Beiträge von Gerchla

    Hallo Dagny,

    ganz lieben Dank für Deine ausführlichen Zeilen. Ich will Dich nicht mit meinen Gedanken penetrieren aber ich verspüre das Bedürfnis mich noch etwas intensiver mit Dir auszutauschen. Wenn es Dir zu viel werden sollte, dann sag es einfach oder gehe einfach nicht mehr darauf ein. Ich habe hier im Forum, ich glaube ich kam 2015 dazu und war da schon einige Zeit trocken, mittlerweile mit sehr vielen und auch sehr unterschiedlichen Menschen kommunizieren dürfen.

    Und ich glaube ich habe ein Gespür dafür entwickelt, welche dieser Menschen ich mit meinen Gedanken und Erfahrungen erreichen kann und welche eher weniger oder gar nicht. Das schöne hier ist, dass auch bei den regelmäßigen Vielschreibern ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Herangehensweisen vorzufinden sind. Ich erlebe es so, dass wir uns in der Sache alle einig sind, jedoch sich die "Methoden" durchaus unterscheiden können. Was ich jederzeit akzeptiere und respektiere. Und so könnte man sagen, dass für jeden Hilfesuchenden, zumindest jeden ernsthaft Hilfesuchenden, hier jemand dabei ist, der zu ihm "passt".

    Und um auf den Punkt zu kommen: Wenn ich Dich so lese, auch das was Du jetzt z. B. Susanne geschrieben hast, dann entdecke ich da ziemlich viele Parallen zu mir. Damit meine ich noch nicht mal unsere Suchtgeschichte, denn die unterscheidet sich sicher, sondern ich meine Deine Denkweise und Deine Schlussfolgerungen die Du ziehst. Da ist vieles dabei, dass ich auch so sehe bzw. das ich so eben auch erlebt oder gefühlt habe. Das finde ich sehr schön, weil ich hier das Gefühl habe, dass Dich das was ich zu sagen oder zu berichten habe, wirklich inspirieren könnte. Ich meine zu spüren, dass Du meine "Art" verstehst und für Dich Dinge ableiten kannst. Das ist auch für mich ein sehr schönes Gefühl und irgendwo auch der Sinn, warum ich hier schreibe.

    Deshalb will ich Dir einfach noch ein paar Gedanken da lassen, in etwa so, als ob wir uns irgendwo analog unterhalten würden.

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    Ich denke, auf der Suche nach einem Weg in die Abstinenz machen wir besonders am Anfang oft ähnliche Schritte und erleben ähnliche Erfahrungen. Erst später kommt man zu einer Kreuzung wo jeder den eigenen Weg gehen muss…


    Sehr schön gesagt. Ich habe schon häufiger gesagt bzw. auch geschrieben, dass ich der Meinung bin, dass diese Krankheit, wenn man sie von außen und eher oberflächlich betrachtet, immer ein sehr ähnliches Muster aufweist. Es scheint zunächst so, als ob das bei allen oder den meisten Alkoholikern irgendwie gleich abläuft. Sowohl was das reinrutschen in die Sucht betrifft, dann die Sucht selbst und dann auch das wieder heraus kommen. Oberflächlich betrachtet rutscht man da irgendwie rein (die "Gründe" sind oft die "gleichen"), dann ist man einer Kategorie eines Alkoholikers zuzuordnen und wenn man zu den Glücklichen gehört die es wieder raus schaffen, dann schaut das auch erst mal irgendwie alles ähnlich aus. Viele machen Therapie, lassen sich wie auch immer helfen und versuchen die bewährten und klassischen Regeln, die dabei helfen sollen nicht mehr zu trinken, anzuwenden.

    Aber, wenn man genauer hin schaut, dann steckt bei JEDEM einzelnen von uns eine ganz individuelle Suchtgeschichte dahinter mit ganz indivduellen Maßnahmen die dann dazu geführt haben, dass wir es doch wieder heraus schaffen konnten. Alkoholsucht ist doch eine höchstindividuelle Krankheit, wie es am Ende alle psychischen Erkrankungen sind. Und ganz am Ende muss sich trotz aller Hilfe jeder selbst helfen. Zu hoffen, dass es die anderen (also die Helfer) richten werden, funktioniert nicht. Man muss (sollte) mit sich und seinem Leben ins Reine kommen. Und ich glaube das muss man am Ende selbst schaffen, da hilft zwar Input von außen, aber tun muss man es selbst.

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    Tja..das ist gerad der Punkt, der mich beschäftigt. Ich weiss, ich hatte echt Glück, dass ich jetzt auf dem Sumpf rausgekrochen habe…


    Du, ich glaube, ich hatte nicht weniger Glück als Du. Ich frage mich oft, warum es von denen die wirklich weg wollen vom Alkohol, nur so wenige schaffen. Da geistert ja in den diversen Statistiken der Wert von etwa 10 % herum. Lass es 20 oder 25 % sein, ich denke da gibt es vielleicht auch eine Dunkelziffer. Trotzdem ist es wohl die große Mehrheit, die innerhalb der ersten beiden Jahre rückfällig wird. So, und warum habe gerade ich es jetzt eigentlich geschafft? Ich will nicht so anmaßend sein und von mir glauben, dass ich schlauer, ehrgeiziger, disziplinierter, etc. bin als all die anderen die es versucht haben. Ich spreche ja wirklich nur von jenen, die es ERNSTHAFT versucht haben, Therapie hatten, etc. Also warum ich?

    Tja, da bleibt mir dann nur noch das Glück. Das Glück zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Entscheidungen oft, die sich dann erst im Nachhinein als die Richtigen heraus stellten und von denen ich zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht wusste, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Oder das Glück (manchmal auch der Zufall) die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben. Meine Story mit dem Mönch ist da für mich so ein Beispiel. Er spielte eine zentrale Rolle, wirklich eine ganz zentrale. Und nachdem ich bei meinem Psychologen eher auf Unverständnis gestossen bin, ich dort echte Schwierigkeiten hatte und wirklich ziemlich verzweifelt war, kam mir dieser Mönch in den Sinn. Den ich viele Jahre vorher mal flüchtig gesehen und reden habe hören. Es gab da nicht mal ein persönliches Gespräch. Im Grunde war es meine Ex-Frau, die zu mir sagte: du warst doch damals so begeistert von diesem Mönch bei dem du diese Krippenführung gemacht hast. Wäre der nicht jemand mit dem du sprechen könntest.

    Also verstehst Du? Meine Frau, die belogen und betrogen und dann auch noch verlassen hatte (und ich spreche jetzt hier ja wirklich von den ersten Monaten meiner Zeit ohne Alkohol, also alles ganz frisch), die brachte mich auf diesen Gedanken. Wie soll man das jetzt nennen? Hat nichts mit Disziplin, klarem Plan oder besonderer Klugheit meinerseits zu tun. Es war einfach nur Glück oder, für jene die an eine höhere Macht glauben, eine Fügung die von oben kam. Und so gab es in meiner Geschichte einige Punkte wo ich einfach nur Glück hatte (oder Fügung) und andere eben nicht.

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    Muss auch sagen, dass ich keine grosse Trümmerfelder hinterlassen habe…


    Das freut mich sehr für Dich. Sei froh und dankbar das es so ist. Es scheint, als ob Du die Reißleine trotz allem noch rechtzeitig ziehen konntest. Das ist toll. Oft geht es erst mal gaaaaanz tief nach unten, natürlich mit den entsprechenden Kollateralschäden, die dann nicht selten irreperabel sind. Und da meine ich nicht nur die physischen Schäden sondern vor allem auch die psychischen und hier vor allem auch die, die man seinem Umfeld zugefügt hat. So wie ich das auch getan habe.

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    Und bitte nicht so verstehen, als ob ich mir ein „Hintertürchen“ offenlasse. Es geht nur darum, dass ich nicht weiss wie es in der Zukuft kommt.


    Ich glaube, ich habe Dich schon richtig verstanden. Ich habe zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass Du Dir ein Hintertürchen offen lassen möchtest. Hätte ich das gedacht, hätte ich es Dir geschrieben, so frei bin ich dann schon :) Und genau wie Du schreibst: Ich weiß auch nicht wie es in der Zukunft kommt. Es gab, seit ich trocken bin, schon ein paar Einschläge in meinem Leben aber so richtig heftige, also so richtig richtig heftige waren noch nicht dabei. Ich kann Dir nicht sagen, was bei mir passieren würde, wenn z. B. einem meiner Kinder etwas passieren würde oder meiner Frau. Verstehtst Du was ich meine? Wenn mir Dinge wiederfahren würden, die man keinem Menschen wünscht. Ich kann mich hier nicht hinstellen und sagen: Egal was kommt, ich würde nie mehr zur Flasche greifen. Ich kann nur sagen, dass ich versuche mich vorzubereiten und mein Leben so zu gestalten, dass ich auch schwere Schläge ohne Alkohol überstehen kann. Aber.... Theorie und Praxis.... Ich weiß es nicht und ich hoffe, ich muss es nie heraus finden.

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    Ich freue mich für Dich sehr, dass Du jetzt glücklich und zufrieden bist und Sinn Deines Lebens gefunden hast…Das ist nämlich gar nicht so einfach.
    Ob ich das finde..schwer zu sagen…Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Wege schon… Ich spüre schon dass ich mein Frieden mit mir selbst langsam bekomme und Veränderungen gehen weiter..


    Die Sache mit dem Sinn. Diskussionen darüber sind nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Für mich war es irgendwann die zentrale Frage. Ich fragte mich: Warum ist mir das passiert? Was hatte das für einen Sinn? Kann das am Ende vielleicht sogar für etwas gut gewesen sein? Und, da ich von Anfang an so eine Dankbarkeit spürte das ich nicht mehr trinken musste, kam die Frage: Was machst du jetzt daraus? Aus dieser gigantischen Chance ein neues Leben beginnen zu können? Das kannst du doch du doch nicht (wieder) einfach so vor sich hin plätschern lassen?

    Das sind jetzt hier von mir formulierte Fragen die ich mir stellte. In der Realität war das, genau wie Du es schreibst, eingebettet in einen langen Prozess. Der eben dann diese Fragen und viele andere hervor brachte.

    Ich glaube einfach, dass Du genau in diesem Prozess steckst. Und ich sage Dir: Genieße diesen Prozess und nimm ihn bewusst war. Nimm Dir unbedingt Zeit dafür. Ich zweifle nicht daran, dass auch Du dann Deinen Sinn finden wirst.

    Und am Ende bin ich wirklich davon überzeugt, dass ein zufriedenes oder auch glückliches (wobei Glück eine sehr indivduelle Sache ist) Leben die beste Prävention vor einer Sucht ist. Wenn Du zufrieden oder glücklich bist, dann bist Du mit Dir im Reinen. Du liebst Dich sozusagen selbst, was nichts mit Arroganz, Egoismus oder so zu tun hat. Du fühlst Dich gut so wie Du bist und nimmst Dich selbst so an, wie Du bist. Wozu soll dann, liebe Dagny, der Alkohol noch einen Sinn haben? Wenn Du überlegst wozu Du (oder auch ich) ihn eingesetzt hast. Am Ende doch nur, um etwas zu verändern, möglichst schnell. Locker werden, Stress abbauen, sprich sich mal wegbeamen und an nichts mehr denken, Minderwertigkeitskomplexe überwinden und mal der sein, der man eigentlich nicht war aber gerne sein möchte, etc. Wenn Du Dich so liebst wie Du bist und wenn Du mit Dir und Deinem Umfeld im Reinen bist, dann ist das alles hinfällig. Und auch Stress und Einschläge von außen kann man dann ganz anders abfedern. Da braucht es dann kein Wegbeamen mehr, da kann man dann auch mal was aushalten.

    Und da wir uns, wie Du ja auch geschrieben hast, ständig verändern und nie derjenige oder diejenige bleiben die wir gerade sind, ist das alles eben ein andauernder Prozess. Ein Arbeiten an sich und seinen Zielen, ein daran arbeiten wo zu werden oder zu sein, wie man gerne sein möchte. Und ich glaube, hier kann man nie den "Gipfel" erreichen und möchte ihn auch gar nicht erreichen. Denn wenn ich wirklich mal ganz oben wäre, dann würde der weitere Weg ja nur noch herab führen. Und wenn ich von "arbeiten" schreibe, dann meine ich das positiv. Diese "arbeiten" ist etwas ganz tolles und erfüllendes.

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    Es ist schon komisch irgendwie …..vielleicht gerade „dank“ dem Alkoholproblem erfahre ich überhaupt dieses „Neugeburt“…Es ist als ob man neues Leben anfängt, was de facto auch so ist…


    Und ich glaube, genau so ist es auch. Du bist an einem Punkt an dem ich auch war. Ich merkte plötzlich, dass ich meiner Sucht, also dieser schlimmen Zeit, sogar dankbar sein darf. Ich will damit keinesfalls sagen, dass man das unbedingt haben muss, also so eine Suchtkarriere. Ich kann aber für mich sagen, dass ich dieses wunderbare Leben, dieses bewusste Leben das ich heute führen darf, ohne diese schrecklichen Erfahrungen nie erreicht hätte. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem tut es mir unheimlich Leid für alle, die unter meiner Sucht leiden mussten. Vor allem meine erste Frau und meine Kinder. Und wie Du ja weißt, waren genau diese Schuldgefühle die größte Herausforderung bei der Aufarbeitung für mich. Heute habe ich eine echt gute Beziehung zu meiner ersten Frau und auch eine richtig gute Beziehung zu meinen Kindern. Auch das war ein Prozess und auch hier kenne ich so viele Geschichten anderer, wo das ganz anders aussieht. Und genau daraus ziehe ich auch meine Dankbarkeit und meine Zuversicht.

    So, wieder viel geschrieben. Vielleicht ein paar Denkanstösse für Dich aber wenn ich ehrlich bin, auch ganz viele für mich. Alleine nur beim Herunterschreiben meiner Gedanken. Dafür danke ich Dir.

    LG
    Gerchla

    Hallo Dagny,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du Dich dazu entschieden hast hier aktiv zu werden.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und trinke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr. Zu meiner aktiven Zeit war ich ein heimlicher Trinker. Und weil es hier ja auch schon um die Trinkmengen ging: ich war dann so in den letzten Jahren bei 8 - 10 Bier, als absolutes Minimum. Meist aber mehr, auch mal 12, auch mal noch ne' Flasche Wein oben drauf. Aber wenn ich etwas gelernt habe in den vielen Jahren, wo ich mich jetzt mit anderen Alkoholikern austausche, dann ist es dass, das die Menge immer relativ ist.

    Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass man die eine Sucht nicht mit der anderen vergleichen kann. Es ist immer das persönliche Erleben, wenn Du so willst, das persönliche Elend, das letztlich entscheidend ist. Da gibt es die, die bereits bei 4 oder 5 Bier am Tag ganz unten angekommen sind und andere, für die diese 4 oder 5 Bier nur die Flüssigkeit zum Runterspülen der zwei Flaschen Vodka sind. Beide sind Alkoholiker und leben in ihrer jeweiligen Welt, machen ihre persönlichen Erfahrungen und erleben ihre persönliche Sucht.

    Ich finde übrigens sehr interessant was Du alles so schreibst, wie Du denkst. Es sind viele Gedanken dabei, die ich auf mich übertragen kann. Dinge, die auch ich so empfinde oder empfunden habe. Ich will mal versuchen ein wenig darauf einzugehen:

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    Wie ist all die Jahre, besonders die letzten, funktionierte, keine Ahnung, um ehrlich zu sein.


    Diese Frage kam bei mir auch auf. Nicht gleich am Anfang aber nach ein paar Monaten ohne Alkohol. Und ich glaube gerade im Jahr 2 ohne Alkohol waren diese Gedanken bei mir am stärksten. So Gedanken wie: "wie konnte ich das eigentlich so lange so durchziehen? Und wieso hat niemand etwas davon gemerkt? Und eigentlich kann das alles doch so gar nicht gewesen sein, das war ja eigentlich gar nicht zum Aushalten" - solche Gedanken waren das. Mit den Jahren ohne Alkohol verblassen diese Gedanken dann ein wenig, wobei ich bis heute immer in der Lage bin mir meine damalige Situation und meine damaligen Gedanken (also die in meiner Trinkerzeit) ganz scharf und ganz genau zurück zu holen. Ich erinnere mich sehr gut, ich kann mir mein Verhalten von damals heute auch erklären und ich kann akzeptieren, dass das ein Teil meines Lebens ist. Aber ich denke nicht mehr so viel darüber nach, nur noch "bei Bedarf" sozusagen.

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    Ich trank heimlich und versteckte die Flaschen...


    Das war bei mir DAS Merkmal meiner Sucht. Komplett geheim. Ich war offiziell ein toller Mann, ein toller Familienvater und sehr erfolgreich im Job. Ich war offiziell der Vorzeigesohn der es geschafft hatte, der in Deutschland und der Welt umher reiste, berufsbedingt, um auf diversen Treffen, Tagungen, Konferenzen, etc. seine Weisheiten zum Besten zu geben. Weil er eben beruflich so toll war und in zahlreiche Netzwerke integriert war. Und trotzdem war ich ja immer entspannt, offiziell......

    Aber, die Wahrheit, die sah ganz anders aus. Nur ein Teil dieser Reisen fand tatsächlich statt, der andere war Teil meines Doppellebens. Dieses "pflegte" ich besonders in den letzten Jahren meiner Sucht. Da gab es dann Reisen die es gar nicht gab aber ich war trotzdem weg, um meine Sucht zu befriedigen. Da waren Reisen dann länger als sie eigentlich gewesen wären, um meine Sucht zu befriedigen. Da hatte ich sogar Räumlichkeiten die nur mir bekannt waren, wo ich dann ungehemmt und ohne Angst ertappt zu werden trinken konnte.

    Tja, nix mit toller Mann, toller Papa, toller was weiß ich....

    Als ich aufhörte, war dass das erste was ich klar stellte. Zuerst bei meiner Frau und meinen Kindern, dann bei meinen Eltern und Geschwistern und dann noch bei meinen (wenigen verbliebenen) Freunden. Ich werde diese Momente des Outings nie vergessen. Das waren ganz schwierige Gespräche aber absolut notwendige. Sie machten mir nochmal deutlich, wie weit unten ich eigentlich angekommen war.

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    Ich versuchte mich damals an den Tag erinnern, an dem ich nicht trank....die letzten 4-5 Jahre gabs so ein Tag nicht (vielleicht länger wer weißt...)...


    Auch diese Gedanken kenne ich. Ich erinnere mich, dass ich lange immer mal noch Pausen einlegen konnte. Dass es mir möglich war z. B. bei Krankheit (Erklältung, etc.) auch mal ein paar Tage nichts zu trinken. Die letzten Jahre jedoch war mir das nicht mehr möglich. Da trank ich selbst bei Fieber. Zwar weniger als "normal" aber es gab definitiv eine sehr lange Zeit keinen Tag ohne Alkohol mehr.

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    Es ist sehr schwer zu beschreiben...aber ich habe mir gesagt "heute trinke ich nicht, nur heute"...Wie es morgen wird, weiss nicht, aber heute trinke ich nicht.


    Und ich kam abends heim und meine Frau konfronierte mich mit einer aufgedeckten Lüge. Wie immer wäre ich auch hier in der Lage gewesen die Situation durch kreativ geschicktes erneutes Lügen zu entschärfen, wie ich das immer in solchen Situationen getan hatte und wo ich auch immer Erfolg hatte. Aber dieses Mal, völlig ungeplant, schoss mir in Bruchteilen von Sekunden in den Kopf: Jetzt ist es vorbei, jetzt outest Du Dich und ab jetzt wirst Du nie mehr einen Tropen Alkohol trinken....

    Das war morgens, als ich wie immer aus dem Haus ging, mir meine ersten beiden Biere reinschüttete um dann in der Arbeit loslegen zu können, überhaupt nicht in meinem Sinn gewesen. Überhaupt war ich an den Standpunkt angekommen, dass ich mich dann halt einfach irgendwann tot saufen werde und dass es für mich überhaupt keinen Sinn mehr macht, irgendwie reduzieren oder pausieren zu wollen. Weil ich es ja einfach auch nicht mehr konnte und halt auch nicht mehr wollte. Und dann kam dieser Abend... Und damit war es dann auch vorbei.

    Im Gegensatz zu Dir bin ich jetzt nicht ganz ohne Hilfe da durch gegangen. Ich war in den ersten Monaten bei einer SHG, die mir damals viel Halt gab. Und ich bemühte mich dann selbst um Termine bei Psychologen und auch anderen Hilfsangeboten. Eine Therapie in klassischer Form habe ich nie gemacht.

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    Das erste Jahr war nicht einfach...besonders die ersten Monate....(dabei hatte ich keinen Druck oder Verlangen zu trinken)...


    Das kann ich bei mir genau so unterschreiben. Es war verdammt hart aber es war nicht der Suchtdruck. Den hatte ich quasi nicht. Es war die verdammte Schuld, die ich auf mich geladen hatte. Es war das Elend, das ich bei meiner Familie verusacht hatte. Es war die Unsichheit, wie es jetzt weiter gehen sollte und ob all meine Entscheidungen richtig waren. Z. B. die Trennung von meiner Frau, die von mir ausgegangen war und die natürlich auch für meine Kinder eine Katastrophe darstellte. Und tatsächlich war diese Schuldgeschichte dann bei mir etwas, das mich an den Rand der Verzweiflung brachte und wo mir sehr klar wurde, dass ich da ohne Hilfe wohl nicht durchkommen würde. Diese mich nieder drückende Schuld war dann dafür verantwortlich, dass ich begann immer tiefer in meine Suchtgeschichte einzudringen und immer mehr mit der einer Aufarbeitung begann. Hier eben auch mit Hilfe von Außen, z. B. mit Hilfe eines Mönchs, der eine zentrale Figur in meiner Überwindung der Sucht wurde, aber dann auch mit mir alleine. Ich nahm mir sehr viel Zeit auch nur mit mir alleine. Tägliche lange Spaziergänge, die mir "nur" dazu dienten um denken zu können. Oder Spaziergänge mit Begleitung, wo diese aber dazu "da war" um mich austauschen zu können, eben genau über Themen die meine Sucht betrafen. Ich hatte überhaupt keine Verdränungsstrategie, ich wollte nicht einfach vergessen und ich wollte auch keine Ablenkung (was für mich auch Verdrängung bedeutet hätte). Ich wollte wirklich klar Schiff machen und war auch bereit dazu richtig negative Gefühle "einfach" auszuhalten und zu durchleben. Und gerade von diesen hatte ich in den ersten Monaten eine ganze Menge.

    Zum Glück kamen dazu aber auch viele positive. Erst mal rein äußerlich bedingt, also pyhsisch bedingt. Ich nahm ab, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Wurde fitter und heller im Geist. Ich hatte das Gefühl ich könnte Bäume ausreißen. Ich weiß noch, wie ich meinem Gürtel schon nach ein paar Wochen die ersten Zusatzlöcher verpassen musste um ihn enger schnallen zu können. Ich weiß noch, wie einkaufen gehen "musste", weil mir keine meiner Hosen mehr passte und es lächerlich aussah, wenn ich sie mit dem Gürtel enger schnallte und sie zu Bundfaltenhosen mutierten. Das waren schöne Momente.... Wäre da nicht die Trennung gewesen, die tieftraurigen Gesichter meiner Kinder, die Schulden die sich angehäuft hatten, die vielen ungeklärten Fragen, die Berge an sonstigen Problemen die jetzt einfach da waren und nicht mehr weggetrunken wurden.

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    Nach ca. 1,5 Jahre hat sich der Sturm gelegt...Ich spüre, es ist Zeit, den nächsten Schritt zu machen - zur Abstinenz.
    Denn davor war ja nur "Austrocknen"...


    Auch hier weiß ich was Du meinst! Das begann bei mir um einiges früher. Ich würde sagen, als ich begann mir Hilfe zu holen legte ich den Grundstein dazu. Nach etwa einem Jahr war ich mit dem Gröbsten durch und konnte ans Feintuning gehen. Der bereits erwähnte Mönch hatte einen großen Anteil daran, dass ich begann mir über den Sinn meines (neuen) Lebens Gedanken zu machen. Er machte mir deutlich, dass ich ein neue und vor allem glückliches Leben nicht auf unaufgearbeiter Schuld aufbauen konnte. Er machte mir klar, dass ich die Schuld als Teil meines Lebens akzeptieren und annehmen musste und dass sie aber auch dabei helfen kann, ein neues glückliches Leben zu führen. Weil ich eben auf diese schlimmen Erfahrungen zurück greifen kann um die Zukunft anders, positiv, zu gestalten.

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    Ich muss noch lernen, nicht wieder anfangen zu trinken....
    wenn man dabei noch Glücklich wird oder bleibt...heh...dann hat man Zen erreicht :))))


    Der erste Teil Deines Satzes, der trifft auf mich so nicht zu. Denn ich will nicht mehr trinken weil ich keinen Sinn mehr darin sehe. Ich werde alles dafür tun nie mehr trinken zu müssen, kann aber natürlich nicht sagen, was in der Zunkunft sein wird. Ich kann nur sagen, dass ich keine Angst davor habe rückfällig zu werden. Die Frage, ob ich in 10 Jahren vielleicht wieder zum Trinker werden könnte kann ich genauso wenig beantworten wie wenn man jemanden fragt, der noch nie Alkohol in seinem Leben getrunken hat, ob das immer so bleiben wird oder ob er vielleicht irgendwann sogar Alkoholiker wird. Ich weiß es nicht, ich weiß nur das ich alles dafür tun werde das es nicht passiert. Ich nehme das Leben wie es kommt und es kommt wie es kommt.

    Mein Glück und meine Zufriedenheit habe ich gefunden, weil ich denn Sinn meines Lebens gefunden oder für mich definiert habe. Es war für mich entscheidend, mich auf diese Suche zu begebgen und diesen Prozess zu durchlaufen. Wer bin ich, wer will ich sein, was für ein Mensch möchte ich sein und was werde ich dafür tun um meine Ziele zu erreichen. Und noch ein paar Fragen (und Antworten) mehr. Damit habe ich mich beschäftigt und ich kann heute sagen, dass dieser Prozess ein andauernder ist. Er hört nicht auf und ich beschäftige mich quasi täglich mit mir selbst, mit meinen Zielen, mit meinem Leben und damit wer ich sein möchte. Ich korrigiere und passe an und vor allem, ich bin unheimlich dankbar, dass ich das tun kann und darf.

    Tja und heute ist es so, dass ich wieder Familie habe, nochmal Papa werden durfte und eine ganz andere, viel bewusstere Beziehung führe als ich das jemals davor getan habe. Eine bewusste Beziehung mit meiner Frau und meinem Kind aber auch eine bewusste Beziehung mit mir selbst. Und auch ein bewusste Beziehung z. B. mit meinem beruflichen Umfeld. Es hat sich alles verändert. Ich versuche mir immer wieder klar zu machen, welch wunderbares Leben ich heute führen darf, weil ich aus diesem Teufelskreis aussteigen konnte. Und weil es mir vergönnt war, mir anschließend noch ein paar Gedanken zum Sinn meines Daseins zu machen. Was übrig bleibt ist Dankbarkeit für das was man hat. Und diese Dankbarkeit trägt mich, auch durch Zeiten wo es schwer ist und wo es Einschläge gibt.

    Ok, wurde jetzt am Ende noch ein wenig philosophisch. Aber wollte ich jetzt einfach mal so los werden. Ich habe das Gefühl, dass Du gerade an dem Punkt bist, wo es darum geht, wie es dann jetzt (auf Dauer) weiter geht. Wie Du jetzt zum "richtigen" Glück finden kannst. Denn die Basics hast Du ja bereits erfolgreich erledigt. Du trinkst schon länger nichts mehr, Dein Hirn ist wieder frei und Du nimmst das auch bewusst war. Jetzt kannst in die Tiefe gehen, wenn Du das möchtest. Ich habs getan und ich bin so froh darüber. Ist aber vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Da muss jeder seinen Weg finden.

    Alles alles Gute für Dich. Schön, dass Du hier bist und ich freue mich von Dir zu lesen.

    LG
    gerchla

    Hallo Bea,

    jetzt komme ich endlich auch dazu, Dir meine Gedanken zu schreiben.

    Ich stelle mich mal kurz vor: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Als ich trank hatte ich Familie, also meine Frau und meine beiden Kinder.

    Ich bin also leider wieder nur einer derjenigen, der Dir aus der Sicht des "Täters", also des Trinkers schreiben kann. Ich glaube Du hättest Dich ja auch gerne mit Menschen ausgetauscht, die auf der anderen Seite standen oder stehen. Aber vielleicht helfen Dir diese Gedanken trotzdem ein Stück weiter.

    Erst mal möchte ich Dir sagen, dass das was Du bisher geschrieben hast, auf eine sehr klare Einschätzung der Situation Deinerseits hindeutet. Du machst Dir nichts vor und siehst die Dinge sehr klar. Auch die Ängste die Du schilderst sind für mich absolut nachvollziehbar. Ich kann die Gedanken die Du Dir machst sehr gut nachvollziehen.

    Ich selbst war kein klassischer Therapiepatient, hatte also keine klassische Therapie (wohl aber zahlreiche Einzelmaßnahmen). Ich war heimlicher Trinker (was nicht bedeutet, dass meine Familie deswegen weniger gelitten hätte) und zog das weit über 10 Jahre so durch. Irgendwann kam, zu diesem Zeitpunkt völlig ungeplant, der Punkt wo ich nicht mehr konnte und auch nicht mehr wollte. Ich outete mich meiner Frau gegenüber und zerstörte damit von einer Sekunde auf die andere ihr gesamtes Bild von mir, von unsere Ehe und auch von unserer möglichen Zukunft. Anschließend hatte ganz viele schwere Vergehen meinerseits zu beichten und meiner Frau fiel es wie Schuppen vor den Augen. Plötzlich verstand sie Dinge, die sie vorher nicht verstand. Plötzlich wurde ihr klar, dass ich sie jahrelang belogen und betrogen hatte. Also sicher eine andere Situation als bei Deinem Mann. Es folgte dann bei mir auch die Trennung, welche aber von mir aus ging. Ich war mir sicher, dass es mir nicht gelingen würde dauerhaft ein Leben ohne Alkohol zu führen, wenn ich in dieser Beziehung bleiben würde. Und ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass das nicht daran lag, das meine Frau ein fürchterlicher Mensch gewesen wäre, im Gegenteil. Es war einfach eine Kombination aus unterschiedlichen Gründen, u. a. konnte ich mir die Frage ob ich sie eigentlich noch Liebe nicht mit ja beantworten und ich bekam quasi permanent "vergeführt", welch große Schuld ich da auf mich geladen hatte. So, Du merkst, anders als bei Dir /Euch, trotzdem kannst Du da vielleicht was für Dich raus ziehen.

    Dein Mann ist wegen Dir in Therapie gegangen, also ich meine, weil er Dich nicht verlieren wollte. Ich war einfach von mir aus so weit und wollte nie mehr trinken und habe mich u. a. deshalb getrennt. Also "genau" umgekehrt, könnte man sagen. Es könnte gut sein, dass Deinem Mann im Rahmen seiner Therapie klar geworden ist, das er für sich selbst trocken werden möchte. Ich kenne einige "Fälle" von Alkoholikern, die "gezwungen" in Therapie gingen, sogar noch nach ein paar Wochen dachten, dass sie da ja eigentlich gar nicht her gehören um dann aber im Laufe der Zeit eine völlige Wandlung durchzumachen. Warte mal ab, wen Du da jetzt genau zurück bekommst.

    Denke daran, dass auch er unsicher sein wird. Dass auch er sich seine Gedanken gemacht haben wird. Wichtig ist, dass Du Dich nicht verbiegst, was aber nicht bedeutet, dass Du Bretter veteilen musst. Ganz viel miteinander reden würde ich hier als eine Zauberformel ansehen. Es kann sein, dass er plötzlich Dinge tut oder denkt, die Du gar nicht kennst. Vielleicht gefällt Dir da auch nicht alles. Aber wenn diese Therapie eine Wirkung hatte, dann sollte er sich auch wirklich verändert haben. Es ist aber unwahrscheinlich, dass er wieder zu dem wurde, der er vor seiner Sucht war und den Du Dir vielleicht zurück sehnst. Hab da im Blick, und habe Verständnis dafür, dass es so eigentlich nicht sein kann. Er wird (hoffentlich) ein veränderter Mensch sein und er muss auch lernen, mit dieser Situation umzugehen und klar zu kommen. Eventuell wird er auch mit seinen Schuldgefühlen zu tun haben, denn je länger man ohne Alkohol lebt, desto mehr erkennt man erst einmal, was man eigentlich getan hat. Das braucht einen Moment genau wie die Zeit brauchst um Vertrauen wieder zu "erlernen".

    Ich denke darauf wird es dann am Ende auch ankommen. Kannst Du ihm wieder vertrauen? Das geht sicher nicht von heute auf morgen und ich denke wirklich, dass ihr ganz viel miteinander sprechen müsst. Damit er verstehet, warum Du dich so verhälst wie Du das tust und damit Du aber auch seine Seite verstehen kannst. Es ist wirklich ein Restart und es darf keinesfalls ein möglichst schnelles zurück zur Normalität (nur ohne Alkohol) sein. Sonst wird es aus meiner Sicht auf Dauer schwer werden.

    Er muss ich Vertrauen bei Dir "erarbeiten", Du musst lernen ihm überhaupt wieder zu vertrauen. Over and out wäre es dann, wenn er wieder zur Flasche greift. Aber darüber bist Du Dir glaube ich, ja vollkommen im Klaren.

    Das waren erst mal meine Gedanken. Alles alles Gute für Dich und Deinem Mann. Ich wünsche Euch einen echten und guten Neustart und ich würde mich auch sehr freuen, wenn Du uns hier ab und an erzählst wie es Dir geht.

    LG
    Gerchla

    Hallo Bea,

    ich wollte Dir gerade meine Gedanken zu Deinen Zeilen in Deinem Vorstellungspost schreiben. Jetzt habe ich gesehen, dass dieser Thread gesperrt ist und ich weiß nicht, ob Du das bewusst gemacht hast, weil Du keine Antworten mehr möchtest oder ob das evtl. ein Versehen war.

    Wenn Du noch Antworten möchtest, dann schreibe hier doch bitte kurz eine Nachricht oder gib Deinen Thread wieder frei.

    Ansonsten alles alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo MissSunshine,

    mein spontaner Gedanke: Natürlich Variante B, ganz klar!

    Noch ein paar weitere Gedanken von mir dazu:

    Wie Du jetzt genau weiter vorgehen willst ist natürlich einzig und allein Deine Entscheidung. Das macht es ja dann am Ende auch so schwer für Dich. Ich würde das auch davon abhängig machen, was Du für Deinen Partner (noch) empfindest. Losgelöst von dem Druck den er jetzt durch sein Verhalten bei Dir erzeugt. Er weint am Telefon, das ganze Telefonat über. Weißt Du, das könnte einerseits auch ein gutes Zeichen sein, muss aber nicht. Ich weiß nicht mehr wie viele Stunden ich vor meiner jetzt Ex-Frau geheult habe. Fast jedes unserer Treffen mündete in eine Heularie meinerseits. Also nachdem ich frisch trocken war bzw. damals waren es einfach die ersten Tage bzw. Wochen ohne Alkohol und "man" wusste ja noch nicht, wie das alles ausgehen wird.

    Und natürlich waren meine Tränen und meine Verzweiflung echt. Bei mir ging es nicht darum sie verzweifelt darum zu bitten bei mir zu bleiben (weil ich derjenige war der sich getrennt hat), ich konnte einfach nur mit dieser Wahnsinnsschuld und dem Leid das ich ihr angetan hatte (und meinen beiden Kindern) nicht umgehen. Ich wurde davon überrollt. Und zweifelte natürlich auch selbst immer wieder ob diese Trennung meinerseits wirklich der richtige Schritt war.

    Bei Deinem Partner sieht es etwas anders aus aber kann schon auch sein, dass dieser letzte ultimative Schritt von Dir jetzt wirklich etwas in ihm auslöst. Also in Richtung dauerhaft weg vom Alkohol. Aber sicher kannst Du Dir da eben nicht sein und deshalb finde ich es absolut richtig, wenn Du hier jetzt "hart" bleibst. Aber was ich als wirklich extrem wichtig empfinde ist die Frage, ob Du überhaupt noch mit ihm zusammen leben möchtest. Diese Frage kannst nur Du Dir beantworten und wenn die Antwort NEIN wäre, dann könntest Du diese ganze Geschichte auch "mit anderen Augen" sehen. Überlege Dir doch mal in Ruhe, ob Du Dir vorstellen kannst weiter mit ihm zusammen zu leben. Selbstverständlich unter der Voraussetzung dass er nicht mehr trinken würde.

    Überlege Dir, ob Du ihm wieder vertrauen könntest, was es dazu bräuchte das Du wieder Vertrauen schöpfen kannst, denn ohne Vertrauen macht aus meiner Sicht keine Beziehung einen Sinn. Überlege ob Du bereit bist, all die Verletzungen die Du erfahren hast wirklich nachhaltig und dauerhaft zu verzeihen. Banal gesprochen: Finde heraus ob Du ihn noch liebst! Und passe dabei auf, dass Du Dir nicht das Bild eines Mannes her holst, der er gar nicht ist oder der er vielleicht mal vor langer Zeit war. Und habe dabei auch im Blick, dass er als trockener Alkoholiker mit größter Wahrscheinlichkeit ein ganz anderer Mensch sein wird als der den Du jetzt kennst. Muss ja auch so sein sonst wäre ja nix gewonnen. Aber denke auch daran, dass Du diesen "neuen" Menschen noch gar nicht kennst.

    Überlege Dir auch, ob Du überhaupt dazu bereit bist, diesen Weg in die Trockenheit mit ihm zu gehen. Ich meine mit all den Sorgen und Ängsten die damit verbunden sind... trinkt er wieder...? kann ich ihm vertrauen...? Etc.

    Und wenn Du dann zu dem Ergebnis kommst: Ja, ich würde schon gerne wenn er weg kommt von dem Zeug, dann wäre es aus meiner Sicht klug, das "ganze" aus der Ferne, aus Deinem eigenen Heim und Deinem eigenen Umfeld heraus zu beobachten bzw. zu begleiten. So wie Du das ja auch schon angedeutet hast. Das ist sehr klug! Denn leider, das kannst Du aus den Statitiken ablesen, sind es eher die wenigeren (so rund 10 %) die es schaffen wirklich dauerhaft ohne Alkohol zu leben. Ein Scheitern seinerseits steht leider immer im Raum.

    Das waren noch meine Gedanken. Ich finde Du machst das ganz prima auch wenn das jetzt vielleicht für Deine schlimme Situation nicht ganz die richtige Formulierung ist. Aber Du bist klar und Du erkennst alle "Fallen" die da auf Dich lauern könnten. Ich kann das voll nachempfinden was Du gerade erlebst und wie schwer das für Dich ist. Bleib' Standhaft und achte immer auf DICH und DEINE Bedürfnisse.

    Alles alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo MissSunshine,

    es ist sehr schön Dich so klar zu lesen. Ich finde, Du reflektierst die Situation sehr genau und ich kann Deine Eindrücke aus meiner eigenen Erfahrung heraus bestätigen. Die schriebst ja von "Blablabla". Und genau das ist es auch. So war es auch bei mir und so erzählen es fast alle Alkoholiker die ich kenne von sich auch. Man steckt da in dieser Sucht und man wird einfach zu einem Meister im Lügen und im Manipulieren. Es geht einfach nur darum weiter trinken zu können und dieses "Leben" nicht aufgeben zu müssen. Und alles was dann da so erzählt bzw. ankündigt und verspricht ist in der Regel wirklich nur blablabla.

    Ab und an kommen dann mal die "Lichtblicke", meist nach besonders hefigen Ereignissen vorher. Wo man dann auch wirklich, durchaus auch ernsthaft, der Meinung ist, dass man jetzt was ändern will oder muss. Nur hält das dann eben nicht lange an. In günstigen Fällen wird eine Trinkpause daraus (mal ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Wochen ohne Alkohol, je nach Ausprägung der Sucht), oft ist es aber so, dass man sich morgens etwas vornimmt und es abends dann einfach nicht einhalten kann.

    Was Dein (Ex-)Partner jetzt versucht scheint ja kontrolliertes Trinken zu sein. Grundsätzlich gehöre ich nicht zu denen, die das von vorne herein als Schwachsinn ablehnen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass das nur dann gelingen kann, wenn man noch nicht süchtig ist. Es gibt ja viele Menschen, die "nur" Alkoholmissbrauch betreiben, jedoch nicht wirklich abhängig sind. Den Unterschied zwischen bereits Süchtigen oder nur Missbräuchler kann man i. d. R. nicht sofort erkennen. Es gibt da keine Formel oder Regel nach der man dann genau sagen könnte: Du bist schon süchtig und du noch nicht. Auch Missbräuchler können über viele Jahre enorm hohe Mengen zu sich nehmen und sind aber eben noch nicht süchtig. Während anderen bereits nach kurzer Zeit und schon relativ geringen Mengen an Alkohol in der Sucht hängen.

    Aber zurück zum Thema. Wenn man eben noch nicht süchtig ist, dann kann es m. E. mit dem kontrollierten Trinken (unter Anleitung) schon ein Weg sein, wieder zurück zu einem moderaten Konsum zu kommen um diesen dann auch dauerhaft beizubehalten. Wenn jemand aber "richtig" süchtig ist, dann ist der Zug abgefahren. So jedenfalls meine Erfahrungen bei mir selbst und auch aus vielen Gesprächen mit anderen Alkoholikern. Wir haben ja alle erst mal probiert wieder die Kontrolle zu erlangen. Ich selbst habe das auch probiert und ich hatte damit sogar Erfolg...aber nur ein paar Wochen lang..... und dann ging es wieder dahin. Süchtig bedeutet für mich, dass es nur den Weg der Abstinenz gibt. Möglicherweise könnte kontrolliertes Trinken evtl. dazu beitragen, diesen Weg zu erreichen, wenn man sich eingestehen kann, dass so viel anstrengender ist immer nur ganz wenig trinken "zu dürfen" als einfach komplett zu verzichten. Da ist es leichter, einmal diesen Punkt zu überwinden als sich ständig immer wieder neu mit dem Stoff der Begierde sozusagen anzufixen ohne ihn dann aber in den Mengen konsumieren zu dürfen, wie man das eigentlich möchte.

    Alles richtig gemacht, möchte ich Dir sagen. Es wird sich zeigen, wo sein Weg hin führt. Das hast Du nicht in der Hand und es liegt auch nicht in Deiner Verantwortung. Deinen Weg hast aber in der Hand und ich finde, Du hast die absolut richtigen Entscheidungen getroffen. Ganz stark auch, dass Du Dir Hilfe gesucht hast und Dich psychologisch begleiten lässt. Hut ab, das finde ich ganz ganz klug von Dir.

    Bleib auf Deinem Weg. Ich wünsche Dir alles alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo nochmal,

    da haben sich unsere Posts jetzt scheinbar überschnitten. Du bleibst also weiter am Ball. Sehr schön, freut mich sehr. Und ich glaube das hier...

    Zitat

    Ich werd wohl auch meinen Hausarzt fragen ob er mich evtl. überweisen kann, an einen Psychologen oder ähnliches.

    ... ist eine SEHR GUTE Idee! Machs einfach. Am besten gleich, sofort. Lass keine Zeit verstreichen. Fang an aktiv zu handeln, fang an offensiv mit Deiner Sucht, Deinen psychischen Erkrankungen umzugehen. Macht zusammen einen Plan, wie Du da raus kommen kannst.

    Alles Gute!

    LG
    gerchla

    Hallo Wicked,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Wie geht es Dir denn heute? Willst Du nach wie vor etwas an Deiner Situation verändern oder war Dein Post von gestern doch "nur" mal ein "sich alles von der Seele schreiben" um dann doch wieder so weiter zu machen wie immer?

    Bevor ich Dir meine Gedanken zu Deinen Zeilen schreibe möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich über 10 Jahre abhängig. Die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie, 2 Kinder und habe letztlich bis zum Schluss irgendwie funktioniert. Genau wie Du war ich (ansich ein immer sehr schlanker, fast schon untergewichtiger Mensch) am Ende stark übergewichtig und bekam die Folgen meiner Trinkerei mehr und mehr körperlich zu spüren. So konnte ich z.B. nicht mehr auf dem Bauch liegen, weil mir das oft starke Schmerzen bereitete. Dazu kamen dann aber noch einige andere Geschichten so dass ich heute sehr froh und dankbar bin, dass ich letztlich körperlich doch unbeschadet aus der Sache heraus gekommen bin. Lange wäre das sicher nicht mehr gut gegangen.

    Jetzt aber zu meinen Gedanken:

    Wenn Du wirklich etwas verändern möchtest, dann tue es! Nur tun bringt Dich weiter. Es ist gut, dass Du Dich hier austauschen willst, dass Du Dir die Erfahrungen anderer holst oder anhörst. Aber das alles wird nichts bringen wenn Du nicht ins Machen kommst. Was nichts anderes bedeutet, als dass Du aktiv gegen Deine Sucht vor gehst. Ich würde zum Arzt gehen, zur Suchtberatung und erst mal dort Gespräche führen. Da Du ja noch mit einer Angststörung zu tun hast, wird das wahrscheinlich auch eine zentrale Rolle bei einer möglichen Behandlung Deiner Suchterkrankung spielen.

    Ich kenne übrigens jemanden, ebenfalls Alkoholiker, der ebenfalls an massiven Angststörungen litt. Er nahm Medikamente dagegen, bekam es aber damit nicht richtig in den Griff. Irgendwann hat er dann mal, mehr als Experiment oder auch aus Verzweiflung, zum Cognac aus der Hausbar gegriffen, der dort schon über Jahre unangetastet gestanden war. Er trank bis dahin so gut wie keinen Alkohol. Und, ähnlich wie Du das beschreibst, war bereits nach wenigen Schlucken die Angst wie weggeblasen. Und er dachte: Endlich habe ich ein zuverlässiges Mittel gegen meine Angst.

    Ich glaube ich brauche nicht weiter auszuführen was dann passierte. Dieser Mann, der übrigens in höchster Position tätig war und um die Welt flog (was mit einer Angststörung natürlich noch zusätzlich richtig übel war) wurde innerhalb kürzester Zeit zum schweren Alkoholiker. Und dann kam die Angst mehr und mehr zurück. Stärker als sie je vorher war. Er konnte seinen Job nicht mehr ausführen, musste kündigen und war am Ende oft nicht mal mehr in der Lage, von seiner Haustüre zum Briefkasten zu gehen. Aus Angst vor der Angst.

    Er hat es geschafft aufzuhören. Und er hat parallel seine Angststörung behandelt, also psychologisch behandeln lassen. Er ist heute sowohl alkohol- als auch angstfrei. Und bezeichnet sich als glücklichen Menschen.

    Was ich sagen möchte: Oft wird die Alkoholsucht noch durch andere psychische Erkrankungen "begleitet". Depressionen gehen z. B. auch oft mit einer Alkoholsucht einher. Und oft weiß man dann gar nicht mehr so genau was vorher war. Erst die Depression, die dann zur Sucht führte oder erst die Sucht, die dann noch eine Depression ausgebildet hat. Häufig kommt es aber in diesem Zusammenhang auch vor, dass zumindest alkoholbedingte Depressionen "einfach" verschwinden wenn auch die Alkoholsucht verschwindet. Wie das jedoch bei Angststörungen ist weiß ich nicht.

    Ich kann Dir nur sagen, dass meine Frau auch an "Angst aus heiterem Himmel" litt (jedoch komplett ohne alkoholischen Hintergrund) und sie diese Panikattacken mit Hilfe eines Psychologen innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums (ich glaube etwa ein Jahr) komplett überwinden konnte. Und wir haben davor viele Jahre gelitten. Ich weiß nicht wie oft ich den Notarzt gerufen habe, weil sie dachte sie würde sterben. Ein Jahr Behandlung und alles war weg. Bis heute und das ist jetzt weit über 20 Jahre her. Und ich erinnere mich auch noch daran, dass es bereits nach den ersten Sitzungen deutlich besser wurde. Was dieser Mensch genau mit ihr gemacht hat weiß ich bis heute nicht. Ich weiß nur, dass sie eines Tages von einer Sitzung heim kam uns sagte: Ich brauch da jetzt nicht mehr hin. Und von da an ging sie nicht mehr hin und hatte auch nie mehr eine Attacke.

    Und was ich noch sagen möchte: Ich weiß, dass es unterschiedliche Arten von Angststörungen gibt und das Panikattacken eine Art davon sind. Ob Du nun genau die gleichen Symptome wie meiner Bekannter oder wie meine Ex-Frau hast weiß ich nicht und darum geht es mir auch gar nicht.

    Ich denke einfach, um Deine Angststörung (Panikattacken) erfolgreich behandeln zu können, ist zunächst einmal eine Überwindung Deiner Sucht notwendig. Zumindest ist mir nicht bekannt, dass man bei aktiv suchtkranken Menschen andere psychische Erkrankungen erfolgreich behandeln kann bevor eben nicht die Sucht zum Stillstand gebracht werden konnte. Aber ich bin kein Arzt und vielleicht kann oder muss das ja parallel passieren. Darum kann ich Dich nur dazu motivieren, Dich in professionelle Hände zu begeben. Und offen über alles zu sprechen. Wenn Du da wirklich raus willst, dann wird es auch einen Weg heraus geben. Und den musst Du nicht allein gehen. Dafür gibt es glücklicherweise viele Hilfsangebote.

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo MissSunshine,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich viele Jahre abhängig, die meiste Zeit trank ich heimlich und ich funkitionierte bis zum Schluss, mehr oder weniger gut....
    Das nur mal ganz kurz, damit Du einen kleinen Eindruck hast wer Dir da schreibt.

    Was soll ich sagen: Ich kann Dich erst mal nur dafür meinen Glückwunsch aussprechen, dass Du diesen Schritt auch tatsächlich gemacht hast. Viele Angehörige verbringen ganz viele Jahre damit sich immer wieder vorzunehmen den Trinker endlich zu verlassen und tun es dann doch nicht. Oft liegen die Gründe dafür dann auch in einer anderen Krankheit die sich Co-Abhängigkeit nennt. Ich weiß nicht ob Du Dich darüber schon mal informiert hast, wenn nicht, dann google es doch einfach mal. Oft ist es auch eine Art Pflichtbewusstsein. Mal will den Partner den man liebt (oder mal geliebt hat oder von dem man glaubt das man ihn liebt) ja nicht einfach hängen lassen. Und oft sind es auch eigenen Existenzängste, finanzielle Sorgen, gemeinsame Kinder, etc. die dafür "sorgen", dass man lieber den saufenden Partner irgendwie erträgt als das man den Schritt wagt, in ein selbstbestimmtes Leben zurück zu gehen.

    Insofern hast Du hier einen Riesenschritt getan, und ohne Deine genaue Situation zu kenne möchte ich sagen: Bestimmt auch einen ganz wichtigen für Dich und Deine Zukunft.

    Was jetzt passiert ist ganz normal. Du zweifelst, Du hinterfragst Deine Entscheidung und von der "anderen" Seite kommen nun auch Informationen, die diese Zweifel in Dir am köcheln halten. Er als Alkoholiker ist, und das darfst Du mir wirklich glauben weil ich es bei mir selbst erlebt habe, ein Meistern im Manipulieren und auch im Lügen. Er wird die Knöpfe kennen, die er drücken muss um etwas bei Dir erreichen. Ich kannte die Knöpfe bei meiner Frau jedenfalls sehr sehr gut. Und das wird er nutzen, wenn Du es zulässt.

    Dann sind da aber ja noch all die anderen, teilweise ganz schlauen, die aber eigentlich gar nicht wissen, was bei Dir /Euch eigentlich genau abgelaufen ist. Sehr beliebt sind hier auch die Vorwürfe der Eltern des Trinkers z. B. Bei Dir ist es jetzt ein Freundin, die Dir ganz generöß ja "keine Schuld zuweisen möchte" um dann aber ein dickes "ABER" anzuhängen.

    Zu all diesen Menschen, vielleicht gibt es noch mehr von denen in Deinem Umfeld, vielleicht kommen noch welche dazu, kannst Du sagen: Walk a mile in my shoes!

    Dein Leben, Deine Entscheidung(en) - sein Leben, seine Entscheidung(en). Ich glaube ich brauche Dir hier nicht mehr explizit erzählen, dass Du an seiner Sucht nicht ändern kannst. Dass Du ihn nicht vom Trinken abhalten kannst. Nur er allein kann das. Mit Deinem Ausszug hast Du ihm sozusagen eine letzte Steilvorlage gegeben. Ein Steilvorlage, die er so oder so hätte nutzen können. Entweder als eindeutiges Signal, dass es jetzt wirklich ernst ist, dass Du ihn wirklich verlässt bzw. verlassen hast und dass er spätestens jetzt sich Hilfe sucht um von der Flasche weg zu kommen. Weil der Dich z.B. einfach nicht verlieren möchte und eigentlich ja auch selbst weg will von dem Zeug.

    ODER: Er nutzt es als Steilvorlage um jetzt erst Recht zu saufen. Denn Du hast ihn ja verlassen und wenn das kein guter Grund ist. Er hast sich wohl für Variante 2 entschieden und garniert das noch mit ordentlich Selbstmitleid. Alles was er tun müsste wäre sich Hilfe zu suchen und ernsthaft von dem Zeug weg wollen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein und so wird er weiter saufen. Seine Entscheidung und daran kannst Du absolut nichts ändern.

    Aber zieh' Dir bloß nicht den Schuh an, dass Du dafür verantwortlich bist. Er säuft, und Du stehst nicht mit der Knarre daneben und zwingst ihn dazu. Er tut es weil es tun will, oder auch weil er es tun muss. Aber bestimmt nicht wegen Dir. Und er könnte es ändern. Hier im Forum hast Du viele Beispiele von Menschen die es geändert haben. Verdammt schwer, aber möglich. Wenn man es wirklich will.

    Deshalb möchte ich Dir sagen: Bleibt bei Dir. Werde nicht schwach. Blocke jedwede Zweifel und irgendwelche Vorwürfe ab. Kümmere Dich um Dich und um Dein Leben, lass ihm das seine. Wenn Du zurück gehst wird sich nicht ändern, überhaupt nichts. Egal was er Dir vielleicht auch verspricht. Es gäbe aus meiner Sicht nur einen einzigen Grund, wo Du über eine Fortführung der Beziehung nachdenken könntest, nämlich dann, wenn er aufhören würde zu trinken. Und nicht nur mal nichts mehr trinken, sondern wirklich aufhören mit allem was dazu gehört. Langfristig.

    Alles andere verlängert Deine Leidenszeit. Die Alkoholsucht ist leider eine furchtbare Krankheit wo auch Liebe ganz schnell an ihre Grenzen kommt. Insofern: Lieber in Liebe loslassen als unglücklich verliebt leiden...

    Alles alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo Szegfue,

    Zitat

    Jetzt habe ich davor Angst, ihm evtl. einen Korb geben zu müssen. Oder wie soll ich sonst mit der Situation umgehen?

    Was meist Du mit "evtl." einen Korb geben? Dein Date, von dem Du eigentlich ein wenig enttäuscht warst, hat Dir freundlicherweise gleich beim ersten Treffen mitgeteilt oder gezeigt, dass er neben einem Drogenproblem auch ein Alkoholproblem hat und Du spielst mit dem Gedanken ihm keinen Korb zu geben? Du überlegst, ob Du mit ihm evtl. perspektivisch vielleicht eine Beziehung eingehen könntest? Oder ob Du ihn wenigstens erst mal genauer kennenlernen willst? Muss ich das so verstehen oder stehe ich gerade auf dem Schlauch?

    Also ich kann da nur sagen: Mach nicht den Fehler und hole jemanden in Dein engeres Umfeld der selbst massive Probleme hat. Zumal Du das ja komplett ohne Not tun würdest. Oder? Da gibt es doch keinerlei Verpflichtung, überhaupt keinen Grund oder war da was, weshalb Du jetzt der Meinung bist, Du müsstest oder willst diesen Menschen näher kennenlernen?

    Und wo liegt denn Dein Problem ihm jetzt einen Korb zu geben? Und was heißt schon "Korb", es war einfach ein (Blind-)Date und da ist doch der Ausgang immer offen. Das wissen doch beide Seiten, oder? Ein freundliches "Du, das mit uns beiden wird nix werden aber troztdem vielen Dank für den angenehmen Abend" sollte doch ausreichen. Denke ich mir.

    Es sei denn Du willst wirklich mehr. Vielleicht hat er Dir ja irgendwas "gegeben" was Du sonst nicht bekommst und wovon Du glaubst das es Dir gut tut. Aber diese Fragen kannst nur Du Dir beantworten. Ich kann aus meiner Erfahrung heraus (bin ja selbst Alkoholiker) nur sagen, dass ich immer die Finger von jemanden lassen würde, der eine Suchtproblematik hat. Jedenfalls dann, wenn ich zu diesem Menschen noch keine Beziehung habe. Denn in einer Beziehung (welcher Art auch immer) zu einem aktiv Suchtkranken kann man nur verlieren. Und da Du selbst ja auch Probleme hast wäre das aus meiner Sicht noch problematischer als es ohnehin schon ist.

    Alles Gute für Dich.

    LG
    gerchla

    Hallo Szegfue,

    Zitat

    Seit fünf Jahren ungefähr, trinke ich ganz selten mal ein oder zwei Gläser Wein. Das Rauchen habe ich auch aufgegeben und somit auch das Kiffen.

    Das stärkt mich ein wenig in meinem Gefühl, dass der Alkohol aktuell nicht unbedingt Dein größtes Problem ist. Was ich sagen will: Es deutet für mich gerade nichts so viel darauf hin, dass Du bereits eine Alkoholikerin wärst die bereits tief im Alkoholsumpf hängt.

    Natürlich kann man da jetzt auch sagen: Was nicht ist kann ja noch werden und Du hast ja nach Deinen eigenen Aussagen auch das Potenzial dafür. Und die Tatsache, dass Du den Alkohol immer ganz bewusst einsetzt, also um eben in bestimmten Situationen von seiner Wirkung profitieren zu können, ist auch nicht ganz ungefährlich. Richtig gefährlich wird das spätestens dann, wenn Du diese bestimmten Situationen häufiger oder regelmäßig hast und dann auch häufiger und regelmäßig zum Alkohol greifst. So entsteht dann eben die Sucht.

    Deshalb glaube ich einfach, dass Du hier an die Ursachen ran musst. Mein Gefühl ist, dass Du ein relativ niedriges Selbstwertgefühl hast. Und das muss Gründe haben. Das muss von irgendwo her kommen. Und das ist mit Sicherheit auch unberechtigt. Du bist mit Sicherheit nicht weniger Wert als irgendjemand anderer. Dazu "passen" dann auch Deine depressiven Phasen ganz gut. Bei Dir ist irgendwas mit der Psyche nicht so wie es für Dich gut wäre und sei jetzt bitte nicht so blöd (verzeih mir diesen Ausdruck) und "bekämpfe" das mit Alkohol. Denn damit erreichst Du genau das Gegenteil. Alkoholsucht ist übrigens auch die Folge einer Erkrankung der Psyche. Alkoholsucht ist eine psychische Erkrankung. Also bitte versuche nicht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

    Das wäre ein grober Fehler der Deine bereits vorhandenen Symptome, wie z. B. auch die Depression, mittelfristig noch befeuern würde.

    Im Grunde, so denke ich jedenfalls, brauchst Du Hilfe, die an die Ursachen Deiner Probleme heran kommt. Um das dann zu lösen. Natürlich weiß ich, dass ich mich hier leicht rede. Und Du bist ja bereits in einer Therapie. Aber vielleicht brauchts was anderes, vielleicht musst Du noch tiefer gehen, vielleicht brauchts ein anderes "Format". So aus der Ferne kann man dazu ja fast nichts sinnvolles sagen. Das Du z. B. auch mit Konflikten nicht umgehen kannst, das sind ja alles Dinge, die irgendwo her kommen müssen und die gelöst werden sollten. Du schreibst: Lebensaufgabe. Ja, vielleicht aber vielleicht auch eine lösbare.

    Hast Du es schon mal mit Lifecoaches versucht? Damit meine ich jetzt nicht die großen Redner, die vor tausenden von Menschen ihre Weisheiten zum besten geben. Es gibt viele spannende Lifecoaches (wobei ich diesen Namen gar nicht mag, mir fällt nur gerade nix besseres ein), die selbst einiges durchgemacht haben und die anderen gerne helfen möchten. Ähnlich wie wir hier im Bezug auf Alkohol. Und nicht alle wollen dafür gleich Kohle kassieren. Google doch mal z. B. nach der "Feinen Seele", aus deren Podcasts habe ich ziemlich viel für mich mitnehmen können.

    Zitat

    Trotzdem sage ich euch: Ich bin nicht über dem Berg. Es kann jederzeit wieder kippen. Und es ist schon in der frühen Jugend passiert, dass ich einen über den Durst getrunken habe und Dinge tat, die ich nüchtern nicht gemacht hätte und mich schlecht danach gefühlt habe.


    Also, klar. Natürlich kann es jederzeit kippen. Wenn Du mir als 20-jährigen gesagt hättest, dass ich 10 Jahre später ein Alkoholiker sein werde, da hätte ich wahrscheinlich laut gelacht. Da trank ich quasi überhaupt keinen Alkohol, noch nicht mal beim Weggehen.

    Und jetzt trinke ich schon sehr lange keinen mehr und kann Dir auch nicht sagen, ob ich in 10 Jahren nicht vielleicht doch wieder am Saufen bin. Wer weiß denn schon, was noch alles passiert in unserem Leben. Was ich aber sagen kann ist, dass ich alles dafür tun werde, dass das nicht passiert. Sicher sein kann ich mir aber nicht. Insofern glaube ich, ist man nie richtig "übern Berg" ist, sondern das ganze Leben einfach ein (Entwicklungs-)Prozess ist. Es ist ein dauerhaftes arbeiten an sich selbst und an den eigenen Zielen. Und ich weiß nicht, ob es überhaupt jemals einen Menschen gab, der den Gipfel erreicht hat. Wäre vielleicht auch gar nicht so gut, denn wenn man wirklich mal ganz oben angekommen wäre, dann ginge es fortan ja nur bergab.....

    Das waren meine Gedanken für Dich.

    LG
    gerchla

    Hallo Hans,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Schön das Du hierher gefunden hast und den Austausch mit anderen suchst. Ich bin nun schon einige Jahre hier aktiv und ich konnte (und kann) sehr viel für mich hier mitnehmen. Und dadurch, dass man hier auch ständig in Kontakt mit Menschen hat, die gerade am Anfang ihres Weges stehen, wird einem auch immer wieder sehr deutlich wo man selbst einmal stand. Einerseits kann man diesen Menschen dann seine eigene Geschichte erzählen, von eigenen Erfahrungen und auch eigenen Fehlern erzählen und somit vielleicht ein paar Impulse für deren weiteren Weg geben. Anderseits, so ist es jedenfall bei mir, macht es einem auch immer wieder bewusst, wie verdammt gefährlich diese Krankheit eigentlich ist und wie dankbar man sein kann, dass man sie überwinden durfte.

    In diesem Sinne, ich wünsche Dir viele interessante Gespräche hier und einen guten Austauch mit den anderen Forumsteilnehmern.

    LG
    gerchla

    Hallo Szegfue,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Nur damit ich das richtig verstehe: Du hast "eigentlich" kein Alkoholproblem, oder? Du trinkst nicht regelmäßig sondern "nur" in ganz wenigen und besonderen Situationen. So wie dieser hier jetzt, wo Du den Alkohol dazu verwenden willst, locker zu werden und ein "anderer Mensch" zu sein. Stimmt das so?

    Also die Lösung ist natürlich keinen Alkohol zu trinken. Ansonsten spielst Du Deinem Gegenüber ja vor jemand zu sein, der Du gar nicht bist. Spätestens dann, wenn er sich wirklich ernsthaft für Dich interessieren würde, müsstest Du entweder dauertrinken um immer so zu sein wie er denkt das Du bist oder er erkennt, dass Du eben nicht die bist, die er eigentlich glaubt das Du bist.

    Kannst Du mir folgen?

    Auch wenn Du kein Alkoholproblem haben solltest dann hast Du auf jeden Fall ein anderes Problem. Nämlich eines mit Deinem Selbstwertgefühl. Und ich denke, da müsstest Du Dir vielleicht Hilfe suchen. Ich weiß jetzt nicht, ob wir hier im Alkoholforum die richtigen dafür sind. Aber da gibt ja schon z. B. Psychologen, mit denen man daran arbeiten kann. Und das ist, glaube mir, tausendmal besser, als den Alkohol zur Hilfe zu nehmen. Denn der hilft nur temporär und die Langzeitnebenwirkungen die er hat wenn man ihn zu oft und zu regelmäßig um Hilfe bittet, die kannst Du hier im Forum nachlesen.

    Also sei echt und bleib echt. Und wenn er damit nicht klar kommt, dann ist er auch nicht der Richtige für Dich.

    Alles Gute für Dich! Und ich bin sicher: Du bist gut so wie Du bist!

    LG
    gerchla

    Rina
    Du hast das super zusammen gefasst. Und man liest Deine Dankbarkeit dafür, dass Du die Sucht hinter Dir lassen konntest ganz deutlich heraus. So ist es bei mir auch, auch wenn meine Geschichte eine ganz andere ist als Deine. Ganz wichtig finde ich auch Deine Aussage, dass Du nach und nach und nicht sofort zu einem lösungsorientierten Denken kommen konntest. Deshalb ist es einfach so wichtig, das Zeug erst mal einfach nur wegzulassen, auch wenn man dafür den größten Kampf seines Lebens führen muss. Erst wenn dann das Hirn langsam frei wird (und ja, das hat bei mir auch Monate gedauert und war einfach ein Prozess), dann kann man zurück in eine positive und zuversichtliche Denkweise finden.

    LG
    gerchla

    Hallo Nyssa,

    danke für Deine ausführlichen Antworten.

    Ich möchte Dir einfach meine Gedanken dazu schreiben:

    Zitat

    Das habe ich auch schon gelesen...
    Und ja, ich denke, das fehlt mir ein wenig. Ich habe keinen Tiefpunkt, es geht nichts schief, im Gegenteil.


    Na ich würde jetzt nicht sagen, dass Dir Dein persönlicher Tiefpunkt fehlt. Ich würde eher hoffen, dass Du diesen erst gar nichts brauchst. Weil Du es vielleicht auch noch ohne diesen Tiefpunkt schaffen kannst. Wie gesagt, da gibt es unterschiedliche Meinungen zu diesem Tiefpunkt. Es gibt ja auch noch diejenigen, die ein sog. "Klickerlebnis" hatten. Das musst Du Dir ungefähr so vorstellen, dass jemand, der schon länger von dem Zeug weg will, der vielleicht sogar schon x Versuche hinter sich hat, ganz plötzlich weiß: Aus, vorbei, nie mehr Alkohol. Und wo es dann auch funktioniert.

    Wie gesagt, es gibt bei dieser Krankheit ganz viel Individualität. Und bei Dir, auch bei dem was Du selbst über Dein Trinkverhalten geschrieben hast, kann ich persönlich noch nicht mal einordnen, ob ich Dich jetzt als Alkoholikerin sehe oder "nur" als Missbräuchlerin. Bei letzterem könntest sicher noch leichter die Reißleine ziehen.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wenn ich schreibe, dass ich denke, dass Du evtl. noch gar nicht süchtig bist, bedeutet das 1. nicht, dass es auch so sein muss (nur Du selbst kannst das wissen bzw. heraus finden) und 2. bedeutet es auch nicht, dass es dann ja nicht so schlimm ist und Du entspannt an die Sache ran gehen kannst. Es bedeutet "nur", dass Deine Erfolgschancen höher sein können als wenn Du bereits süchtig bist. Erst mal macht es nämlich aus meiner Sicht gar keinen Unterschied. Erst mal bist Du gut beraten längere Zeit keinen Alkohol mehr zu trinken. Und ggf. sogar auch dauerhaft keinen Alkohol mehr zu trinken, was sich aber auch aus einer längeren Abstinenz von ganz alleine ergeben kann.

    Zitat

    Und ich habe schlecht geschlafen. Aber konnte dank Alkohol einschlafen.


    Dazu gibt es ja wissenschaftliche Untersuchungen und auch Studien aus Schlaflaboren. Alkohol hilft zwar gut beim Einschlafen und für die erste Schlafphase jedoch verkürzt er insgesamt die Schlafdauer teilweise enorm. Und sorgt so für einen deutlich schlechteren Schlaf. Bei großen Mengen kommt noch dazu, dass auch die Atmung darunter leidetet und es zu Aussetzern kommt. Und wie ich an mir selbst erfahren durfte ist Alkohol auch für Schnarchen verantwortlich. Was also zusammen genommen oft dazu führt, dass man mit Alkohol im Blut das Problem hat, dass man in der zweiten Schlafphase mehr wach ist (Trinkverlangen in Abwechslung mit Toilettengang) oder generell schlechter schläft (schnarchen, Aussetzen der Atmung, generelle Unruhe, etc.).

    Es ist also wirklich keine gute Idee Alkohol als Schlafmittel zu verwenden. Dauerhaft gesehen meine ich. Für ganz normale Menschen ohne Suchtproblematik sind das dann halt mal Tage, wo sie nicht wissen ob sie zu viel getrunken haben oder einfach nur schlecht geschlafen haben. Ich kann von mir sagen, dass ich ab spätestens 2 Uhr, meist sogar schon um Mitternacht herum, ganz schlecht geschlafen habe. Mit ganz vielen Unterbrechungen.

    Zitat

    Getrunken habe ich, um abends den Stress zu vergessen.


    Ein Klassiker. Irgendwie wollten wir das ja alle. Und die andere Variante ist dann "endlich mal Spaß haben können und unbeschwert sein". Es klingt wahrscheinlich nach Klugscheißer wenn ich jetzt schreibe, dass man hier natürlich an die Ursachen ran muss. Also erst mal Prävention, sprich: was macht mir diesen Stress und wie kann ich ihn vermeiden? Und, weil man natürlich im Leben nicht immer alles vermeiden kann was einen belastet oder stresst: welche Alternativen (außer Alkohol) gibt es für mich um mit Stress umgehen zu können oder ihn abbauen zu können.

    Ich glaube das sind dann eben die Dinge um die Du Dich kümmern solltest. Was Du auch tun kannst, wenn Du nicht mehr trinkst. Denn dann hast Du Dein Hirn frei um Dich mit solchen Dingen zu beschäftigen.

    Zitat

    Ansonsten habe nur ich selbst immer noch das Gefühl...


    Sei mir nicht böse, wenn mich hier jetzt der Gedanke beschleicht, dass es dann ja doch nicht richtig aufgearbeitet sein kann. Aus meiner Sicht wäre es sogar das wichtigste, dass DU mit DIR im Reinen bist. Das Du von Dir selbst sagen kann: Super, alles gut soweit. Ich bin so wie ich bin richtig! Ich bin vielleicht nicht perfekt (wer kann und will das schon von sich behaupten?) aber ich bin mit mir im Reinen.

    Wenn Du das kannst, also so von Dir denken, dann werden Dich Menschen von außen auch nicht mehr triggern. Also bezogen auf "ich bin nicht normal". Und dann wird auch die Person in Deinem Arbeitsumfeld diesbezüglich an Einfluss verlieren. Und am Ende könnte es sein (nur eine Theorie von mir), dass das alles zusammen auch dabei hilft, dass der Alkohol an Bedeutung bei Dir verliert. Das die Situationen, die dazu führen dass Du Dich gestresst fühlst, dass Du abschalten und mal vergessen möchtest, einfach weniger werden, vielleicht auch nicht mehr so stark werden und Du dann auch das Verlangen nach dem Entspannungsmittel Alkohol verlierst. Letztlich wäre das nichts anderes, als einen Deiner Trinkgründe oder Trinkanlässe zu beseitigen. Du sorgst dafür, dass es Dir psychisch besser geht, dass Du zufriedener wirst (vor allem auch mit Dir selbst) und entziehst damit dem Alkohol seine Bedeutung. Denn letztlich war das ja genau der Job, den der Alkohol machen sollte und ja auch gemacht hat. Aber eben nur temporär und mit den bekannten Gefahren und Nebenwirkungen.

    Zitat

    Und natürlich trinken alle normalen Menschen um mich herum... Das ist ein Punkt, der es mir schwer macht, weil ich mich als Versager fühle, dass ich nicht normal konsumieren kann.


    Tja, das ist so ein Punkt. Damit müssen wir Alkoholiker irgendwie klar kommen. Ich meine damit jetzt nicht den Part mit dem Versager sondern das alle um einen herum konsumieren. Alkohol hat ein teils sehr positives Image in unserer Gesellschaft. Nicht zuletzt deshalb wird er ja auf den Status eines "Kulturguts" erhoben. Es geht ja oft um Trinkkultur... Wir sprechen von erlesenen Weinen, wir sprechen von edlen Bränden, etc. Wir sprechen ja nicht von einer Droge oder einem Zellgift. Und das alles ist ja ganz toll, außer man stürzt ab und verliert die Kontrolle.

    Und da kommen wir zum Stichwort "Versager". Ich kann Dir nachfühlen, sehr gut sogar. Denn ich habe mich auch als solcher empfunden. Aber, wenn Du mal längere Zeit weg bist von dem Zeug, wirst Du da ganz anders drauf blicken. Dann wirst Du erkennen, dass Du schlicht weg unter einer psychischen Krankheit, vielleicht war es dann bei Dir auch "nur" eine vorübergehende psychische Störung, leidest. Und dass Du Dich dafür genauso wenig schämen musst wie ein Diabetiker sich für seine Krankheit schämen muss. Und eigentlich, dass will ich Dir auch mal sagen, gehörst Du nicht zu den Versagern sondern zu den ganz starken. Denn Du ergibst Dich nicht in die Sucht, Du lässt es nicht einfach laufen (wie das die allermeisten tun), sondern Du gehst aktiv gegen Dein Alkoholproblem vor. Darauf darst Du auch mal einen Moment stolz sein und das hat ganz sicher nichts mit versagen zu tun.

    Zitat

    Jetzt stört es mich einfach, wenn dann mein Mann abends da sitzt und trinkt. Keine Ahnung warum. Vielleicht, weil es mir halt auch geschmeckt hat und weil ER die angenehmen Gefühle dann hat und ich nicht.


    Ich weiß nicht was für eine Beziehung Du zu Deinem Mann genau hast. Ob Ihr eine "gute Ehe" führt, eine vertrauensvolle, eine liebevolle? Wenn ja und wenn Dein Mann nicht selbst ein Problem hat (wovon ich jetzt aber mal nicht ausgehe - oder doch?), dann wäre es doch ein Leichtes für ihn einfach erst mal auf Alkohol zuhause zu verzichten. Für die Frau die ich liebe würde ich das jederzeit sofort machen, das wäre wohl die leichteste Übung. Das setzt aber natürlich voraus, dass Du ihm gegenüber mit offen Karten spielst. Dass Du all das was Du z. B. hier mit uns teilst auch mit ihm besprichst. Eigentlich solltest Du mit ihm dann sogar noch viel tiefer sprechen können , vielleicht auch über Dinge, die Du hier nicht offenbaren würdest. Und wenn Du dann den Wunsch äußerst, dass er Dich in Deiner Abstinenz damit unterstützen sollte, indem er (erst mal) in Deiner Gegenwart keinen Alkohol mehr trinkt, dann würde ich sagen: Überhaupt kein Problem.

    Und auf Dauer gesehen könnte er ja wieder ab und an sein Feierabendbier (oder was auch immer) trinken. Selbst wenn Du Alkoholikern wärst wäre das nicht ausgeschlossen. Ich kenne einige Alkoholiker deren Partner ab und an (also moderat und mäßig) mal was trinken und das ist für den anderen Part gar kein Problem. Bei mir ist das übrigens auch so. Meine Frau trinkt zwar ohnehin nur selten und wenig aber wir haben z. B. eine super nette Nachbarschaft und eine enge Gemeinschaft. Und da sitzen wir, besonders im Sommer, schon oft mal zusammen. Und natürlich trinken da einige was, manche auch mal etwas mehr. Damit habe ich aber kein Problem mehr, es löst überhaupt nichts mehr in mir aus.

    Am Anfang jedoch kann genau sowas hochgefährlich sein. Ich habe im ersten Jahr ohne Alkohol den selbigen gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Also ich meine damit, ich habe strikt vermieden auf irgendwelche Verantstaltungen zu gehen wo es Alkohol gab. Nur wenn es nicht anders ging, ging ich hin, aber immer mit Notfallplan in der Tasche. So ab dem 2. Jahr habe ich mich dann langsam heran getastet. Und nach etwa 2 Jahren wurde der Umgang mit Alkohol in dieser Form dann langsam quasi Routine. Das lag dann im Nachhinein betrachtet aber daran, wie ich Dir weiter oben schon schrieb, dass er die Bedeutung für mich verloren hatte. Ich hatte nämlich ein zufriedenenes, ja meist sogar ein glückliches Leben "erreicht". Und wofür soll dann der Alkohol bitte noch nützlich sein? Warum soll er mich dann noch triggern?

    Alles Gute Dir. Bleib dran, Du bekommst das sicher hin!

    LG
    gerchla

    Hallo stymo,

    phuuu, da hat Susanne jetzt wirklich alles gegeben um Dir zu ihre Sicht der Dinge aufzuzeigen und Dich von ihrer Suchtgeschichte profitieren zu lassen. Aber Du fühlst Dich angegriffen und sprichst davon, dass Dir Heldengeschichten nichts bringen und Du diese nicht hören willst. Du willst mit Menschen sprechen, die so wie Du, im Alkoholsumpf stecken und keine Ahnung haben, wie sie da heraus kommen sollen. Geniale Idee!

    Welche Heldengeschichten meinst Du eigentlich? Die Geschichten von trockenen Alkoholikern die nach teils jahrzehntenlangen Suchtelend irgendwann irgendwie den Absprung geschafft haben und nun hier versuchen anderen Betroffenen mit ihren Erfahrungen zu helfen? Sind es deren Geschichten, deren Sichtweisen, deren Erfahrungen, die Du als Heldengeschichten bezeichnest?

    Weißt Du, ich weiß nicht von allen hier, warum sie enorm viel ihrer Freizeit in dieses Forum hier stecken. Ich weiß z. B. nicht, warum Susanne hier in vielen Posts immer wieder aktiv wird und versucht Hilfesuchenden von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie wird ihre Gründe haben und ich vermute, sie hat ähnliche Motive wie ich. Nämlich den Wunsch anderen Betroffenen durch die eigenen Erfahrungen Impulse zu geben, die im Idealfall dazu beitragen, dass diese Betroffenen etwas davon für sich mitnehmen und am Ende dann auch davon profitieren können. Ich tue das hier aus Dankbarkeit dafür, dass ich das Glück hatte zu den ganz wenigen zu gehören, die diese Sucht überwinden durften. Ich wurde noch dankbarer, als mir irgendwann mal bewusst wurde, wie viel Glück ich eigentlich hatte und wie wenige es eigentlich wirklich schaffen da raus zu kommen. Ich wurde noch dankbarer als mir klar wurde, dass es bei mir wie bei vielen anderen auch, durchaus auch schief hätte gehen können.

    Und das hat verdammt nochmal nichts mit irgendeiner Heldengeschichte zu tun sondern das war eine harte Zeit, mit ganz viel Schwierigkeiten, mit vielen Zweifeln, auch mit viel Scheitern vorab und ganz bestimmt auch mit vielen einfach glücklichen Entscheidungen und mit viel Glück zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen getroffen und gesprochen zu haben. Und es hatte sicher auch damit zu tun, dass ich bereit war diesen Menschen zuzuhören und dem was sie mir erzählten auch Glauben geschenkt habe.

    Und es ist einfach so, ob Du das nun glaubst oder nicht, dass man später, also wenn man den Scheiß tatsächlich hinter sich bringen konnte, einen differenzierten Blick auf die eigenen Vergangenheit werfen kann. Und dann wird einem erst klar, auf was es eigentlich angekommen ist und was die Gründe dafür waren, dass man es dann letztlich beim letzten Versuch endlich geschafft hat. Die meisten hier haben nämlich deutlich mehr als einen Versuch benötigt um diese Sucht zu überwinden.

    Mag sein, dass man, wenn man sich gerade in einer alkoholbedingten Selbstmitleitsphase befindet, diese Geschichten als Heldengeschichten empfindet und dass man dann dazu in Oposition geht, weil man selbst ja (noch) keine solche Heldengeschichte erzählen kann. Aber dieses Forum ist nun einfach mal dafür da, dass die Leute hier ihre Geschichten erzählen um damit anderen die Möglichkeit zu geben etwas für sich mitzunehmen. Und keiner von denen die hier ihre "Heldengeschichten" schreiben tun das, weil sie sich groß und wichtig machen wollen. Meist ist es so, dass hier Menschen ein paar mal schreiben und dann einfach sang und klanglos wieder verschwinden. Da haben wir "Helden" aber vorher schon teilweise viel Zeit in Antworten gesteckt, da haben wir uns Gedanken gemacht, was wir da jetzt schreiben möchten und wie wir helfen könnten. Und dann verschwinden diese Menschen einfach wieder... Still und leise und ohne ein Wort.....

    Und weißt Du was? Egal, denn es geht hier gar nicht darum dafür bewundert zu werden, dass man einer von denen ist, die es geschafft haben. Es geht nur darum vielleicht jemanden helfen zu können, auch wenn man diese Menschen nicht kennt und meist keinerlei Feedback bekommt.

    So und jetzt bin ich raus. Viel Glück für Dein weiteres Leben. Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann auch mal Deine ganz persönliche Heldengeschichte erzählen kannst.

    VG
    gerchla

    Hallo Nyssa,

    lieben Dank, dass Du so schnell auf meine Fragen geantwortet hast. Jetzt habe ich gleich ein viel klareres Bild vor mir. Auch wenn es natürlich nur ganz oberflächlich sein kann.

    Ich möchte Dir gerne einfach ein paar Gedanken zu Deinen Zeilen da lassen.

    Zitat

    Ich höre sicher früher auf mit trinken als andere. Soll heissen, dass meine Mengen nicht so gross waren, und ich auch immer Pausen hatte. Es sollte also nicht so schwer für mich sein aufzuhören...


    Also grundsätzlich kann ich nur sagen: je früher desto besser. Desto weniger besteht auch die Gefahr, dass Du auch z. B. körperliche Schäden nimmst. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Du es deshalb leichter hast mit dem aufhören. Es gibt hier ja auch die Theorie, dass ein Alkoholiker erst seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht haben muss, bevor es ihm wirklich gelingen kann, dauerhaft mit dem Trinken aufzuhören. Da es sich um den "persönlichen Tiefpunkt" handelt ist dieser natürlich sehr individuell. Beim einen reicht schon der Verlust des Führerscheins, ein anderer wird erst wach, wenn er auf der Straße landet oder seine Familie ihn verlässt. Und ja, leider muss man das sagen, die allermeisten Alkoholiker erreichen ihren Tiefpunkt scheinbar gar nicht, denn es sind nur rund 10 % die ernsthaft versuchen von dem Zeug weg zu kommen. Der "Rest" funktioniert mit Alkohol so lange es eben geht.

    Ich bin jetzt aber niemand, der auf dieser Tiefpunkttheorie als absolut unumstößlich notwendiges Ereignis, besteht. Die Wege heraus, sind wie die Wege hinein in die Sucht, sehr individuell und vielfältig. Ich glaube aber, dass süchtig eben süchtig ist. Erst mal egal, auf welchem Trinkniveau man süchtig ist. Was ich sagen will: Ich glaube nicht, dass es jemanden der z. B. 4 Bier am Tag trinkt und diese trinken MUSS oder auch jemanden, der 2 oder 3 mal die Woche 4 Bier trinkt und diese trinken MUSS, der Ausstieg leichter fällt als jemanden der am Tag 10 Bier trinken MUSS oder 1,5 Flaschen Schnaps.

    Ich kann da auf eine Erfahrung von mir selbst zurück greifen. Relativ am Anfang meiner Trinkerzeit hatte ich mal eine Trinkpause, die fast ein Jahr dauerte. Damals kam meine Tochter zur Welt und ich wusste schon, dass ich ein wenig zu viel trank. Wie es genau um mich stand, also das ich bereits süchtig war, das war mir jedoch so deutlich nicht klar. Ich wollte aber ihr zuliebe aufhören und tat es auch. Damals war mein Trinkniveau bei ein oder zwei Feierabendbieren angelangt. Oft auch mal noch mit ein paar Tagen ganz ohne. Also fast noch im risikoarmen Bereich. Dennoch war ich süchtig und weißt Du was mich wieder zurück in die Spur brachte:

    Ich weiß es noch wie heute. Es war ein lächerliches Biermischgetränk, welches mir mein neuer Nachbar (wir waren gerade umgezogen) zur Begrüßung über den Gartenzaun hielt. Ich griff es und ich trank es. Und war innerhalb von ein paar Tagen wieder dabei. Und, das ist auch eine Erfahrung die ich mehrmals gemacht habe, ich trank nach dieser langen Pause dann dauerhaft deutlich mehr als davor. Sozusagen fast, als ob ich was nachzuholen hätte oder ob mir mein Gewissen sagen würde: Hey, jetzt hast Du so lange nix getrunken, jetzt brauchst erst mal nicht aufzupassen.

    Also wähne Dich hier nicht in falscher Sicherheit. Wenn Du süchtig bist, dann bist Du süchtig! Aber sag mal, hälst Du Dich selbst denn für eine Alkoholikerin? Also für suchtkrank. Oder bist Du eher der Meinung, Du würdest "nur" Missbrauch betreiben. So wie Du schreibst, scheinst Du ja nicht täglich zu trinken und auch nicht so große Mengen. Magst vielleicht mal ein bisschen was über Dein Konsumverhalten schreiben?

    Ich meine nur, wenn Du nicht süchtig sein solltest, was Dir hier aber keiner so genau sagen können wird, dann ist es u. U. tatsächlich etwas einfacher (aber ganz sicher nicht einfach) mit dem Aufhören. Ggf. wäre es dann auch möglich, sogar zu einem "normalen" oder moderaten Konsum zurück zu finden. Sofern Du das überhaupt möchtest, denn auch bei einem Missbräuchler der wieder moderat trinkt besteht immer die große Gefahr, dass es doch einmal wieder kippt. Und, das darf ich mit fester Überzeugung sagen, ein Leben komplett ohne Alkohol ist nicht nur möglich, es ist sogar wunderbar.

    Zitat

    Meine Kindheit und Jugend waren schwierig. Vater Alkoholiker, Bruder auch, Mutter coabhängig.
    Es war geprägt von Missbrauch, Mobbing, schläge, und immer das Gefühl falsch und nicht normal zu sein.


    Ok, dann ist da schon sowas wie "Erfahrung oder Prägung" vorhanden. Dann noch Missbrauch und Mobbing.... Man hat Dir da einiges an psychischen Bürden mit auf Deinen Lebensweg gegeben. Ganz schlimm auch das Gefühl falsch zu sein...

    Darf ich fragen, ob Du das aufgearbeitet hast? Du brauchst übrigens grundsätzlich auf nichts zu antworten wenn Du es nicht möchtest. Ich stelle diese Frage deshalb, weil es schon sein könnte, oder sogar wahrscheinlich ist, dass Dein Trinkverhalten unmittelbar damit in Zusammenhang steht. Hast Du heute immernoch das Gefühl falsch zu sein? Denkst Du immernoch Du wärst nicht normal? Oder gibt Dir irgendjemand in Deinem Umfeld dieses Gefühl? Sind sehr persönliche Fragen. Ich würde gut verstehen, wenn Du sie einfach ignorieren würdest.

    Grundsätzlich denke ich, dass Du da evtl. ran müsstest. Also tiefer meine ich.

    Zitat

    Psyche ist nicht immer toll. Aber viel besser als auch schon. Bin eigentlich stabil.


    Siehe meine Zeilen oben. Ich will jetzt erst mal nicht ganz viel darüber schreiben, was da bei mir so war. Denn ich weiß noch nicht, inwieweit Du Dich hier überhaupt öffnen möchtest. Aber meine Psyche war natürlich auch bei meiner Suchtgeschichte das zentrale Element. Letztlich sind wir Alkloholiker psychisch krank. Es ist eine Erkrankung der Psyche und wir versuchen unser psychisches Wohlbefinden mit Hilfe des Alkohols zu verändern, i. d. R. wollen wir unser Wohlbefiinden verbessern. Was ja temporär auch meist gelingt, zumindest wenn die Sucht noch nicht im Endstadium ist. Und genau da liegt das Problem. Wir wollen diese gute Gefühl wieder und wieder und wieder haben. Aber eigentlich müssten wir dafür sorgen, dass es kein schlechtes Gefühl gibt, dass wir mit Hilfe von irgendeinem Rauschmittel beseiten wollen. Eigentlich müssten wir erreichen, dass wir mit uns selbst und mit unserem Leben absolut zufrieden und im Reinen sind. Denn dann gibt es keinen Wunsch schnell etwas verändern oder betäuben zu wollen.

    Das zu erreichen war mein Ziel damals. Ich gebe aber zu, dass mir das von Anfang an so nicht bewusst war. Es war ein Prozess wo sich heraus kristallisierte, dass ich da ran muss. An meine Trinkgründe, an meine Psyche und am Ende musste ich mir auch mal ganz klar machen, wo ich eigentlich den Sinn meines Lebens sehe. Wer ich war und wer ich aber eigentlich sein möchte. Was für ein Mensch ich sein möchte, was eigentlich meine wichtigesten Werte im Leben sind. Wo ich mit meinem Leben letztendlich hin möchte und wie ich gedenke, diese Ziele zu erreichen. Das hatte jetzt bei mir nix mit Job etc. zu tun. Es ging wirklich um was größeres, eben um den Sinn meines "Rest"-Lebens. Hatte ich doch mein bisheriges Leben offenbar nicht sonderlich zufriedenstellend für mich bewerkstelligt. Sind wäre ich nicht als Alkoholiker geendet.

    Zitat


    Alkohol war gut, um abends nach stressigen Tagenruntee zu kommen. Geht aber auch mit Tee... Sonst einfach Gewohnheit würde ich sagen.


    Wenn es bei Dir so einfach ist, dann würde es mich sehr für Dich freuen. Gewohnheiten kann man ändern und gut ist. Wie gesagt, wenn Du nicht süchtig bist, kann das noch funktionieren. Ich wünsche es Dir.

    Wenn Du süchtig bist, wird das m. E. nicht funktionieren. Dann wirst Du wohl ans Eingemachte ran müssen. Um dauerhaft weg zu kommen. Dazu sind dann i. d. R. richtige Veränderungen notwendig. Das habe ich bei mir selbst erlebt und auch von den meisten trockenen Alkoholikern die ich bisher gesprochen habe, so erfahren. Nur nichts mehr trinken kann mal eine Zeit lang funktionieren, auch mal einen längeren Zeitraum, jedoch nicht auf Dauer. Da braucht es dann mehr.

    Alles Gute und ich freue mich auf einen weiteren Austausch mit Dir.

    LG
    gerchla

    Hallo Nyssa,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die letzten Jahre davon ziemlich heftig. Die meiste Zeit trank ich heimlich, nur ganz am Anfang meiner Trinkerzeit sah man mich trinken. Später hatte ich offiziell nicht mal Alkohol im Haus bzw. trank "sichtbar" nur absolut vertretrebare und moderate Mengen. Den "Rest" gab ich mir dann heimlich. Ich hatte Frau und Kinder und habe bis zum Schluss funktioniert. Wobei die letzten beiden Jahre dann schon eher in Richtung vegetieren gingen. Jedoch gelang es mir trotzdem den Schein aufrecht zu erhalten.

    Das einfach mal als kleine Einleitung, damit Du Dir ein grobes Bild davon machen kannst, wer Dir hier schreibt.

    Ich hab' Dir jetzt gar nicht so viel zu sagen. Dazu weiß ich nämlich einfach zu wenig von Dir. Du schreibst ja, dass Du hier auf Unterstützung hoffst. Dafür sind wir hier ja da. Aber um richtig unterstützen zu können ist es immer hilfreich, wenn wir etwas mehr von der hilfesuchenden Person wissen. Vielleicht gibt es ja Dinge oder Gedanken, die Dich gerade besonders beschäftigen. Wo Du nicht genau weißt, wie Du damit umgehen sollst. Wo Dir vielleicht die Erfahrungen oder Meinungen von uns anderen hier helfen könnten.

    Wenn Du Lust hast, dann erzähl' doch einfach mal ein wenig von Dir. Wie Deine aktuelle Lebenssituation so ist, wie Du glaubst das Du da so hinein rutschen konntest, was für ein Umfeld Du hast und ob Du Untertstützung von dort erfährst. Vielleicht erzählst Du auch mal darüber, was Deine größten Sorgen oder Ängste sind. Wovor Du besonders Angst oder Respekt hast. Das alles natürlich nur, wenn Du das auch möchtest.

    Dann könnten wir hier ein bisschen besser von unseren Erfahrungen berichten. Und Du kannst dann ggf. davon was für Dich ableiten.

    Das hier:

    Zitat

    Verheiratet. Kinder. Guter Job

    hätte auch prima zu mir gepasst. Dazu noch: gute Kindheit, schöne Schulzeit, steile Karriere, tolles privates Umfeld, Gesund, keine Schicksalsschläge, genügend Kohle auf dem Konto.... Trotzdem begann ich zu trinken. Scheinbar grundlos.

    Heute weiß ich, dass es Gründe gab. Diese zu finden war eine meiner Hauptaufgaben als ich trocken wurde. Um zu verstehen was da bei mir eigentlich passiert ist und somit für die Zukunft dagegen Strategien entwickeln zu können.

    Wie ist es denn bei Dir? Warum glaubst Du denn, dass Du zur Alkoholikerin wurdest?

    Alles Gute für Dich und einen guten Austausch hier im Forum wünsche ich Dir. Würde mich freuen wieder von Dir zu lesen.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Anonym,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

    Da eierst Du ja schon ziemlich lange herum. 13 Jahre für eine Ausbildung, das klingt rekordverdächtig. Und alles, weil Du mit Alkohol nicht umgehen kannst. Und es bisher trotz einiger Versuche nicht geschafft hast von dem Zeug weg zu kommen.

    So ganz pragmatisch von der Seite betrachtet kommt man da eigentlich schnell zu folgendem Ergebnis: Wenn es jetzt über 13 Jahre mit den von Dir angewandten "Methoden" nicht funktioniert hat, dann muss ein Strategiewechsel her. Klingt natürlich einfacher als es wahrscheinlich für Dich ist.

    Einfach mal ein paar Gedanken von mir dazu:

    Zitat

    Ich berappelte mich vor 2 Jahren wieder, alleine, ganz ohne Therapie und zog meine Ausbildung durch.


    Vielleicht wäre es jetzt mal an der Zeit es nicht alleine zu versuchen. Da Du Dich ja hier angemeldet hast bist Du schon einen ersten Schritt in diese Richtung gegangen. Aber vielleicht würde es Dir helfen, wenn Du mal die ganz "klassischen" Hilfsangebote in Anspruch nehmen würdest. Oder hast Du das in der Vergangenheit vielleicht schon gemacht, ohne Erfolg? Ich weiß es ja nicht, Du hast aber ja nichts darüber geschrieben.

    Du könntest zum Arzt gehen, Du könntest mit der Suchtberatung sprechen und Du könntest, als ganz niederschwelliges aber oft sehr erfolgreiches Angebot auch mal bei einer Selbsthilfegruppe vorstellig werden. Möglicherweise könnte Dir eine Therapie helfen. Ob nun langzeit oder ambulant, das wären dann Dinge die Du mit dem Arzt absprechen könntest.

    Nicht jeder "muss" eine Therapie machen um von dem Zeug weg zu kommen, ich selbst habe auch keine klassische Therapie gemacht, hatte jedoch trotzdem ärztliche und psychologische Hilfe. Trotzdem sind die angebotenen Therapieformen für viele ein sehr guter Weg um das richtige Handwerkszeug für ein dauerhaftes Leben ohne Alkohol zu bekommen.

    Ich möchte Dir noch von einer Erfahrung berichten, die ich sowohl selbst gemacht habe aber auch von sehr vielen anderen trockenen Alkoholikern so mitgeteilt bekommen habe. Wenn man wirklich von dem Zeug weg will, dann reicht es nicht aus "nur" nicht mehr zu trinken. Nur nicht mehr trinken kann man u. U. sehr lange durchhalten. Ich selbst hab's mal auf fast ein Jahr gebracht, wo ich nichts verändert habe außer das ich keinen Alkohol mehr trank. Eine unscheinbare Situation brachte mich dann innerhalb weniger Tage wieder auf die Spur. Ich kenne aber auch einen Alkoholiker, der fast fünf Jahre "nur nichts trank" und dann rückfällig wurde. Und mir im Nachhinein berichtete, dass er fast die ganzen fünf Jahre immer an Alkohol gedacht hat und seinen Rückfall quasi jahrelang im Kopf vorbereitet hat.

    Ich weiß nicht, was Du so getan hast in den Zeiten Deiner Trinkpausen. Ob Du Dich mit Deiner Sucht auseinander gesetzt hast, ob Du die trinkfreie Zeit genutzt hast, um elementare Dinge Deines Lebens zu verändern. Ob Du heraus gefunden hast, warum Du trinken musstest und ob Du Strategien entwickelt hast wie Du künftig diese Trinkgründe umgehen, bzw. verhindern oder beherrschen kannst. Wenn man das tut, läuft es am Ende bei vielen einfach darauf hinaus, dass sie ihr Leben grundlegend verändern. Nicht selten ist damit dann auch ein verändertes soziales Umfeld verbunden. Oft auch mal ein Ortswechsel, was aber sicher nicht immer notwendig sein wird. Langzeittrockene Alkoholiker berichten fast immer davon, dass nichts oder kaum mehr etwas so ist, wie es zu Trinkerzeiten war, dass sich Verhaltensweisen grundlegend verändert haben, oft auch, dass sich das soziale Umfeld grundlegend verändert hat. Das Freunde verlorgen gegagen sind, verloren gehen mussten und ganz andere dazu kamen.

    Ich kann das von mir genau so bestätigen. So lange ich dachte, ich könnte es alleine damit schaffen, dass ich eben einfach nichts mehr trinke, bin ich immer gescheitert. Mal früher, mal später. Erst als klar war: Jetzt will ich wirklich weg und jetzt bin auch bereit ALLES dafür zu tun, hat es funktioniert. Auch da war es kein einfacher Weg. Aber dieser Weg fühlte ich für mich von Anfang an ganz anders an als die Trinkpausen vorher.

    Insofern, wenn Du wirklich weg willst, dann verändere etwas. Gehe es richtig an, probiere Hilfsangebote aus, schau was da zu Dir passt. Finde (mit Hilfe) heraus, was da bei Dir genau los ist. Die Alkoholsucht ist eine psychische Erkrankung, genau da musst Du ran. Du bist psychisch krank, Du brauchst einen Ersatzstoff um Dein Leben auszuhalten. Um das abzustellen musst Du es verändern. Wie und wo und was, das musst Du selbst heraus finden, das wird Dir aus der Ferne niemand sagen können. Aber vielleicht hilft Dir dabei ein Therapeut oder ein Psychologe, der Dich näher kennenlernen kann. Wenn Du es zulässt...

    Alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Protti,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin hier ganz der Meinung von Susanne. Pauschal kann man nicht sagen was Du jetzt tun könntest. Die Hardfacts, wie z. B. kein Alkohol mehr im Haus, hast Du ja bereits umgesetzt. Und das Du nicht vor ihr trinkst setze ich jetzt auch mal als gegeben voraus.

    Es sieht zwar auf den ersten Blick so aus, als wäre die Alkoholkrankheit bei allen irgendwie gleich oder ziemlich ähnlich (sie trinken halt zu viel und verlieren die Kontrolle) aber eigentlich ist das eine sehr individuelle Angelegenheit. Natürlich trinkt jeder Alkoholiker zu viel Alkohol und ist süchtig. Das ist das, was man von außen wahr nimmt.

    Bei Dir bzw. Deiner Frau geht es aber ja jetzt darum dauerhaft von dem Zeug weg zu kommen. Und deshalb wird es bei ihr ihm Rahmen ihrer Therapie wahrscheinlich auch darum gehen, warum sie getrunken hat und was sie tun kann, dass sie das zukünftig nicht mehr muss. Und dieses "warum" ist bei jedem Alkoholiker anders zu beantworten. Da stecken oft Dinge dahinter, die einfach ganz tief gehen und die auf die jeweilige persönliche Lebensgeschichte (inkl. Kindheit) zurück zu führen sind. Am Ende sprechen wir hier ja von einer psychischen Erkrankung. Der Alkoholiker muss lernen, Situationen die er jahrelang nur mit Alkohol ausgehalten hat ohne selbigen auszuhalten bzw. zu bewältigen.

    Ich glaube, dass es auch für Dich ein Lernprozess werden wird. Ich habe das oft von Paaren gehört, wo einer von beiden Alkoholiker war und dann trocken wurde. Da gab es immer zwei Varianten. Einmal die Variante, dass die beiden zusammen diesen Prozess durchlaufen haben und auch der nicht süchtige Partner viel an sich arbeiten musste um die Beziehung aufrecht zu erhalten und am Ende dann positiv zu gestalten oder die Variante, dass sich die Paare getrennt haben, nachdem der trinkende Teil trocken wurde. So war es übrigens bei mir.

    Beides passiert. Ich habe Paare gesprochen, die jetzt ein zufriedenes oder glückliches Leben ohne Alkohol führen und Menschen, die sich trennten, weil sich zu viel verändert hat. Und das ist ja das, was Susanne Dir auch geschrieben hat. Rechne damit, dass Du eine veränderte Partnerin zurück bekommst. Und rechne damit, dass sie sich noch weiter verändern wird. Und mache Dir auch bewusst, dass das so sein muss. Denn wenn sie sich nicht ändern würde, dann wäre ja nichts erreicht. Das kann für Dich durchaus eine Herausforderung darstellen, denn möglicherweise reagiert Deine Partnerin jetzt auch mal so, wie Du es nicht erwartet hättest. Möglicherweise reagiert sie auch mal so, dass Du Dich vor den Kopf gestossen fühlst. Und damit umzugehen und zu verstehen was da gerade passiert bzw. trotzdem auch die eigenen Bedürfnisse zu formulieren, ist sicher nicht so einfach. Deshalb wäre es hier sicher auch nicht schlecht, wenn Du Dir dazu Hilfe holen würdest.

    Meine erste Anlaufstelle wäre hier nun auch erst mal die Klinik in der Deine Partnerin ihre Therapie macht. Wie Susanne schon geschrieben hat, gibt es ja normalerweise auch Paargespräche. Grundsätzlich könntest Du dort aber auch mal nachfragen, was Du tun kannst oder wer Dir ggf. zur Seite stehen könnte.

    Ich denke die größte Herausforderung für Dich wird wohl sein, wieder Vertrauen zu Deiner Partnerin aufbauen zu können. Das ist sicher etwas, womit Du Dich auch beschäftigen musst. Ich kenne ja Eure Geschichte nicht, aber normalerweise ist das ein langer Prozess. Verständlicherweise geht das nicht von heute auf morgen, wenn man jahrelang belogen oder gar betrogen wurde. Wie gesagt, ich weiß nicht was bei Euch war, aber ich denke im gegenseitigen Vertrauen liegt ganz am Ende dann der Schlüssel für eine funktionierende Beziehung.

    Viel Glück für Euch beiden!

    LG
    Gerchla