Hallo Dirk,
das finde ich jetzt sehr interessant. Du hattest also ein ähnliches Trinkmuster oder Verhalten wie ich damals.
Das Verheimlichen ging bei mir recht lange sehr gut. In den Zeiten, in denen ich noch mit 4 oder 5 Bier am Tag gut ausgekommen bin war das vor allem auch logistisch noch ganz gut machbar. Irgendwann hat sich die Menge dann mehr als verdoppelt. Dann war das mit der Beschaffungs- und Entsorgungslogistik für mich ein erheblicher Stressfaktor. Ganz schlimm war, dass ich mich manchmal nicht mehr genau erinnern konnte (wenn ich mal wieder neben Bier noch ne' Flasche Wein reingeschuttet hatte), wo ich das Leergut versteckt habe. Ich hatte die Angewohnheit, Leergut auch manchmal an Stellen zu bunkern, wo es durchaus jemand finden könnte. Da ich aber immer recht früh aus dem Haus bin, habe ich das immer heimlich eingesammelt. Blöd nur, wenn ich wusste, dass da irgendwo noch was sein müsste, ich aber einfach nicht darauf kam, wo genau....
Wenn ich zurück denke überfällt mich das Grausen. Und ich werde sehr dankbar, weil ich heute ein so wunderbares Leben führen darf.
Offenbar bist Du auch ab und an unterwegs, genau wie ich. Ich nutzte meine Reisen natürlich zum Trinken in Ruhe, auf dem Hotelzimmer nach den offiziellen Terminen. Herrlich, niemand der stören könnte. Aber irgendwann begann ich auch Reisen zu erfinden, also meiner Familie gegenüber. Diese Reisen gab es nicht, ich war aber trotzdem nicht zuhause und nutze die Zeit wiederum zum Trinken.
Und das ganze natürlich gedeckt durch einen Haufen Lügereien. Das war am Ende alles so belastend für mich, dass ich das nie mehr wollte. Ich musste aber feststellen, dass das nachdem man trocken ist, nicht einfach weg ist. Also es steckte so in mir drin, dass ich auch nach ein paar Wochen ohne Alkohol immernoch lügen "wollte", also ganz automatisch weil's ja so gelernt war.
Da musste ich erst mal per Kopf gegensteuern, ganz bewusst gegensteuern. Und daraus entstand dann letztlich auch mein Bewusstsein immer ehrlich sein zu wollen. Ich bin sehr froh das es jetzt so ist.
Eine besondere Herausforderung ist natürlich die Geschichte mit Deinen Eltern. Ich wage es nicht Dir hier einen Rat zu geben. Manchmal kann man Dinge auch einfach so lassen wie sie sind, wenn die Wahrheit jemanden unnötig verletzen würde. Entscheidend, das finde ich jedenfalls, bist Du und ist Deine künftige Abstinenz. Vielleicht ist es egal, wenn Deine Eltern nicht bescheid wissen. Jedoch solltest Du für Dich Deine Abstinenz an aller erste Stelle stellen. Und zwar VOR allem anderen.
Mir war klar, wenn ich jemals wieder trinken sollte, dann ist das mein Untergang. Soweit so gut, wenn ich untergehe ist das mein Problem. ABER - alle die mich lieben, und das sind jetzt erst mal meine Kinder und natürlich auch meine jetzige Frau und auch meine Eltern und Geschwister, würden einen nicht mehr gut zu machenden Schlag versetzt bekommen. Sie würden elendig leiden, meine Kinder z. B. die ja wissen was los ist, die wären bis ins Mark getroffen. Darum habe ich auch schon einige Entscheidungen im Leben getroffen, die hart waren für mein Umfeld, die jedoch für mich wichtig waren um sicher abstinent Leben zu können. So hart die Entscheidungen waren (z. B. die Trennung von meiner Ex-Frau, der Mutter zweier meiner Kinder), sie waren verglichen zu dem Szenario das ich wieder trinken würde, vergleichsweise harmlos. So sehe ich das und das hat mich sehr stark und sehr stabil gemacht.
Um den Bogen zum Outing zu spannen: mir hat es besonders in den Anfangsmonaten geholfen, dass meine Familie wusste was los ist. Denn ich konnte einerseits nicht einfach zurück rudern, weil dann Fragen gekommen wären und hatte andererseits aber auch (das ist nicht zu verachten), das entsprechende Verständnis für bestimmte Situationen oder Entscheidungen. Es war hilfreich, das bestimmte Menschen wussten was los ist.
Es freut mich, wenn ich Dir ein paar Anregungen oder Denkanstösse geben konnte. Letztlich sind die Wege aus der Sucht sehr indiduell, wie auch die Wege hinein. Du musst Deinen eigenen finden. Dafür alles Gute von mir.
LG
gerchla