Hallo Rainer,
erst mal freut es mich, dass Du aus meinen Gedanken was für Dich mitnehmen konntest.
Jetzt will ich mal auf ein paar Sachen eingehen:
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Wie lange hat es denn bei Dir in etwa gedauert bis zu diesem Zustand ?
Das war ein schleichender Prozess bei mir. Ich kann Dir nicht sagen, dass es dann am Tag x soweit war und dass ich da dann genau 1 Jahr, 2 Monate und 5 Tage trocken war. Es war bei mir so, dass ich die erste Zeit meiner Trockenheit, also so das erste halbe bis dreiviertel Jahr schwer mit mir selbst beschäftigt war. Über diese Zeit sage ich heute, dass ich viele Teile davon wie im Nebel wahrgenommen habe. Es ist für mich eine ganz undurchsichtige Zeit gewesen wo ich im Nachhinein so viele einschneitende, schmerzhafte und wirklich für mich auch hammer schwere Entscheidungen treffen musste. Z. B. die Trennung von meiner Familie.
"Nebenher" wollte ich auch noch trocken werden. Vielleicht verstehst Du was ich meine. Also das, was ich damals alles für mein zukünftiges Leben habe entscheiden müssen, die vielen vielen Tränen die sehen musste, z. B. von meinen Kindern - alle verursacht durch meine Entscheidungen - die hätten eigentlich gute Gründe geliefert weiter zu saufen. ABER: Das war schon damals keine Option mehr! Also war es wohl dieser oft zitierte "Klick" - ich wusste: dieses Mal will ich nicht mehr. Ich WILL NICHT mehr trinken. So durfte ich mein durchaus selbstverschuldetes Elend in den ersten Monaten meiner Trockenheit bei vollem Bewustsein ohne die Wegbeamdroge Alkohol erleben.
Ich habe mir natürlich helfen lassen. Psychologe, ein Mönch, der mir wohl mit am meisten geholfen hat. Ich wusste ja gar nicht mehr wie das geht, für sich selbst und für mein eigenes Leben und für meine Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen. Diese Menschen halfen mir dabei, gaben mir einen gewissen Rückhalt. Trotzdem ist das alles heute wie in Watte gepackt. Was ich aber sicher weiß ist, dass ich schon damals keine Gedanken an wieder trinken gehabt habe.
Doch gab es Situationen, die mich unruhig werden ließen. Z. B. wenn ich wo übernachtet habe wo Alkohol im Haus war. Ich hatte mir zwar von Anfang an gesagt, dass es nicht sein kann, dass mich das triggert und dass ich mir ja zu jeder tages- und nachtzeit Alkohol besorgen könnte, wenn ich das möchte (nächste Tankstelle um die Ecke). Und das stimmte ja auch, aber trotzdem war es ein sehr unangenehmes Gefühl zu wissen, dass in diesem Kühlschrank jetzt z. B. Wein steht.
Auch später, viel später, als ich bei meiner jetzigen Frau wohnte, gab es diese Situationen. Sie trinkt quasi nichts, also fast nichts, hatte aber immer was im Hause, wenn mal Gäste kommen. Das Zeugs war da monatelang in irgend einer Ecke und ich hab's gar nicht wahr genommen. Ich habe mich damals auch schon als absolut gefestigt bezeichnet. Aber trotzdem, irgendwann stieß ich auf das Zeug und ich wollte, das es dort bleibt. Weil es kann ja nicht sein...siehe oben.... - Es hat aber so in mir gearbeitet, dass ich dann mit meiner damals noch Freundin gesprochen habe und dann das Zeug weg geschüttet habe. Danach gings mir besser!
Heute ist das nicht mehr so. Also wir haben "aktiv" keinen Alkohol im Haus, kaufen aber mal welchen wenn wir zu irgend einem Anlass einladen. Wird der nicht ganz ausgetrunken, kommt was übrig bleibt bei uns in einen Schuppen. Da steht das Zeug dann - ich kann vom Küchenfenster genau auf diesen Schuppen blicken. In der Praxis ist es so, dass gekauftes Bier irgendwann von mir weggeschüttet wird, weil es abgelaufen ist. Wein etc. wird dort zwischengelagert und wir geben ihn dann irgendwann mal jemanden von dem wir wissen, dass er was damit anfangen kann (allerdings niemals jemanden von dem wir vermuten würden er hätte ein Alkoholproblem). Du kannst hier jetzt heraus lesen, dass wir ein sehr alkoholarmes Umfeld haben. So ist das auch tatsächlich. Trotzdem wollen wir, wenn wir mal Gäste haben von denen wir wissen, dass sie z. B. gern ein Bier zum Essen trinken, das auch ermöglichen. Und zwar nur deshalb, weil ich damit kein Problem habe. In den ersten paar Jahren hat es bei mir für NIEMANDEN Alkohol gegeben. Jetzt muss ich noch dazu sagen, dass mit meiner andauernden Abstinenz diese Situationen, wo wir mal Alkohol anbieten, immer seltener werden. Denn, die Menschen wissen mittlerweile alle, dass ich (wir, meine Frau ja auch nicht) keinen Alkohol trinken. Und sagen dann meist: "Ach übrigens, wenn wir dieses Wochenende bei Euch sind, kommt bloß nicht auf die Idee für uns Alkohol zu kaufen. Wir verzichten gerne und trinken was ihr auch trinkt." Das ist dann so eine sehr angenehme "Nebenwirkung" die sich einstellt, wenn das Umfeld irgendwann mal geschnallt hat, das man alkoholfrei lebt. Das spricht sich halt rum. Denn ich habe aktiv "nur" meiner Familie und meinen engen Freunden gesagt, dass ich Alkoholiker bin. Und Menschen, die mich von sich aus danach gefragt haben, also die mir die Frage stellten: "Sag' mal, warum trinkst Du eigentlich keinen Alkohol?" - Das waren aber gar nicht so viele, aber ich denke viele denken sich ihre Teil. Das ist für mich auch absolut ok. Also, lange Rede kurzer Sinn, ich glaube im Moment ist in diesem Schuppen gar kein Alkohol, ich weiß es nicht mal genau ;D
Aber, wie schon gesagt, man entwickelt sich weiter. Das wichtigste für mich war und ist immer meine Abstinenz, denn verliere ich diese, habe ich mein Leben verloren. Da habe ich nix von und das vom mir geliebte Umfeld auch nicht. Mein jetziges Verhalten stellt für mich aber kein Risiko mehr da und somit das ist das jetzt so in Ordnung. Diese Situationen werden auch, wie schon gesagt, immer weniger.
Ich wage zu behaupten es gibt ganz viele Alkoholiker, die das ganz anders sehen und bei denen das auch ganz anders ist. Und das respektiere ich auch! Ich kann immer nur von mir sprechen.
Also, um auf Deine Frage zurück zu kommen: Gewusst, dass ich nie mehr trinken will, das habe ich von Anfang an - das war eben anders als die vielen male vorher. Warum kann ich Dir nicht sagen, vielleicht hatte ich den oft beschworenen persönlichen Tiefpunkt erreicht. Meinen jetzigen Zustand, also ganz normal alkoholfrei zu Leben und dem selbigen für mich überhaupt keine Bedeutung mehr zuzumessen, das ist über die Jahre so gewachsen. Immer ein Stückchen mehr. Wie ich Dir oben beschrieben habe.
Trotzdem habe ich noch Grenzen. Z.B. nehme ich keinen verkochten, verbackenen Alkohol zu mir. Auch wenn es mir wahrscheinlich nix ausmachen würde. Da sage ich dann: Ich will alkoholfrei leben, aus meiner eigenen Entscheidung heraus. Und wenn ich weiß, das in einen Kuchen z. B. Rotwein ist, dann esse ich ihn nicht. Auch wenn ich ihn, hätte man es mir nicht gesagt, nicht mal bemerkt hätte. Das ist mir egal, denn ich lebe ja aus eigener Entscheidung alkoholfrei und wenn ich weiß, dass irgendwo Alkohol drin ist, dann kommt das für mich nicht in Frage.
Nun, natürlich ist es mir schon mehrmals passiert, dass ich, gerade beim Kuchen, ein Stück gegessen habe, wo ich vom Gastgeber hinterher erfahren habe: uuuups, ähhhh da war jetzt Wein drin - ähhhh habe ich gar nicht dran gedacht dir das zu sagen. Und ich auch ausnahmsweise vorher nicht gefragt hatte, weil dieser Gastgeber ja weiß das ich Alkoholiker bin und noch nie was mit Alkohol angeboten hat. Nun, das ist mir dann egal, denn ich weiß, dass deshalb nichts in mir ausgelöst wird.
Es würde nur etwas in mir auslösen, wenn ich noch Gedanken hätte wie: Oh, schau mal, du hast Kuchen mit Alkohol gegessen.... Hmmm, ist ja gar nix passiert... hmmm, vielleicht könntest du ja auch mal ein kleines, ein gaaaanz kleines Bierchen trinken.... und wenn dann da auch nix passiert .... hmmmm, na vielleicht hast du dir da ja was eingeredet.... ach und überhaupt, wenn doch schief geht kannst du ja wieder aufhören.... hast es ja jetzt auch geschafft....
Du verstehst was ich meine? Ich kenne diese Gedanken nicht mehr. Trotzdem würde ich niemals etwas essen von dem ich weiß, dass Alkohol drin ist (selbst in geringsten Mengen), weil es ja meine Entscheidung ist, keinen Alkohol mehr zu mir zu nehmen. Über diese Situation bin ich sehr froh und glücklich.
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Diese zwei Absätze lese ich nun zum X-ten mal, wieder und wieder.
Ja schau halt mal, ob Du mit so einem Ansatz weiter kommst. Es braucht alles seine Zeit und jeder geht einen anderen Weg. Vielleicht kommst Du so ein Stück weiter.
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Das ist ein großes Problem. Diesen Gedanken muss ich in den Griff bekommen. Wenn ich dem nachgebe, und dadurch rückfällig werde, bin ich ziemlich sicher
gleich wieder da wo ich aufgehört habe. Da kenne ich mich zu gut.
Damit hast Du sicher Recht. Mit allem was Du geschrieben hast. Du musst sie in den Griff bekommen und wenn Du rückfällig wirst, bist schnell da wo Du vorher warst. Ich durfte die Erfahrung machen, dass ich nach längeren Trinkpausen auch immer noch was drauf gesattelt habe. Meist war mein Trinkniveau dann dauerhaft höher als vor der Pause.
Aber was heißt nun in den Griff bekommen. Ansich musst Du Dir darüber Gedanken machen, warum die Alkohol trinken möchtest. Was es Dir bringt Alkohol zu trinken. Welche Nachteile Du davon hast, aber auch welche Vorteile. Auch ich habe durchaus positive Erinnerungen am Alkoholkonsum - Aber, diese beschränken sich ausschließlich auf die ersten zweitdrittel meiner Sucht. Im letzten Drittel, als ich dann mal am Tag jenseits der 5 Biere, zum Ende hin dann bei 10, 12 Bier + Wein, angekommen war, da gibts nix mehr Positives. Gar nix mehr.
Und stell Dir die Frage, was Du eigentlich verlierst wenn Du keinen Alkohol mehr trinkst? Und überlege Dir mal ernsthaft, ob das was dann da auf Deiner Liste steht, auch tatsächlich stimmt oder ob Du das nur so empfindest weil Du Dir all diese Dinge nur mit Alkohol vorstellen kannst. Denke mal drüber nach, wie Menschen die nie Alkohol trinken, diese Situationen auf Deiner Liste eigentlich meistern. Also überlege mal, wie der allergrößte Teil der Menschheit diese Situationen dann meistert, wenn sie doch Deiner Meinung nach nur mit Alkohol gut zu bewältigen sind / Spaß machen usw.
Bisl abstrakt jetzt, aber ich hoffe Du verstehst.
Vielmehr ist es so, dass Du ALLES ohne Alkohol mindestens genauso gut /intensiv/mit Spaß tun kannst wie mit Alkohol. Du hast es nur verlernt oder erst gar nicht gelernt oder kannst es Dir nicht vortellen. Da Du süchtig bist, tut Dein Suchtgedächtnis sein übriges und suggeriert Dir noch kräftig, dass dieses oder jenes ohne Alkohol ja undenkbar ist, dass Du Dich dann ja gleich in die Kiste legen kannst, das man ja schließlich auch noch ein wenig Spaß am Leben haben will usw. usf. .... Ja, so ist das, ich erinnere mich noch gut....
Alles Quatsch. Es ist völlig egal was, es geht alles ohne, ich sage jetzt mal bewusst: BESSER - Bspl.: Nach ein paar Bier war ich offen, redseelig, positiv diskussionfreudig, hatte viel Spaß, schön war's - Heute bin ich ohne Alkohol redseelig, positiv, diskussionfreudig und habe mega viel Spaß - und kann mich sogar noch daran erinnern am nächsten Tag. Ich gebe aber zu, ich musste etwas "üben" so zu sein, wie gerne sein möchte, ohne das "Hilfsmittel" Alkohol - das ist das was ich meinte mit "an sich arbeiten". Aber es war nicht so schwer.... Und es ist ein tolles Gefühl das alles ohne Droge zu, also ECHT, zu erleben und zu tun.
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Ich möchte meinen Konsum oder "das Problem" auch nicht größenmäßig einordnen. Es gibt immer einen der noch mehr trink als man selber und meint kein Problem zu haben. Wenn man so manche Geschichte
hier von anderen liest, da bin ich ja ein Mauerblümchen dagegen.
Ja, das solltest Du auch auf keinen Fall tun. Du wirst immer jemanden finden, der viiiiieeeel mehr trinkt als Du. Die Menge ist nicht ausschlaggebend - es ist die Frage, ob Du ohne kannst. Die Menge steigert sich von selbst, beim einen geht das schneller, beim anderen langsamer.
Die ersten Jahre, nicht wenige, meiner Abhängigkeit trank ich täglich ein- bis zwei Bier. Bei uns in Bayern also quasi eine homöopathische Menge. Aber ich war bereits süchtig! Denn, wenn ich mal eine Pause machte, kreisten meine Gedanken um Alkohol. Oh, ich konnte damals noch monatelang pausieren. Bewusst, weil ich mir ja beweisen wollte, dass ich kein Problem habe. Tja, merkst was? Wennst Dir beweisen musst, dass Du kein Problem hast hast schon ein Problem.
Als ich damals, nach meinem Ausstieg dann am ersten Abend in der SHG aufschlug haben die Mitglieder dort von ihren eignenen Alkoholkarrieren berichtet. Die meisten davon hatten weit härtere Zeiten hinter sich als ich. Zig Entgiftungen, dem Tod von der Schippe gesprungen, Mengen, die meine 12 Bier am Tag bei weitem topten.... Ich bin damals nicht auf die Idee gekommen, es könnte bei mir ja gar nicht so schlimm sein. Nee, ich wusste genau wo ich stand, nämlich am Abgrund. Egal ob mir da jetzt Menschen erzählten, dass es noch viel tiefer gehen kann. Ich war froh, nicht so weit absteigen zu mussen bzw. hoffte zu diesem Zeitpunkt, nicht erst so tief absteigen zu müssen.
Somit tust Du gut daran, Dich nur auf Dich selbst zu konzentrieren.
Alles Gute weiterhin!
LG
gerchla