Hallo Hortensia,
jetzt fühl Dich erst einmal von mir gedrückt. Deine Zeilen, Dein Leben berührt mich sehr. Wieder einmal eine der Lebensgeschichten in denen der Alkohol nicht nur die Trinker selbst zerstört sondern auch die Angehörigen schwer zu leiden haben.
Ich kann Deine Gedanken, Deine Ängste durchaus nachvollziehen. Da stehst Du nun, ganz alleine, und hast aus Deiner Familie nur noch Deinen trinkenden Vater, wobei Dir der Kontakt zu ihm aber ganz offensichtlich nicht gut tut.
Ich hatte in meinem ersten Beitrag ja geschrieben, dass es schwierig ist die Situation Deines Vaters aus der Ferne zu beurteilen. Ich möchte jetzt hinzufügen, dass das was Du jetzt geschrieben hast, auf jeden Fall dafür spricht, dass Dein Vater Alkoholiker ist. Ich denke da braucht man sich nichts vorzumachen.
Wie ich Deine Zeilen jetzt interpretieren, hat er sich gegen einen Aufenthalt in einer Entzugklinik entschieden, denn er hat ja kein Problem. Das passt natürlich genau in das Bild eines Alkoholikers, und hilft Dir natürlich kein Stück weiter.
Akutell ist es dann wohl so, dass Du oder er versucht nun doch eine Kur mit Schwerpunkt Depressionen zu bekommen. Oder ist diese bereits bewilligt?
Ich will Dir ganz ehrlich sagen was ich denke. Ich denke das Du in dieser ganzen Geschichte mit Deinem Vater bestenfalls eine Randfigur bist. Eine Randfigur, die unter dieser Situation derart stark leidet, dass sie selbst gefahr läuft krank zu werden. Randfigur deshalb, weil ich denke, dass Du so gut wie keinen Einfluss auf das weitere Leben oder die mögliche Genesung Deines Vaters hast. Du bist nicht diejenige, die hier irgendwas beeinflussen kann.
Du hast es versucht, Du versuchst es immer wieder. Er lügt, er leugnet, er verharmlost und vertuscht und Du kannst nebenher zusehen, wie er langsam immer mehr zugrunde geht. Egal was Du machst oder sagst, es erreicht ihn nicht oder nur ganz oberflächlich. Er steckt in seiner Sucht fest und gleichzeitig in seiner Depression.
Ich wünsche Dir deshalb ganz fest, dass er diese Kur bekommt (und dann auch antritt, den da habe ich auch Zweifel). Vielleicht können sie dort etwas in Bewegung setzten. Ich denke die werden dort sehr schnell merken das er Alkoholiker ist. Und ich denke auch (ohne es wirklich zu wissen), dass sie mit sochen "Fällen" durchaus Erfahrung haben. Alkohol und Depression sind oft ein Paar.
Deine Verzweiflung und das die Situation Dir enorm zu schaffen macht, ich kann es wirklich sehr sehr gut verstehen. Deshalb glaube ich und würde mir für Dich wünschen, dass Du Dir neben dem Schreiben in diesem Forum unbedingt noch Hilfe suchst. Also reale Hilfe, nicht nur die virtuelle hier. Hilfe von Menschen, die dafür ausgebildet wurden andere durch schwierige Lebenssituationen zu begleiten und zu überwinden. Alleine ist es doch so viel schwerer. Einerseits gibt es natürlich die SHG für Angehörige, andererseits aber auch Psychologen, so wie ihn Dein Vater ja auch in Anspruch nimmt. Ok, wenn den belügt, was Du ja vermutest und wo Du wahrscheinlich recht hast, dann bringt es nicht. Aber das trifft ja auch Dich nicht zu. Ich beispielsweise habe einen Mönch gefunden, der mich durch die schwierigste Phase meines Lebens begleitet hat. Ohne ihn hätte ich mein heutiges Leben in dieser Form nicht erreichen können. Ich weiß nicht ob ich ohne diesen Menschen trocken geblieben wäre. Ich hatte einen Gesprächspartner, der mir immer wieder ganz wichtige Anstösse gegeben hat, der mich voran gebracht hat. Durch die Zeit der Trennung von meiner Frau und von meinen über alles geliebten Kindern, durch die Phase, wo mich die Schuld die ich durch meine Trinkerzeit aufgeladen hatte, fast erdrückt hat. Ich hatte diesen Menschen, zum Glück!
Ich denke es ist enorm wichtig, dass Du zu DEINEM Leben zurück findest. Das Leben für das DU die Verantwortung hast ist eben nur Dein eigenes. Das Du Deinem Vater helfen willst ist das natürlichste auf der Welt. Das Du viel für in tust, Deine Belange in den Hintergrund stellt, ja auch das ist ein Stück weit und eine gewissen Zeit lang durchaus in Ordnung. Aber was bei Dir passiert ist ja ein Kampf gegen Windmühlen. Der Versuch jemanden zu helfen, dem Du nicht helfen kannst weil er sich nicht helfen lassen möchte.
Es ist sehr schwer hier die richtigen Worte für Dich zu finden. Bitte lege meine Worte nicht auf die Waagschale. Versuche mit jemanden zu sprechen, der wirklich etwas davon versteht, z. B. ein Psychologe oder auch andere Angehörige die ähnliches erlebten.
Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute!
LG
gerchla