Hallo Liv, 
Mir geht es da wie Dir: Manchmal muss ganz viel raus ... - dann sacken lassen - oder ich lese mich 'randvoll' ... wieder sacken lassen ... jeder von uns hat sein eigenes inneres Tempo, sich ans Geschehen heran zu tasten.
Ich bin jetzt nicht so drahtig, per Zitierfunktion zu antworten.
Aber vielleicht ist das gut, um den Zusammenhang Deiner Gedanken zu behalten. Ich antworte einfach mal punktweise:
- Es klingt wirklich belastend, wenn Du schreibst, es ginge für Deine Eltern "nur so" (mit DEINER Hilfe) im Moment.
Das Thema habe ich im Kopf (Zukunftsblick) schon laufen und ich weiß nur: Ohne Unterstützung bricht mir das mein frisch gewonnenes Rückgrat. Ich habe schon soviel innere Freiheit und eigene Lebensfreude erreicht, ich WILL das nicht noch einmal verlieren. Ein Neustart kostet mich - ungelogen - Monate bis hin zu einem Jahr. Mich dieses Erleben (Rückfall) ohne Platz für einen einzigen Zweifel motiviert, mir innerlich (für mein AbgrenzungsBEDÜRFNIS), aber auch praktisch (Infos über externe Versorgungswege) "Beistand" zu suchen. Hauptsache, es lastet NICHT auf meinen Schultern. (Und ich bin Einzelkind.) Die gute Nachricht: Tut es nicht! Meine Eltern haben ihre eigenen Gründe, alles GENAU SO ZU BELASSEN, wie es ist. Ich bin im übrigen schon so oft gegen Mauern gerannt, mit tollen Ideen. Und in der Hoffnung, auf diese Weise Raum für mich zu schaufeln. Letztlich ist mir die Puste ausgegangen, irgendwann kam die Kraftlosigkeit, und dann erst Wut ... wo ich bleibe?
Die Suchtberatung unterstützt und berät auch Angehörige. (Telefonisch selbst getestet und für gut befunden!
)
- ein anderer Schuh sind die VERMEINTLICH 'berechtigten' Erwartungen der Restfamilie an DICH.
Hier fällt mir nur ein: Alkoholismus (als Verhalten und Leugnen) wirkt sich auf alle Familienmitglieder aus. Ich habe tatsächlich sehr lange gebraucht, zu "erfahren" (anderswo natürlich), dass dem ("wir müssen zusammenhalten!") NICHT so ist. Bullsh*t. Das ist, was alle in feiner Scham gelernt haben. Immer noch geht es um die Erscheinung. (Glaub' mir, es weiß sowieso längst jeder.) Wie lange habe ich mich im Konflikt aufgehalten, mit MIR sei (ebenfalls) etwas falsch, in so einer - erstarrten - Kleinfamilie zu leben. Auch ehe ich erfahren durfte (Meetings, Klinik, Therapie), dass das allesamt Spiegelungen des Leugnens meiner Eltern und ihres Suchtverhaltens sind (man spricht nicht, fühlt nicht, ... du kennst das sicher selbst auch, oder?).
Ich habe UNWAHRHEITEN gelernt! Weil mir als Kind und Jugendliche die Korrektur mithilfe anderer Menschen von außen fehlte.
Das Familiensystem um den "Alkoholismus" hat Beulen und Verzerrungen, die man - solange man selbst innerlich mit Ausbügeln voll belegt ist - nicht sehen KANN! Bei mir brauchte es eigene Depression und Verzweiflung, um FÜR MICH etwas zu wollen. Der emotionale Tiefpunkt ließ nicht lange auf sich warten. Kliniksbesuch (gewählt!) und dort die Erfahrung, wie das ist, MIT meinen Gefühlen (incl. Ängsten und Scham) sichtbar und 'doch' zugehörig zu sein. Rund um die Uhr. Ganz neu für mich. Ich "hätte Familie nie gehabt", war ein Nebensatz der Therapeutin, als sie mir eine Übungsaufgabe vorschlug. Der Satz hat gesessen. Und mir erklärt, warum bei mir soviele Löcher sind, wo andere völlig zweifels-frei sprechen, handeln, fordern.
Erstmals begann ich, MIT MIR ZU FÜHLEN und mir Abstand von meinen Eltern zu wünschen. Es kam das hervor, was Du jetzt auch spürst: Die Not, evtl. doch zu "müssen"? (Ihnen helfen). Dafür hat mir dann eine SHG (Al-Anon) geholfen. Und der Einstieg in die Denkweise der zwölf Schritte. Das Wort "Selbstfürsorge" kannte ich vor Melody Beattie (Buchautorin) gar nicht. Soviel dazu. Ich teile hier meins ... Einfach um Deine Frage zu beantworten: Ja, es hat sehr lange gebraucht, mich auf den Weg zu machen, und ich bin noch immer keine andere. Mein Familienerbe bleibt. Aber ich stehe auf meiner Seite, und das verwandelt vieles! - Das meinte ich mit: Besser unterscheiden können, was das meiner ELTERN ist, und wo mein Raum beginnt.
Ein gutes Stichwort für Dich könnte auch "toxische Scham" sein. (z.B. John Bradshaw)
(Das ist der Dunstkreis vererbter Tabus: Nicht fühlen, sich nicht im eigenen Sinn äußern, nichts brauchen, ... )
Oder das, was in der Lesemappe von EKS (Erwachsene Kinder aus suchtkranker Familie) enthalten ist.
Erkennungsmerkmale, "unsere" familiäre Laufbahn. Dann noch lauter Berechtigungen, die für mich völlig neu waren.
...
- Für Deine akute Situation (dort organisatorisch "gebraucht" zu werden) ist der Einstieg ins eigene Brauchen vielleicht gerade zu konfliktbeladen.
Mein erster Ansatzpunkt wäre da, äußeren Abstand herzustellen. Nötigenfalls mit einem Kliniksbesuch oder einem für Dich greifbaren Zeitpunkt, wann Du "da raus bist" und erstmal nicht mehr zu kriegen (räumlich und/oder seelisch). Falls Du anders kein inneres Refugium findest und bei Dir bleiben 'darfst'. Das wäre dann nebenbei auch äußerlich "offiziell" genug als Grund, nicht verfügbar zu sein. Es ist NICHT edel, zu helfen, wenn es das eigene Leid mit überdeckt. (Es bestärkt nur die Fehlhaltung der anderen, "die packt das schon!" und hält die für uns mehr als kraft-absaugende innere Rollen-Umkehr (Stichwort "Parentifizierung") aufrecht.
Eine Erfahrung aus anderen Zusammenhängen (Umzüge o.a.), die mich regelmäßig wütend gemacht hat: Stehe ICH (unter heftigsten Gewissensbissen) entgegen der Planung dann doch nicht zur Verfügung, ... "finden sich" Lösungen !!! - auch das hat mich, übertragen auf meine Denkhaltung, stärker als meine 'armen Eltern' zu sein (und deshalb unentbehrlich für sie), zumindest wacher gemacht. Ich "weiß" inzwischen, dass vieles, was ich innerlich aus meinen Händen gebe ("sorry, ich pack's schlicht nicht mehr" - Tiefpunkt), auf ganz eigene - oft gar nicht vorher denkbare - Weise gelöst wird. (Fügungen, Infos die jemand bekommt, Worte die man selbst aufschnappt, einfach Unvorhergesehenes.)
Diese Erfahrung im Kleinen hat mich immer mutiger gemacht, zu vertrauen: Es geht sehr gut ohne mich.
Die "Lücke" durchs nicht-verfügbar-sein setzt sich unterschwellig auch als Lücke in der bis dahin selbstverständlichen Versorgtheit des/der anderen fort ... und bringt dort oder im Umfeld (Deine anderen Verwandten) eigene Energie in Bewegung ... ob bewusst oder nicht ... das System verändert sich NUR DADURCH, DASS ein Teilchen die Position verändert. Das braucht Mut, Zuspruch, Bestätigung dass die eigenen Gefühle (vor allem Wut, Scham, Ärger, Hiflosigkeit) berechtigt sind ... und den holen wir uns ja beide schon! 44.
Ich weiß jetzt, dass ICH das einzige Sprachrohr in meinem eigenen Leben bin. Das kann niemand besser als ich!
Der erhoffte "Tausch" von "ok, ich helfe euch" zu "dann werde ich mich frei FÜR MEINS fühlen", ... ging all die Jahre für mich nie auf. Das war meine Karotte. Und ich der Esel vom Dienst. Diese Erkenntnis half mir, wütend zu werden. Und genau da ging's und geht es dann auch lang. Was will ich? (Fragt das sonst irgend jemand? Also in meiner Familie nicht.)
Weil sie selbst kein Interesse daran (oder einfach nicht den inneren Zugang dahin) hatten, frei zu werden. Oder sich mit ihrem echten, abgetrennten Gefühl auseinander zu setzen. (Leugnen als Betriebsmodus ist nicht von außen zu knacken. Außer man sagt: Sorry, für mich stimmt hier etwas nicht. Und deshalb nehme ich Abstand.) Ein Freigeben auf Augenhöhe ginge überhaupt nur, wenn sie FÜR SICH Freiheit wollten und mich dann in "Einsicht" meiner Nöte gehen lassen könnten/würden. (Zur Einsicht fehlt aber ein Bindeglied, das nicht aus unserer Hand zu liefern ist.)
Wenn ihnen spürbar etwas fehlen würde, für das sie Wagnisse der Veränderung eingehen. Und wenn sie in dem Zuge selbst ... (bin wieder bei ihnen.) - Fakt ist: Sie kennen mich und mein LEBENSGEFÜHL nicht gut genug, um zu wissen, was ICH brauche. Und das hat nichts mit Wertung zu tun. Was weiß ich denn über IHRE eigenen Gründe (Geschichte und Unabänderlichkeiten darin), so zu leben, wie sie es tun? - Auch das: Nicht durch mich aufzulösen. (Danke an eine ehrliche Mitschreiberin für diesen direkten Anstoß, mal darüber nachzudenken.)
Ach so, und dazu fällt mir gerade noch eine hilfreiche Unterscheidung ein, die ich kürzlich erfuhr:
"SELBST die Heilung sein wollen" für jemand anderen = unsere Sucht. ("Ich weiß, was du brauchst. Ich liefere die nötigen Bedingungen, ... etc.")
"Heilend für seinen Weg sein k-ö-n-n-e-n" (mit freiem Ausgang) = Aussprechen: Hier kann ich nicht wie gewohnt weiter machen. Nur so verändert sich die Struktur.
Du siehst, ich arbeite selbst noch auf allen Kanälen daran, BEI MIR zu bleiben. Die Einsamkeit ohne mich selbst war zu lähmend. Und sie zahlt sich gar nicht aus. Es ist, wie ein Zahnrad (eigene Kraft) zur Verfügung stellen, aber das Getriebe bringt einfach nicht voran, die Mechanik greift ins Leere.
Ich weiß heute, dass das Leugnen meiner Eltern in mir selbst Platz genommen hat, weit ehe ich eine eigene Wahl (Kenntnis und Entwicklung meiner ureigensten Gefühle) hatte. Und in diese Abgetrenntheit von mir selbst und dem, was mich bewegt, berührt, begeistern kann, abstößt, ... die ganze Palette ... dahin werde ich nicht und kann ich nicht mehr sehenden Auges zurück. Das würde dann ich mir antun.
Diese Entschlossenheit, dass ich es wirklich Wert bin, als eigene Person ein eigenes Glück zu leben, festigt sich bei mir genau DURCHS entsprechende Handeln. Alles an Hilfen nehmen, das ich kriegen kann, um mich überhaupt "frei" fühlen zu dürfen. Für mich ist das die SHG (mehr noch genesenden Alkoholikern zuzuhören), meine Therapie und das Schreiben.
Mit jeder Entscheidung zum eigenen Wohl bin ich zugleich umsorgte Empfängerin dieses Einstehens. Und so sammeln sich Wärmepunkte auf der Empfängerseite, die mir wiederum Kraft geben, erneut für mich einzustehen. Gute Erfahrungen stärken mich da!
Es lohnt sich! Das möchte ich mir und Dir gerade mal sagen.
Diesen Wust zu schreiben, war auch eine Erinnerung an meinen eigenen Weg und alles, was ich dafür schon gegeben habe.
Lieben Gruß und pick' Dir einfach raus, was für Dich passt. 
Wolfsfrau