir waren irgendwie „anders“.

    Spätestens als ich mit 8 Jahren mein geliebtes Zuhause verlor und sich daran nicht gerade wenige Umzüge in andere Orte und andere Grundschulen anschlossen, war ja auch nicht zu übersehen, dass wir nicht „normal“ waren. Und ich selbst kam in keiner Schulklasse mehr so richtig an, war stets Außenseiter.

    „Normal“, das waren die anderen, die, die nicht ständig umzogen, deren Vater (oder Mutter) nicht Alkoholiker war. Ich hab sehr darunter gelitten nicht „normal“ zu sein.

    Von den „Normalen“ in meiner Verwandtschaft wurde Alkohol durchaus „normal“ konsumiert. Da hat sich in Gegenwart meiner Eltern nie jemand derentwegen aus Respekt vor ihrem durchaus bekannten Problem zurückgehalten, sondern es gab Bier oder Wein zum Essen und zum Anstoßen einen Sekt.

    Als ich mit 15 von zuhause wegging, landete ich erstmal in einer „normalen“ Familie. Da wurde ganz „normal“ Alkohol konsumiert und ich, inzwischen alt genug, durfte auch mal ein Glas Sekt oder beim Schützenfest ein Glas Bier trinken.

    Als ich mit 17 in einer Jugendwohngemeinschaft landete, tranken wir Jugendlichen, mit denen ich zusammenlebte, Alkohol, wann immer wir ausgingen. Das war ganz „normal“ und es war auch „normal“, wenn wir’s übertrieben.

    Und so ging mein Leben dann weiter, dass Alkohol zum Feiern dazugehörte und auch zum Feierabend. Alles ganz „normal“.

    Unter meinen Kommilitonen im Studium war damals einer, der keinen Alkohol trank. Haben wir akzeptiert, aber „normal“ war das für uns nicht.

    In der Familie meines Mannes und der Gegend, in der sie leben, war und ist es völlig „normal“, zu jeder möglichen Feiergelegenheit n Kurzen zu trinken. Da fällst du sogar richtig auf, wenn du nicht mittrinkst, denn das ist nicht „normal“.

    Ich habe im Laufe meines Lebens durchaus einige wenige Menschen kennengelernt, die einfach so keinen Alkohol tranken, weil der ihnen schlicht und ergreifend nichts gab, aber ich selbst war so ein Mensch nicht. Mir gab der Alkohol tatsächlich etwas. Er enthemmte mich, machte so vieles leichter und ich war endlich auch mal „normal“ und eben nicht Außenseiter.

    Außenseiter zu sein ist, wenn du’s unfreiwillig bist, nicht besonders angenehm. Ich selbst hab mir ständig Gedanken darum gemacht, was mein Umfeld über mich denkt und mich anzupassen versucht, um eben nicht aufzufallen und um eben nicht wieder einmal ausgegrenzt zu werden.

    Was hab ich mich geschämt, Tochter eines Alkoholikers zu sein. Und dann hab ich mich selbst, die ich doch immer die Kontrolle hatte, um mich sicher zu fühlen, in den Alkoholismus hineingeritten? Noch viel mehr Scham. „Klar doch, aus der Familie eines „Versagers“, kann ja nur ein „Versager“ kommen.“, rief es meinen Kopf.

    Wie verquer dieses Denken ist, wie „normal“ Alkoholkonsum tatsächlich ist, habe ich erst erkennen und begreifen können, als ich durch meine „Trockenarbeit/ Selbstfürsorge“ ein völlig neues, endlich gesundes Selbstbewusstsein erlangte.


    Heute denke ich selbst, dass Nicht-Trinken eigentlich „normal“ ist und das andere „nicht normal“.
    Doch ich hege deswegen keinerlei Missionierungsgedanken, ich bin kein „Don Quichotte“. :)

    Ich beziehe mich bei meinen Gedanken dazu zunächst mal auf die Ausgangsfrage des Threads „Warum ist es so schwer zu seiner Abstinenz zu stehen?“.

    Heute, inzwischen drei Jahre abstinent, fällt es mir überhaupt nicht mehr schwer. Ganz im Gegenteil stehe ich sogar selbstbewusst dazu, ich will es gar nicht anders. Nichts, absolut gar nichts reizt mich mehr daran, Alkohol konsumieren zu wollen.

    Ich hänge dabei nicht an die große Glocke, dass ich Alkoholikerin bin. Mit dem Begriff „Alkoholiker“ habe ich selbst keine Schwierigkeiten mehr, aber ich halte es nicht für nötig, ihn anderen gegenüber zu verwenden. Geht meines Erachtens nicht jeden was an, warum ich nicht trinke, und zu meinem Schutz brauche ich diesen Begriff nicht (mehr). Ich trinke keinen Alkohol und nix weiter.

    In gewisser Weise lebe ich sogar vor, dass und wie man ohne Alkohol sehr zufrieden leben und sogar ggf. richtig ausgelassen feiern kann. Ich bin schon ein paar Mal bewundernd drauf angesprochen worden, weil die das so gar nicht kennen. - Vielleicht inspiriere ich damit sogar andere? 🤷‍♀️ Wer weiß? Wenn‘s inspirieren sollte, würd’ mich das echt freuen.

    Es juckt mich nicht (mehr), wenn andere Alkohol konsumieren. Wenn die meinen, dass sie Alkohol trinken wollen, dann berührt mich das nicht. Ich nehm’s zur Kenntnis, mitunter denke ich mir auch so meinen Teil, mitunter amüsiert es mich sogar.


    Das war vor drei Jahren noch anders. Als ich hier aufschlug, kämpfte ich noch damit, dass ich trinken wollte, mir Lebensfreude vom Alkohol versprach, aber schon ahnte, dass ich ein ernsthaftes Problem entwickelt hatte. Da fürchtete ich mich davor, dauerhaft auf Alkohol verzichten zu müssen und ein Leben in Entbehrung führen zu müssen, nur weil ich die Kontrolle verloren hatte. Ich hoffte sogar noch, die Kontrolle irgendwann wiedererlangen zu können.

    In meinem ersten Beitrag schrieb ich damals:

    Zitat von AmSee

    Ich trinke gerne einen Wein oder Sekt beim Kochen, dann macht die Kunst einfach mehr Freude. - Ich koche gerne und betrachte richtiges Kochen als Kunst. - Ich trinke am Nachmittag, wenn ich im Garten arbeite und Pause mache, gerne mal ein Sektchen oder Bierchen. Ich trinke am Abend vor dem Fernseher oder beim Lesen ein Weinchen. Ich trinke gerne einen guten Wein zu einem guten Essen. Im Sommer trinke ich auf der Terrasse gerne einen „Sundowner“. Ich trinke nicht jeden Wein oder jedes Bier, bei harten Sachen bin ich ganz vorsichtig.

    Wenn ich das heute lese… 🙈😅

    Susanne antwortete mir damals darauf:

    Zitat von Susanne

    dazu kann ich nur sagen, gut kochen kann man auch, ohne dabei zu trinken. Das ist rein Deine Entscheidung, dass Du das eben so willst. Hat mit "geht nicht anders" absolut nichts zu tun.
    Ich hab da in meiner nüchternen Zeit schon ganze Veranstaltungen gemacht, und ich weiss natürlich wie viele Leute dabei gerne trinken.

    Ich muss Dir aber leider sagen, wer gerne trinken will, darf das von mir aus gerne tun. […] So wie Du das trinken hier anpreist, werde ich sicher keine Anstrengungen unternehmen, Dich vom Gegenteil zu überzeugen.


    Sie hatte mit ihrer Antwort, das wusste ich eigentlich damals schon und heute weiß ich das noch viel besser, völlig Recht.

    Mein Problem damals war nur:

    Zitat von AmSee

    So ist es, wie ich das Trinken empfinde und das macht es mir ja gerade so schwer, es sein zu lassen, obwohl ich um die Gefahr weiß, obwohl ich vielleicht wirklich schon ein Problem damit habe. Dass Alkohol gefährlich ist, weiß ich ja nur zu gut.


    Ich hab mich geschämt, weil ich die Kontrolle verloren hatte, und die Konsequenzen machten mir Angst.

    In der Situation damals war das schwer für mich, zu einer (Weihnachts-) Feier zu gehen, auf der alle anderen selbstverständlich Alkohol konsumierten. Führte mir das nicht einmal mehr mein eigenes Versagen vor Augen?

    Damals war ich gerade erst dabei, mir selbst mein Problem einzugestehen und mich mit den Konsequenzen zu arrangieren. Von dem Selbstbewusstsein, das ich heute habe, war ich da noch meilenweit entfernt.

    In einem solchen Zusammenhang wie dem meinen vor drei Jahren, kann ich die Unsicherheit, die hinter der Nachfrage, wie man sich verhalten solle, wenn man zu einer Weihnachtsfeier eingeladen werde, (noch) recht gut nachvollziehen. Auch die Ratschläge, die in die Richtung gehen, sich entweder eine Ausrede einfallen zu lassen oder ggf. die Veranstaltung zu meiden, finde ich gar nicht mal so verkehrt, denn die Vermeidungsstrategie kann für den, der am Anfang steht, durchaus hilfreich sein. Insbesondere noch, wenn die Kraft und Überzeugung für Konfrontation noch nicht oder in nicht genügendem Maße vorhanden ist.

    Abgesehen von der Scham spielt dann ja auch noch eine Rolle, dass so eine Veranstaltung in vielfältiger Weise triggern kann (nicht muss, aber eben kann). Was alles zum Trigger werden kann, weiß man als „Frischling“ nicht unbedingt. Und Rückfälle werden, so die Erfahrungen vieler, nicht von jetzt auf gleich überwunden.

    Ich hab noch mehr Gedanken zu deinen anderen Ansätzen, aber ich schick das hier erstmal ab.

    November

    Solchen Monat muß man loben:
    Keiner kann wie dieser toben,
    keiner so verdrießlich sein
    und so ohne Sonnenschein!
    Keiner so in Wolken maulen,
    keiner so mit Sturmwind graulen!
    Und wie naß er alles macht!
    Ja, es ist ′ ne wahre Pracht.

    Seht das schöne Schlackerwetter!
    Und die armen welken Blätter,
    wie sie tanzen in dem Wind
    und so ganz verloren sind!
    Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
    und sie durcheinander wirbelt
    und sie hetzt ohn′ Unterlaß:
    Ja, das ist Novemberspaß!

    Und die Scheiben, wie sie rinnen!
    Und die Wolken, wie sie spinnen
    ihren feuchten Himmelstau
    ur und ewig, trüb und grau!
    Auf dem Dach die Regentropfen:
    Wie sie pochen, wie sie klopfen!
    Schimmernd hängt′ s an jedem Zweig,
    einer dicken Träne gleich.

    Oh, wie ist der Mann zu loben,
    der solch unvernüft′ ges Toben
    schon im voraus hat bedacht
    und die Häuser hohl gemacht;
    sodaß wir im Trocknen hausen
    und mit stillvergnügtem Grausen
    und in wohlgeborgner Ruh
    solchem Greuel schauen zu.

    Heinrich Seidel (1842 - 1906)

    Hallo Honk,

    mir ist nicht ganz klar, wo du mit deinem Beitrag in diesem Thread letztlich hin willst, weil da gleich mehrere Ansätze drin sind.

    Möchtest du „Frischlingen“ die Scham nehmen und ihnen gleichzeitig Mut zu sprechen, dass Nicht-Trinken eigentlich völlig normal ist und gar nicht erst begründet werden muss?

    Oder möchtest du die gesellschaftliche Akzeptanz und Selbstverständlichkeit von Alkohol abschaffen?

    Oder setzt du dich inhaltlich mit den abwertenden Kommentaren von Trinkenden dir gegenüber auseinander und argumentierst dagegen?

    Oder störst du dich an den Empfehlungen, die in die Richtung gehen, sich angesichts einer (Weihnachts-) Feier entweder eine Ausrede einfallen zu lassen oder ggf. die Veranstaltung zu meiden?


    LG AmSee

    Oh man, eine etwas jämmerliche Rede zum Sonntag 🙈

    Das sehe ich genauso wie Honk : Nix jämmerlich.

    Und wieder kommt mir das, was du teilst, so bekannt vor.

    Hier im Forum gibt’s solche, die erst mit dem Rauchen aufgehört haben und erst später mit dem Trinken, dann gibt es solche, die mit beidem gleichzeitig aufgehört haben, und dann noch solche, die erst mit dem Trinken und später mit dem Rauchen aufgehört haben.
    Kurz und gut, jeder ist da seinen eigenen Weg gegangen, wie es eben für ihn passte.

    Als ich hier aufschlug, lag mein letzter Rauchstopp schon eine Weile zurück, ich war sehr zufrieden darüber und profitierte beim Aufhören mit dem Trinken von den Erfahrungen meiner diversen Rauchstopps.

    Ich bin aber später im Laufe meiner Abstinenz „überraschend“ wieder ans Rauchen gekommen und musste mich dann davon immer mal wieder mühevoll befreien. Ich kann nicht wirklich erklären, warum in mir völlig klar ist, dass Alkohol in mir als „Lösung“ überhaupt nicht mehr infrage kommt, Rauchen unter Umständen aber schon.

    Das Thema Rauchen war auch immer mal wieder Thema in Gesprächen mit meinem Psychiater. Er riet empfahl mir deshalb, und meines Erachtens war das kein so übler Rat, es mit diesen Heets zu probieren. Er selbst raucht schon lange nicht mehr, aber er kannte das von Kollegen und einigen anderen. Ich selbst bin stets in Hochspannungsphasen zurück ans Rauchen gekommen und ich kenne dieses Gefühl von Mutlosigkeit und verlorenem Vertrauen in mich selbst nur allzu gut.

    Gesund ist Rauchen nicht, das steht völlig außer Frage, und es ist zweifellos besser und fühlt sich auch toll an, rauchfrei zu sein, aber diese Heets (und vergleichbare Produkte) sind wenigstens etwas weniger schädlich.

    Vielleicht ist das ja erstmal eine Option für dich? - Hinweis: Muss man sich erst dran gewöhnen, weil die sozusagen nicht so reinhauen (Stichwort heißer Verbrennungsqualm einer normalen Zigarette), aber das Nikotin, auf dessen Wirkung du vorerst nicht verzichten kannst, kriegst du trotzdem.

    Von denen kann man meiner eigenen Erfahrung nach später leichter wegkommen.

    Liebe Grüße

    Was das Tempo betrifft: ich mache immer so viel, wie es geht und solange es irgendwie geht. Als ich mit meiner Angst und Panik ans Haus gebunden war und an manchen Tagen gerade mal Zähneputzen ging, selbst da habe ich mich nicht gefragt, ob ich es vorher vielleicht jahrelang übertrieben habe.
    Sobald es wieder besser ging, habe ich einfach weiter gemacht.

    Auch das kommt mir sehr bekannt vor.
    Solange es IRGENDWIE geht. - Und meine Innere Kritikerin hat mich angetrieben und niedergemacht, wenn ich ihrer Ansicht nach „zu früh“ aufgeben wollte…


    Das hab ich mich auch nicht gefragt. Was hinter mir lag, war nicht interessant. Es zählt nur, was vor mir liegt. Also: Schaffen, schaffen, schaffen!

    AmSee13 ,
    als ich las, dass bei dir Ms diagnostiziert wurde, hat mich das betroffen gemacht!
    (Wenn ich betroffen bin, drücke ich mich manchmal ungeschickt aus, bitte sieh es mit nach, falls du das so empfindest - aber ich möchte auf keinen Fall darüber hinweglesen.)
    Es macht mich traurig, dass du damit sein musst, neben allem, was du sonst noch zu tragen hast. Und ich wünschte, das müsstest du nicht!
    Ich weiß nicht viel darüber, nur, dass es auch mildere Verläufe gibt und ich hoffe, das ist bei dir der Fall

    Danke dir für dein Mitgefühl. <3

    Es ist meines Erachtens völlig in Ordnung, wenn du Betroffenheit spürst, das kann dir auch niemand absprechen.

    Ich hab dir allerdings nicht davon erzählt, damit es dich traurig macht.
    Ich selbst bin ja auch nicht traurig. Es ist eben, wie es ist, und ich selbst betrachte meine Erkrankungen eben auch als Chance.

    Klar würde ich auf die MS und auf die Depression gerne verzichten, aber die Option gibt’s eben nicht, also orientiere ich mich neu und passe mich an diese Herausforderung an. Und echte Lebensfreude habe ich inzwischen tatsächlich mehr als jemals zuvor.
    Krankheit als Chance. *Zwinker*

    Mit meinen beiden Freunden, die ich in der Klinik kennengelernt habe, betonen wir immer wieder: Mitfühlen


    Mit-fühlen, nicht mit-leiden!

    Dazwischen besteht, wie wir gelernt haben, ein Riesenunterschied.



    Übrigens war auch ICH stets auf Leistung getrimmt. Hab mich auch erst als „wertvoll“ gefühlt, wenn ich etwas geleistet hatte. Seine Ursachen, dass das in mir so drin war (ist es jetzt nicht mehr in DEM Maße), hatte das in der Prägung durch meine Familie.

    An dieser Wertvorstellung ist ja grundsätzlich auch nichts auszusetzen, problematisch wird‘s, wenn man an der Erfüllung dieser Wertvorstellung zerbricht, sei es, dass man sich dauerhaft überfordert, sei es, dass man eben nicht mehr leisten kann.

    Meine Eltern sind letztlich an diesen Ansprüchen, die hinter dieser Wertvorstellung stehen, jeder auf seine Weise zerbrochen. Mich selbst hat‘s an den Abgrund gebracht….


    Heute kann ich innerlich bejahen, dass ich auch etwas wert bin, wenn ich nicht leiste. Es genügt einfach, dass ich da bin, dass ich existiere.

    Dir wünsche ich von Herzen, dass du das auch irgendwann innerlich vor dir bejahen kannst.

    Liebe Grüße

    AmSee

    Hallo, liebe Mia.

    Staunend las ich, dass dir dein natürliches Tempo, bedürfnisorientiert, seit damals in der Klinik, bewusst(er?) geworden ist.

    Darauf kann ich eigentlich nur antworten: Mir blieb gar nichts anderes übrig.

    Ich war ja im Herbst 2015 durch den erneuten Ausbruch meiner Depressionen völlig ausgebremst worden. Zu dem Zeitpunkt ließ meine Psyche gar nicht mehr viel zu, meine Grenzen waren sowas von eng gesetzt.

    Der Aufenthalt in der Klinik hat mich stabilisiert und ich hab mich ja auch wieder erholt. Dort lernte ich, dass und wie sich meine engen Grenzen wieder erweitern, wenn ich tatsächlich auf meine eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten achte und mich möglichst nicht überfordere.

    Ab da hab ich durchaus versucht, MEIN Tempo einzuhalten. - Ist mir nicht immer gelungen…. Ein ganzes Leben in überhöhtem Tempo mit ständiger Überschreitung der eigenen Grenzen legt sich nicht so schnell und so leicht ab und mein Beruf und insbesondere mein Arbeitsplatz war ziemlich fordernd und auch überfordernd.


    Als dann vor 5 Jahren offensichtlich MS bei mir aufbrach und mich der nächste Schub noch mehr ausbremste als die Depression in 2015 blieb mir keine andere Wahl mehr, es sei denn, ich hätte in meinem Jammertal bleiben wollen. - Wollte ich aber definitiv nicht! *Zwinker*


    Positiv könnte ich aber auch bemerken: Meinem Körper und meiner Psyche hat es endgültig gereicht, dass ich nicht auf sie hören wollte, und sie haben mich sozusagen mit einem nicht mehr übersehbaren Dämpfer dazu „gezwungen“, endlich richtig auf sie zu hören.
    Und ICH hab‘s dann endlich wirklich begriffen und angefangen, endlich richtig hinzuhören, hin zu spüren und mein eigentliches Tempo zu finden.
    Inzwischen vertrauen die beiden mir wieder und haben mir wieder deutlich mehr Freiraum gegeben. :)


    Ich bin da ja auch nicht den „direkten“ Weg gegangen. Meine „Medizin“ habe ich nach Ausbruch der MS irgendwann ja auch im Alkohol gesucht und gefunden….. Bis mir dann klar wurde, dass ich auf die falsche „Medizin“ gesetzt hatte…. Und DAS war erst (oder schon? 🤔😅) vor drei Jahren.

    … Ich traue mich kaum zu sagen, dass die gewaltfreie Kommunikation (nach M. Rosenberg) seit Jahrzehnten im Fokus meiner Arbeit steht, und damit die bedürfnisorientierung.

    Das fällt mir leicht. Nur weniger, was meine eigenen Bedürfnisse betrifft 🙈

    Du kannst mir glauben, dass ICH das ziemlich gut nachvollziehen kann.

    Sich erfolgreich aus Mustern zu lösen, die schon von klein auf in einem angelegt worden, ist wahrlich nicht so leicht.

    Die gute Nachricht ist aber: ES IST MÖGLICH! :)

    Liebe Grüße und auch von mir die besten Wünsche für deinen Termin heute (Uups, sehe gerade, dass der Termin sogar schon hinter dir liegt. Freue mich für dich, dass es gut gelaufen ist.)

    AmSee

    Liebe Mia.

    Ich habe so viele Ansätze, um die ich mich kümmern will, dass mir ganz schwindlig ist. Also denke ich wieder an den Straßenkehrer…

    Das dürfte für dich genau das Richtige sein, dich immer wieder an Beppo Straßenkehrer zu orientieren. Ich mache das übrigens nicht anders.

    Ich hab mich aus gegebenem Anlass mal wieder in das Buch von Christine Seidel, das ich dir empfohlen hatte und das du dir inzwischen schon bestellt hast, eingelesen.
    Im Zusammenhang mit Retraumatisierung spricht sie immer wieder das Problem von „zu schnell und zu viel“ an.
    Ich persönlich denke, dass das nicht nur im Zusammenhang von Retraumatisierung eine Rolle spielt, sondern auch ganz allgemein im Leben. Bei Trauma und bei Retraumatisierung spielt das eben nur eine noch viel größere Rolle.

    So kann ich dir nur dringend raten, dich nicht zu überfordern, nicht zu schnell zu sein und zu viel zu machen, weil genau das auch ziemlich nach hinten gehen kann, wie ich selbst mehrfach aus leidvoller Erfahrung lernen musste.

    In der Klinik sagten sie mir damals immer, ich solle nach MEINEM Tempo vorgehen.
    Wirklich begriffen hab ich damals nicht, was die damit meinten.
    Mein Tempo? - Nun, ich hatte stets ein schnelles, recht rabiates Tempo, dann ist das wohl meins. 🙈😅

    Was für ein Irrtum!
    Nee, MEIN Tempo wird tatsächlich von meinen jeweiligen Möglichkeiten und Bedürfnissen bestimmt und dieses Tempo ist mitunter läääääääääähmend langsam. 😅

    Mitunter echt frustrierend, aber rückblickend ist es in der Regel genau das Tempo, das das richtige, das heilsame war und am Ende so richtig mit Wohlbefinden belohnt wurde.

    Kurz und gut: Nimm dir lieber kleine Schritte vor. Weniger ist manchmal mehr. 👍💪


    Zur Achtsamkeitsarbeit: Ich hab damals in der Klinik überhaupt erst begriffen, was das eigentlich ist. Es ist in der Tat eine sehr große Ressource.
    Doch auch hier gilt: Nicht zu viel auf einmal.


    Reflektiert, wie ich dich hier wahrnehme, wirst du spüren, was bereits möglich ist und was noch etwas warten darf.

    Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Tag.
    Liebe Grüße

    AmSee

    Guten Morgen, liebe Mia.

    Was bedeutet EKAs?

    EKA ist eine Abkürzung für Erwachsene Kinder aus alkoholkranker Familie.
    Daneben gibt’s noch Abkürzungen wie EKS, das steht für Erwachsene Kinder von suchtkranken Eltern und Erziehern, und ACA, das steht für Adult Children of Alcoholics.

    Allgemein geht das alles in die Richtung von Erwachsene Kinder aus dysfunktionalen Familien.


    Erwachsene Kinder aus dysfunktionalen Familien weisen in der Regel bestimmte Verhaltensmerkmale auf. Es kann hilfreich sein, sich darüber zu informieren, weil man sich dadurch nicht mehr so alleine mit seinen Problemen fühlt.


    In unserem ersten Artikel, der seit kurzem online ist, haben wir die verschiedensten Abkürzungen und Begriffe zusammengetragen, auf die bei unserer Alkohol-Thematik stoßen können.

    Falls du über andere Abkürzungen und Begriffe stolperst, mit denen du erstmal nichts anzufangen weißt, wirst du dort vielleicht fündig.

    Ansonsten kannst du natürlich IMMER auch hier fragen. :)

    Liebe Mia,

    das freut mich wirklich sehr, dass du mit meinen Zeilen etwas anfangen kannst. 😊


    Was DU über deine Erfahrungen bei deiner ersten Suche nach einer Traumatherapeutin erzählst, kann wiederum ich sehr gut nachvollziehen, weil es mich an meine Erfahrungen erinnert.

    In der Tat eine sehr verstörende Erfahrung, die du da machen musstest. Ich persönlich finde es aber beeindruckend, dass du selbst schließlich bemerkt hast, dass DU DICH schützen musstest. Selbstverständlich ist das gerade in dem Kontext, mit dem du offenbar ja auch gut vertraut bist, nicht unbedingt:

    …auch weil dieses Programm aus der Herkunftsfamilie „gut sein/ versuchen es richtig zu machen/ den Ansprüchen genügen/ noch mehr ein/ sich selbst übergehen/ kein Gespür für die eigenen Grenzen haben“ es ja furchtbar schwer macht, überhaupt zu erkennen, dass da wirklich etwas NICHT heilsam ist. Was ich ausgehalten habe in diesen Monaten, weil ich es gut machen und ihre Forderungen erfüllen wollte…die meisten anderen hätten schon nach der ersten Sitzung empört die Praxis verlassen.

    Ich selbst finde mich in diesen Formulierungen wieder. Für EKAs ist sowas meines Wissens nach ziemlich typisch.



    Ja, der Straßenkehrer… Mir selbst hat sich dieser Text durch die Stimme von Walter Bluhm eingeprägt, der den Beppo im Hörspiel von 1984 sprach. Ich hab das Hörspiel so oft gehört, dass ich den Text selbst rezitieren kann. :)


    Dieses Gedicht von Rilke kannte ich noch nicht, hab darin aber die Gedanken wiedererkannt, die Rilke auch in einem Brief an einen jungen Dichter geäußert hat. Die entsprechende Textpassage lese ICH immer wieder gerne.

    Wenn du magst, kannst du das Gedicht gerne in unserem Gedichte-Thread posten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es ist dort noch nicht drin.

    Eine Umarmung, wenn du magst, an dich!

    Ich mag. :)

    Ich bin abends oft müde, manchmal muss ich mittags kurz schlafen.

    Sofern es dafür keine sonstigen körperlichen Ursachen gibt, z.B. Mineralstoffmangel, dürfte das völlig normal sein.
    Da passiert gerade nämlich unheimlich viel bei dir, körperlich, aber auch psychisch. Das kostet mächtig viel Energie.
    Dein Körper signalisiert dir damit, was er gerade braucht, und sorgt auf diese Weise für dich.

    Ich kann das noch nicht wirklich so erklären, wie ich es fühle.
    Aber jeder schwere Moment, den ich ohne zu trinken schaffe, gibt mir etwas zurück.

    Das musst du auch nicht erklären, es sei denn, du möchtest selbst Worte dafür finden, weil dir das wichtig ist. Ansonsten reicht es meiner Erfahrung nach, es einfach nur wahrzunehmen, ohne es zu bewerten, ohne ihm einen Namen zu geben.

    Ich selbst hab‘s ja nun mit Worten, hab schon Stunden damit zugebracht, den präzisen, treffenden Ausdruck zu finden. Das mag zwar meinen Geist trainiert haben, hat mich aber auch vom eigentlichen reinen Wahrnehmen abgelenkt und mir auch nicht immer gut getan, weil ich nicht fündig wurde.

    Falls du dich mit Achtsamkeit auch schon ein wenig auskennst, weißt du vielleicht schon, warum du gar nicht bewerten, sondern einfach nur wahrnehmen solltest.

    Liebe Grüße

    AmSee

    - FORTUNE - … danke, dass du zurücklässt, was für dich wertvoll ist ❤️

    … ich weiß nicht, warum mir der Satz „lerne deine Lebenszeit zu schätzen“ solche Angst macht. Aber ich habe Gänsehaut!
    Er ist SO wahr, aber er versetzt mich in Angst und Schrecken. Ich glaube, mich damit nicht zu befassen, war Teil meines trinkens.
    Und die Vorstellung, dafür jetzt Verantwortung zu übernehmen… mein Leben zu gestalten, das endlich ist… Brrr.
    Ich glaube ich brauche noch, bis ich darin eine Kraft fühlen kann!

    Liebe Mia,

    auch ich kenne diese Gedanken, diese Ängste, von denen du da geschrieben hast….

    Honk hat dir da aber etwas sehr Wahres gespiegelt: Du BIST unterwegs und hast schon längst angefangen, für dich Verantwortung zu übernehmen. 💪


    Ich hatte solche Gedanken, wie du sie äußerst, vor etwas mehr als zwei Jahren.

    Konkreter Hintergrund war, dass ich mich endlich dazu durchgerungen hatte, doch noch eine „richtige“ Therapie zu machen. Deshalb hatte ich mich auf die Suche nach einer Therapeutin, die auch in Traumatherapie ausgebildet ist, gemacht.


    Kurz und gut: Obwohl ich die Frau für eine Fachfrau hielt, sie schien auch nicht wenig Expertise zu haben, und mich selbst in den paar kuratorischen Sitzungen genau prüfte, ob die zu mir passen könnte, stellte diese sich schließlich als die völlig falsche heraus und ich geriet sogar in eine Retraumatisierung.

    Sie war sehr fordernd, sagte, wann immer ich regredierte - also in frühere emotionale Ichs von mir zurückfiel -, mein erwachsenes Ich, meine sogenannte Alltags-Normal-Person, müsse umgehend wieder übernehmen. Von Kindern dürfe man sich schließlich nicht auf der Nase herumtanzen lassen, Kinder müssten Regeln lernen.

    Also bemühte ich mich umgehend ihren Forderungen nachzukommen. Anleitung, wie, erhielt ich keine, ich machte irgendwie und kriegte es auch irgendwie hin.

    Wie überfordert hab ich mich da gefühlt…..Ich hab alles gegeben, weil ich glaubte, das müsse so sein. Sie wies mich ja auch mehrfach darauf hin, dass ich das in meinem Alter schließlich können müsse.

    Meine sogenannte Innere Kritikerin wurde durch diese Vorgehensweise mächtig befeuert. Einmal mehr wurde bewiesen - sogar durch eine „Fachfrau“! - wie unfähig, wie erbärmlich, wie lebensunfähig usw. ich war.

    Mein Erwachsenes Ich, das durchaus eine Ahnung von Fürsorglichkeit hatte - ich hab schließlich schon von klein auf Verantwortung übernommen und ALLES gegeben - war völlig überfordert und ich fühlte mich so unfähig, erbärmlich und was man in so einer Situation noch so alles fühlen kann.

    Und dann, als ich mit Müh und Not die Papiere, die ich für den Antrag auszufüllen musste, ausgefüllt hatte - sowas war für mich inzwischen schon ein Ding der Unmöglichkeit geworden, aber die Therapeutin forderte, dass ich das als erwachsene, mittelalte Frau schaffen MÜSSE - lehnte sie mich als Patientin ab. Ihre Begründung war, ich regredierte zu viel und zu leicht.

    Ich fiel in ein tiefes Loch. In deinen Gedanken, die ich oben zitiert habe, finde ich mein Ich vor gut zwei Jahren wieder….. Ich konnte nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Und ich machte mir auch Vorwürfe, weil ich eine Therapie begonnen hatte, weil ich offensichtlich zu viel gewollt hatte.


    Ich hatte dann aber schließlich Glück, als ich nach jeder Menge Absagen von in Frage kommenden Therapeuten schließlich bei Therapeut Nummer 14 anrief und den kennenlernen durfte. (Ich hatte schon aufgeben wollen, war mit meinen Kräften völlig am Ende.)

    Dieser Therapeut, auch in Traumatherapie ausgebildet, ging von Anfang an völlig anders an die Sache heran, machte mir Mut, baute mich auf, stabilisierte mich, bestätigte mich, gab mir ggf. Anleitungen, wie ich für mich sorgen konnte. - So, wie er das macht, stelle ich mir einen „richtigen“ Traumatherapeuten vor. Er entlässt mich nie aus MEINER Verantwortung, was ich gut finde, aber er gibt mir Hilfestellung, Anleitungen, tatsächlich hilfreiche Werkzeuge an die Hand, es selbst schaffen zu können.
    Und siehe, wo ich heute stehe! - Nicht immer ist alles supi-dupi, aber grundsätzlich geht es mir gut, bin ich im „grünen Bereich“, fühle ich eine Selbstliebe und Stärke, die ich früher so nie hatte.


    Warum erzähle ich dir das?

    Nun, ich denke, ich weiß, wie sich das anfühlt, was du jetzt noch fühlst….

    Ich kann dir mit meinem Beispiel vielleicht aber Mut machen, DASS sich das ändern kann und voraussichtlich auch wird. Die ersten Schritte hast du schon gemacht. 👍

    Und wenn ich das richtig verstehe, bist du schon bei einer Therapeutin, der du vertraust und mit der du bereits arbeitest.

    Es wird nicht von jetzt auf gleich gehen, aber in diesem Zusammenhang hilft dir vielleicht die Erkenntnis von Beppo Straßenkehrer im Buch „Momo“ von Michael Ende. Falls du dir diese Passage gerade nicht geläufig ist, in unserem Zitate und Sinnsprüche -Thread findest du sie unter #330.


    LG AmSee

    Das Bild mit dem Fahrstuhl ist toll für mich, denn es geht - bei entsprechendem Auslöser- tatsächlich so schnell, dass man wieder ganz und gar in diesem Kerngefühl landet.
    Ich bin so sehr beeindruckt, dass du nicht „nur“ gelernt hast, dich quasi selbst ‚nach zu beeltern’, sondern (damit) auch deine Einsamkeit wandeln konntest.
    Ich kann mir vorstellen, dass das entsteht, wenn man vertrauen in sich hat, mit allen Gefühlen sein/ umgehen zu können!

    Das freut mich natürlich, dass du mit dem Bild etwas anfangen kannst. :)

    Ja, ich denke, dass das Wandeln dieser Einsamkeit tatsächlich etwas damit zu tun hat.

    Ich muss dazu sagen, dass ich das ohne professionelle Hilfe bei einem Therapeuten, der wirklich zu mir passte und noch immer passt, nicht geschafft hätte.

    Interessant fand ich auch:

    Peter A. Levine, „Sprache ohne Worte

    - Das habe ich allerdings dann nicht mehr ganz durchgelesen, weil ich endlich einen Therapeuten gefunden hatte, der mir helfen konnte. Da hatte ich irgendwie keinen Bedarf mehr nach mehr Literatur.

    Da nochmal ganz kurz: hast du Literatur Empfehlungen für mich? Mit Stefanie Stahl habe ich mich eingehend befasst!

    Zwar nicht an mich gerichtet, aber ICH könnte dir folgendes Buch empfehlen:

    Christine Seidel, „Wenn die Seele nicht heilen will: Wie alte Verletzungen zu (Re-) Traumatisierung führen können und wie man sie überwindet“

    Ein weiteres Buch, das nicht unmittelbar zu diesem Thema passt, mir selbst aber auch vor dem Hintergrund meiner MS-Erkrankung gute Impulse geliefert hat, ist:


    Claudia A. Reinicke, „Resilienz bei schwerer Krankheit: Psychische Ressourcen mit einfachen Methoden stärken


    Vielleicht ist ja eines von beiden oder sind beide auch für dich interessant.


    LG

    Liebe Mia.

    Bei mir ist es ähnlich, ich habe auch nach wie vor Tage, an denen mir das rausgehen- meinen Schutzraum verlassen, gesehen werden- noch Unbehagen, manchmal auch Angst, bereitet.
    Und wie du, nehme ich das mittlerweile in vielen Fällen an, während ich mich früher in Angst vor der Angst verstrickt habe. (Was, wenn ich auch morgen nicht raus kann, was, wenn alles wieder wie früher wird? Damit habe ich meinen Stresspegel unheimlich geschürt und die Wahrscheinlichkeit, dass es genauso kommt enorm erhöht).

    Ja, das kenne ich gut, sogar in den Begrifflichkeiten finde ich mich wieder.
    Manchmal fahre ich selbst kurze Strecken, die ich normalerweise mit dem Fahrrad bewältige, mit meinem Auto, weil das für mich dann mein „Schutzraum“ ist.

    Das passt zwar sogar nicht zu meiner ökologischen, ökonomischen, nachhaltigen Einstellung, aber in solchen Momenten stelle ich das hintan, weil ich diesen „Schutzraum“ brauche. Das gehört dann eben zu meiner Selbstfürsorge.

    Oh, klingt es lächerlich, wenn ich begeistert bin, den Begriff hier zu lesen- Entwicklungtrauma.

    Nö, überhaupt nicht lächerlich. Ich kenne doch das, was dahinter steht. Es ist das Wiedererkennen in jemand anderem, was in solchen Momenten soooo gut tut, insbesondere dann, wenn man sich sonst stets soooo allein gefühlt hat. Es tut einfach gut, in diesem Momenten zu erkennen (zu fühlen?), eben nicht allein zu sein.

    Da ploppt bei mir gerade dieses Lied „Ist da jemand“ von Adel Tawil auf. Der Inhalt dieses Liedes passt gerade dazu, oder?

    Dami Charf kenne ich noch nicht, dafür aber andere Literatur zu dem Thema und mir ging’s bei der Beschäftigung damit ganz ähnlich wie dir.

    Bis ich das mit dem „Entwicklungstrauma“ raus hatte, hat‘s ein bisschen gedauert. Diesbezüglich hab ich eine kleine Odyssee hinter mir.

    Und dennoch, mein Erwachsenenanteil schmilzt wie Schokolade in der Wüste, sobald meine Urwunde berührt wird. Obwohl ich mittlerweile viele Zusammenhänge verstehe. Hast du das auch, im Zusammenhang mit Bindungsverlust, so ein allerschlimmstes Gefühl in dir?
    Ich habe das in meiner Kindheit und im Laufe meines Lebens nun schon so oft gefühlt- aber es fühlt sich immer noch genauso mächtig und unerträglich an, wie eh und jeh.

    Ja, auch das kenne ich und ich kenne auch dieses allerschlimmste Gefühl. Ich kenne auch diese überwältigende Lebensmüdigkeit. An jener Grenze war ich schon soooo oft.

    Mein Erwachsenenteil war lange, lange völlig überfordert, manchmal ist er das auch heute noch, aber dann tatsächlich nur noch kurz.

    In meiner derzeitigen Therapie lernte ich ein Bild kennen, das ich als sehr anschaulich und hilfreich empfinde. Es ist das Bild eines Hochhauses, dessen Anzahl der Stockwerke der Anzahl meiner Lebensjahre entspricht. Jährlich wird ein Stockwerk draufgesetzt. Inzwischen bin ich 51 und habe vor ein paar Tagen sozusagen mit dem Bau des 52. Stockwerks begonnen.

    Innerhalb dieses Hauses gibt es an verschiedenen Stellen Fahrstühle, das sind sozusagen Triggerstellen, die dich mitunter unerwartet in die Tiefe zu einem früheren Stockwerk sausen lassen.

    Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es mir mitunter passiert, dass ich in irgendein tieferes Stockwerk sause und mich dann in genau jenem emotionalen Zustand und der Erfahrungswelt genau Lebensalters wiederfinde. In solchen Momenten bin ich nicht auf dem Level der inzwischen 51-jährigen Erwachsenen.

    In der Therapie haben wir mittels EMDR an einigen traumatischen Erinnerungen gearbeitet. Damit schlossen sich die Fahrstühle. Ich lernte mich kennen, konnte aber auch für meine früheren „Ego-States“, so nennen wir das in meiner Therapie, sorgen.

    Und es ist gerade diese Fürsorge für mich selbst, die MIR gut gut. Andere haben nicht für mich gesorgt, die Wunde wird sozusagen bleiben, aber jetzt weiß ich, wie ich für mich sorgen kann, habe gute Anleitungen dafür bekommen und sammle weiter. Und da komme ich zu dem, was ich letztens schrieb. Ich fühle mich nicht mehr alleine, denn ich hab ja MICH oder vielmehr UNS. So heilt die Wunde in gewisser Weise.


    Als ich vor acht Jahren wegen Depressionen in der Klinik war, sagte man mir, ich sollte tun, was mir gut tut.

    MIR fiel dazu zunächst gar nichts ein. Ich wusste zwar, was Menschen so im Allgemeinen gut tut und es gibt ja auch Listen, aber irgendwie hatte das gefühlsmäßig nichts mit MIR zu tun. Da kam gefühlsmäßig nix von bei mir an. Was tut mir gut? - Keine Ahnung! Nix? 🤷‍♀️
    (Zu jener Zeit habe ich gar keinen Alkohol getrunken, sonst wäre der mir vielleicht sogar eingefallen. 🙈)

    Dass ich zu dem Zeitpunkt täglich kilometerweit spazieren ging, weil ich das irgendwie für mich brauchte und wollte, hatte ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht als „Das tut mir gut“ auf dem Schirm.

    Bei einem dieser Spaziergänge aber ging ich wieder einmal dieser Frage nach und fühlte in mich hinein. Eine ganze Weile kam da gar nichts…. Und dann kam mit einem Mal aus meinem Inneren so eine zaghafte Antwort: „Warmes Körnerkissen“. - Ich mag nämlich den Geruch und diese Wärme.

    Von da an habe ich bewusst immer wieder zum Körnerkissen gegriffen, wenn ich mir was Gutes tun wollte.

    Einmal auf eine Idee gekommen, kamen weitere Anregungen aus meinem Inneren hoch, die ich dann in meine Liste aufgenommen habe und inzwischen bei Bedarf anwende.

    Kuscheln mit meinen Hunden gehört übrigens dazu. Die eine ist zwar draußen ein Rabauke - daran arbeiten wir noch, das möglichst abzustellen ^^ - aber drinnen bei mir/ bei uns ist sie der schmusigste Hund überhaupt.


    Bis hierhin erstmal.

    LG AmSee

    Liebe Mia,

    gerne tausche ich mich mit dir über das Thema aus.

    Das Nicht-rausgehen-Können kenne ich auch. Das habe ich mitunter auch jetzt noch, allerdings in abgeschwächter Version. Wenn es bei mir auftritt, arbeitet in der Regel etwas in mir.

    Ich übe in solchen Momenten keinen weiteren Druck auf mich aus und mache mir dann auch keine Vorwürfe mehr. Im Gegenteil wende ich mich mir dann liebevoll zu und sorge entsprechend für mich. In der Regel ist eine solche Phase recht schnell wieder verschwunden.

    Mit dem Thema „Trauma“ beschäftige ich mich ebenfalls, wobei ich selbst kein klar abgegrenztes Trauma erlitten habe, sondern etwas was als „Entwicklungstrauma“ bezeichnet wird.

    Ich kenne das, was du mit „Verlustangst“ beschreibst, auch ziemlich gut. Bei mir hat das seine Ursachen tief in meiner Vergangenheit. Ich hab mich nahezu mein ganzes Leben lang allein gefühlt, obwohl durchaus Menschen um mich waren. Abschiede sind mir in der Regel sehr schwer gefallen.

    Erst seit einer Weile fühle ich mich nicht mehr allein, aber nicht, weil Menschen um mich herum sind, sondern weil ich mich selbst in mir drinnen nicht mehr allein fühle. Ich hab meine vielen Ichs (und ich spreche nicht von Schizophrenie, das ist noch was ganz anderes) kennen- und schätzengelernt. Mein Therapeut spricht in diesem Zusammenhang von „Ego-States“. Zu diesen zählen meine verschiedenen sogenannten „Inneren Kinder“, aber auch noch andere Anteile von mir. In den letzten Jahren ist ein fürsorglicher, tatsächlich erwachsener Elternteil in mir gewachsen, der sich meiner verschiedenen ICHs entsprechend anzunehmen vermag. Er hat dafür inzwischen verschiedene Möglichkeiten, Werkzeuge und auch Skills zur Hand.
    Fühlt sich echt gut an.

    Wenn du dich mit dem Thema „Trauma“ schon eine Weile beschäftigst, hast du vielleicht eine Ahnung, was ich da lediglich andeute.

    Bis hierhin erstmal.

    Auch dir allerliebste Grüße 🌻


    P.S.: Mit dem Hund rausgehen, find ich prima. Mache ich mit meinen zwei auch gerne und es tut in der Regel einfach gut. (Es sei denn, die eine meiner beiden pöbelt andere mal wieder zu viel an. 😅)