Rekonvaleszent
Mir Selbstüberschätzung auszuteilen ist gewagt...
Nöö. Die Selbstüberschätzung geht einher mit der Unterschätzung der Krankheit.
Ich habe in meiner bisherigen Zeit so einige Leute kennen lernen dürfen, die sich an dem Thema der Abstinenz versucht haben. Wer meint, alles so weiter machen zu müssen, wie bisher, nur mit der kleinen Einschränkung "ohne Alkohol", bei dem ist der Rückfall zumeist nur eine Frage der Zeit gewesen.
Ich rate zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit der Krankheit, ihren Tücken und insbesondere mit dem Thema Suchtgedächtnis.
Um sich mal etwas einzulesen, dem seien die Werke "Alk" von Borowiak und "Lieber schlau als blau" von Lindenmeyer nahe gelegt.
Auch ein Gang zur Suchtberatung kann den eigenen Horizont und somit den nötigen Respekt vor der Krankheit, ich sage extra nicht Demut, verstärken.
Ich habe mich erst dann aus dem Klammergriff des Alkohols lösen können, als ich bereit war, alles, aber wirklich alles, meiner Abstinenz und somit meiner Gesundheit und meinem (Über-)leben unterzuordnen. Und dazu gehört es, sich in den ersten Monaten, in denen der Anfänger noch nicht gefestigt ist, sich den Alkohol auf Distanz zu halten und ihn nicht zu nahe an sich heran zu lassen.
Wer hier im Forum nach wenigen Tagen ohne Alkohol damit brüstet, wie toll er Parties und alkoholfeuchte Treffen durchgestanden hat, bei dem ist der Rückfall, sofern er/sie überhaupt jemals trocken war, nur eine Frage der Zeit.
Mein Therapeut, ich habe eine ambulante Therapie durchlaufen, pflegte stets zu mahnen, dass solch riskante Verhaltensweisen ein paar Male gut gehen können, dann kommt es zum Rückfall. Er ist ein sehr erfahrener Mann und viele Jahre im Geschäft.
Ich gehe davon aus, dass meine mahnenden Worte hier nicht auf Gegenliebe stoßen und womöglich als persönlicher Affront fehlinterpretiert werden, da besagte Damen eher Applaus erwartet haben dürften.
Wenn ich auf die Anfänge meiner Abstinenz zurückblicke, kann ich nur konstatieren, dass meine schärfsten Kritiker zugleich meine besten Ratgeber waren, weil sie meinen Blick in die richtige Richtung lenkten.
Gruß
Rekonvaleszent