Guten Morgen macario,
das ist eine sehr gute Frage. Ich will mal versuchen sie zu beantworten.
Erst mal hatte ich während meiner langen Trinkerzeit natürlich mehrere, von mir auch ernst gemeinte, Versuche von dem Zeug weg zu kommen. Ernst gemeint, jedoch im Nachhinein betrachtet, ohne jegliche Chance das es funktionieren könnte. Es wurden Trinkpausen daraus, monatelange, wochenlange und tagelange. Die letzten Jahre meiner Sucht trank ich dann durch, ich konnte keine Pausen mehr einlegen und ich wollte das auch gar nicht mehr. Mir war nämlich alles egal geworden.
Auch gab es während meiner Trinkerzeit ein paar, auch wieder ernst gemeinte, Versuche kontrolliert zu trinken. Auch das funktionierte (wie Du Dir sicher schon denken kannst) natürlich nicht bzw. nur eine relativ kurze Zeit.
Auslöser für diese ernsthaften Versuche etwas an meinem Zustand zu ändern waren meist bestimmte Ereignisse, die mich, ich sage jetzt mal, schockiert haben. Z. B. erinnere ich mich, dass ich mich mal am nächsten Tag an gar nichts mehr erinnern konnte. Das war das erste mal gewesen, dass mir das passierte und ich war mir sicher: Jetzt ist schluss! War's dann für ein paar Wochen.
Dann erinnere ich mich daran, dass mir meine Frau mit entsetzen beim Frühstück erzählte, dass ich sie nachts fürchterlich beleidigt hätte und beschimpft, sozusagen im Halbschlaf. Ich erinnerte mich an gar nichts, bis heute nicht. Das ergab wieder eine Trinkpause.
Die längste meiner Trinkpausen machte ich, als meine Tocher auf die Welt kam. Wir hatten sie bei uns im Bett liegen und ich hatte panische Angst ich könnte mich im Suff mal auf sie legen ohne es zu merken. Das führte zu einer mehrmonatigen Trinkpause. Aber immer wieder fiel ich zurück und immer wieder trank ich danach mehr als vor der Pause.
Wie gesagt, ich rutschte immer tiefer in die Sucht. Die letzten 2 bis 3 Jahre meiner Trinkerzeit waren dann nur noch grausam. Jetzt begann ich neben meinem psychischen Verfall auch körperlich zu verfallen. Typische Alkoholikersymptome traten auf, ich nahm stark zu, hatte Magen- und Darmprobleme usw. Dennoch waren diese körperlichen Symptome für mich kein Grund mit dem Trinken aufzuhören. Ich dachte häufiger: dann säufst Dich halt tot! Um dann im nächsten Moment wieder zu denken: irgendwas wird passieren und dann ist das alles vorbei und alles wird wieder gut.
Du merkst vielleicht: Alles Schwachsinn. Nix passiert, wenn man es nicht selbst in die Hand nimmt. Aber gut, ich triftete mehr und mehr in eine Parallelwelt ab, eine Welt die ich mir mit meinem Alkoholkonsum geschaffen hatte. Ich führte ein Doppelleben, war viel dienstlich unterwegs wobei höchstens die Hälfte davon tatsächlich stimmte. Die andere Hälfte war ich auch unterwegs, saß aber statt auf einer spannenden Dienstreise irgendwo in Europa zu sein in einem kleinen Kellerzimmer im Bürogebäude meines Arbeitgebers und trank vor mich hin. Ein kleiner Raum übrigens, zu dem nur ich einen Schlüssel hatte, von dem niemand wusste, wem "der eigentlich gehört" und den ich mir "eingerichtet" hatte. Heute sage ich dazu: Es war ein 4 qm Loch - aber zum saufen hat's mir gereicht, sogar zum übernachten.
Ich schreibe Dir das, damit Du einen kleinen Eindruck davon bekommst, wie so ein Alkoholikerleben aussehen kann. Wie mein Alkoholikerleben ausgesehen hat. Meine Familie wusste davon nichts. Da war ich der erfolgreiche Familienvater - viel unterwegs, viel Stress und deshalb wahrscheinlich auch immer so komisch drauf.
Das ich log und betrog was das Zeug hielt brauche ich wohl nicht weiter auszuführen.
Jetzt zu Deiner Frage:
Ich kam eines Abends nach Hause, hatte "nur" vier Bier bis dato intus, was quasi nüchtern bedeutete und meine Frau konforntierte mich mal wieder mit einer meiner Lügen, die aufgeflogen war. Eine schlimme Sache war das, aber, ich hätte es sicher auch in diesem Fall wieder geschafft mich aus der Situation "herauszureden". Ich weiß noch, dass ich in meinem Kopf sofort Ideen hatte, wie ich aus dieser Nummer wieder heraus komme und meiner Frau via haarsträubender Lügengeschichte den Wind aus den Segeln hätte nehmen können.
ABER, dieses mal machte es plötzlich "Klick" bei mir. Ich weiß nicht warum und wieso. Ich war einfach so am Ende, so fertig mit allem, dass ich spontan beschloss: Jetzt ist Schluss, und zwar für immer!
Das spielte sich innerhalb weniger Sekunden in meinem Hirn ab, ich hatte das nicht geplant (ich wurde ja von meiner Frau überrascht, ich wusste nicht das ich mal wieder aufgeflogen war). Ich wusste auch, ich muss ihr jetzt sagen dass ich Alki bin und das alles stimmt was sie behauptet. Und dann muss ich ihr noch ganz viele andere Wahrheiten sagen und alle meine Lügen aufdecken. Und ich wusste, wenn ich das jetzt mache, dann wird mein Leben nie mehr so sein wie es einmal war. Alles wird anders sein, es wird keine Vertrauensbasis mehr geben zwischen meiner Frau und mir und meinen Kindern, alles wird zerstört sein. Aber ich sah es als einzige Möglichkeit den Ausstieg aus der Sucht zu schaffen - und das wollte ich ganz plötzlich, innerhalb weniger Sekunden, mit jeder Faser meines Seins (oh jetzt werde ich doch glatt noch poetisch ;D ). Aber so war es tatsächlich.
Nun, ich packte aus. Die Welt meiner Familie brach zusammen, verwandelte sich in einen Trümmerhaufen. Meine auch, wobei ich ja sowieso keine richtige Welt mehr hatte in der ich lebte. Ich lebte ja in mehreren Parallelwelten gleichzeitig.
Ja und dann ging bei mir das komplette Programm los. Gleich in die SHG, Beratung, Arzt, Psychologe usw. usf. - Alles dafür tun dauerhaft trocken zu werden. Natürlich zog ich aus, das Vertrauen war gebrochen, ein Neustart erst mal nicht möglich. Es waren schlimme Wochen und Monate, diese ersten Wochen und Monate meiner Trockenheit. Ich möchte sagen: Es war die Hölle für mich. Vor allem der Verlust meiner Kinder, die ich natürlich auch nicht mehr einfach so besuchen konnte. Nur unter Aufsicht durfte ich sie sehen und schon gar nicht mit ihnen irgendwo im Auto hin fahren. Weil meine Frau natürlich Angst hatte ich hätte getrunken - das kann ich auch gut nachvollziehen. Schließlich hatte ich sie ja so viele Jahre getäuscht.
Aber ich blieb trocken. Komischweise war das tatsächlich mein geringstes Problem. Mein Problem lag eher darin, meine große Schuld aufzuarbeiten und zu lernen damit umzugehen. Mein Problem lag darin meine Sucht zu verstehen und aufzuarbeiten. Mein Problem lag darin wissen zu wollen, was ich von meinem Leben eigentlich erwarte, wer ich sein will, was ich sein will, wie ich leben will.
Wie schon mal gesagt, dieser Prozess führte dazu, dass ich mich dann von meiner Frau getrennt habe, obwohl sie schon bereit gewesen wäre unserer Beziehung eine Chance zu geben. Ich aber nicht mehr.
Nun, diese Zeit war schlimm, aber sie war für mich trotzdem sehr sehr wichtig. Denn wenn ich oberflächlich mit meiner Geschichte umgegangen wäre, hätte ich es nicht geschafft. Davon bin ich überzeugt.
Heute übrigens bin ich wieder verheiratet, bin nochmal Papa geworden und es geht mir bestens. Das Verhältnis zu meiner Ex-Frau ist ebenfalls sehr gut, zu meinen Kindern wunderbar. Ich sehe sie regelmäßig und sie gehen bei uns ein und aus. Das konnte ich dadurch erreichen, dass ich wieder Herr meiner Sinne bin, wieder so handeln kann wie ich mir das wünsche und über die Jahre dadurch Vertrauen zurück gewinnen konnte.
Ich wünsche Dir nur das allerbeste!
LG
gerchla