Guten Morgen, CeBe,
gut, dass du dich deswegen meldest und deine Nöte hier teilst und das nicht mit dir allein auszumachen versuchst.
Also: Solche Gedanken, wie „Vielleicht bin ich noch nicht so richtig abhängig“, hatte ich auch.
Hier ein paar Erklärungen für solche Gedanken:
Da spielt wohl Verschiedenes eine Rolle, DASS solche Gedanken hochkommen.
Es hat wohl mit Verlustgedanken zu tun, auf etwas, von dem man lange Zeit glaubte, dass es schön sei, verzichten zu müssen.
Es hat wohl mit unserem Belohnungssystem zu tun, auf das Alkohol einwirkt, indem er für eine Ausschüttung bestimmter Botenstoffe gesorgt hat. Das Belohnungssystem speichert jedoch nicht die negativen Auswirkungen, dafür ist es nicht gemacht.
Es hat wohl mit diversen Situationen zu tun, in denen wir es gewohnt waren, Alkohol zu konsumieren. Die können triggern.
Das, was wir denken und fühlen, wird von so Vielem, was in unserem Inneren passiert und was von Außen an uns herantritt, gesteuert.
Nicht selten ist unser sogenanntes Belohnungssystem, das unserer Selbsterhaltung dient, an solchen Gedanken und Empfindungen beteiligt.
Wer Alkohol um seiner Wirkung Willen missbraucht hat, dessen Belohnungssystem wurde gekapert. Da reicht schon die Aussicht auf Belohnung oder Erleichterung aus, um bestimmte Botenstoffe auszuschütten. Es kommt zu dem Verlangen oder auch Drang Alkohol dann auch tatsächlich zu konsumieren.
Wenn die Stimmung bei dir derzeit mies oder sogar richtig mies ist, ist das nicht verwunderlich, dass dein Belohnungssystem tätig wird und dir mit Alkohol etwas anbietet, was es als „bewährt“ kennt.
Mancher vergleicht solche Gedanken, wie du sie gerade hast, mit den Einflüsterungen eines sogenannten Suchtteufelchens. Es kann hilfreich sein, dieses Phänomen zu personifizieren, um sich zu distanzieren.
Ich selbst habe mich angesichts solcher Gedanken schließlich gefragt, ob das wirklich eine Rolle spielt, ob ich tatsächlich richtig abhängig war oder nicht.
Ich bin für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass das keine Rolle spielt. Denn egal, ob nun tatsächlich richtig abhängig oder noch nicht, wusste ich nur allzu gut bzw. machte mir immer wieder bewusst, was passiert, wenn ich Alkohol konsumiere. Das war zuletzt immer wieder gleich abgelaufen.
Dazu passt gerade ganz gut der Ausspruch von Albert Einstein: „Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
Und DAS, was mir zuletzt immer wieder passiert war, das wollte ich nicht mehr, davon wollte ich frei sein.
Als Warnung dienten mir zusätzlich auch die Rückfallerfahrungen anderer hier sowie meine eigenen Erfahrungen bei meinen diversen Rauchstopps.
Wozu ich dir raten kann, ist, dir bewusst zu machen, was du jetzt gerade wirklich bräuchtest im Sinne der Selbstfürsorge. Du spürst die Trauer um deinen Mann. Die ist vollkommen berechtigt, auch wenn sie eine enorme Herausforderung für dich ist. Trauern ist, das weiß ich selbst nur allzu gut, harte Arbeit. Du musst sie allerdings nicht allein bewältigen, sondern darfst dir Unterstützung holen. Das kann hier sein, z.B. im geschützten Bereich oder auch über PN, oder in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde bei dir vor Ort.
Dass ich mich in jedem zweiten Wort verschreibe, ist auch so etwas. Ich bin nur am Korrigieren, deshalb höre ich lieber mal auf.
Auch das ist etwas, was passieren kann, wenn man unter sehr hohem emotionalen Druck steht. Dein gesamtes System ist gefordert, da werden an manchen Stellen einfach Ressourcen abgezogen. Mir selbst ist so etwas auch schon passiert. Diese Erklärung hat mir dabei geholfen, das einzuordnen.
Liebe Grüße
AmSee