Hallo Nebelkrähe,
herzlich Willkommen bei uns im Forum.
Kurz zu mir, damit Du weißt mit wem Du es zu tun hast: männlich, Mitte 40, Alkoholiker und mittlerweile schon einige Jahre trocken.
Erst mal würde ich Dir vorschlagen Dich hier durch die unterschiedlichen Threads zu lesen (falls nicht schon geschehen). Da wirst Du erst mal ziemlich viel Input bekommen und feststellen, dass
ZitatUnd vielleicht tut es auch gut, nicht alleine zu sein.
Du natürlich nicht alleine bist. Du befindest Dich sogar in einer recht großen Gesellschaft denn in Deutschland sind ja ca 1,8 Millionen Menschen alkoholabhängig. So wie Du wahrscheinlich und ich ganz sicher. Allerdings ist nur ein äußerst kleiner Anteil dieser Abhängigen bereit oder in der Lage etwas an ihrer Situation zu ändern.
Etwas Ändern zu wollen ist aber natürlich die absolute Grundvoraussetzung um überhaupt sinnvoll etwas gegen die Sucht unternehmen zu können. Du bist also nun an dem Punkt angekommen wo Du Dich zumindest schon mal intensiver mit Deinem Trinkverhalten außeinander setzt. Wenn ich Dich richtig verstehe bist Du aber noch nicht bereit eine Therapie zu machen.
Ich sag mal so: Eins nach dem Anderen! Erst mal ist es nicht schlecht, dass Du Dich hier austauschen willst und Dich mit Deinem Trinkverhalten außeinander setzt.
Du bemerkst vielleicht, dass ich vermeide Dich als Alkoholiker zu bezeichnen. Und zwar desahalb, weil ich das nicht 100 %ig beurteilen kann. Sicher ist aber, wie Du ja selbst schreibst, dass da ein gewaltiges Problem vorhanden ist. Und die typischen Anzeichen die Du beschreibst deuten stark auf eine Sucht hin.
Idealerweise wäre jetzt wohl folgendes sinnvoll: Arzt des Vertrauens aufuschen und Sitation schildern / qualifizierte Entgiftung machen (ggf. auch stationär, je nach ärztlichem Rat), Beratungsstelle Suchthilfe aufsuchen und über weitere Schritte oder Möglichkeiten sprechen / ggf. ambulante oder stationäre Therapie / begleitend SHG besuchen -
Soviel zur Theorie, zum vielleicht geradlinigsten und sinnvollsten Weg raus aus der Sucht. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass das oft nicht so stringend abläuft. Auch wenn es wohl der Weg mit der meisten und absolut notwendigen und sinnvollen Hilfe ist.
Bei mir war das so: Jahrelanges Trinken erst mal auf niedrigem Niveau / Problemchen kamen und mein Trinkniveau stieg / nun entstanden die Probleme nicht mehr durch Außeneinwirkung sondern meine Sucht sorgte für Problemnachschub welche dann wiederum durch erhöhtem Konsum bekämpft wurden / so gingen die Jahre ins Land und ich trank immer weiter ohne Verstand / alles heimlich, meine Umwelt sollte nichts von meiner Sucht mitbekommen / Tabus wurden gebrochen, z. B. irgendwann das erste Bier schon vor vier, dann das erste Bier schon vor Mittag und irgendwann das erste Bier vormittags, sprichs morgens in der Frühe. Weitere Tabus wurden gebrochen, z. B. niemals Auto fahren mit Alkohol im Blut.
Und so ging es dahin. Ich weiß nicht "wie weit" Du schon bist aber glaube mir, es kommt auf jeden Fall noch viel schlimmer. Natürlich versuchte ich auszusteigen - heimlich und ohne Hilfe. Nichts mehr trinken - das ging anfangs. Sogar ein paar Monate, später noch ein paar Wochen, dann immerhin noch ein paar Tage, irgendwann war ich stolz wenn ich mal an einem Tag nichts getrunken hatte und schließlich konnte ich überhaupt nicht mehr ohne sein. Ich war kurz davor nachts aufzustehen und statt Wasser Bier zu trinken.... Das wäre dann ein weiteres Tabu gewesen....
Alle Trinkpausen blieben Pausen und ich kehrte immer wieder zurück zum Alkohol. Anfangs auch mit gutem Gewissen, hatte ich mir doch bewiesen, dass ich ohne kann. Und wer ein paar Wochen ohne sein kann, der kann ja kein Problem haben.... Tja, das ist natürlich totaler Quatsch.
Mein Ausstieg nach vielen Jahren starken trinkens sah dann so aus, dass ich plötzlich nicht mehr konnte und wusste ich muss und will jetzt reinen Tisch machen. Ich will nie mehr trinken. Ich war ein psychisches Wrack, seelisch am Ende und körperliche Symptome waren auch schon zu sehen. Ich hörte auf und ging zu spät zum Arzt. Hätte ich unter kalten Entzug gelitten und wäre es zum Delir gekommen, hätte ich in Lebensgefahr geschwebt. Dieser Gefahr war ich mir damals nicht bewusst und so ging ich erst mehrere Tage nach meinem letzten Bier zum Arzt. Was ich aber sofort getan habe war eine SHG zu besuchen. Das war ein Schlüsselereignis für mich und half mir sehr - auch wenn ich heute keine mehr besuche.
Dann machte ich natürlich auch einen Termin bei Psychologen denn ich war (und bin es immernoch) davon überzeugt, dass meine Alkoholsucht eine psychische Erkrankung ist. Ich habe weitere psychologische Betreuung gesucht, jenseits vom klassischen Psychologen was mir ebenfalls sehr geholfen hat bei der Aufarbeitung. Und ich habe mein Umfeld eingeweiht, mich geoutet. Es allen gesagt, die mir wichtig waren /sind. Und damit die Heimlichtuerei hinter mir gelassen und das Türchen zurück ein Stück weit verschlossen. Das war für mich eine logische und sehr wichtige Entscheidung denn all meine Versuche heimlich aufzuhören und darauf zu hoffen, dass dann niemand je etwas von meiner Sucht erfährt waren gescheitert. Und dieses Mal war ich mir auch sicher, dass ich nie mehr wieder Alkohol trinken will - ich musste einfach reinen Tisch machen, auch wenn das die wahrscheinlich schwersten Gespräche meines Lebens waren.
Es dauerte Monate, ich möchte sogar sagen Jahre bis ich langsam wieder "normal" wurde. Ich verstand plötzlich den Spruch der AA, die zu mir sagten: So lange Du gesoffen hast, so lange dauert es auch bis zu wieder normal bist - nun, vielleicht muss es nicht ganz so lange dauern... Aber es geht nicht von heute auf morgen und auch nicht innerhalb von ein paar Wochen. Ich arbeite heute noch auf, nur heute sehr viel ruhiger und enspannter, zielgerichter und auf einzelne, kleinere Problemchen bezogen.
Soweit meine Geschichte im groben Überblick. Ich will Dich damit motivieren etwas zu unternehmen, Dein Problem richtig anzupacken. Hol Dir Dein Leben zurück - Du hast nur das eine! Und übrigens: Probleme habe ich auch jetzt ohne Alkohol nur mit dem Unterschied, dass ich diese jetzt nüchtern auch lösen kann oder ich lerne damit umzugehen, ohne mich betäuben zu müssen. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben wie in der Zeit seid ich nichts mehr trinke!
Einen guten Austausch wünsche ich Dir und alle Gute für Deinen weiteren Weg.
LG
gerchla