Hallo Dagny,
ganz lieben Dank für Deine ausführlichen Zeilen. Ich will Dich nicht mit meinen Gedanken penetrieren aber ich verspüre das Bedürfnis mich noch etwas intensiver mit Dir auszutauschen. Wenn es Dir zu viel werden sollte, dann sag es einfach oder gehe einfach nicht mehr darauf ein. Ich habe hier im Forum, ich glaube ich kam 2015 dazu und war da schon einige Zeit trocken, mittlerweile mit sehr vielen und auch sehr unterschiedlichen Menschen kommunizieren dürfen.
Und ich glaube ich habe ein Gespür dafür entwickelt, welche dieser Menschen ich mit meinen Gedanken und Erfahrungen erreichen kann und welche eher weniger oder gar nicht. Das schöne hier ist, dass auch bei den regelmäßigen Vielschreibern ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Herangehensweisen vorzufinden sind. Ich erlebe es so, dass wir uns in der Sache alle einig sind, jedoch sich die "Methoden" durchaus unterscheiden können. Was ich jederzeit akzeptiere und respektiere. Und so könnte man sagen, dass für jeden Hilfesuchenden, zumindest jeden ernsthaft Hilfesuchenden, hier jemand dabei ist, der zu ihm "passt".
Und um auf den Punkt zu kommen: Wenn ich Dich so lese, auch das was Du jetzt z. B. Susanne geschrieben hast, dann entdecke ich da ziemlich viele Parallen zu mir. Damit meine ich noch nicht mal unsere Suchtgeschichte, denn die unterscheidet sich sicher, sondern ich meine Deine Denkweise und Deine Schlussfolgerungen die Du ziehst. Da ist vieles dabei, dass ich auch so sehe bzw. das ich so eben auch erlebt oder gefühlt habe. Das finde ich sehr schön, weil ich hier das Gefühl habe, dass Dich das was ich zu sagen oder zu berichten habe, wirklich inspirieren könnte. Ich meine zu spüren, dass Du meine "Art" verstehst und für Dich Dinge ableiten kannst. Das ist auch für mich ein sehr schönes Gefühl und irgendwo auch der Sinn, warum ich hier schreibe.
Deshalb will ich Dir einfach noch ein paar Gedanken da lassen, in etwa so, als ob wir uns irgendwo analog unterhalten würden.
ZitatIch denke, auf der Suche nach einem Weg in die Abstinenz machen wir besonders am Anfang oft ähnliche Schritte und erleben ähnliche Erfahrungen. Erst später kommt man zu einer Kreuzung wo jeder den eigenen Weg gehen muss…
Sehr schön gesagt. Ich habe schon häufiger gesagt bzw. auch geschrieben, dass ich der Meinung bin, dass diese Krankheit, wenn man sie von außen und eher oberflächlich betrachtet, immer ein sehr ähnliches Muster aufweist. Es scheint zunächst so, als ob das bei allen oder den meisten Alkoholikern irgendwie gleich abläuft. Sowohl was das reinrutschen in die Sucht betrifft, dann die Sucht selbst und dann auch das wieder heraus kommen. Oberflächlich betrachtet rutscht man da irgendwie rein (die "Gründe" sind oft die "gleichen"), dann ist man einer Kategorie eines Alkoholikers zuzuordnen und wenn man zu den Glücklichen gehört die es wieder raus schaffen, dann schaut das auch erst mal irgendwie alles ähnlich aus. Viele machen Therapie, lassen sich wie auch immer helfen und versuchen die bewährten und klassischen Regeln, die dabei helfen sollen nicht mehr zu trinken, anzuwenden.
Aber, wenn man genauer hin schaut, dann steckt bei JEDEM einzelnen von uns eine ganz individuelle Suchtgeschichte dahinter mit ganz indivduellen Maßnahmen die dann dazu geführt haben, dass wir es doch wieder heraus schaffen konnten. Alkoholsucht ist doch eine höchstindividuelle Krankheit, wie es am Ende alle psychischen Erkrankungen sind. Und ganz am Ende muss sich trotz aller Hilfe jeder selbst helfen. Zu hoffen, dass es die anderen (also die Helfer) richten werden, funktioniert nicht. Man muss (sollte) mit sich und seinem Leben ins Reine kommen. Und ich glaube das muss man am Ende selbst schaffen, da hilft zwar Input von außen, aber tun muss man es selbst.
ZitatTja..das ist gerad der Punkt, der mich beschäftigt. Ich weiss, ich hatte echt Glück, dass ich jetzt auf dem Sumpf rausgekrochen habe…
Du, ich glaube, ich hatte nicht weniger Glück als Du. Ich frage mich oft, warum es von denen die wirklich weg wollen vom Alkohol, nur so wenige schaffen. Da geistert ja in den diversen Statistiken der Wert von etwa 10 % herum. Lass es 20 oder 25 % sein, ich denke da gibt es vielleicht auch eine Dunkelziffer. Trotzdem ist es wohl die große Mehrheit, die innerhalb der ersten beiden Jahre rückfällig wird. So, und warum habe gerade ich es jetzt eigentlich geschafft? Ich will nicht so anmaßend sein und von mir glauben, dass ich schlauer, ehrgeiziger, disziplinierter, etc. bin als all die anderen die es versucht haben. Ich spreche ja wirklich nur von jenen, die es ERNSTHAFT versucht haben, Therapie hatten, etc. Also warum ich?
Tja, da bleibt mir dann nur noch das Glück. Das Glück zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Entscheidungen oft, die sich dann erst im Nachhinein als die Richtigen heraus stellten und von denen ich zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht wusste, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Oder das Glück (manchmal auch der Zufall) die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben. Meine Story mit dem Mönch ist da für mich so ein Beispiel. Er spielte eine zentrale Rolle, wirklich eine ganz zentrale. Und nachdem ich bei meinem Psychologen eher auf Unverständnis gestossen bin, ich dort echte Schwierigkeiten hatte und wirklich ziemlich verzweifelt war, kam mir dieser Mönch in den Sinn. Den ich viele Jahre vorher mal flüchtig gesehen und reden habe hören. Es gab da nicht mal ein persönliches Gespräch. Im Grunde war es meine Ex-Frau, die zu mir sagte: du warst doch damals so begeistert von diesem Mönch bei dem du diese Krippenführung gemacht hast. Wäre der nicht jemand mit dem du sprechen könntest.
Also verstehst Du? Meine Frau, die belogen und betrogen und dann auch noch verlassen hatte (und ich spreche jetzt hier ja wirklich von den ersten Monaten meiner Zeit ohne Alkohol, also alles ganz frisch), die brachte mich auf diesen Gedanken. Wie soll man das jetzt nennen? Hat nichts mit Disziplin, klarem Plan oder besonderer Klugheit meinerseits zu tun. Es war einfach nur Glück oder, für jene die an eine höhere Macht glauben, eine Fügung die von oben kam. Und so gab es in meiner Geschichte einige Punkte wo ich einfach nur Glück hatte (oder Fügung) und andere eben nicht.
ZitatMuss auch sagen, dass ich keine grosse Trümmerfelder hinterlassen habe…
Das freut mich sehr für Dich. Sei froh und dankbar das es so ist. Es scheint, als ob Du die Reißleine trotz allem noch rechtzeitig ziehen konntest. Das ist toll. Oft geht es erst mal gaaaaanz tief nach unten, natürlich mit den entsprechenden Kollateralschäden, die dann nicht selten irreperabel sind. Und da meine ich nicht nur die physischen Schäden sondern vor allem auch die psychischen und hier vor allem auch die, die man seinem Umfeld zugefügt hat. So wie ich das auch getan habe.
ZitatUnd bitte nicht so verstehen, als ob ich mir ein „Hintertürchen“ offenlasse. Es geht nur darum, dass ich nicht weiss wie es in der Zukuft kommt.
Ich glaube, ich habe Dich schon richtig verstanden. Ich habe zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass Du Dir ein Hintertürchen offen lassen möchtest. Hätte ich das gedacht, hätte ich es Dir geschrieben, so frei bin ich dann schon
Und genau wie Du schreibst: Ich weiß auch nicht wie es in der Zukunft kommt. Es gab, seit ich trocken bin, schon ein paar Einschläge in meinem Leben aber so richtig heftige, also so richtig richtig heftige waren noch nicht dabei. Ich kann Dir nicht sagen, was bei mir passieren würde, wenn z. B. einem meiner Kinder etwas passieren würde oder meiner Frau. Verstehtst Du was ich meine? Wenn mir Dinge wiederfahren würden, die man keinem Menschen wünscht. Ich kann mich hier nicht hinstellen und sagen: Egal was kommt, ich würde nie mehr zur Flasche greifen. Ich kann nur sagen, dass ich versuche mich vorzubereiten und mein Leben so zu gestalten, dass ich auch schwere Schläge ohne Alkohol überstehen kann. Aber.... Theorie und Praxis.... Ich weiß es nicht und ich hoffe, ich muss es nie heraus finden.
ZitatIch freue mich für Dich sehr, dass Du jetzt glücklich und zufrieden bist und Sinn Deines Lebens gefunden hast…Das ist nämlich gar nicht so einfach.
Ob ich das finde..schwer zu sagen…Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Wege schon… Ich spüre schon dass ich mein Frieden mit mir selbst langsam bekomme und Veränderungen gehen weiter..
Die Sache mit dem Sinn. Diskussionen darüber sind nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Für mich war es irgendwann die zentrale Frage. Ich fragte mich: Warum ist mir das passiert? Was hatte das für einen Sinn? Kann das am Ende vielleicht sogar für etwas gut gewesen sein? Und, da ich von Anfang an so eine Dankbarkeit spürte das ich nicht mehr trinken musste, kam die Frage: Was machst du jetzt daraus? Aus dieser gigantischen Chance ein neues Leben beginnen zu können? Das kannst du doch du doch nicht (wieder) einfach so vor sich hin plätschern lassen?
Das sind jetzt hier von mir formulierte Fragen die ich mir stellte. In der Realität war das, genau wie Du es schreibst, eingebettet in einen langen Prozess. Der eben dann diese Fragen und viele andere hervor brachte.
Ich glaube einfach, dass Du genau in diesem Prozess steckst. Und ich sage Dir: Genieße diesen Prozess und nimm ihn bewusst war. Nimm Dir unbedingt Zeit dafür. Ich zweifle nicht daran, dass auch Du dann Deinen Sinn finden wirst.
Und am Ende bin ich wirklich davon überzeugt, dass ein zufriedenes oder auch glückliches (wobei Glück eine sehr indivduelle Sache ist) Leben die beste Prävention vor einer Sucht ist. Wenn Du zufrieden oder glücklich bist, dann bist Du mit Dir im Reinen. Du liebst Dich sozusagen selbst, was nichts mit Arroganz, Egoismus oder so zu tun hat. Du fühlst Dich gut so wie Du bist und nimmst Dich selbst so an, wie Du bist. Wozu soll dann, liebe Dagny, der Alkohol noch einen Sinn haben? Wenn Du überlegst wozu Du (oder auch ich) ihn eingesetzt hast. Am Ende doch nur, um etwas zu verändern, möglichst schnell. Locker werden, Stress abbauen, sprich sich mal wegbeamen und an nichts mehr denken, Minderwertigkeitskomplexe überwinden und mal der sein, der man eigentlich nicht war aber gerne sein möchte, etc. Wenn Du Dich so liebst wie Du bist und wenn Du mit Dir und Deinem Umfeld im Reinen bist, dann ist das alles hinfällig. Und auch Stress und Einschläge von außen kann man dann ganz anders abfedern. Da braucht es dann kein Wegbeamen mehr, da kann man dann auch mal was aushalten.
Und da wir uns, wie Du ja auch geschrieben hast, ständig verändern und nie derjenige oder diejenige bleiben die wir gerade sind, ist das alles eben ein andauernder Prozess. Ein Arbeiten an sich und seinen Zielen, ein daran arbeiten wo zu werden oder zu sein, wie man gerne sein möchte. Und ich glaube, hier kann man nie den "Gipfel" erreichen und möchte ihn auch gar nicht erreichen. Denn wenn ich wirklich mal ganz oben wäre, dann würde der weitere Weg ja nur noch herab führen. Und wenn ich von "arbeiten" schreibe, dann meine ich das positiv. Diese "arbeiten" ist etwas ganz tolles und erfüllendes.
ZitatEs ist schon komisch irgendwie …..vielleicht gerade „dank“ dem Alkoholproblem erfahre ich überhaupt dieses „Neugeburt“…Es ist als ob man neues Leben anfängt, was de facto auch so ist…
Und ich glaube, genau so ist es auch. Du bist an einem Punkt an dem ich auch war. Ich merkte plötzlich, dass ich meiner Sucht, also dieser schlimmen Zeit, sogar dankbar sein darf. Ich will damit keinesfalls sagen, dass man das unbedingt haben muss, also so eine Suchtkarriere. Ich kann aber für mich sagen, dass ich dieses wunderbare Leben, dieses bewusste Leben das ich heute führen darf, ohne diese schrecklichen Erfahrungen nie erreicht hätte. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem tut es mir unheimlich Leid für alle, die unter meiner Sucht leiden mussten. Vor allem meine erste Frau und meine Kinder. Und wie Du ja weißt, waren genau diese Schuldgefühle die größte Herausforderung bei der Aufarbeitung für mich. Heute habe ich eine echt gute Beziehung zu meiner ersten Frau und auch eine richtig gute Beziehung zu meinen Kindern. Auch das war ein Prozess und auch hier kenne ich so viele Geschichten anderer, wo das ganz anders aussieht. Und genau daraus ziehe ich auch meine Dankbarkeit und meine Zuversicht.
So, wieder viel geschrieben. Vielleicht ein paar Denkanstösse für Dich aber wenn ich ehrlich bin, auch ganz viele für mich. Alleine nur beim Herunterschreiben meiner Gedanken. Dafür danke ich Dir.
LG
Gerchla