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  • Hi ihr Lieben,

    ich hab mich heute hier angemeldet weil ich mich gerne mit euch austauschen möchte...

    Zu meinem Problem:

    Ich bin 30 und trinke seit dem 14. Lebensjahr Alkohol. Früher sehr exzessiv und fast jedes Wochenende, jetzt ca alle sechs Wochen aber dann immer bis zum Vollrausch. Ich hab kein Problem damit auch mal 30 Tage ohne Alkohol aber immer nach 4-6 Wochen kommt dieses Teufelchen auf meine Schulter und sagt ich soll doch mal wieder trinken, als “Belohnung” und zum Kopf ausschalten. Mein Suchtverhalten läuft in etwa so ab: 2-3 Wochen gar kein Schluck, dann evt mal 2 Bier, dann einen Abend mehr Drinks bis ich gut angetrunken bin schaffe aber dort den Absprung und dann folgt 1,2 Wochen später der Totalausfall. Und die Tage danach plagen mich die schlimmsten Depressionen, Vorwürfe, Angst wirklich schon als alkoholkrank zu zählen und Enttäuschung. Plus natürlich ein Kater bis zu 3 Tage. Nebenbei erwähnen möchte ich noch, dass ich allgemein Richtung Depression neige und unter einer Angststörung leide, wo ich schon mehrfach in Therapie war und auch bald wieder eine anfangen möchte.

    Meine Frage: mein Ziel ist es jetzt 90 Tage ohne und würde mich gerne melden, wenn dieses Verlangen wieder kommt ... ich möchte es einfach schaffen! Am allerbesten wäre es, wenn ich den vollsuff komplett sein lasse und nur noch moderat trinke. Zähle ich denn schon als alkoholkrank? Und wie kann ich standhaft bei dem Verlangen bleiben wenn das Teufelchen wieder spricht: du hast es dir verdient, gönn dir, man lebt nur 1x und du lebst ja sonst so gesund ...

    Ich freue mich mega auf Antworten und danke euch schonmal im Voraus (:

  • Hallo Berlinchen,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit heimlich. Ich konnte meine Sucht sowohl meiner Frau und Familie gegenüber als auch gegenüber meinem Arbeitgeber und meinen Freunden verheimlichen. Im Gegensatz zu Dir trank ich täglich, am Ende dann erhebliche Mengen. I. d. R. pro Tag mindestens 8 - 10 Bier, meist dann sogar noch mehr.

    Jetzt mal meine Gedanken zu Deinen Zeilen.

    Als ich Deinen Eintrag gelesen habe, da dachte ich zuallererst: Sie gehört in die Kategorie des Gamma-Typs. Sprich, längere abstinente Phasen sind kein Problem, jedoch kommt es in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zu Abstürzen. Wenn getrunken wird, dann ist Kontrolle nicht oder kaum möglich und es wird gefühlt alles nachgeholt, was in den Wochen vorher versäumt wurde. Früher oder im Volksmund sprach oder spricht man da auch vom Quartalssäufer.

    Nun möchte ich damit nicht sagen, dass Du bereits eine Alkoholikern bist. Dein Trinkverhalten ähnelt jedoch dem eines Gamma-Typen. Ich denke, Du hast auf jeden Fall ein sehr großes Alkoholproblem, unabhängig davon, ob Du die Grenze zur Sucht bereits überschritten hast oder nicht. Es gibt Merkmale, die für eine Sucht sprechen, z. B. der Kontrollverlust, den Du immer dann hast, wenn es mal wieder so weit ist. Andererseits kannst Du aber Teilweise ja doch kontrollieren, stürzt dann aber ein paar Wochen später doch wieder ab.

    Was sich in Deinem Kopf dabei abspielt, also die Gedanken die Du geschildert hast, die kenne ich als Alkoholiker sehr gut. Dieses Gefühl der Belohnung z. B. Bestimmt denkst Du auch manchmal, dass Du ja soooo lange nichts getrunken hast, da kannst Du Dir dann schon mal wieder was gönnen. Oft vergleicht man sich auch mit anderen und findet immer jemanden, der auf jeden Fall noch viel mehr trinkt usw.

    Das kommt vom Suchtgedächtnis, oder wie Du so schön geschrieben hast, vom (Sucht-)Teufelchen. Das ist auch schon aktiv, wenn man "nur" Missbrauch betreibt. Unser Hirn merkt sich die Wirkung des Alkohols einfach. Und wenn wir es mal gewohnt sind, dass wir uns mit dem Zeug z. B. sehr gut entspannen können, dann wird zur Erreichung dieses Ziels eben als erste und oft einzige Option die Alkoholkarte gezogen. So funktioniert das dann mit dem Abrutschen in die Sucht. Irgendwann ist es dann so, dass man trinken muss, egal ob nun gerade Entspannung sucht oder nicht. Dann hat sich die Sucht manifestiert und ohne geht dann gar nicht mehr. Und das trifft auch auf den Gamma-Typen zu, der ja vermeintlich "kein" Alkoholiker sein kann, weil er ja immer wieder längere Phasen ohne Alkohol hat. Aber das stimmt eben nicht. Es ist nur eine andere Form der Alkoholkrankheit und es kommt nicht so selten vor, dass Alkoholiker im Laufe ihrer Karriere mehre Formen der Sucht durchleben.

    Was also tun in Deinem Fall?

    Ich mache mal einen Vorschlag: Versuch heraus zu finden, wo Du eigentlich stehst. Mit Deinem Ziel 90 Tage nichts zu trinken bist Du auf dem richtigen Weg. Jedoch solltest Du die Zeit auch dafür nützen um zu hinterfragen, was bei Dir eigentlich los ist. Was also in Deinem Leben nicht stimmt, dass Du regelmäßig auf Alkohol zurück greifen musst. Mit Deiner Angststörung und Deiner Neigung zu Depressionen hast Du noch zwei weitere psychische Erkrankungen an der Backe. Erübrigt sich wohl der Hinweis, dass für beide Krankheiten eine Alkoholsucht eine Art Katalysator darstellt. Auch wenn der Alkohol anfangs sogar Erleichterung verschafft. Auf die Länge gesehen ist er für beide Krankheiten eine absolute Katastrophe.

    Bei Depressionen sowieso, aber ich kenne auch mehrere Alkoholiker (jetzt abstinent lebend), die wegen Angststörung getrunken haben und darüber komplett abgestürzt sind. Also für Dich gibt es aus meiner Sicht eigentlich nur die Option (erst mal) komplett alkoholfrei zu leben. Zumindest so lange, bis Du alle Deine psychischen Baustellen richtig aufgearbeitet hast. Da bist Du ja dran, aber das ist eben auch Weg, ein Prozess und der kann manchmal Jahre dauern. Ich würde an Deiner Stelle keine Gedanken an moderates Trinken verschwenden sondern mir mal überlegen, warum Du so an dem Zeug hängst.

    Weißt Du eigentlich was moderates oder sagen wir mal risikoarmes Trinken (risikolos gibt es nicht, denn Alkohol ist und bleibt ein Zellgift) überhaupt bedeutet? Für Dich als Frau wären das 12 gr. reinen Alkohols am Tag. Wobei Du an zwei Tagen die Woche komplett alkoholfrei bleiben musst. D. h. übersetzt Du dürftest an 5 Tagen die Woche ein kleines Bier oder ein kleines Glas Wein (1/8 L ) trinken, je nach Alkoholgehalt des Getränks.

    Das gilt offiziell als risikoarm. Wenn das Dein Ziel wäre, dann frage Dich doch mal, warum Du so an einem kleinen Bier oder einem kleinen Glas Wein hängst. Und dabei doch immer in Gefahr bist, dass Du evtl. den Wunsch nach mehr bekommst.

    Noch eines: Egal ob Du nun bereits süchtig bist oder nur Missbrauch betreibst. Nur nicht mehr trinken reicht i. d. R. nicht aus. Um wirklich von dem Zeug weg zu kommen, solltest Du heraus finden, warum Du getrunken hast oder trinken willst. Wenn Du die Gründe kennst, und damit meine ich nicht oberflächlichen wie "Belohnung", "Entspannung" sondern das was da dahinter steckt, dann hast Du gute Chancen Alternativen zu dem Zeug zu finden. Ich rede mich hier nicht leicht, ich habe das alles selbst hinter mir und für mich war es elementar, mich mit mir, meiner Sucht und meinem Leben zu beschäftigen. Ich habe sehr viel an meinem Leben, meiner Lebensweise und meinen Einstellungen verändert und so konnte ich nach und nach die Bedeutung des Alkohol gegen Null schrauben. Das dauert aber einen Moment, denn das Zeug hat sowohl bei uns selbst (Sucht) also auch in der Gesellschaft einen enorm hohen Stellenwert.

    Ok, viel erzählt. Ich hoffe es war was für Dich dabei. Würde mich interessieren, wie Du darüber jetzt denkst.

    Auf jeden Fall wünsche ich Dir einen guten Austausch hier im Forum und alles Gute für Deine 90 Tage!

    LG
    gerchla

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