Mache ich mein Problem zu seinem?

  • Ich habe 8 jahre lang mit einem alkoholiker zusammen gelebt. Wir waren verheiratet und haben einen gemeinsamen Sohn. Letztes jahr im Dezember ist mein ex mann an seiner leberzirrhose gestorben.
    Seit zwei jahren bin ich neu verheiratet. Nun habe ich aber leider folgendes Problem. Ich bekomme Angst oder ein beklemmendes Gefühl wenn er von einer feier betrunken nach Hause kommt. Eigentlich kann ich gar keine betrunkenen Menschen mehr ertragen. Fühle mich dann sehr unwohl. Nun meine Frage, ist es in Ordnung wenn ich von meinem Mann erwarte Rücksicht zu nehmen und sich nicht zu betrinken? Oder mache ich mein Problem dann zu seinem? Ich will ihm nicht seine Freiheiten nehmen.

  • Hallo Goldisamy,


    Zitat

    Nun meine Frage, ist es in Ordnung wenn ich von meinem Mann erwarte Rücksicht zu nehmen und sich nicht zu betrinken? Oder mache ich mein Problem dann zu seinem? Ich will ihm nicht seine Freiheiten nehmen.


    Wäre es denn für Dich in Ordnung, wenn Dein Mann, den Du ja offensichtlich liebst, so eine Vorgeschichte hätte, wie Du sie hier von Dir schilderst, und Du keine Rücksicht auf ihn nehmen würdest?
    Ich meine: Nicht Du machst Dein Problem zu seinem, sondern er macht seine Trinkerei zu Deinem Problem. Du wiederum traust jetzt schon Deinen eigenen Gefühlen und Deinen Wünschen nicht mehr. Das wird sich, je nach der weiteren Entwicklung des Alkoholkonsums Deines Mannes (hoffentlich nicht in Richtung Sucht!) verstärken.


    Ich selbst habe Freund*innen, die auch hin und wieder stärker dem Alkohol zusprechen. Sie wissen, dass sie dann Abstand zu mir halten müssen, und es zu respektieren haben.

  • Vielen dank für die schnelle antwort. Ich habe heute erst mit ihm darüber gesprochen und ihm gesagt, wenn es umgekehrt wäre und er hätte ein Problem damit wenn ich trinke... Ich würde selbstverständlich Rücksicht nehmen.


    Wir haben deswegen schon oft Streit gehabt. Und heute war es mal wieder so weit. Er kam gestern sternhagel voll nach Hause.. Dann gingen bei mir die Symptome los... Angst, herzrasen, beklemmung.. Unwohlsein.
    Haben heute nachmittag auch darüber gesprochen und er sagt er vergisst es in dem Moment wo er trinkt und ich nicht dabei bin, wie schlimm das für mich ist.


    Keine Ahnung was ich ihm noch sagen soll.. Wie ich ihm erklären soll, wie schlimm das für mich ist.

  • Ehrliche Antwort von einem "alten" Mann und trockenen Alkoholiker?


    Groß kann seine Liebe nicht sein.
    Ich denke, wenn man liebt, und wenn die Sucht nicht schon das Ruder in der Hand hat, dann weiß man auch ohne Erklärungen, wie es der nichttrinkenden Partnerin mit so einer Vorgeschichte ergeht.

  • Hallo Goldisamy, :)


    mir fällt zu solchen Situationen immer ein Zitat einer Co-Abhängigen (Al-Anon)
    ein, die ihren Durchbruch aus dem "Warten auf Einsicht" in etwa so beschrieb:
    "Jahrelang bemühte ich mich, IHM zu zeigen, WIE SEHR es mich verletzte, wenn
    er ... und nichts änderte sich." - "Erst als ich selbst bereit wurde, MIR zu glauben,
    WIE SEHR es mich verletzte, wenn er ... , konnte ich Abhilfe für mich schaffen."


    Einsicht im Sinn von Rücksicht ist von außen kaum in jemandem herzustellen. Das
    kann nur von innen geschehen, wenn dem anderen wirklich dran gelegen ist, "zu
    verstehen".


    Und gerade bei Sucht liegen nochmal mehr Hindernisse im Weg, andere Menschen
    (Angehörige) und ihr Leiden überhaupt nachvollziehen zu können. Deshalb ist es so
    wichtig, das eigene Leid und Unbehagen unbedingt zu allererst SELBST ernst genug
    zu nehmen, dafür eigene Schritte und nötigenfalls auch Abgrenzungen zu unterneh-
    men.


    Angehörige unterstellen irrtümlich immer Gegenseitigkeit im Umgang mit Bedürfnissen
    und Rücksicht. "Wenn ich ... , dann Du auch ..." - Diese Rechnung geht aber selten auf!
    Das Suchtmittel steht ganz vorn. Alle Rücksichten verschwinden dahinter.


    Zu "vergessen", "wie schlimm das für Dich ist", ... spricht sehr dafür, dass der Trink-
    wunsch alles andere ausblendet. Auch die Fähigkeit, das Trinken in Frage zu stellen.


    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, weiterhin Deinen Gefühlen und Deiner Wahrnehmung
    zu folgen!


    Liebe Grüße
    Wolfsfrau


    p.s.
    Dietmar hat es etwas knackiger auf den Punkt gebracht. ;)

  • Nochmal vielen dank für die antworten. Ihr habt mir geholfen und darin bestärkt das es eigentlich nichts unmenschliches ist was ich von meinem mann erwarte.


    Ich denke ich werde mir eine Therapie oder Gesprächsgruppe suchen, um das gewesene besser verarbeiten zu können.

  • Liebe Goldisamy,


    es ist natürlich nicht „unmenschlich“, wenn Du – von der Liebe Deines Partners überzeugt – davon ausgehst, dass Ihr gegenseitig auf Eure Empfindungen Rücksicht nehmt. Ich würde sogar sagen, dass das eher die Normalität in einer Paarbeziehung und Liebe sein sollte.


    Im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung und Co-Abhängigkeit fällt dann ins Auge, dass Du


      [li]Deinen Wahrnehmungen nicht mehr traust[/li]
      [li]An Dir selbst zweifelst, weil Du etwas einforderst, das absolut normal und legitim ist[/li]
      [li]Darüber nachdenkst, jemand anderes zu sein/werden, als Du es tatsächlich bist, nämlich indem Du etwas (das Trinken Deines Mannes) akzeptierst, obwohl es Dir dabei sehr schlecht geht[/li]


    Deine Entscheidung, Dich auf Dein Problem und Dich selbst zu konzentrieren, Dir dabei Hilfe zu holen, ist toll – und der richtige Weg, um damit klarzukommen!!

  • Dann habe ich noch eine frage...
    Also mein mann trinkt nicht täglich.. Und ich auch nicht wöchentlich. Immer nur auf festen. Aber dann gibt es eben auch nur hacke voll. Gar nichts trinken kommt nur selten vor. Ist das auch suchtverhalten? Wenn man nicht weiß wann zu viel getrunken hat?

  • Liebe Goldisamy,


    Zitat von “Goldisamy“

    Dann habe ich noch eine frage...
    Also mein mann trinkt nicht täglich.. Und ich auch nicht wöchentlich. [u] Immer nur auf festen. [u]Aber dann gibt es eben auch nur hacke voll. Gar nichts trinken kommt nur selten vor.


    Ich bin sehr erstaunt. Vielleicht verstehe ich Dich auch völlig falsch?
    Aus der angehörigen Ehefrau eines ggf. suchtgefährdeten Trinkers, die aufgrund ihrer Vorgeschichte erhebliche Probleme bei der Wahrnehmung einer alkoholisch bedingten Ausdünstung hat, ist nun eine, wenn auch nur „nicht wöchentlich“ mittrinkende Ehefrau geworden, dazu noch: wenn, dann Hacke voll?
    Aber egal …


    Die klinischen Kriterien für Alkoholismus (Sucht) werden hier nach ICD-10 genannt.
    Anhand der Erfahrung von Suchtfachleuten und Menschen, die – so wie ich – ihre Erfahrungen mit der Sucht gemacht haben, sind diese Kriterien sehr eng und kurz gegriffen, und bilden nicht das gesamte Spektrum der Anzeichen für eine Alkoholsucht ab.
    So wird wenig bis kaum berücksichtig, dass es auch sogenannte Quartalssäufer gibt, die problemlos innerhalb ihres Periodensystems (lange Trockenphasen – kurze, aber heftige Nassphasen), aber auch Betroffene gibt, die bereits weit unter der als riskant eingeschätzten Alkoholmenge eine Alkoholabhängigkeit, zumindest psychischer Art, aufweisen können.


    Aus meiner Erfahrung heraus konnte ich in vielen Jahren feststellen, dass spätestens ab dem Moment, ab dem sich eine/r der Beteiligten (nichttrinkende Partner/konsumierender Partner) verstärkt Sorgen zum Konsum macht, also der Konsum von der angenommenen Normalität abweicht, liegt mindestens ein Missbrauchs Problem vor.
    Ab diesem Moment entscheidet sich dann ebenso oft, ob die trinkenden Partner ihren Alkoholkonsum problemlos aufgrund der Sorge ihrer Partner einstellen können – oder eben nicht mehr.
    Wenn jemand generell bei Kontakt zum Suchtmittel (Alkohol) jegliche Kontrolle über seinen Alkoholkonsum verliert, dann darf man zumindest davon ausgehen, dass es eben bei Kontakt kein Halten mehr gibt (Kontrollverlust). In vielen Fällen verzögert sich die Erkenntnis dann dadurch erheblich, dass ggf. sogar über dazwischenliegende längere Zeiträume kein Alkohol konsumiert wird. (Siehe auch oben: Quartalssäufer).


    Natürlich berücksichtige ich dabei, dass glücklicherweise der Großteil der Menschheit keine Suchtveranlagung hat, und trotz gelegentlicher Eskapaden insgesamt mit dem Suchtmittel klarkommt. Das Problem dabei ist nur: Wie lange das gut geht, weiß im Voraus niemand. Sucht und Suchtveranlagung kann niemand im Voraus feststellen oder diagnostizieren.

  • Oh... Das ist ein ganz blöder tipp fehler. Das sollte stehen er trinkt nicht täglich und auch nicht wöchentlich. Ich trinke nie Alkohol.. Sorry für die Verwirrung. :)

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