Beiträge von wolfsfrau

    Hallo Liv,

    so, jetzt habe ich etwas Muße, hier nochmal anzuknüpfen. :)

    Die einzige offene "Frage" war noch die nach der räumlichen Entfernung zu meinen Eltern:
    Also, ich wohne zwei Zug-Stunden entfernt. Die Dauer der Besuche habe ich nach und nach "ausgeschlichen".

    Ich kann mich aber auch an Phasen erinnern, wo ich meiner Mutter auf dem Bahnsteig beim Fahren sagte:
    "Versteh' mich nicht falsch. Es kann einfach nicht länger bei euch sein, solange mein Verhältnis zu (Vater) ist, wie es ist."

    Heute sehe ich, dass ich schon immer zwei "Fronten" hatte: Ihn (und seine Abwertungen) und sie (mit ihrer emotionalen Abwesenheit). Vermisst habe ich sie. Weil ich - wenn sie unbelastet war - mit ihr Nähe und echten Kontakt haben konnte. Auch heute habe ich es noch nicht geschafft, ihr zu sagen, dass es ihre Abwesenheit (wenn sie trinkt) ist, die mir einen Stich versetzt. Sie trinkt auch kaum noch, seit ihrer anderen Erkrankung, so ist das Thema wieder etwas von der Bildfläche.

    ... aber verstrickt und innerlich immer wieder auch mit verhedderten Gefühlen, das bin ich auch. Egal wie klar der Kopf versteht.

    Mich haben diese Sätze von Dir sehr berührt:

    Zitat

    Ich fühle mich noch völlig mit meinen Eltern verstrickt und verbunden, empfinde ihre Krankheit als Familienmakel, den ich ausbaden muss, quasi als Schicksal, dem ich ausgesetzt bin. Ich müsste mal in mir nachforschen, woher diese Überzeugung kommt und warum sie so stark in mir ist, denn eigentlich ist das ja Quatsch.


    "Familienmakel" - das fühle ich so zwar nicht mehr, nach außen hin. Im Gegenteil, mir wäre es sehr lieb, sie würden auffliegen. Damit die Wahrheit endlich wahr sein kann und Änderung überhaupt erst möglich wird. Aber nach innen gibt es so ein Gefühl. Dass ich "so eine" bin. Heute weiß ich aber dass "so eine" nicht den Außenblick anderer meint, sondern das Dauertief und die ständige Verdunkelung der Lebensfreude zwischen uns dreien, in unserem Haus. Das ist oft auch mein "Normalzustand" im Fühlen (gewesen). Der liegt in mir bereit wie die Standard-Version, eine Art vertrauter Raum. (Das geerbte Wohnzimmer?)

    Wir dürfen den verlassen, oder die Fenster darin aufreißen. Räumlich durchs Wegbleiben, oder innerlich, indem wir ihnen ihre Eigenverantwortung zurück geben. Verwirrend ist für mich dabei manchmal, dass ich immer denke: Ja, aber die Krankheit (das Leugnen um die Sucht) lässt sie doch gar nichts merken. Dann müsste doch 'ich' irgendwie da durch kommen, damit ... (sie merken können, etc.) ...

    Von diesem Irrglauben konnte ich mit einem kürzlich gewonnenen Einblick in meine echte Verantwortung etwas abrücken. Es ging um eine Unterscheidung in "süchtige" und "genesende" Haltung zum Thema "Helfen", die mir jemand deutlich gemacht hat:


    Was uns in die Mühle (Helfer-Spirale) treibt:
    Wenn ich mir die Aufgabe auferlege, den anderen innerlich irgendwo hin zu "bringen", dann mache ich mich für ein Ergebnis SEINES inneren Prozesses verantwortlich. Viel zu schwer auf den eigenen Schultern. Und man tritt immer und immer wieder an, oder versinkt in Schuldgefühl, die eigenen Entdeckungen nicht anbringen zu können. Ich kann nicht die Heilung sein.


    Was das Geschehen an den anderen zurück gibt:
    Es kann für den anderen aber heilend sein, zu spüren, wie es ohne meine Dauer-Aufmerksamkeit auf seinem Wohl, seinem Verhalten (für oder gegen sich), seinen Signalen ist. Zum Beispiel genau durch eine abgrenzende Ansage in zwei Teilen:

    (1) Mir liegt an Dir und es tut mir weh, zu wissen, ...
    (2) dass Dein Trinkverhalten süchtig ist und Dich umbringen wird.


    Da kann dann erst ein Vakuum entstehen, das Raum für das Spüren der eigenen Leere und echten Gefahr (Tod) öffnet. (Ich habe so eine Art Schock in einem anderen Thema - geschützt - erlebt und nach Hadern, Trotzen und Rückzug als eigenes Überleben, Leben-Wollen begriffen.) Der einzige Weg, selbst etwas für sich und sein Leben zu wollen, ist dieser leere Raum in allen Schmerzen, und die Frage, ob man den weiter aushalten will/kann. Oder ob man von da aus anfängt, wirklich Hilfe haben zu wollen. ("Ich fühle mich so miserabel", das wäre ja ein völlig ausreichender erster Satz, egal an welcher Anlaufstelle.)

    Der Trick für uns ist nur, auch mit dem "heilenden" Vorgehen keinen Anspruch ans Gelingen zu verbinden. Nicht an sich selbst (habe ich es doll genug versucht? <- süchtig) und auch nicht an den anderen (aber er/sie müsste doch! <- süchtig). - Es ist ein Angebot, das einsickern kann. Wir können aber nicht zugleich der Boden sein, in den es sickert.

    Für mich hat das meinen oft gefühlten Lösungs-Druck rein bildlich und räumlich ziemlich gut aufklären können. (Am Ansage-Satz arbeite ich noch.)

    Liebe Grüße in Deinen Tag,
    Wolfsfrau

    Hallo Liv,

    das freut mich! Wenn Du für Dich Hilfreiches und Mut machendes aus meinen Erfahrungen nehmen kannst.

    Für jetzt gehe ich erstmal wieder "off", bin privat noch etwas durch den Wolf und muss auch sacken lassen.

    Alles Liebe erstmal,
    Wolfsfrau

    Hallo Liv, wikende091

    ich möchte sagen, dass ich nicht selbst in der Erwartung schreibe, beantwortet zu werden.

    Mein ganzer Text kam wie von selbst in Gang, als ich begann, mich in Reaktion auf Deine Infos
    zu erinnern, wie "das" bei mir war. - Es hat sich verselbständigt. (Unschwer zu sehen, räusper.)

    Jetzt ist es eher so, dass ich merke: Du hattest mir konkrete Fragen gestelllt.
    Die einfach nur abgegrenzt zu beantworten, das war mir gar nicht mehr möglich. Geht aber!
    Ich hole das nach.

    Mein letzter Satz ("pick Dir nur heraus, was für Dich passt") meint: einfach nehmen, reicht völlig.
    Und bloß nicht in der Haltung, das wäre jetzt "der Weg", ... und dahin zu finden, das Einzig Wahre.
    Ich lege es nur offen, um zu zeigen: Es geht! Irgendwo anfangen, beim kleinsten Ding, das geht!
    Es ist immer möglich, dass Dir ein ganz anderes Ereignis Ideen oder Wege eröffnet. :)

    Ich erwarte hier nichts "zurück". (Und bei dem Umfang meiner 'Erzählung' schonmal gar nicht. ;) )
    Das Schreiben selbst beschenkt mich. Es macht auch mir noch einmal klar, was alles schon ging!

    Einfach liebe Grüße, und mit "Egoismus" hat auch mein Erleben und diese Erfahrung nichts zu tun.

    Wolfsfrau

    Hallo Liv, :)

    Mir geht es da wie Dir: Manchmal muss ganz viel raus ... - dann sacken lassen - oder ich lese mich 'randvoll' ... wieder sacken lassen ... jeder von uns hat sein eigenes inneres Tempo, sich ans Geschehen heran zu tasten.

    Ich bin jetzt nicht so drahtig, per Zitierfunktion zu antworten.

    Aber vielleicht ist das gut, um den Zusammenhang Deiner Gedanken zu behalten. Ich antworte einfach mal punktweise:


    - Es klingt wirklich belastend, wenn Du schreibst, es ginge für Deine Eltern "nur so" (mit DEINER Hilfe) im Moment.

    Das Thema habe ich im Kopf (Zukunftsblick) schon laufen und ich weiß nur: Ohne Unterstützung bricht mir das mein frisch gewonnenes Rückgrat. Ich habe schon soviel innere Freiheit und eigene Lebensfreude erreicht, ich WILL das nicht noch einmal verlieren. Ein Neustart kostet mich - ungelogen - Monate bis hin zu einem Jahr. Mich dieses Erleben (Rückfall) ohne Platz für einen einzigen Zweifel motiviert, mir innerlich (für mein AbgrenzungsBEDÜRFNIS), aber auch praktisch (Infos über externe Versorgungswege) "Beistand" zu suchen. Hauptsache, es lastet NICHT auf meinen Schultern. (Und ich bin Einzelkind.) Die gute Nachricht: Tut es nicht! Meine Eltern haben ihre eigenen Gründe, alles GENAU SO ZU BELASSEN, wie es ist. Ich bin im übrigen schon so oft gegen Mauern gerannt, mit tollen Ideen. Und in der Hoffnung, auf diese Weise Raum für mich zu schaufeln. Letztlich ist mir die Puste ausgegangen, irgendwann kam die Kraftlosigkeit, und dann erst Wut ... wo ich bleibe?

    Die Suchtberatung unterstützt und berät auch Angehörige. (Telefonisch selbst getestet und für gut befunden! :) )


    - ein anderer Schuh sind die VERMEINTLICH 'berechtigten' Erwartungen der Restfamilie an DICH.

    Hier fällt mir nur ein: Alkoholismus (als Verhalten und Leugnen) wirkt sich auf alle Familienmitglieder aus. Ich habe tatsächlich sehr lange gebraucht, zu "erfahren" (anderswo natürlich), dass dem ("wir müssen zusammenhalten!") NICHT so ist. Bullsh*t. Das ist, was alle in feiner Scham gelernt haben. Immer noch geht es um die Erscheinung. (Glaub' mir, es weiß sowieso längst jeder.) Wie lange habe ich mich im Konflikt aufgehalten, mit MIR sei (ebenfalls) etwas falsch, in so einer - erstarrten - Kleinfamilie zu leben. Auch ehe ich erfahren durfte (Meetings, Klinik, Therapie), dass das allesamt Spiegelungen des Leugnens meiner Eltern und ihres Suchtverhaltens sind (man spricht nicht, fühlt nicht, ... du kennst das sicher selbst auch, oder?).

    Ich habe UNWAHRHEITEN gelernt! Weil mir als Kind und Jugendliche die Korrektur mithilfe anderer Menschen von außen fehlte.

    Das Familiensystem um den "Alkoholismus" hat Beulen und Verzerrungen, die man - solange man selbst innerlich mit Ausbügeln voll belegt ist - nicht sehen KANN! Bei mir brauchte es eigene Depression und Verzweiflung, um FÜR MICH etwas zu wollen. Der emotionale Tiefpunkt ließ nicht lange auf sich warten. Kliniksbesuch (gewählt!) und dort die Erfahrung, wie das ist, MIT meinen Gefühlen (incl. Ängsten und Scham) sichtbar und 'doch' zugehörig zu sein. Rund um die Uhr. Ganz neu für mich. Ich "hätte Familie nie gehabt", war ein Nebensatz der Therapeutin, als sie mir eine Übungsaufgabe vorschlug. Der Satz hat gesessen. Und mir erklärt, warum bei mir soviele Löcher sind, wo andere völlig zweifels-frei sprechen, handeln, fordern.

    Erstmals begann ich, MIT MIR ZU FÜHLEN und mir Abstand von meinen Eltern zu wünschen. Es kam das hervor, was Du jetzt auch spürst: Die Not, evtl. doch zu "müssen"? (Ihnen helfen). Dafür hat mir dann eine SHG (Al-Anon) geholfen. Und der Einstieg in die Denkweise der zwölf Schritte. Das Wort "Selbstfürsorge" kannte ich vor Melody Beattie (Buchautorin) gar nicht. Soviel dazu. Ich teile hier meins ... Einfach um Deine Frage zu beantworten: Ja, es hat sehr lange gebraucht, mich auf den Weg zu machen, und ich bin noch immer keine andere. Mein Familienerbe bleibt. Aber ich stehe auf meiner Seite, und das verwandelt vieles! - Das meinte ich mit: Besser unterscheiden können, was das meiner ELTERN ist, und wo mein Raum beginnt.

    Ein gutes Stichwort für Dich könnte auch "toxische Scham" sein. (z.B. John Bradshaw)
    (Das ist der Dunstkreis vererbter Tabus: Nicht fühlen, sich nicht im eigenen Sinn äußern, nichts brauchen, ... )

    Oder das, was in der Lesemappe von EKS (Erwachsene Kinder aus suchtkranker Familie) enthalten ist.
    Erkennungsmerkmale, "unsere" familiäre Laufbahn. Dann noch lauter Berechtigungen, die für mich völlig neu waren.

    ...


    - Für Deine akute Situation (dort organisatorisch "gebraucht" zu werden) ist der Einstieg ins eigene Brauchen vielleicht gerade zu konfliktbeladen.

    Mein erster Ansatzpunkt wäre da, äußeren Abstand herzustellen. Nötigenfalls mit einem Kliniksbesuch oder einem für Dich greifbaren Zeitpunkt, wann Du "da raus bist" und erstmal nicht mehr zu kriegen (räumlich und/oder seelisch). Falls Du anders kein inneres Refugium findest und bei Dir bleiben 'darfst'. Das wäre dann nebenbei auch äußerlich "offiziell" genug als Grund, nicht verfügbar zu sein. Es ist NICHT edel, zu helfen, wenn es das eigene Leid mit überdeckt. (Es bestärkt nur die Fehlhaltung der anderen, "die packt das schon!" und hält die für uns mehr als kraft-absaugende innere Rollen-Umkehr (Stichwort "Parentifizierung") aufrecht.

    Eine Erfahrung aus anderen Zusammenhängen (Umzüge o.a.), die mich regelmäßig wütend gemacht hat: Stehe ICH (unter heftigsten Gewissensbissen) entgegen der Planung dann doch nicht zur Verfügung, ... "finden sich" Lösungen !!! - auch das hat mich, übertragen auf meine Denkhaltung, stärker als meine 'armen Eltern' zu sein (und deshalb unentbehrlich für sie), zumindest wacher gemacht. Ich "weiß" inzwischen, dass vieles, was ich innerlich aus meinen Händen gebe ("sorry, ich pack's schlicht nicht mehr" - Tiefpunkt), auf ganz eigene - oft gar nicht vorher denkbare - Weise gelöst wird. (Fügungen, Infos die jemand bekommt, Worte die man selbst aufschnappt, einfach Unvorhergesehenes.)

    Diese Erfahrung im Kleinen hat mich immer mutiger gemacht, zu vertrauen: Es geht sehr gut ohne mich.

    Die "Lücke" durchs nicht-verfügbar-sein setzt sich unterschwellig auch als Lücke in der bis dahin selbstverständlichen Versorgtheit des/der anderen fort ... und bringt dort oder im Umfeld (Deine anderen Verwandten) eigene Energie in Bewegung ... ob bewusst oder nicht ... das System verändert sich NUR DADURCH, DASS ein Teilchen die Position verändert. Das braucht Mut, Zuspruch, Bestätigung dass die eigenen Gefühle (vor allem Wut, Scham, Ärger, Hiflosigkeit) berechtigt sind ... und den holen wir uns ja beide schon! 44.

    Ich weiß jetzt, dass ICH das einzige Sprachrohr in meinem eigenen Leben bin. Das kann niemand besser als ich!

    Der erhoffte "Tausch" von "ok, ich helfe euch" zu "dann werde ich mich frei FÜR MEINS fühlen", ... ging all die Jahre für mich nie auf. Das war meine Karotte. Und ich der Esel vom Dienst. Diese Erkenntnis half mir, wütend zu werden. Und genau da ging's und geht es dann auch lang. Was will ich? (Fragt das sonst irgend jemand? Also in meiner Familie nicht.)

    Weil sie selbst kein Interesse daran (oder einfach nicht den inneren Zugang dahin) hatten, frei zu werden. Oder sich mit ihrem echten, abgetrennten Gefühl auseinander zu setzen. (Leugnen als Betriebsmodus ist nicht von außen zu knacken. Außer man sagt: Sorry, für mich stimmt hier etwas nicht. Und deshalb nehme ich Abstand.) Ein Freigeben auf Augenhöhe ginge überhaupt nur, wenn sie FÜR SICH Freiheit wollten und mich dann in "Einsicht" meiner Nöte gehen lassen könnten/würden. (Zur Einsicht fehlt aber ein Bindeglied, das nicht aus unserer Hand zu liefern ist.)

    Wenn ihnen spürbar etwas fehlen würde, für das sie Wagnisse der Veränderung eingehen. Und wenn sie in dem Zuge selbst ... (bin wieder bei ihnen.) - Fakt ist: Sie kennen mich und mein LEBENSGEFÜHL nicht gut genug, um zu wissen, was ICH brauche. Und das hat nichts mit Wertung zu tun. Was weiß ich denn über IHRE eigenen Gründe (Geschichte und Unabänderlichkeiten darin), so zu leben, wie sie es tun? - Auch das: Nicht durch mich aufzulösen. (Danke an eine ehrliche Mitschreiberin für diesen direkten Anstoß, mal darüber nachzudenken.)

    Ach so, und dazu fällt mir gerade noch eine hilfreiche Unterscheidung ein, die ich kürzlich erfuhr:
    "SELBST die Heilung sein wollen" für jemand anderen = unsere Sucht. ("Ich weiß, was du brauchst. Ich liefere die nötigen Bedingungen, ... etc.")
    "Heilend für seinen Weg sein k-ö-n-n-e-n" (mit freiem Ausgang) = Aussprechen: Hier kann ich nicht wie gewohnt weiter machen. Nur so verändert sich die Struktur.

    Du siehst, ich arbeite selbst noch auf allen Kanälen daran, BEI MIR zu bleiben. Die Einsamkeit ohne mich selbst war zu lähmend. Und sie zahlt sich gar nicht aus. Es ist, wie ein Zahnrad (eigene Kraft) zur Verfügung stellen, aber das Getriebe bringt einfach nicht voran, die Mechanik greift ins Leere.

    Ich weiß heute, dass das Leugnen meiner Eltern in mir selbst Platz genommen hat, weit ehe ich eine eigene Wahl (Kenntnis und Entwicklung meiner ureigensten Gefühle) hatte. Und in diese Abgetrenntheit von mir selbst und dem, was mich bewegt, berührt, begeistern kann, abstößt, ... die ganze Palette ... dahin werde ich nicht und kann ich nicht mehr sehenden Auges zurück. Das würde dann ich mir antun.

    Diese Entschlossenheit, dass ich es wirklich Wert bin, als eigene Person ein eigenes Glück zu leben, festigt sich bei mir genau DURCHS entsprechende Handeln. Alles an Hilfen nehmen, das ich kriegen kann, um mich überhaupt "frei" fühlen zu dürfen. Für mich ist das die SHG (mehr noch genesenden Alkoholikern zuzuhören), meine Therapie und das Schreiben.

    Mit jeder Entscheidung zum eigenen Wohl bin ich zugleich umsorgte Empfängerin dieses Einstehens. Und so sammeln sich Wärmepunkte auf der Empfängerseite, die mir wiederum Kraft geben, erneut für mich einzustehen. Gute Erfahrungen stärken mich da!

    Es lohnt sich! Das möchte ich mir und Dir gerade mal sagen.

    Diesen Wust zu schreiben, war auch eine Erinnerung an meinen eigenen Weg und alles, was ich dafür schon gegeben habe.

    Lieben Gruß und pick' Dir einfach raus, was für Dich passt. :)
    Wolfsfrau

    Vielen Dank euch beiden, Bassmann und Greenfox,

    für eure prompte Antwort! Ich habe mir eure Beiträge durchgelesen und suche gerade die Parallele zur nicht-stofflichen Sucht (Sucht als nicht-Leben), die meine freie Sicht auf den real verfügbaren Handlungsspielraumn oft ebenso verschleiert. (Gerade hatte ich mir dazu im PM-Fenster selbst etwas getextet, um es später dann hier einzustellen ... und dann wollte ich da aufräumen ... weg war's.)

    Zwei "Verdächtige" habe ich aber schonmal identifiziert, als mögliche Nebelgranaten (mit zugehörigem Glaubenssatz): "Schuldgefühle" (wie oben vermutet) und noch neu dazu, "Resignation". Beide trüben mein Bewusstsein ein - wenn die Nebelwolke schon wirkt - und begleiten mich in diesen Zustand innerer Untotheit. Bei mir allenfalls von einem flirrendes Angstgefühl oder Unruhe begleitet. Ansonsten sind aber alle Vitalfunktionen des wahr-für-wahr-fühlenden Bewusstseins wie im Substanzrausch ebenfalls "dicht". (Für Handlungsmöglichkeiten, für Mitgestaltung, eigene Grenzen, eine "Wahl" meines eigenen Standpunkts und das Ausüben meines Stimmrechts.)

    ... vielleicht fällt mir morgen noch mehr dazu ein ...

    Lieben Gruß erstmal,
    Wolfsfrau

    Hallo Susanne,

    ich habe Deinen Text gelesen und auch die bisherigen Antworten darauf. Und ich kann nur zum
    "nicht-alkoholischen" Teil etwas beisteuern. Da es mich aber gerade ansprang, möchte ich das auch:

    Ich verstehe Deine Situation so, dass Du partnerschaftliche (seelische) Gewalt erfahren hast,
    dass Du beschämt bist, wie es soweit kommen konnte. Und dass Du DIR die Schuld gibst. :-[ (??)
    (Schuld 'sagt': "Hätte ich mich mehr angestrengt, ... wäre das nicht passiert." - Das ist ein Irrtum ! :) )

    Über solche Fehl-Gedanken, und wie sie in Deinen Kopf kommen konnten, gibt es eine gute Seite im Netz.
    Sie ist speziell an Frauen gerichtet, die ebenfalls exakt in derselben Situation sind, wie Du gerade: Gerupft,
    zerrauft, ohne irgendetwas Gutes an sich finden zu können, und voller Selbstanklage, vielleicht auch Scham.

    Hilfreich für Dich wäre es vielleicht, das Ganze wie eine Forscherin zu lesen, ohne Vormeinung zu Dir selbst?
    https://www.re-empowerment.de/haeusliche-gew…e-misshandlung/

    Am wichtisten scheint mir, raus aus der Scham und inneren Blockade zu kommen, indem Du SPRICHST.
    Mit geschulten Menschen, die Dir helfen werden, die Themen zu sortieren. Dann ist es leichter, aus allem
    KLEINE SCHRITTE zu machen, die schaffbar sind. Und die Dir zeigen, Du kannst Dir sehr wohl vertrauen,
    und Du hast GUTES VERDIENT.

    Es ist schwer, aus einem Tunnel heraus eine Reise-Route zu überblicken. Es kostet vielleicht schon allen Mut,
    das vertraute Schwarz im Tunnel für "was kommt dann wohl?" aufzugeben. - Quasi 'ohne nix' heraus zu treten.

    Ich wünsche Dir jedenfalls Mut, Dich an Neues zu wagen! Auch an den Gedanken, dass mit Dir alles stimmt.
    Eben weil Du 'gesund' reagierst, mit Erschöpfung, Schwere, ... Deine Seele hat scheinbar längst etwas begriffen.
    Nur das Selbstbild (von fremder Hand zerbröselt) kommt nicht mit. Es wird sich aber erholen, wenn Du anfängst,
    Dein Erleben zu formulieren. "Lösungen" kommen aus der Selbstannahme, ... anders entsteht keine innere Kraft,
    die Du dafür brauchst, neues Vertrauen in Dich selbst aufzubauen.

    Tun ist gut. - Du hast hier gezeigt, wie es Dir geht, das war der erste Schritt.

    ... und das Thema "Alkohol" wird sich auch lösen, wenn Dir klar werden kann, warum er in Dein Leben fand.

    Vielleicht ist es sinnvoll, mit einfühlsamer Hilfe (Beratungsstellen) die Reihenfolge Deiner Schritte zu klären?

    Das schreibe ich jetzt alles als Frau :klugsch: , ich wollte Dir gern diese Infos zur Selbsthilfe da lassen. :)

    Lieben Gruß und alles Gute für Dich,
    Wolfsfrau

    p.s.
    Ich hoffe, ich habe mich da nicht verrannt. Aber egal, ob j-d mit oder ohne Alkohol den Respekt verliert,
    sind die Folgen fürs eigene Selbstwertgefühl einfach verheerend. Und ohne dem ist Gutes für sich wollen
    - Heilungsreise antreten - ganz schön schwer. So herum meine ich das hier.

    Hallo, ihr hier, :)

    und ein dickes Danke für dieses Stichwort: "Nebelgranaten" der Sucht

    Und für die Info, dass die Sucht damit schlicht den Blick auf die Realität verstellen "will", eben um ihr Wohnrecht zu behalten.

    Verstehe ich das richtig, dass damit verzerrte Wahrnehmung, verdrehtes Denken und Fühlen, und in der Folge eben sucht-erhaltendes Verhalten gemeint ist? (So dass die Sucht, egal ob Stoff oder Angehöriger, weiterhin ungehindert greifen kann?)

    Ich weiß z.B., dass mein Therapeut manchmal einfach nur unangenehm laut (stimmlich) wurde, fast aggressiv klingend (aber nicht unbeherrscht), ich mich dann erschrak und erst viel später begriff: Der hat da an meine Taucherglocke (Nebel um Kopf und Gefühl) getrommelt, mit einer Rohrzange. Weil ich offenkundig an etwas "gelitten" habe, das einem Suchtmuster geschuldet war, nicht der echten Wahrheit.

    Mir wäre wichtig, einen wacheren Blick für diese Schleich-Gedanken und -gefühle zu bekommen, die den Nebel mit sich bringen, denn ich finde mich z.B. oft in Schuldgefühlen wieder und es dauert gefühlt ewig, bis ich wieder in meiner Klarheit ankomme: Was ich für mich in meinem Leben verlangen 'darf' und auch dafür handeln. - Und was auf der Seite eines anderen seins bleibt. (Nur als Beispiel)

    Wenn ich das jetzt richtig verstehe, dann erzeugen die Schuldgefühle den 'nötigen Nebel', damit ich die Wahrheit um meine eigene Macht in meinem eigenen Leben 'vergesse'?

    Habt ihr eigene Beispiele für das Wirken solcher "Nebelgranaten"? Mich interessiert das total, dahinter liegt Kraft, und an die will ich wieder ran!

    Liebe Grüße und Danke fürs Lesen,
    Wolfsfrau

    Hallo zusammen,

    ich bin vor einiger Zeit auf diese Online-Plattform gestoßen (Charts nach Jahren):
    http:// http://playback.fm/year/1968/

    Dabe bin ich zufällig auf die Gruppe "Aphrodite's Child" aufmerksam geworden (Nr. 41).
    Der Sänger (Demis Roussos) hat so eine aufrechte Intensität,
    die für mich viel mit Vertrauen zu tun hat. Das hat mich total berührt:

    "Rain & Tears" (1968)
    https://www.youtube.com/watch?v=YQyxCL…AUUrB5Q3ULt4UOQ

    Und ich war froh, heraus zu finden, dass er seine Kraft auch über die 70er hinaus beibehalten hat (ohne Sucht?).
    Weitere Songs von ihm, die auch so ein tiefes "Ja" zum Lebensmut ausdrücken, waren für mich dann diese:

    "We shall dance" (1971)
    https://www.youtube.com/watch?v=yhqQGe3Y1zY

    "When I'm a Kid" (1973)
    https://www.youtube.com/watch?v=L5FAgt…AUUrB5Q3ULt4UOQ

    ... und je oller, je doller (da kommen arabische Elemente ins Spiel) .... :

    "Dinata" (2008),
    https://www.youtube.com/watch?v=2jWVhMzVA94


    Einfach schön, wie Ladungen von SONNE in Ohr und Herz!
    Wohlwollend, kraftvoll, mutmachend und lebensfroh. Die Texte sind da fast zweitrangig.
    (Kann ich aber auch gern noch raussuchen.)

    Viel Freude damit, ;D

    Wolfsfrau

    Hallo Liv,

    ich habe jetzt erst die innere Ruhe, Dir zu Deiner Frage noch schreiben zu können. :)

    Ich bin immer im Zwiespalt, wie ich mit meinen widersprüchlichen Gefühlen umgehen soll. Grenze ich mich ab, flüstert mir eine Stimme ein: "Aber sie mögen dich doch, wollen doch nur dein Bestes, können eben nicht anders, sind doch eigentlich gute Menschen, haben es nie anders gelernt", und gehe ich auf sie zu und lasse mich auf sie ein (was ich ganz unbelehrbar immer wieder mache), ziehe ich mir die gleichen seelischen Verletzungen zu, wie schon in den letzten 20 und mehr Jahren.

    Hm. Wie machst du das so? Wie schaffst du die nötige Distanz von deinen Eltern? (falls du sie schaffst)

    Für mich gibt es da kein durchgehendes "Rezept", wie ich vorgehen kann.

    Aber ich habe festgestellt, je besser ich selbst innerlich versorgt bin (indem ich Dinge für mich mache, meinen Wünschen, Gefühlen und Zielen folge), umso weniger Raum nimmt das Denken an meine Eltern ein. - In solchen Phasen halte ich automatisch mehr Abstand, ich möchte dann in meinem Leben 'bleiben'.

    Manchmal passierte es mir, dass ich "zu früh" wieder hingefahren bin und mir prompt den vertrauten Rückfall in Taubheit bis zur Freudlosigkeit eingefangen habe. Einfach, weil es auch mir schwer fällt, meine mühsam aufgebaute Lebensfreude "gegen" sie zu "behaupten".

    Es hängt einfach von meinem eigenen Prozess ab, und wo ich da selbst gerade bin, ob oder nicht ... ich hinfahre.

    Wenn ich z.B. lese, dass du "eigentlich" gerade auf Abstand aus warst, weil das für Dich dran ist, würde ich das genau so kommunizieren. Meine Mutter weiß zwar, dass ich unterschiedlich "gut zu Fuß" bin (innerlich), und wenn ich gerade nicht so gut aufgestellt bin, sage ich das einfach und schlage einen anderen Zeitpunkt vor oder sage "ich melde mich wieder, ok?".

    Das klappt ganz gut.

    Die echte Ansage - von meiner Seite aus - dass es IHR Kram ist, und der zwischen meinen Eltern (das nicht-reden, nicht-fühlen) - der mich runterzieht, habe ich bislang nicht gemacht. Dann wäre vermutlich alles völlig verkrampft. Also mehr, als ohnehin schon.

    Im Kopf kann ich uns inzwischen ganz gut als "unterschiedlich" sehen, so dass ich allzu viel Verständnis für meinen Weg gar nicht mehr erwarte. Aber im Herzen ist es jedesmal wieder ein Stich, wenn ich alles dort "sehe" (die innere Verarmung) und genau weiß, ICH kann daran nichts verändern. Ich kann mich nur bemühen, ihre Sucht als Krankheit zu sehen, keine 'normalen' Erwartungen an Kontakt mit ihnen zu haben. Und: Rechzeitig merken, wenn die Luft für mich dünn wird.

    Ich löse das für mich momentan mit recht kurzen Besuchen für einen halben Tag. Zum Kaffee, oder auch mal zum Mittag.

    Es ist etwas seltsam, in aller Verzerrung dort doch für diese Weile auch Vertrautheit zu spüren. Und dann, wenn ich draußen bin, doch ganz schnell in meine eigene Welt und Energie zurück finden zu wollen. Dann freue ich mich auf den Zug und darauf, dass ich nach dem Aussteigen wieder Herrin über meinen Weg (Freude, Schritte tun, bzw. Gefühle zulassen, wenn mal alles zu stehen scheint).

    ... so gehe ich damit um. Und ich weiß ebenso, dass es sich trotzdem immer unterschiedlich gut in mir anfühlt, ob ich mich stark genug für einen Besuch fühle oder nicht.

    Mir hilft sehr, den Wunsch nach Kontakt auch meiner Mutter selbst in ihre Eigenverantwortung zurück zu geben. So komme ich ganz gut aus dem Kümmern raus, und sie fühlt sich nicht wie eine zu be-kümmernde Person. Mir war lange nicht klar, dass ich damit bei ihr keine Kraft anspreche, sondern immer nur den Teil, mit dem sie selbst vermutlich auch sehr unglücklicht ist (körperliche Schwäche, Baustellen infolge einer anderen Erkrankung).

    Wenn ich also etwas inneren Abstand halten kann und mich innerlich mehr in meinem Leben aufhalte, rufe ich auch aus meiner eigenen Gelassenheit dort an. Dann läuft ein Gespräch spannungsfreier, als wenn ich besorgt und zugleich sauer darüber bin, eben weil ich eigentlich selbst etwas brauche. (Mir das aber nicht gestatte und also schwach/angespannt dort antrete.) Eine Hilfe bin ich wirklich nur, wenn es mir selbst so gut geht, dass ich auch fühle: Ihr und ich, wir leben unterschiedlich und ich bin völlig frei, das zu tun. Es darf mir gut gehen, ohne dass ich Euch etwas "wegnehme".

    Das soll es erstmal gewesen sein ... - ich hoffe, Du kannst da etwas hilfreiches für Dich raus picken. :)

    Liebe Grüße,
    Wolfsfrau

    Hallo Liv, :)

    'Willkommen im Club' 8), ist mir als erstes beim Lesen entfahren.

    Das klingt flapsig, aber tatsächlich ähnelt sich unsere Geschichte,
    als wären wir thematisch "Zwillinge". Sogar das Alter meiner Eltern stimmt.
    (Nur bekamen sie mich 15 Jahre früher. ;) )

    Gleiche Akteure, gleiches Bühnenspiel, gleiche Verstrickung, ... gleiche Lage.

    Auch meine werden gebrechlich, ihr Leugnen ist unumstößlich, meine Gefühle
    ebenfalls Hass darauf und eine Art von Liebe, die Abstandnehmen schwer macht.

    Ich kann Deine Eltern-Geschichte, vermute ich, zu 100% nachfühlen.

    Ich hatte nur nie eine Schwester. Es tut mir leid, dass Du sie verloren hast.
    Ich hoffe, Du hast Menschen, mit denen Du darüber geschützt sprechen kannst.

    Schön dass Du dabei bist!

    Liebe Grüße,
    Wolfsfrau

    Hallo Greenfox,

    ja, die Abkürzungen ... ich habe am Anfang überhaupt nicht durchgeblickt, wie ich "heiße".
    Wenn man das in Zugehörigkeit zur entsprechenden 'Untergruppe' im SHG-Bereich sagen will:

    Ich bin co-abhängig, bezogen auf die Alkohol-Sucht meiner Eltern, das heißt dann Al-Anon.
    Ich bin co-abhängig, bezogen auf meine Rolle in eigenen Beziehungen, das ist dann CoDA.
    Ich bin selbst-wert-beschädigt durch typische Muster des Aufwachsens in Suchtfamilie: EKS.

    Aber ich fühle mich nicht (mehr) gespalten, es dreht sich immer um denselben Kern.
    (Selbstwert, innere Unabhängigkeit)


    Danke für Deinen Hinweis zum geschützten Bereich!

    Ich lese gerade sehr viel mit und bin schon davon persönlich sehr berührt.
    Vieles, was Alkoholiker über ihren Weg zur Stabilität schreiben, passt auch für mich.
    Und viele Themen, die Angehörige haben, erinnern mich an meinen eigenen Prozess.

    Mir wird gerade beim Schreiben klar, dass meine Aufgabe jetzt eine andere ist
    als zu Beginn meiner Genesung. Das klingt lapidar, erklärt mir aber viele Spannungen.

    Ich wünsche uns allen einen hellen Tag (innen),

    Wolfsfrau


    Schreiben werde ich auch noch.

    Lieben Dank für eure Rückmeldungen,

    Greenfox und Gerchla .

    Das hat jetzt mich berührt. Dass man soviel drin 'lesen' kann.
    Es sind ja gemeinhin 'nur' meine Gedanken, Entdeckungen usw. ...
    und ich drehe mich damit gern auch mal selbst im Kreis.

    Hier freue ich mich aber, dass ich einfach weitergeben konnte.
    Dass es schon genesende Anteile in mir gibt, die ein gutes Gedächtnis haben. ;)

    Für mich ist das Abgeben an eine größere Weisheit als meine (leider!) beschränkte
    eigene ein wichtiges Hilfsmittel, mich vor erneutem Perfektionismus zu schützen.

    Freue mich sehr, dass ich mit dieser Vorstellung hier nicht ganz falsch bin!


    ... und ich hoffe, Sunshine kommt hier irgendwann nochmal vorbei ...

    Euch allen liebe Grüße,
    von der Wolfsfrau

    Hallo Sunshine! :)

    Ich bin selbst erst seit heute hier am Schreiben, aber ich bin schon länger EKS (Erwachsenes Kind aus Suchtkranker Familie). Meine Eltern sind auch beide alkoholkrank.

    Durch meine Therapie (seit 2011) habe ich schrittweise begreifen können, dass ich unterscheiden darf zwischen dem Leben meiner Eltern und meinem. Wer was fühlt, wer was will, und wer es wie zu machen versucht, das zu bekommen. - Sehr spannend!

    Ich sage es vorneweg: All diese Einsichten können das Band nicht einfach so durchtrennen, das auch mich mit meiner Mutter verbindet. Auch meine ist ein warmherziger, spontaner, großzügiger und absolut hilfreicher Mensch. "Wenn" - ja, wenn - sie denn nicht KRANK wäre, und in der Folge ein verändertes Denken, Fühlen und Handeln erlebt.

    Bis heute bin ich versucht, mit Mini-Waffen gegen das unsinkbare Leugnen der Sucht anzutreten. Hier ein Piks, da mal ein Kniff, ich habe es bis zu einem Tritt vors Schienbein geschafft, einen Brief an sie (samt Broschüren über Anlaufstellen für die Genesung) ... damals unter Angstschweiß ... mein aller erstes Ausscheren aus der Schonung ihrer Person - Als Antwort erhielt ich einen (!!!) Einzeiler mit allen Broschüren anbei: "Ich habe keine Verwendung dafür."

    Bum.
    Faust in Bauch.
    Das war gut gegen meinen Eifer.
    Und hat mir gezeigt, wo ich stehe. (Aua.)

    Dann fiel es mir eine lange Zeit leichter, Abstand zu nehmen und mich verar***t zu fühlen. Weil ihr ihre Sucht offenkundig wirklich wichtiger war als alles Persönliche, das ich ihr zu meiner eigenen Genesung und zum Beitrag der SHG's geschrieben habe. (Um ihr Mut zu machen, sich mitzuteilen und auch, um es keinesfalls als beschämend oder zurechtweisend, "du bist krank (nicht ich)", hinzustellen.)

    Ich lebte mit der Version: "Ok, klare Fronten also. Ich brauche und will MEINE Genesung. Ich gebe meine Kraft nicht länger dafür her, gegen IHR Leugnen anzurennen. Das zermürbt am Ende mich. Ich möchte meinen Kopf wieder frei bekommen, für MEIN Leben, meien Bedürfnisse und meine Gefühle. Das gebe ich nieee wieder auf." (Gerade frisch in der Therapie zurück erobert.)

    ... und aus der Zeit (2012/13) kann ich Dir Gedanken / Fakten da lassen, die mir durch die Therapie zum Thema "Sucht" vermittelt wurden. Sehr hilfreiche Erkenntnisse für mich, da sie mir deutlich machen, wo ich an meiner Mutter (wo sie innerlich wirklich ist - in einem Tunnel), vorbei renne und mich an etwas in ihr adressiere (ihre innere Freiheit im Fühlen, ihre echte Bezogenheit auf ihr Empfinden und von da aus auch auf mich), das gar nicht verfügbar war. (Möglicherweise nie.)

    Wenn Du magst, schreibe ich mal kurz direkt hinter die Beschreibungen von Dir.
    (Vielleicht passt ja etwas für Deinen Fall? Wenn nicht, einfach hier liegen lassen als meins. :) )


    Auf der einen Seite weiß ich, dass es eigentlich wichtig wäre etwas Abstand zu haben
    (wir würden alternativ zu meinen Schwiegereltern ziehen, die wohnen nciht weit entfernt).

    "eigentlich" möchte ich - weg von dem allen. (Mein ehrliches Gefühl.) Das ist ein Satz von mir.
    Und danach passiert genau das, was auch Du schilderst: "aber" ... ich kann doch nicht. Die Arme.


    Auf der anderen Seite weiß ich wie sehr meine Eltern sich freuen würden
    wenn wir doch vorrübergehend einziehen, dann mit baby etc...!

    Richtig: SIE würden sich freuen. Weil sie ein bestimmtes Bild von Familie und vielleicht auch
    ihrer eigenen Wunschrolle darin haben. Vielleicht stärkt es sogar beide, dass sie "jemand" für
    Dich und ihr Enkelkind sind. - Das können sie ja auch nach der Entgiftung noch, wenn nicht noch
    viel besser dann. Es ist ja nur eine Frage der Zeit und Geduld, wann es soweit ist. (Wenn sie wollen!)


    Meine Mama flehte mich weinend an das wir doch bitte bitte einziehen
    und das sie es auch stationär macht etc...!

    Diese Situation - ein Versprechen an mich - habe ich so nicht erlebt. Aber ich habe gehört,
    von trockenen Alkoholikern, dass Genesung nie funktioniert, wenn es für jemanden anders ist.
    Es muss - wohl wie bei meiner Mama auch - IHRe Motivation sein, mehr von ihrem Leben
    haben zu wollen, als der seelische Dauerdruck (Scham, Selbstüberforderung, Perfektionismus)
    der Sucht in ihr zulässt. Wenn es wieder nur geschieht, um für j-d anderen (Partner oder Kind)
    endlich "richtig" oder dann "wertvoll" zu sein, ist es eine Fortsetzung des süchtigen Denkens:

    "Wenn ich X oder Y geschafft habe, bin ich richtig gut / wertvoll / werde ich geliebt / stimme ich."
    (Diese Schablone wirkt auch in mir, ich fülle nur die vermeintliche Bedingung mit anderem Inhalt.

    Statt einem eigenen Herzenswunsch ist wieder ein Kampf um äußeres Genügen / Funktionieren
    im Gange. Dann wird die Genesung so verbissen betrieben, dass es wieder Flucht/Sucht braucht.
    (Also dass die Angst vorm Scheitern - und damit "nichts Wert zu sein" - den Druck wieder erhöht.)

    Das ist das, was ich aus SHG-Treffen über die Jahre mitgenommen habe.
    Und es deckt sich mit den Berichten trockener Alkoholiker, wenn sie sagen, SIE mussten es wollen.
    Ich kann mir das genau so vorstellen. Toll, dass hier beide Gruppen schreiben. Das finde ich hilfreich.


    Freund möchte es nicht, er ist auch so sauer weil meine Eltern auch keine Rücksicht auf mich
    nehmen und daran was sie mir und dem Baby in mir antun.


    Das ist wieder das echte Gefühl, die berechtigte Reaktion (auf das frustrierende Erlebnis).
    So wie Dein oberster Satz, dass "eigentlich" Abstand gut wäre. (Sogar für beide Seiten.)


    Auf der anderen Seite sind sie krank. Meine Mutter ist ein ganz lieber mensch
    und ich weiß das sie eine liebe oma wäre...!


    ... das ist auch für mich der härteste Teil! - Ich weiß, wie meine Mutter "gehört" und wie sie war,
    ehe das alles los ging oder sich steigerte. Das, ihre Wesensart, ihre Lebendigkeit, möchte ich ihr (und
    mir) so gern zurück geben. (Ausgerechnet ich. Ich kann sie mit Opfern / Forderungen nicht kurieren.)

    Sie ist (wie Deine Mutter auch) wirklich krank und braucht andere Medizin als meine 'Opfer' an sie.
    Ein 'Opfer' wäre es aus meiner Sicht auch, wenn Du ihr ZULIEBE etwas durchziehst, das Dir Magenweh
    macht. Weil die Bedingungen dafür nicht stimmen. (Verlässlichkeit Deiner Eltern, Frieden für Dich.)
    Ihr hattet das geplant, dort einzuziehen. Jetzt ist aber wieder alles neu, wir dürfen umentscheiden!


    Ich staune gerade selbst, wie schlau und klar-geistig ich das alles jemand anderem sagen kann! (Dir.)

    ... und rate mal, wo ich hier bald auf der Matte stehe (eigener Faden), um es mir dann von anderen abzuholen ... 8)
    ... wenn mein Denken sich wieder wie eine Kreissäge heiß läuft. Unsere Sucht ist eben auch nicht ohne!

    Wir (Erwachsenen Kinder) haben aber eine Chance, genau wie andere Süchtige!

    Und wir können jederzeit beschließen, selbst festzulegen, wie WIR Kontakt haben wollen. Mit wem und unter welchen Rahmenbedingungen es uns gut tut. Das gilt sogar für die eigenen Eltern. Woher weiß ich das auf einmal alles noch?! (Genau an diesem Punkt bin ich innerlich nämlich seit 2014 im Standgas zugange. Und habe auch heute mit der Klarheit und Erlaubnis dazu in mir gerungen.)

    Ich möchte mich gerade mal herzlich 'nach oben' bedanken, dass ich Deinen Post fand und mir auf die Weise selbst nochmal das ein oder andere ins Bewusstsein rufen konnte. Prima, das hat mir selbst jetzt auch gerade richtig Kraft gegeben!

    Ich sende Dir jedenfalls ganz viel Mut, zu Dir und Deinem Gefühl zu stehen. (... und mir natürlich auch.)

    Wir schaffen das! (Ich meine alle hier, die mit diesem Thema zu tun haben. ;) )

    Liebe Grüße,
    von der Wolfsfrau

    Hallo Gerchla, und Hallo Greenfox, *zurückwink*

    Dankeschön für Euer nettes Willkommen! :)


    Greenfox ,

    zu Deinen Fragen:

    Also, ich wollte im Angehörigen-Board noch schreiben.

    Und ich bin "Erwachsenes Kind aus Suchtkranker Familie" (EKS).

    Das fühlt sich oft an wie "und Ewig Kreist die Säge" (im Kopf),
    weil man kaum mitbekommt, was man selbst fühlt und will,
    stattdessen reichlich mit eigenen Schuldgefühlen bedient wird,
    wenn man sich von der süchtigen Familie (Eltern) abwenden will.

    Bisher habe ich die Trennung der Verantwortlichkeiten im Kopf noch nicht klar.
    Ich hänge immer noch an der Angel, "es" schöner machen zu wollen/müssen,
    für meine Mutter (süchtig), unser Miteinander, ihren Lebensabend, was immer.
    Sie trinkt nicht mehr aktiv, leugnet und blockt aber alles Emotionale weg.
    Sie verliert an Kraft und innerem Halt, und ich will nicht länger zusehen.

    Als Person und Mensch liebe ich sie aber, kurz: mein Denken kreist um sie.
    (Deine Vermutung "Ewiger Kreislauf Sucht" passt auf mich ganz hervorragend!)

    Ich konnte immer aus allen möglichen Beziehungen abspringen, die mir schadeten,
    es fehlt nicht am Mut, es "anderswie" besser zu haben. Im Fall meiner Mutter aber,
    da stehen noch ganz andere Themen im Raum, auch unsere Rollen für einander.
    Ich kämpfe nicht gegen ein Suchtmittel allein an (sie), sondern ich fühle mich schuldig.
    Für alles, was sie nie hatte (Wärme, Nähe, Genesung) und was sie alleine 'aushält'.
    (Oder auch nicht. Sie wirkt nicht so, als sei sie damit im Frieden oder im Gleichgewicht.)

    Ich sehe mehr, als ich ansprechen darf. Und der Konflikt zieht dann mir die Schuhe aus.

    ... das war jetzt die längere Version, ... vielleicht kopiere ich sie in einen späteren Faden,
    mal sehen.


    Eine Frage habe ich jetzt auch nochmal:
    Ist alles hier Geschriebene 1:1 im Netz mitlesbar? Oder gibt es auch geschützte Bereiche?

    nur mal so aus Interesse, und dass man nicht detailliert über Dritte schreibt, ist dann klar.

    Lieben Gruß erstmal,
    Wolfsfrau

    Ein freundliches "Hallo" in eure Runde, :)

    ich hatte gerade einen langen Text geschrieben, der war dann beim Klick auf "Schreiben" weg. ("Sie haben keine Rechte, hier ein Neues Thema zu starten" ?) :( Lag das jetzt an irgendwelchen Einstellungen (PC) oder hat jemand Tipps für mich?

    Meine persönliche Vorstellung werde ich dann in einem eigenen Faden an anderer Stelle (EKS) nachholen, das ist vielleicht auch völlig passend so.

    Ich freue mich einfach, hier zu sein und wollte mich kurz zeigen, da ich seit heute angemeldet bin.

    Liebe Grüße,
    wolfsfrau