Zitat von Honk
Und ich frage mich wirklich ernsthaft, weil ich das schon oft mitbekommen habe, warum ist das Nichttrinken nicht normal? Warum scheint es so zu sein, das abstinente Menschen anscheinend oft in einer "Scham"-Ecke sitzen und sich (gezwungen fühlen?) rechtfertigen, KEINEN Alkohol (mehr) zu trinken und ganz viel Wert darauf legen was das Umfeld denkt. Und vor allem auch noch das Umfeld, was oftmals selber konsumiert und ggf. sogar problematisch konsumiert.
Nun, warum das Trinken als „normal“ angesehen wird, liegt mehr oder minder auf der Hand. Es wird in unserer Gesellschaft schon seit Ewigkeiten vorgelebt und daran scheint sich - zumindest zur Zeit - noch nichts zu ändern.
Von meiner eigenen kleinen Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder) hätte ich eigentlich lernen können, dass Nicht-Trinken „normal“ ist und das Beispiel meines Vaters regelmäßig überdeutlich machte, dass Trinken „unnormal“ ist. Hab ich in dem Maße aber nicht, denn ich empfand unsere Familie schon sehr, sehr früh (schon mit 3 oder vier? 🤷♀️) als „unnormal“.
Es gab ja auch genug Grund dafür, denn wir waren irgendwie „anders“.
Spätestens als ich mit 8 Jahren mein geliebtes Zuhause verlor und sich daran nicht gerade wenige Umzüge in andere Orte und andere Grundschulen anschlossen, war ja auch nicht zu übersehen, dass wir nicht „normal“ waren. Und ich selbst kam in keiner Schulklasse mehr so richtig an, war stets Außenseiter.
„Normal“, das waren die anderen, die, die nicht ständig umzogen, deren Vater (oder Mutter) nicht Alkoholiker war. Ich hab sehr darunter gelitten nicht „normal“ zu sein.
Von den „Normalen“ in meiner Verwandtschaft wurde Alkohol durchaus „normal“ konsumiert. Da hat sich in Gegenwart meiner Eltern nie jemand derentwegen aus Respekt vor ihrem durchaus bekannten Problem zurückgehalten, sondern es gab Bier oder Wein zum Essen und zum Anstoßen einen Sekt.
Als ich mit 15 von zuhause wegging, landete ich erstmal in einer „normalen“ Familie. Da wurde ganz „normal“ Alkohol konsumiert und ich, inzwischen alt genug, durfte auch mal ein Glas Sekt oder beim Schützenfest ein Glas Bier trinken.
Als ich mit 17 in einer Jugendwohngemeinschaft landete, tranken wir Jugendlichen, mit denen ich zusammenlebte, Alkohol, wann immer wir ausgingen. Das war ganz „normal“ und es war auch „normal“, wenn wir’s übertrieben.
Und so ging mein Leben dann weiter, dass Alkohol zum Feiern dazugehörte und auch zum Feierabend. Alles ganz „normal“.
Unter meinen Kommilitonen im Studium war damals einer, der keinen Alkohol trank. Haben wir akzeptiert, aber „normal“ war das für uns nicht.
In der Familie meines Mannes und der Gegend, in der sie leben, war und ist es völlig „normal“, zu jeder möglichen Feiergelegenheit n Kurzen zu trinken. Da fällst du sogar richtig auf, wenn du nicht mittrinkst, denn das ist nicht „normal“.
Ich habe im Laufe meines Lebens durchaus einige wenige Menschen kennengelernt, die einfach so keinen Alkohol tranken, weil der ihnen schlicht und ergreifend nichts gab, aber ich selbst war so ein Mensch nicht. Mir gab der Alkohol tatsächlich etwas. Er enthemmte mich, machte so vieles leichter und ich war endlich auch mal „normal“ und eben nicht Außenseiter.
Außenseiter zu sein ist, wenn du’s unfreiwillig bist, nicht besonders angenehm. Ich selbst hab mir ständig Gedanken darum gemacht, was mein Umfeld über mich denkt und mich anzupassen versucht, um eben nicht aufzufallen und um eben nicht wieder einmal ausgegrenzt zu werden.
Was hab ich mich geschämt, Tochter eines Alkoholikers zu sein. Und dann hab ich mich selbst, die ich doch immer die Kontrolle hatte, um mich sicher zu fühlen, in den Alkoholismus hineingeritten? Noch viel mehr Scham. „Klar doch, aus der Familie eines „Versagers“, kann ja nur ein „Versager“ kommen.“, rief es meinen Kopf.
Wie verquer dieses Denken ist, wie „normal“ Alkoholkonsum tatsächlich ist, habe ich erst erkennen und begreifen können, als ich durch meine „Trockenarbeit/ Selbstfürsorge“ ein völlig neues, endlich gesundes Selbstbewusstsein erlangte.
Heute denke ich selbst, dass Nicht-Trinken eigentlich „normal“ ist und das andere „nicht normal“.
Doch ich hege deswegen keinerlei Missionierungsgedanken, ich bin kein „Don Quichotte“. 