Hallo verzweifelt,
erst mal herzlich Willkommen hier bei uns im Forum. Ich habe mich jetzt tatsächlich schwer getan, Dich mit "verzweifelt" anzuschreiben, viel lieber hätte ich Dich mit "hoffnung" o. ä. ansprochen aber Du hast Dir Deinen Nick so ausgesucht und er drückt Deinen derzeitigen Gemütszustand aus. So lese ich es jedenfalls aus dem was Du alles geschrieben hast.
Ganz kurz zu mir selbst, damit Du weißt mit wer Dir hier schreibt: Ich bin Ende 40, geschieden, wieder verheiratet, mehrfacher Papa. In meiner ersten Ehe lag meine ganze Trinkerzeit. Ich trank mehr als 10 Jahre abhängig, die letzten Jahre davon auf sehr hohem Niveau. Fast meine komplette Trinkerzeit trank ich jedoch heimlich, d.h. ich habe das auch meiner Frau und meinen Kinder gegenüber verheimlicht. Nach Beendigung meiner Sucht zerbrach meine Ehe, mittlerweile bin ich jedoch wieder verheiratet und sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich kann für mich selbst sagen, dass ich mich als sehr glücklich empfinde. Und ich trinke jetzt schon seit mehreren Jahren keinen Alkohol mehr.
Obwohl ich eine, wie ich selbst sagen möchte, recht gute Kindheit hatte, machte ich innerhalb meiner Familie dort regelmäßig Erfahrung mit Alkohol. Mein Opa, bei dem ich vor allem im Vorschulalter sehr viel Zeit verbrachte war wohl Alkoholiker, soweit ich das im Nachhinein beurteilen kann. Jedoch trug er ich mich auf Händen, so dass ich hier keine negativen Erinnerungen habe. Allerdings weiß ich heute, dass dieses "auf Händen tragen" für mein späteres Leben nicht unbedingt ideal war. Aber das ist ein anderes Thema. Mein Vater trank auch kritisch und tut das heute noch. Wobei er nie komplett abgestürzt ist. Er ist einer derjenigen, die ihr Leben lang deutlich zu viel Alkohol trinken, jedoch nie komplett in die Suchtspirale hinein gerutscht sind. Hier habe ich dann schon einige negative Erinnerung aus meiner Kindheit. Jedoch waren das i. d. R. eher peinliche Situationen und nichts, dass mit meiner Rolle als Kind zu tun gehabt hätte. Mein Vater hat mich immer sehr gut "behandelt" und mir seine Zuneigung auf seine Weise so gut er konnte gezeigt. Und das tut er heute noch. Meine Mutter trank nicht, hatte aber immer gut mit meinem Vater zu tun, der auch wenn er nicht trinkt sehr viel Aufmerksamkeit verlangt.
So, das war jetzt eine längere Vorstellen aber nun weißt Du in etwa wer Dir schreibt.
Was Dich betrifft bzw. was das betrifft was Du geschrieben hast, da würde ich Dir gern ein paar Gedanken von mir da lassen. Nur das, was ich mir beim Lesen Deiner Geschichte spontan gedacht habe:
Ich dachte mir, dass da jemand schreibt, der ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern hat. Jemand, der von seinen Eltern sehr enttäuscht ist und der eigentlich nur, wie jedes Kind, von seinen Eltern ernst genommen und geliebt werden möchte (und das ist auch unabhängig davon wie alt man ist). Diese Liebe aber nicht bekommt, weil die Eltern offenbar nicht dazu in der Lage sind. Der Grund dafür könnte in der Sucht der Eltern liegen, er muss es aber nicht.
Ein hoher Fokus liegt bei Deinen Eltern offenbar beim Thema Geld. Wobei ich sagen muss, dass Dein Fokus ebenfalls stark darauf ausgerichtet scheint. Allerdings auf andere Weise wie das bei Deinen Eltern der Fall ist. Für Dich scheint das Thema Geld all die Probleme die Du mit Deinen Eltern hast am besten zu verdeutlichen. Ich hatte beim Lesen Deiner Zeilen dann das Gefühl, dass das Thema Alkohol sogar in den Hintergrund gerückt ist. Es las sich für mich so, als ob Du da bereits einen Haken gemacht hast. Deine Eltern trinken und Du glaubst nicht, dass sich daran etwas ändern lässt.
So habe ich das gelesen. Du bist nicht verzweifelt am Fragen, was Du tun könntest, damit Deine Eltern zur Besinnung kommen, damit sie ihr Trinkverhalten ändern, sondern Du bist verzweifelt, weil Deine Eltern Dich so behandeln wie sie Dich behandeln und Du aus dieser Geschichte nicht heraus kommst. Was ich Dir hier schreibe soll nicht bewertend sein, ich will mir nur klar werden, ob ich Deine Situation richtig einschätze.
Ich würde Dir gerne eine Frage stellen: Denkst Du, dass sich am Verhalten Deiner Eltern etwas ändern würde, wenn sie ab sofort nicht mehr trinken würden?
Die Antwort auf diese Frage würde mich sehr interessieren. Ich will dazu nur sagen, dass sich nicht automatisch alles komplett verändert "nur" weil jemand nicht mehr trinkt. Bei Deinen Eltern scheint mir die ganze Sache auch noch etwas komplizierter: Zum Einen kann ich bei Dir nicht herauslesen, dass sich Deine Eltern jemals ernsthaft Gedanken darüber gemacht haben, dass sie Alkoholiker sein könnten und etwas an ihrer Sitution ändern müssten und zum Anderen trinken auch noch alle beide. Also selbst wenn einer von beiden erleuchtet wird, bleibt noch der andere. Mir scheint aber, dass Du Dir dessen bewusst bist und das es Dir gar nicht darum geht, Deine Eltern trocken zu legen. Es geht Dir vielmehr um Dich und Dein Leben.
Wenn dem so ist, dann hättest Du schon mal viel erreicht. Nämlich die Erkenntnis, dass DU nichts tun kannst um Deine Eltern zu verändern. Du kannst und solltest Dich dringend um Dich selbst kümmern und Dein Leben selbst in die Hand nehmen. Lass Deine Eltern ihr Leben so leben wie sie es möchten, mit Alkohol und allem, was sie sich halt so einbilden. Aktuell ist es aber einfach so, dass Du enorm leidest unter Deiner Situation. Deshalb glaube ich, dass Du da dringend raus musst. Weg aus dem Elternhaus in eigene 4-Wände. Selbst wenn es aus finanziellen Gründen nur sehr kleine 4-Wände sein sollten oder gar winzige 4-Wände, egal. Du musst da raus.
Du bist eine erwachsene Frau (? oder auch Mann?), Du brauchst Dir nicht mehr von Deinen Eltern vorschreiben lassen was Du darfst und was nicht und es ist auch Deine Sache, ob Du Dein Geld sparst oder zum Fenster raus wirfst. Das geht sie absout nichts mehr an. Ich glaube also, dass es bei Dir um viel mehr geht als die Alkoholsucht Deiner Eltern. Ich glaube Du musst lernen Dich komplett zu lösen, Dich nicht mehr verantwortlich fühlen und Dich um Dein eigenes Leben kümmern. Und ich glaube das musst Du tun völlig unabhängig davon ob und wieviel Deine Eltern trinken.
Du hast nicht die Verantwortung für Deine Eltern, weder für ihren Alkoholkonsum noch für sonst was. Dein Bruder hat das offenbar recht schnell verstanden und die Biege gemacht. Jetzt bist Du dran.
Ich vermute jetzt aber mal, dass bei all Deinem Groll, bei all Deinen negativen Gefühlen irgendwas in Dir vorhanden ist, dass Dir diesen Schritt enorm schwer macht. Und ich glaube nicht, dass es nur der finanzielle Aspekt ist. Vielleicht war es auch damals, als Du bleiben "musstest" weil Du nicht so viel verdient hast, ein willkommener Vorwand um diesen Schritt, den Schritt weg von Deinen Eltern in Dein eigenes Leben, nicht tun zu müssen. Aber wie gesagt, ich weiß es natürlich nicht, ich lese es aber so.
In diesem Zusammenhang finde ich es sehr wertvoll, was Wolfsfrau Dir geschrieben hat. Vielleicht erkennst Du Dich an der ein oder anderen Stelle wieder.
Das war's jetzt erst mal mit meinen Gedanken. Schön, dass Du zu uns gefunden hast. Alles alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austausch hier im Forum!
LG
gerchla