Da bin ich wieder. 🙋♀️
Ich nehme dir das voll ab, dass du die Tage vorher gar nicht an Alkohol gedacht hast, dass du’s nicht hast kommen sehen.
Tatsächlich aber steckst du, wie du das selbst beschreibst, schon eine Weile in einer ziemlich unausgewogenen Lebenssituation. Das sind Situationen, die für keinen, egal ob suchtkrank oder nicht, leicht zu ertragen sind. Wir alle streben nach einem ausgewogenen Leben, das liegt in unserer Natur.
Kommt dann noch eine sogenannte Risikosituation hinzu, kann‘s zu einem Rückfall kommen. Bei dir kam da gestern offenbar so einiges zusammen.
In Situationen, die uns besonders fordern, wenden wir Bewältigungsstrategien an, die wir im Laufe unseres Lebens erworben haben.
Nicht immer sind das tatsächlich die besten Bewältigungsstrategien. 🤷♀️
Du bzw. dein Gehirn, dein Belohnungszentrum, dein Suchtgedächtnis kennt die Wirkung von Alkohol und du hast Alkohol als „Bewältigungsstrategie“ angewandt.
Da deine andere Strategien gestern nicht überzeugend, nicht tragfähig genug waren, war es naheliegend, dass sich dir dieser Weg aufgedrängt hat. Dass der zunächst wie gewünscht funktioniert, wissen alle, die diesen Weg einmal beschritten haben.
Wenn so ein Gedanke wie „Das trinke ich jetzt“ einmal da ist, dann hat der so eine Sogkraft, wie du das beschreibst.
Ich hab das auch schon so erlebt, bin damit aber im Zusammenhang mit Nikotinmissbrauch noch vertrauter.
Tatsächlich war auch mir dann alles vorher Erarbeite so ziemlich egal, bzw. war ich vollkommen bereit, das alles über Bord zu werfen. Du beschreibst das mit dem Bild eines Vertrages ziemlich genau. Mir persönlich war in solchen Situationen sprichwörtlich die Jacke näher als die Hose,
Das hat dann mit Vernunft gar nichts mehr zu tun. Im Grunde läuft da in unserem Gehirn ein ganz anderes Programm ab, gesteuert von den Botenstoffen, die das Belohnungszentrum ausschüttet. Die Aussicht auf Belohnung reicht schon aus, um diese Botenstoffe auszuschütten.
Sich dem DANN noch zu entziehen, ist kaum mehr möglich, insbesondere nicht, weil man aufgrund seiner unausgewogenen Lebenssituation eh angeschlagen ist.
Wenn du das Suchtmittel dann konsumiert hast, ist, so auch meine eigene Erfahrung, kein Halten mehr.
Danach tritt der sogenannte Rückfallschock ein und mit ihm all diese negative Glaubenssätze.
Was für schöne Titel man dem Alkohol so geben kann: „Freund“, „Helfer in der Not“, „Seelentröster“, „Pflaster“ usw.
Ich greife von diesen „schönen“ Titeln für Alkohol mal das Bild des „Pflasters“ auf, weil sich damit gut etwas veranschaulichen lässt.
Pflaster sollen eigentlich dazu da sein, dass eine Wunde heilt.
Wie ist das aber mit der Wunde unter dem „Alkohol-Pflaster“, heilt die?
Bis hierin erstmal.
Liebe Grüße
AmSee