Beiträge von AmSee13

    Hmm mir kommt dieser Abstinenz Punkt ein bisschen wie das "vegane" Thema vor.

    Hallo Hubby,
    ich kann zwar in gewisser Weise nachvollziehen, dass es da Anklänge geben mag, nur sehe ich die Problematik, die aufgrund einer nicht ganz unerheblichen Erkrankung vorliegt, etwas ernster…

    Daher passt mir persönlich der Vergleich mit dem „veganen“ Thema nicht wirklich….

    Ich hab mir dann angewöhnt einfach nen Drink zu nehmen und stehenzulassen oder so zu tun als ob ich dran nippe.


    Das kann jeder so halten, wie er‘s/ sie‘s für richtig hält. Ich selbst könnte so scheinheiliges Getue nicht mit mir vereinbaren, aber so bin ich eben. Und für jemand, der noch am Anfang steht, spielt da u.U. auch eine Rolle, dass er dem Alkohol damit viel zu nahe kommt und sich davon triggern lässt. Insofern ist dieser Rat mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

    Grüße

    AmSee

    Ich weiß es ehrlich gesagt derzeit nicht wirklich, wie ich mit der Situation umgehen werde.

    Ich denke, du wirst es herausfinden, wenn du in dich hineinhorchst und sehr ehrlich mit dir bist.
    Natürlich kannst du deine Gedanken hier auch teilen, vielleicht kannst du aus den Antworten anderer etwas für dich rausziehen, so dass deine Entscheidung am Ende wirklich zu DIR passt und nicht zu irgendjemand anderem.

    Aus meiner Sicht ist das so, dass es gesellschaftlich (noch) irgendwo zum guten "gastfreundlichen" Ton gehört/ erwartet wird, Alkohol anzubieten (und auch zu trinken). Der Nichtsüchtige kann ja auch problemlos ein Gläschen Wein inkl. der leichten Anflutung+Geschmack "geniesen". Und diese leicht Entspannung nimmt ja auch irgendwo zwischenmenschlichen Barrieren/ macht locker. Klar, es würde niemand eine vorbereitete Bong oder Spritzbestecke herumreichen, zumindest auf keiner gutbürgerlichen Feier.


    Dass das zum gesellschaftlich anerkannten „gastfreundlichen“ Ton gehört und sozusagen „normal“ ist, ist mir natürlich nicht unbekannt und war durchaus etwas, mit dem ich mich in meiner Anfangszeit auseinandersetzen musste.

    Doch in meiner Anfangszeit ging es mir genau darum, MICH zu schützen. Und deshalb wollte ich keinen Alkohol im Haus haben und auch nicht die Gläser, die dazu gehören.
    Und es trug mich dabei durchaus auch der Gedanke, dass heutzutage kein Gastgeber Zigaretten, eine vorbereitete Bong oder Spritzbestecke für seine Gäste vorhalten würde.
    Darüber hinaus beschäftigte mich die Erfahrung, die mein eigener Körper während der Abstinenz durchlief. Die völlig unerwartete Erholung von Psyche und Körper, die mir sehr, sehr deutlich machte, was für ein Nervengift Alkohol eigentlich ist. Das fühlte sich für mich überhaupt nicht richtig an, für meine Gäste solches Gift kaufen und bereitstellen zu sollen. Völlig egal, ob das gesellschaftlich Konsens ist, dass „man“ das so macht. Ich muss nicht das tun, was alle tun, wenn ICH das für falsch halte.


    Als es mir dann im Laufe der Zeit überhaupt nichts mehr ausmachte, wenn andere in meiner Gegenwart Alkohol konsumierten, konnte ich die Einschränkung, dass es bei uns zuhause gar keinen Alkohol mehr gibt, lockern. Wie gesagt, zunächst war das reiner Selbstschutz, um mich nicht zu überfordern. Und das war auch richtig und wichtig so für mich.

    Die Gäste, die uns besuchen, sind alle informiert, dass wir nicht trinken, dass es bei uns keinen Alkohol gibt, sie sich aber welchen mitbringen dürfen. Die sind, soweit ich mich erinnere, alle irgendwann mal informiert worden, dass ich nicht trinke, weil ich ein Problem damit hab. Das A-Wort ist mitunter schon gefallen, wenn ich das sagen wollte, ansonsten hab ich eher das Problem beschrieben.
    Nachbemerkung: Wann immer das A-Wort gefallen war, hat mir das keiner abgenommen, weil ich, wie ich vermute, aus deren Sicht nicht in das A-Schema passe. Ich musste das dann begründen. War für mich wirklich nicht weiter wild, ich kann da echt zu stehen, aber eigentlich habe ich’s nicht nötig, meine Abstinenz begründen zu müssen, und mir vielleicht sogar noch gut gemeinte, aber unqualifizierte Gegengründe anhören zu müssen. Gespräche über das Thema KÖNNEN interessant sein, aber nicht selten münden die dann in Rechtfertigungen, warum jemand dann doch trinkt und dass er/sie ja kein Problem damit habe. Da spüre ich denn doch eine gewisse Unlust, mir das anzuhören, die Argumentationen sind mir selbst zu gut vertraut, und für mich nicht länger interessant.

    Mir persönlich war der gesellschaftliche Konsens in solchen Momenten völlig egal und das ist er mir noch immer. Heute kann und will ich dazu stehen, dass ich anders bin und das tue, was ICH für richtig halte.

    Und mal ganz ehrlich, wer mich nicht besuchen mag, weil ich keinen Alkohol bereitstelle, der ist doch an mir gar nicht interessiert. Was soll ich dann mit so einem Gast? Soll der doch wegbleiben, sein Problem, nicht meins. Und „gastfreundliches“ Ambiente besteht doch nicht nur in Alkohol.

    Es gab letztens mal eine Situation, in der wir tatsächlich Alkohol bereit gestellt haben. Das war als unsere Nachbarn den sogenannten „Bogen“ bei uns wieder abgebrochen haben. Sowas wird in unserer Gegend nämlich gefeiert. Da haben wir in Absprache mit den Nachbarn ne Kiste Bier gekauft, die wir später an den einen Nachbarn verschenkt haben, zwei Flaschen Sekt und eine Flasche Rotwein. Ich hab Sekt und Rotwein ausgewählt. Sekt ging leicht und schnell, Rotwein war schwieriger, weil die Auswahlmöglichkeiten da sehr viel größer waren und ich mich da geschmacklich am mir nicht unbekannten geschmacklichen Interesse meiner Nachbarn orientieren wollte. Getriggert hat mich das kein bisschen, aber trotzdem hatte ich kein wirklich gutes Gefühl dabei, das zu tun. Es fühlte sich einfach nicht richtig an.

    Ich hab auch definitiv kein Interesse, das nochmals zu tun. Ich mag‘s ganz und gar nicht, etwas zu tun, was ich selbst nicht für richtig halte.

    In einer Gesellschaft, in der das Trinken so „normal“, so allgegenwärtig und selbstverständlich ist wie unserer, fällt auf, wer da nicht oder nicht mehr mitmacht. Das ist fremd und Fremdes verursacht Unbehagen und u.U. sogar Feindlichkeit.

    Dazu noch etwas:

    Vergangenen Sonntag hatte ich meine Familie zu Besuch - die angeheiratete, die andere ist so gut wie gar nicht mehr existent.
    Das sind Leute, die „normal“ trinken und aus einer Umgebung kommen, in der Alkohol bei Feierlichkeiten völlig „normal“ und selbstverständlich ist. Unter Umständen gehören auch ein paar Schnäpse dazu.
    Sie wissen, dass wir nicht trinken und dass es bei uns keinen Alkohol gibt, es sei denn, sie brächten ihr Bier, ihren Wein oder Sekt und die passenden Gläser selbst mit.
    Und obwohl sie das wissen und inzwischen ja schon oft genug bei uns waren, war ihr Befremden auch diesmal wieder spürbar.
    Nach Kaffee, Tee, Torte und Kuchen werden üblicherweise Getränke und Knabberkram gereicht. Und was wünschten sie sich, obwohl sie’s besser wissen müssten? :/;) - Bier. :D

    „Ha‘m wir nicht. Ihr könnt Cola, Ginger Ale, Bitter Lemon, Apfelsaft, Apfelsaftschorle oder Wasser bekommen“. - Sie wollten dann stilles Wasser (Leitungswasser), drei nahmen Cola.

    Es wird ihnen wohl immer fremd bleiben, dass mein Mann und ich nicht trinken, und noch fremder, dass es bei uns zuhause keinen Alkohol gibt. Müssen sie durch, müssen wir durch, die Alternativen - Trennung von der Familie oder Alkohol kaufen oder selbst wieder Alkohol konsumieren - kommen für uns alle nicht infrage. 🤷‍♀️

    Nun noch ein paar Gedanken dazu:

    Allen anderen, und besonders die Leute, die bei besonderen Zusammenkünften selber Alkohol konsumieren und das nicht zu knapp, habe doch faktisch überhaupt kein Recht dazu, über mich zu urteilen, weil sie selber mitten drin stecken? Im Gegenteil sogar, wenn ich dazu stehe, KEINEN Alkohol mehr zu trinken, aus welchen Gründen auch immer, bin ich den trinkenden Menschen in meiner Entscheidung und Entwicklung doch einen riesigen Schritt voraus. Ich habe für mich erkannt, das mir Alkohol nicht gut tut. Und Alkohol tut niemanden gut, das ist doch Fakt.


    Ich hab mich gefragt, warum dich die Kommentare deiner trinkenden Umgebung innerlich so sehr bewegen, dir so nahe zu gehen scheinen. Und dann kam aus meinem Inneren eine Antwort, weil ich da selbst in gewisser Weise auch durch musste:

    Es ist die eigene Auseinandersetzung mit einem trinkenden Umfeld, das für den eigenen Nicht-Konsum herzlich wenig Verständnis aufbringen kann. Es gehört zum eigenen inneren Wachsen.

    Ich sehe das durchaus so wie du, dass niemand ein Recht hat, über deinen Nicht-Konsum zu urteilen. Denn das ist ganz allein deine Sache, was du tust.

    In einer Gesellschaft, in der das Trinken so „normal“, so allgegenwärtig und selbstverständlich ist wie unserer, fällt auf, wer da nicht oder nicht mehr mitmacht. Das ist fremd und Fremdes verursacht Unbehagen und u.U. sogar Feindlichkeit.

    Die Frage ist doch eigentlich nur, wie du mit deren Unbehagen umgehst. Gehst du in offene Konfrontation oder machst du einfach dein eigenes Ding und tust dich mit Leuten zusammen, denen du nicht fremd bist und die dich einfach so nehmen, wie du bist.

    Vielleicht sind das ein paar weniger Menschen, zumindest am Anfang, aber die sind meiner eigenen Erfahrung nach die wirklich interessanten.

    VG

    Guten Morgen, Samsa.

    Es fällt mir total schwer das in Worte zu fassen ich habe so viel im Kopf, vielleicht kann ich mich die tage besser ausdrücken...

    Mach dir deswegen keinen Kopf, aus eigener Erfahrung weiß ich gut, wie schwer das ist oder sein kann, in Worte zu fassen, was bei einem Thema wie diesem im Kopf herumschwirrt.

    Lass die Worte ruhig wachsen, irgendwann fließt es dann von ganz allein. Anfangs noch zaghaft, später flüssiger.

    Du kannst und darfst hier alle deine Fragen stellen oder deine Gedanken teilen. Allein das kann schon gut tun und glaub mir, du bist mit deinem Thema nicht allein.

    Ich rede viel mit meinem Freund darüber auch übers weniger Trinken und ich verstehe dass es schwer ist da mal eine Pause zu machen und nicht ein Bier hinter einander zu trinken. Er will es immer wieder versuchen aber es funktioniert nicht. Ich möchte nicht immer streiten.


    Da hast du schon ein deutliches Bedürfnis formuliert: Du möchtest nicht immer streiten.

    Solange er nicht von sich aus sein Alkoholproblem ernsthaft angehen will, dürfte es immer wieder zum Streit kommen, wenn du ihn auf seinen Konsum ansprichst.

    Zwischen meinem Mann und mir kam es wegen meines Alkoholkonsums immer wieder zu Streit. Ich mochte es ganz und gar nicht, wenn er mich auf dieses Thema ansprach. Ich glaubte ernsthaft, er hätte keine Ahnung und ich hätte das selbst schon im Griff. Mein Leben, meine Verantwortung!

    Ich dachte so etwas wie: „Mit welchem Recht kann der sich erlauben, mir meinen Konsum vorzuhalten? Das ist doch wohl MEINE Angelegenheit!“ Ich glaubte auch, dass er mich, weil er wusste, dass mein Vater Alkoholiker war, in einen Topf mit meinem Vater warf.

    Mein Mann jedenfalls hätte mich nicht vom Trinken abgebracht. Ich hätte mich vielleicht sogar von ihm getrennt, weil ich das Gefühl hatte, dass er mir etwas, was ich selbst als schön und noch völlig im Rahmen empfand, wegnehmen wollte, weil er über mich bestimmen wollte.


    Du schreibst, dass er wegen seiner Alkoholkrankheit sogar schon in einer Klinik war. - War ich selbst übrigens nicht, so weit war ich noch nicht. - Von außen betrachtet würde man vermuten, dass er doch jetzt Bescheid wissen müsste und einen anderen Weg beschreitet.

    Ja, so denkt man von außen, aber innen drin sieht’s, wenn man süchtig ist, ganz anders aus. Für einen Außenstehenden nicht oder kaum nachvollziehbar. Man ist überzeugt, dass der Suchtstoff einem etwas gibt, etwas, auf das man nicht verzichten kann und nicht wirklich verzichten will.

    Nach dem, was du über deinen Freund erzählst, verliert er - mal wieder (Stichwort Klinikaufenthalt) - die Kontrolle. Solange er selbst nicht die Reißleine zieht, kannst DU für ihn gar nichts tun. Auf den Konsum ansprechen führt zu Streit.

    Mancher Angehörige verfällt dabei in ein Kontrollproblem (zählt die Flaschen, sucht die Verstecke usw.) oder sogar in eine richtige Co-Abhängigkeit. Co-Abhängigkeit ist wiederum ein ernsthaftes Problem für den Angehörigen. Wie das Wort schon aussagt, steckt da ebenfalls eine Abhängigkeit drin, die für die Psyche des Angehörigen äußerst ungesund und schädlich ist.

    Deshalb mein Hinweis:

    Die Frage ist vielmehr, was du für dich tun kannst.

    Viele Grüße

    AmSee

    Hallo zurück,

    ah, ok, gut, dass ich nachgefragt habe. Das, was du als „Verständnis“ beschreibst, kenne ich von der Sucht meines Vaters. Ich hab seine Alkoholkrankheit von klein auf miterlebt. Er hatte immer wieder trockene Phasen nach Krankenhaus- und Klinikaufenthalt, aber regelmäßig Rückfälle. Er starb, als ich 15 war.

    Was dein Vater dir erzählt hat, ist aber nicht die ganze „Wahrheit“.

    Richtig ist, dass Kontrollverlust zur Alkoholkrankheit gehört. So mancher, der bereits abhängig ist, versucht sich dann noch mit dem sogenannten „Kontrollierten Trinken“, aber es gibt nur äußerst wenige Abhängige, die das tatsächlich erfolgreich schaffen. Die das tun, trinken dann aber auch sehr, sehr wenig und auch nicht so oft.

    Der andere Teil der Wahrheit ist, ob man sich selbst tatsächlich eingestehen kann, ein ernsthaftes Problem zu haben, und das auch ernsthaft angehen WILL.

    Dieses „Ich möchte ja, aber es ist so schwer und ich kann meine Grenze nicht finden.“ ist nämlich kein Freibrief. Und du als Angehörige musst das auch nicht einfach aushalten und hinnehmen, denn DEINE Bedürfnisse zählen auch, insbesondere für dich.


    Bei mir war das im Prinzip so ähnlich, wie du das von deinem Freund beschreibst, wobei ich mir selbst zu dem Zeitpunkt noch nicht eingestanden habe, ein ernsthaftes Problem zu haben und daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen wollte.

    Ich dachte lange, ich hätte es im Griff. Ich konnte ja Trinkpausen einlegen, von Tagen und Wochen. Grundsätzlich hätte ich willentlich noch die Menge bestimmen können, aber der Wille schwand schließlich zunehmend mit dem ersten Glas, weil mir die Beschränkung dann unsinnig und nervig vorkam. Dass ich‘s nicht mehr wirklich kontrollieren konnte bzw. dass das kontrollieren Wollen für mich ein Kraftakt war, der mir zu viel abverlangte, brachte mich dazu, mich meinem Problem zu stellen und mich hier anzumelden.

    Damit begann für mich mein Weg in die Freiheit.


    Worauf ich hinaus will: Wer trinken will, den wird nichts davon abhalten. Wenn dein Freund keine Krankheitseinsicht hat und daraufhin von sich aus etwas ändern WILL, kannst DU gar nichts für ihn tun.


    Die Frage ist vielmehr, was du für dich tun kannst.

    Liebe Grüße

    AmSee

    Hallo und herzlich Willkommen, Samsa. 🙋‍♀️

    Gut, dass du zu uns gefunden hast, um dich mit uns auszutauschen.
    Ich selbst 51, w, bin sowohl Selbstbetroffene als auch Angehörige (d.h. erwachsene Tochter eines Alkoholikers, kurz EKA).

    Du schreibst, dass du vollstes Verständnis hast. Das lässt mich aufhorchen. Was meinst du genau damit? Magst du das ein bisschen näher ausführen?

    Und ich habe noch eine Frage: Du schreibst, dass dein Freund alkoholkrank ist. Ist ihm das selbst schon so bewusst oder ist das eine Vermutung?

    Viele Grüße

    AmSee

    Zitat von Honk

    Und ich frage mich wirklich ernsthaft, weil ich das schon oft mitbekommen habe, warum ist das Nichttrinken nicht normal? Warum scheint es so zu sein, das abstinente Menschen anscheinend oft in einer "Scham"-Ecke sitzen und sich (gezwungen fühlen?) rechtfertigen, KEINEN Alkohol (mehr) zu trinken und ganz viel Wert darauf legen was das Umfeld denkt. Und vor allem auch noch das Umfeld, was oftmals selber konsumiert und ggf. sogar problematisch konsumiert.

    Nun, warum das Trinken als „normal“ angesehen wird, liegt mehr oder minder auf der Hand. Es wird in unserer Gesellschaft schon seit Ewigkeiten vorgelebt und daran scheint sich - zumindest zur Zeit - noch nichts zu ändern.


    Von meiner eigenen kleinen Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder) hätte ich eigentlich lernen können, dass Nicht-Trinken „normal“ ist und das Beispiel meines Vaters regelmäßig überdeutlich machte, dass Trinken „unnormal“ ist. Hab ich in dem Maße aber nicht, denn ich empfand unsere Familie schon sehr, sehr früh (schon mit 3 oder vier? 🤷‍♀️) als „unnormal“.
    Es gab ja auch genug Grund dafür, denn wir waren irgendwie „anders“.

    Spätestens als ich mit 8 Jahren mein geliebtes Zuhause verlor und sich daran nicht gerade wenige Umzüge in andere Orte und andere Grundschulen anschlossen, war ja auch nicht zu übersehen, dass wir nicht „normal“ waren. Und ich selbst kam in keiner Schulklasse mehr so richtig an, war stets Außenseiter.

    „Normal“, das waren die anderen, die, die nicht ständig umzogen, deren Vater (oder Mutter) nicht Alkoholiker war. Ich hab sehr darunter gelitten nicht „normal“ zu sein.

    Von den „Normalen“ in meiner Verwandtschaft wurde Alkohol durchaus „normal“ konsumiert. Da hat sich in Gegenwart meiner Eltern nie jemand derentwegen aus Respekt vor ihrem durchaus bekannten Problem zurückgehalten, sondern es gab Bier oder Wein zum Essen und zum Anstoßen einen Sekt.

    Als ich mit 15 von zuhause wegging, landete ich erstmal in einer „normalen“ Familie. Da wurde ganz „normal“ Alkohol konsumiert und ich, inzwischen alt genug, durfte auch mal ein Glas Sekt oder beim Schützenfest ein Glas Bier trinken.

    Als ich mit 17 in einer Jugendwohngemeinschaft landete, tranken wir Jugendlichen, mit denen ich zusammenlebte, Alkohol, wann immer wir ausgingen. Das war ganz „normal“ und es war auch „normal“, wenn wir’s übertrieben.

    Und so ging mein Leben dann weiter, dass Alkohol zum Feiern dazugehörte und auch zum Feierabend. Alles ganz „normal“.

    Unter meinen Kommilitonen im Studium war damals einer, der keinen Alkohol trank. Haben wir akzeptiert, aber „normal“ war das für uns nicht.

    In der Familie meines Mannes und der Gegend, in der sie leben, war und ist es völlig „normal“, zu jeder möglichen Feiergelegenheit n Kurzen zu trinken. Da fällst du sogar richtig auf, wenn du nicht mittrinkst, denn das ist nicht „normal“.

    Ich habe im Laufe meines Lebens durchaus einige wenige Menschen kennengelernt, die einfach so keinen Alkohol tranken, weil der ihnen schlicht und ergreifend nichts gab, aber ich selbst war so ein Mensch nicht. Mir gab der Alkohol tatsächlich etwas. Er enthemmte mich, machte so vieles leichter und ich war endlich auch mal „normal“ und eben nicht Außenseiter.

    Außenseiter zu sein ist, wenn du’s unfreiwillig bist, nicht besonders angenehm. Ich selbst hab mir ständig Gedanken darum gemacht, was mein Umfeld über mich denkt und mich anzupassen versucht, um eben nicht aufzufallen und um eben nicht wieder einmal ausgegrenzt zu werden.

    Was hab ich mich geschämt, Tochter eines Alkoholikers zu sein. Und dann hab ich mich selbst, die ich doch immer die Kontrolle hatte, um mich sicher zu fühlen, in den Alkoholismus hineingeritten? Noch viel mehr Scham. „Klar doch, aus der Familie eines „Versagers“, kann ja nur ein „Versager“ kommen.“, rief es meinen Kopf.

    Wie verquer dieses Denken ist, wie „normal“ Alkoholkonsum tatsächlich ist, habe ich erst erkennen und begreifen können, als ich durch meine „Trockenarbeit/ Selbstfürsorge“ ein völlig neues, endlich gesundes Selbstbewusstsein erlangte.


    Heute denke ich selbst, dass Nicht-Trinken eigentlich „normal“ ist und das andere „nicht normal“.
    Doch ich hege deswegen keinerlei Missionierungsgedanken, ich bin kein „Don Quichotte“. :)

    Ich beziehe mich bei meinen Gedanken dazu zunächst mal auf die Ausgangsfrage des Threads „Warum ist es so schwer zu seiner Abstinenz zu stehen?“.

    Heute, inzwischen drei Jahre abstinent, fällt es mir überhaupt nicht mehr schwer. Ganz im Gegenteil stehe ich sogar selbstbewusst dazu, ich will es gar nicht anders. Nichts, absolut gar nichts reizt mich mehr daran, Alkohol konsumieren zu wollen.

    Ich hänge dabei nicht an die große Glocke, dass ich Alkoholikerin bin. Mit dem Begriff „Alkoholiker“ habe ich selbst keine Schwierigkeiten mehr, aber ich halte es nicht für nötig, ihn anderen gegenüber zu verwenden. Geht meines Erachtens nicht jeden was an, warum ich nicht trinke, und zu meinem Schutz brauche ich diesen Begriff nicht (mehr). Ich trinke keinen Alkohol und nix weiter.

    In gewisser Weise lebe ich sogar vor, dass und wie man ohne Alkohol sehr zufrieden leben und sogar ggf. richtig ausgelassen feiern kann. Ich bin schon ein paar Mal bewundernd drauf angesprochen worden, weil die das so gar nicht kennen. - Vielleicht inspiriere ich damit sogar andere? 🤷‍♀️ Wer weiß? Wenn‘s inspirieren sollte, würd’ mich das echt freuen.

    Es juckt mich nicht (mehr), wenn andere Alkohol konsumieren. Wenn die meinen, dass sie Alkohol trinken wollen, dann berührt mich das nicht. Ich nehm’s zur Kenntnis, mitunter denke ich mir auch so meinen Teil, mitunter amüsiert es mich sogar.


    Das war vor drei Jahren noch anders. Als ich hier aufschlug, kämpfte ich noch damit, dass ich trinken wollte, mir Lebensfreude vom Alkohol versprach, aber schon ahnte, dass ich ein ernsthaftes Problem entwickelt hatte. Da fürchtete ich mich davor, dauerhaft auf Alkohol verzichten zu müssen und ein Leben in Entbehrung führen zu müssen, nur weil ich die Kontrolle verloren hatte. Ich hoffte sogar noch, die Kontrolle irgendwann wiedererlangen zu können.

    In meinem ersten Beitrag schrieb ich damals:

    Zitat von AmSee

    Ich trinke gerne einen Wein oder Sekt beim Kochen, dann macht die Kunst einfach mehr Freude. - Ich koche gerne und betrachte richtiges Kochen als Kunst. - Ich trinke am Nachmittag, wenn ich im Garten arbeite und Pause mache, gerne mal ein Sektchen oder Bierchen. Ich trinke am Abend vor dem Fernseher oder beim Lesen ein Weinchen. Ich trinke gerne einen guten Wein zu einem guten Essen. Im Sommer trinke ich auf der Terrasse gerne einen „Sundowner“. Ich trinke nicht jeden Wein oder jedes Bier, bei harten Sachen bin ich ganz vorsichtig.

    Wenn ich das heute lese… 🙈😅

    Susanne antwortete mir damals darauf:

    Zitat von Susanne

    dazu kann ich nur sagen, gut kochen kann man auch, ohne dabei zu trinken. Das ist rein Deine Entscheidung, dass Du das eben so willst. Hat mit "geht nicht anders" absolut nichts zu tun.
    Ich hab da in meiner nüchternen Zeit schon ganze Veranstaltungen gemacht, und ich weiss natürlich wie viele Leute dabei gerne trinken.

    Ich muss Dir aber leider sagen, wer gerne trinken will, darf das von mir aus gerne tun. […] So wie Du das trinken hier anpreist, werde ich sicher keine Anstrengungen unternehmen, Dich vom Gegenteil zu überzeugen.


    Sie hatte mit ihrer Antwort, das wusste ich eigentlich damals schon und heute weiß ich das noch viel besser, völlig Recht.

    Mein Problem damals war nur:

    Zitat von AmSee

    So ist es, wie ich das Trinken empfinde und das macht es mir ja gerade so schwer, es sein zu lassen, obwohl ich um die Gefahr weiß, obwohl ich vielleicht wirklich schon ein Problem damit habe. Dass Alkohol gefährlich ist, weiß ich ja nur zu gut.


    Ich hab mich geschämt, weil ich die Kontrolle verloren hatte, und die Konsequenzen machten mir Angst.

    In der Situation damals war das schwer für mich, zu einer (Weihnachts-) Feier zu gehen, auf der alle anderen selbstverständlich Alkohol konsumierten. Führte mir das nicht einmal mehr mein eigenes Versagen vor Augen?

    Damals war ich gerade erst dabei, mir selbst mein Problem einzugestehen und mich mit den Konsequenzen zu arrangieren. Von dem Selbstbewusstsein, das ich heute habe, war ich da noch meilenweit entfernt.

    In einem solchen Zusammenhang wie dem meinen vor drei Jahren, kann ich die Unsicherheit, die hinter der Nachfrage, wie man sich verhalten solle, wenn man zu einer Weihnachtsfeier eingeladen werde, (noch) recht gut nachvollziehen. Auch die Ratschläge, die in die Richtung gehen, sich entweder eine Ausrede einfallen zu lassen oder ggf. die Veranstaltung zu meiden, finde ich gar nicht mal so verkehrt, denn die Vermeidungsstrategie kann für den, der am Anfang steht, durchaus hilfreich sein. Insbesondere noch, wenn die Kraft und Überzeugung für Konfrontation noch nicht oder in nicht genügendem Maße vorhanden ist.

    Abgesehen von der Scham spielt dann ja auch noch eine Rolle, dass so eine Veranstaltung in vielfältiger Weise triggern kann (nicht muss, aber eben kann). Was alles zum Trigger werden kann, weiß man als „Frischling“ nicht unbedingt. Und Rückfälle werden, so die Erfahrungen vieler, nicht von jetzt auf gleich überwunden.

    Ich hab noch mehr Gedanken zu deinen anderen Ansätzen, aber ich schick das hier erstmal ab.

    November

    Solchen Monat muß man loben:
    Keiner kann wie dieser toben,
    keiner so verdrießlich sein
    und so ohne Sonnenschein!
    Keiner so in Wolken maulen,
    keiner so mit Sturmwind graulen!
    Und wie naß er alles macht!
    Ja, es ist ′ ne wahre Pracht.

    Seht das schöne Schlackerwetter!
    Und die armen welken Blätter,
    wie sie tanzen in dem Wind
    und so ganz verloren sind!
    Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
    und sie durcheinander wirbelt
    und sie hetzt ohn′ Unterlaß:
    Ja, das ist Novemberspaß!

    Und die Scheiben, wie sie rinnen!
    Und die Wolken, wie sie spinnen
    ihren feuchten Himmelstau
    ur und ewig, trüb und grau!
    Auf dem Dach die Regentropfen:
    Wie sie pochen, wie sie klopfen!
    Schimmernd hängt′ s an jedem Zweig,
    einer dicken Träne gleich.

    Oh, wie ist der Mann zu loben,
    der solch unvernüft′ ges Toben
    schon im voraus hat bedacht
    und die Häuser hohl gemacht;
    sodaß wir im Trocknen hausen
    und mit stillvergnügtem Grausen
    und in wohlgeborgner Ruh
    solchem Greuel schauen zu.

    Heinrich Seidel (1842 - 1906)

    Hallo Honk,

    mir ist nicht ganz klar, wo du mit deinem Beitrag in diesem Thread letztlich hin willst, weil da gleich mehrere Ansätze drin sind.

    Möchtest du „Frischlingen“ die Scham nehmen und ihnen gleichzeitig Mut zu sprechen, dass Nicht-Trinken eigentlich völlig normal ist und gar nicht erst begründet werden muss?

    Oder möchtest du die gesellschaftliche Akzeptanz und Selbstverständlichkeit von Alkohol abschaffen?

    Oder setzt du dich inhaltlich mit den abwertenden Kommentaren von Trinkenden dir gegenüber auseinander und argumentierst dagegen?

    Oder störst du dich an den Empfehlungen, die in die Richtung gehen, sich angesichts einer (Weihnachts-) Feier entweder eine Ausrede einfallen zu lassen oder ggf. die Veranstaltung zu meiden?


    LG AmSee

    Oh man, eine etwas jämmerliche Rede zum Sonntag 🙈

    Das sehe ich genauso wie Honk : Nix jämmerlich.

    Und wieder kommt mir das, was du teilst, so bekannt vor.

    Hier im Forum gibt’s solche, die erst mit dem Rauchen aufgehört haben und erst später mit dem Trinken, dann gibt es solche, die mit beidem gleichzeitig aufgehört haben, und dann noch solche, die erst mit dem Trinken und später mit dem Rauchen aufgehört haben.
    Kurz und gut, jeder ist da seinen eigenen Weg gegangen, wie es eben für ihn passte.

    Als ich hier aufschlug, lag mein letzter Rauchstopp schon eine Weile zurück, ich war sehr zufrieden darüber und profitierte beim Aufhören mit dem Trinken von den Erfahrungen meiner diversen Rauchstopps.

    Ich bin aber später im Laufe meiner Abstinenz „überraschend“ wieder ans Rauchen gekommen und musste mich dann davon immer mal wieder mühevoll befreien. Ich kann nicht wirklich erklären, warum in mir völlig klar ist, dass Alkohol in mir als „Lösung“ überhaupt nicht mehr infrage kommt, Rauchen unter Umständen aber schon.

    Das Thema Rauchen war auch immer mal wieder Thema in Gesprächen mit meinem Psychiater. Er riet empfahl mir deshalb, und meines Erachtens war das kein so übler Rat, es mit diesen Heets zu probieren. Er selbst raucht schon lange nicht mehr, aber er kannte das von Kollegen und einigen anderen. Ich selbst bin stets in Hochspannungsphasen zurück ans Rauchen gekommen und ich kenne dieses Gefühl von Mutlosigkeit und verlorenem Vertrauen in mich selbst nur allzu gut.

    Gesund ist Rauchen nicht, das steht völlig außer Frage, und es ist zweifellos besser und fühlt sich auch toll an, rauchfrei zu sein, aber diese Heets (und vergleichbare Produkte) sind wenigstens etwas weniger schädlich.

    Vielleicht ist das ja erstmal eine Option für dich? - Hinweis: Muss man sich erst dran gewöhnen, weil die sozusagen nicht so reinhauen (Stichwort heißer Verbrennungsqualm einer normalen Zigarette), aber das Nikotin, auf dessen Wirkung du vorerst nicht verzichten kannst, kriegst du trotzdem.

    Von denen kann man meiner eigenen Erfahrung nach später leichter wegkommen.

    Liebe Grüße

    Was das Tempo betrifft: ich mache immer so viel, wie es geht und solange es irgendwie geht. Als ich mit meiner Angst und Panik ans Haus gebunden war und an manchen Tagen gerade mal Zähneputzen ging, selbst da habe ich mich nicht gefragt, ob ich es vorher vielleicht jahrelang übertrieben habe.
    Sobald es wieder besser ging, habe ich einfach weiter gemacht.

    Auch das kommt mir sehr bekannt vor.
    Solange es IRGENDWIE geht. - Und meine Innere Kritikerin hat mich angetrieben und niedergemacht, wenn ich ihrer Ansicht nach „zu früh“ aufgeben wollte…


    Das hab ich mich auch nicht gefragt. Was hinter mir lag, war nicht interessant. Es zählt nur, was vor mir liegt. Also: Schaffen, schaffen, schaffen!

    AmSee13 ,
    als ich las, dass bei dir Ms diagnostiziert wurde, hat mich das betroffen gemacht!
    (Wenn ich betroffen bin, drücke ich mich manchmal ungeschickt aus, bitte sieh es mit nach, falls du das so empfindest - aber ich möchte auf keinen Fall darüber hinweglesen.)
    Es macht mich traurig, dass du damit sein musst, neben allem, was du sonst noch zu tragen hast. Und ich wünschte, das müsstest du nicht!
    Ich weiß nicht viel darüber, nur, dass es auch mildere Verläufe gibt und ich hoffe, das ist bei dir der Fall

    Danke dir für dein Mitgefühl. <3

    Es ist meines Erachtens völlig in Ordnung, wenn du Betroffenheit spürst, das kann dir auch niemand absprechen.

    Ich hab dir allerdings nicht davon erzählt, damit es dich traurig macht.
    Ich selbst bin ja auch nicht traurig. Es ist eben, wie es ist, und ich selbst betrachte meine Erkrankungen eben auch als Chance.

    Klar würde ich auf die MS und auf die Depression gerne verzichten, aber die Option gibt’s eben nicht, also orientiere ich mich neu und passe mich an diese Herausforderung an. Und echte Lebensfreude habe ich inzwischen tatsächlich mehr als jemals zuvor.
    Krankheit als Chance. *Zwinker*

    Mit meinen beiden Freunden, die ich in der Klinik kennengelernt habe, betonen wir immer wieder: Mitfühlen


    Mit-fühlen, nicht mit-leiden!

    Dazwischen besteht, wie wir gelernt haben, ein Riesenunterschied.



    Übrigens war auch ICH stets auf Leistung getrimmt. Hab mich auch erst als „wertvoll“ gefühlt, wenn ich etwas geleistet hatte. Seine Ursachen, dass das in mir so drin war (ist es jetzt nicht mehr in DEM Maße), hatte das in der Prägung durch meine Familie.

    An dieser Wertvorstellung ist ja grundsätzlich auch nichts auszusetzen, problematisch wird‘s, wenn man an der Erfüllung dieser Wertvorstellung zerbricht, sei es, dass man sich dauerhaft überfordert, sei es, dass man eben nicht mehr leisten kann.

    Meine Eltern sind letztlich an diesen Ansprüchen, die hinter dieser Wertvorstellung stehen, jeder auf seine Weise zerbrochen. Mich selbst hat‘s an den Abgrund gebracht….


    Heute kann ich innerlich bejahen, dass ich auch etwas wert bin, wenn ich nicht leiste. Es genügt einfach, dass ich da bin, dass ich existiere.

    Dir wünsche ich von Herzen, dass du das auch irgendwann innerlich vor dir bejahen kannst.

    Liebe Grüße

    AmSee

    Hallo, liebe Mia.

    Staunend las ich, dass dir dein natürliches Tempo, bedürfnisorientiert, seit damals in der Klinik, bewusst(er?) geworden ist.

    Darauf kann ich eigentlich nur antworten: Mir blieb gar nichts anderes übrig.

    Ich war ja im Herbst 2015 durch den erneuten Ausbruch meiner Depressionen völlig ausgebremst worden. Zu dem Zeitpunkt ließ meine Psyche gar nicht mehr viel zu, meine Grenzen waren sowas von eng gesetzt.

    Der Aufenthalt in der Klinik hat mich stabilisiert und ich hab mich ja auch wieder erholt. Dort lernte ich, dass und wie sich meine engen Grenzen wieder erweitern, wenn ich tatsächlich auf meine eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten achte und mich möglichst nicht überfordere.

    Ab da hab ich durchaus versucht, MEIN Tempo einzuhalten. - Ist mir nicht immer gelungen…. Ein ganzes Leben in überhöhtem Tempo mit ständiger Überschreitung der eigenen Grenzen legt sich nicht so schnell und so leicht ab und mein Beruf und insbesondere mein Arbeitsplatz war ziemlich fordernd und auch überfordernd.


    Als dann vor 5 Jahren offensichtlich MS bei mir aufbrach und mich der nächste Schub noch mehr ausbremste als die Depression in 2015 blieb mir keine andere Wahl mehr, es sei denn, ich hätte in meinem Jammertal bleiben wollen. - Wollte ich aber definitiv nicht! *Zwinker*


    Positiv könnte ich aber auch bemerken: Meinem Körper und meiner Psyche hat es endgültig gereicht, dass ich nicht auf sie hören wollte, und sie haben mich sozusagen mit einem nicht mehr übersehbaren Dämpfer dazu „gezwungen“, endlich richtig auf sie zu hören.
    Und ICH hab‘s dann endlich wirklich begriffen und angefangen, endlich richtig hinzuhören, hin zu spüren und mein eigentliches Tempo zu finden.
    Inzwischen vertrauen die beiden mir wieder und haben mir wieder deutlich mehr Freiraum gegeben. :)


    Ich bin da ja auch nicht den „direkten“ Weg gegangen. Meine „Medizin“ habe ich nach Ausbruch der MS irgendwann ja auch im Alkohol gesucht und gefunden….. Bis mir dann klar wurde, dass ich auf die falsche „Medizin“ gesetzt hatte…. Und DAS war erst (oder schon? 🤔😅) vor drei Jahren.

    … Ich traue mich kaum zu sagen, dass die gewaltfreie Kommunikation (nach M. Rosenberg) seit Jahrzehnten im Fokus meiner Arbeit steht, und damit die bedürfnisorientierung.

    Das fällt mir leicht. Nur weniger, was meine eigenen Bedürfnisse betrifft 🙈

    Du kannst mir glauben, dass ICH das ziemlich gut nachvollziehen kann.

    Sich erfolgreich aus Mustern zu lösen, die schon von klein auf in einem angelegt worden, ist wahrlich nicht so leicht.

    Die gute Nachricht ist aber: ES IST MÖGLICH! :)

    Liebe Grüße und auch von mir die besten Wünsche für deinen Termin heute (Uups, sehe gerade, dass der Termin sogar schon hinter dir liegt. Freue mich für dich, dass es gut gelaufen ist.)

    AmSee

    Liebe Mia.

    Ich habe so viele Ansätze, um die ich mich kümmern will, dass mir ganz schwindlig ist. Also denke ich wieder an den Straßenkehrer…

    Das dürfte für dich genau das Richtige sein, dich immer wieder an Beppo Straßenkehrer zu orientieren. Ich mache das übrigens nicht anders.

    Ich hab mich aus gegebenem Anlass mal wieder in das Buch von Christine Seidel, das ich dir empfohlen hatte und das du dir inzwischen schon bestellt hast, eingelesen.
    Im Zusammenhang mit Retraumatisierung spricht sie immer wieder das Problem von „zu schnell und zu viel“ an.
    Ich persönlich denke, dass das nicht nur im Zusammenhang von Retraumatisierung eine Rolle spielt, sondern auch ganz allgemein im Leben. Bei Trauma und bei Retraumatisierung spielt das eben nur eine noch viel größere Rolle.

    So kann ich dir nur dringend raten, dich nicht zu überfordern, nicht zu schnell zu sein und zu viel zu machen, weil genau das auch ziemlich nach hinten gehen kann, wie ich selbst mehrfach aus leidvoller Erfahrung lernen musste.

    In der Klinik sagten sie mir damals immer, ich solle nach MEINEM Tempo vorgehen.
    Wirklich begriffen hab ich damals nicht, was die damit meinten.
    Mein Tempo? - Nun, ich hatte stets ein schnelles, recht rabiates Tempo, dann ist das wohl meins. 🙈😅

    Was für ein Irrtum!
    Nee, MEIN Tempo wird tatsächlich von meinen jeweiligen Möglichkeiten und Bedürfnissen bestimmt und dieses Tempo ist mitunter läääääääääähmend langsam. 😅

    Mitunter echt frustrierend, aber rückblickend ist es in der Regel genau das Tempo, das das richtige, das heilsame war und am Ende so richtig mit Wohlbefinden belohnt wurde.

    Kurz und gut: Nimm dir lieber kleine Schritte vor. Weniger ist manchmal mehr. 👍💪


    Zur Achtsamkeitsarbeit: Ich hab damals in der Klinik überhaupt erst begriffen, was das eigentlich ist. Es ist in der Tat eine sehr große Ressource.
    Doch auch hier gilt: Nicht zu viel auf einmal.


    Reflektiert, wie ich dich hier wahrnehme, wirst du spüren, was bereits möglich ist und was noch etwas warten darf.

    Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Tag.
    Liebe Grüße

    AmSee