Hallo Tamara,
herzlich Willkommen bei uns im Forum.
Ich bin Alkoholiker, Ende 40 und lebe jetztz schon mehrere Jahre ohne Alkohol.
Ich kann Dir die Alkoholsucht jetzt nur aus der Sicht eines Trinkers schildern. Angehörige die tranken oder noch trinken, zumindest in der Form wie Du es von Deiner Mutter beschreibst, habe ich nicht. Somit habe ich damit auch keine persönlichen Erfahrungen. Ich bin jetzt auch schon einige Zeit hier im Forum und hier habe ich natürlich schon häufiger Ähnliches gelesen wie das was Du heute geschrieben hast.
Ich weiß nicht in wie weit Du Dich schon mit der Alkoholsucht beschäftigt hast. Tatsächlich ist es ziemlich genau so, wie Euch der Hausarzt gesagt hat. Ich weiß das sich das hart anhört und dass man das erst mal nicht glauben mag. Wie kann es sein, dass der Alkohol soviel Macht über einen Menschen gewinnen kann. Und genau das ist eben die Sucht. Es ist tatsächlich so, dass niemand Eure Mutter vom Trinken abhalten kann. Egal was Ihr tut, was Ihr sagt usw. - Wenn sie trinken will, wird sie weiter trinken. Und niemand kann es ihr verbieten. Alkohol ist eine Droge, und ich persönlch finde sogar, dass er eine der schlimmsten Drogen überhaupt ist, aber er ist der Schmierstoff unserer Gesellschaft und absolut legal. Also, man kann ihr das Trinken nicht verbieten.
Vielleicht wirst Du jetzt sagen: Ich kann doch nicht zuschauen, wie sich meine Mutter immer weiter zu Grunde richtet! Man muss doch etwas tun können!
Nun, nicht allzu viel, wenn ich ehrlich bin. Deine Mutter darauf ansprechen, das hast Du getan (Ergebnis siehe Deine Zeilen). Sie ins Krankenhaus einweisen etc - hattet Ihr auch schon. Ergbnis: siehe Deine Zeilen - selbst der fast Tod durch ihren Sturz im Suff konnte bei ihr nicht bewirken, dass sie etwas gegen ihr Sucht unternehmen will. Da kenne ich z. B. aus meinem Bekanntenkreis andere Fälle. Eine Person (ebenfalls weiblich uns einstmals schwere Alkoholikerin) ist im Suff die Treppe runter gestürzt. Sie hat sich dabei mit sehr viel Glück "nur" die Schulter gebrochen. Sie hat sich noch im Krankenhaus geschworen nie mehr zu trinken. Das ist nun viele Jahre her, zehn mindestens. Sie hat nie mehr getrunken....
Warum hat das bei ihr funktioniert, wirst Du Dich vielleicht fragen. Oder vielleicht fragst Du auch: Warum hast du aufhören können und meine Mutter nicht?
Darauf gibt es keine einfache Antwort aber eine allgemein gültige schon, nämlich: Weil ich von mir selbst aus aufhören wollte, weil ich mein Leben zurück haben wollte und weil ich so elend beieinander war, so völlig auf den Hund gekommen, dass ich so keinesfalls mehr weiterleben wollte. Der von mir besagten Frau ging es ähnlich - für sie war dieser Sturz das Schlüsselerlebnis, das ein Klick in ihrem Hirn ausgelöst hat.
Bei mir gab es dieses Schlüsselerlebnis nicht! Bei mir war es so, dass ich über viele Jahre abhängig trank aber recht gut funktionierte. Arbeit, Familie, usw usf. Das ging ganz gut und ich trank zu 99 % heimlich. Niemand bekam es mit. Viele Jahre konnte ich mein Trinkniveau auf einem bestimmten Level halten, ich denke das waren so zwischen 4 und 6 Bier pro Tag. So war ich sehr sehr lange unterwegs, ohne dass ich Ausfälle gehabt hätte. Doch dann, irgendwann, lief mal nicht mehr so gut. Kamen paar Problemchen dazu, ich steigerte die Menge und damit ging es dann recht schnell richtig Berg ab. Das ging wieder über Jahre. Kaputt ging ich dabei vor allem psychisch. Körperlich am Schluss auch aber vor allem psychisch.
Ich lebte in einer alkoholerzeugten Parallelwelt, einer Scheinwelt, losgelöst von meinem Umfeld, das aber auch jetzt immer noch nicht wusste was mit mir los ist. Da war mein Trinkniveau schon bei über 10 Bier + oft noch Wein angelangt. Ich musste das wirklich täglich trinken, ich hatte keine Alternative - meinte ich zumindest. Es war mir gar nicht mehr möglich, wesentlich weniger oder gar mal gar nichts zu trinken. Das ging nicht, ich war ja schwer süchtig. Mir erschien es auch recht sinnlos nicht mehr zu trinken. Während ich früher immer mal versucht hatte weniger oder eine Zeit lang gar nichts zu trinken, war nun eine Zeit angebrochen, wo ich gar nicht mehr über so etwas nachdachte. Meine Psyche war so kaputt, dass mir dieses Leben so sinnfrei erschien, dass es mir ja nur richtig gut geht, wenn ich mal eine Zeit lang abschalten kann = besoffen war. Nur so konnte ich mein Dasein, dass geprägt war von Schuldgefühlen, überhaupt ertragen. Natürlich wusste ich, dass das alles ein riesengroßer Mist ist. Ich log und betrog was das Zeug hielt. Ein ein Restgewissen war durchaus noch vorhanden. Und genau das war permanent schlecht und im nüchternen Zustand war das für mich nicht zu ertragen.
Vielleicht weißt Du das alles schon. Ich wollte Dir das mal so schreiben, dass Du Dich etwas in einen Alkoholiker hinein versetzen kannst. Möglicherweise ist es bei Deiner Mutter ähnlich, von den Gefühlen her meine ich. Das wird sie natürlich nie zugeben bzw. wenn sie betrunken ist braucht man über sowas erst gar nicht zu reden. Nun tickt Deine Mutter im betrunken Zustand ganz anders als z. B. ich damals.
Ich war immer friedlich, ich habe nicht mit gefroren Schnitzeln um mich geworfen. Ich habe mich zurück gezogen, irgendwo gewerkelt (oder so getan als ob) und dabei getrunken. Alleine wollte ich sein, meine Ruhe wollte ich haben. Deine Mutter wird aggressiv, Dein Vater leidet - so ist das bei dieser Krankheit. Sie verändert Menschen komplett und nicht alle in die gleiche Richtung. Jeden allerdings negativ.
Du sprachst auch von den Gründen der Sucht, also weshalb Deine Mutter angefangen haben könnte. Das bringt Dir nichts, wenn Du Dich damit tiefer beschäftigst, denn es ist letztlich egal. Für sie selbst könnte das mal wichtig werden, sollte sie aufhören und aufarbeiten wollen. Dann wird es für sie evtl. wichtig sein zu wissen, warum es so weit kommen konnte. Aber jetzt nimm mal mich z. B.: ich hatte keine offensichtlichen Gründe mit dem Trinken zu beginnen. Bei mir gabs keine schlechte Kindheit oder Jugend oder überhaupt irgendwelche Schicksals- oder sonstige Schläge. Noch nicht mal finanzielle Probleme gab es. Ich fing trotzdem an..... Es ist egal, das Ergebniss ist immer das Gleiche.
Eines wollte ich Dir noch schreiben. Ich war damals mit meiner 1. Frau verheiratet, wir hatten zwei Kinder (haben wir immernoch
Ich liebte und liebe meine Kinder wirklich über alles. Und trotz Suff und co. waren mir meine Kinder immer das wichtigste. Nicht mal für sie habe ich es geschafft mit dem Trinken aufzuhören, nicht mal für sie.... Sie wären Grund genug gewesen, dass darfst Du mir glauben.
Ich konnte erst aufhören, als ich es selbst wollte. Und dabei dachte ich nicht an meine Kinder oder an irgend jemand anderen. Da dachte ich nur an mich selbst. Willst du leben oder nicht? Willst du so weiter leben? Ich kann und will nicht mehr - so könnte man das was damals bei mir passiert ist zusammen fassen.
Was will ich Dir damit sagen? Leider kann ich Dir nur das sagen, was Dir eben auch schon der Hausarzt angedeutet hat. Du wirst Deine Mutter nicht trocken legen können. Du kannst ihr nicht helfen.
Dir bleibt also nur, auf Dich und Dein eigenes Leben zu schauen. Und darauf zu achten, dass Du nicht vollends in die Co-Abhängigkeit rutscht. Du kannst dann für Deine Mutter da sein, wenn sie von sich aus beschließt etwas zu unternehmen, wenn sie z. B. in die Entgiftung geht und anschließend eine Therapie macht. Dann könntest Du eine sinnvolle Hilfe für sie sein. Ihr zur Seite stehen, sie unterstützen usw. Wenn sie weiter trinkt, kannst du gar nichts tun. Wenn Du Dich aber nicht von ihr und ihrem Suffleben abgrenzt, dann wird sich auch Dein Leben mit zerstören. Alkoholiker zerstören sich leider nicht nur selbst sondern fügen immer auch ihren Liebsten allerschlimmsten Schaden zu. Das solltest Du nicht zulassen. Du hast ein Recht auf Dein eigenes, glückliches Leben. Dein Leben liegt in Deiner Verantwortung, das Leben Deiner Mutter liegt in ihrer Verantwortung.
Vielleicht überlegst Du mal, ob Du Dir nicht Hilfe holen möchtest. Es gibt Beratungsangebote auch für Angehörige, nicht nur für Alkoholiker. Es gibt auch reale Selbsthilfegruppen für Angehörige. Das könnte Dich ein gutes Stück weiter bringen.
Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Kraft und einen guten Austausch hier bei uns im Forum.
LG
gerchla