Guten Morgen Sonnenkäfer,
schön das Du mal wieder von Dir berichtet hast. Und ganz toll, dass Du nun schon über 3 Wochen ohne Alkohol lebst.
Ich möchte Dir einfach ein paar Gedanken zu unterschiedlichen Themen von Dir da lassen:
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In emotionalen, problematischen Belangen ist meine Mutter kein sehr empathischer Gesprächspartner.
Das kenne ich von meinen Eltern auch. Besonders von meinem Vater. Außer meinem Outing ganz am Anfang, wo ich ihnen sozusagen gar keine Chance ließ und ihnen einfach eröffnete was bei mir Sache war, konnte ich kein ernsthaftes Gespräch mehr über dieses Thema mit ihnen führen. Und selbst diese erste und im Grunde einzige Gespräch war eher ein Monolog meinerseits. Wobei ich fairerweise dazu sagen muss, dass mir das damals gar nicht so unrecht war, denn es war einfach eine Wahnsinnsherausforderung für mich gewesen mich ihnen gegenüber zu öffnen. Auch wenn ich zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise darüber nachdacht hatte es nicht zu tun war ich doch froh, als es raus war und auch als es vorbei war.
Später jedoch hätte ich mir schon häufiger mal gewünscht, dass ich mit ihnen über meine Sucht und mein neues Leben sprechen könnte. Aber alle Versuche meinerseits scheiterten. Es lag m. E. nicht an fehlender Empathie, nein ich denke sogar, dass sie sich Wahnsinnssorgen und Gedanken um mich gemacht haben. Und ob ich das schaffen werde und was meine Trennung jetzt für mich und meine Kinder bedeuten würde usw. Ich denke sie haben sich sehr viele Gedanken gemacht. Nur sprechen konnten sie darüber nicht, schon gar nicht mit mir... Tja, und genau das war es auch, was ich selbst als "Bündel" durch meine Kindheit, meine Erziehung mitbekommen hatte.
Und im Grunde habe ich in meiner Beziehung genauso gelebt. Habe auch immer so getan, als ob alles prima wäre, wollte Probleme nicht sehen, etc. Und hab am Ende dann auch den Alkohol dazu hergenommen die auch dadruch entstehenden Belastungen zu kompensieren.
Selbst heute, wo ich viele Jahre ohne Alkohol lebe und mein Leben schon lange wieder in "geordneten" Bahnen verläuft, wo alle Beteiligten im Grunde so gut es irgend möglich war aus dieser schlimmen Zeit heraus gegangen sind und ich sogar zu meiner ersten Frau wieder ein gutes Verhältnis habe, sie nach wie vor auch Teil unserer Familie ist, können meine Eltern mit mir nicht reden. Nicht darüber.
Das hat mich lange beschäftigt. Mittlerweile habe ich aber meinen Frieden schließen können. Ich kann es akzeptieren und ich kann es, wenn ich mir die Geschichte meiner Eltern ansehe, sogar verstehen. Und ich erkennte heute kleine Gesten die mir zeigen wie sie wirklich fühlen. Wie sie auch mir gegenüber fühlen. Es ist alles gut.
Ich weiß nicht wie es bei Deiner Mutter ist. Vielleicht hat sie auch einfach nur Angst, vielleicht bezieht sie Deine Probleme auf sich, auf ihre Erziehung. Vielleicht gibt sie sich die Schuld dafür und will deshalb erst gar nicht darüber reden, es nicht wahr haben. Lass es bei ihr und kümmere Dich erst mal um Dich und Deine Abstinenz. Später, wenn Du mal gefestigt ohne Alkohol lebst, wirst Du die Kraft haben auch diese "Baustelle" für Dich abzuschließen.
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Mich mit Freunden abends zu treffen, ob außer Haus oder bei uns traue ich mir noch gar nicht zu.
Ich finde das absolut nicht schlimm. Ich meine, wir reden jetzt gerade von 3 Wochen ohne Alkohol. Das ist einerseits eine sehr lange Zeit auf die Du stolz sein kannst, die Du Dir erarbeitet hast, andererseits sind es aber auch einfach nur 3 Wochen, also eine Zeitspanne die so kurz ist, dass man (Du) nicht erwarten kann bereits gefestigt im neuen Leben steht.
Ich habe es ja schon oft geschrieben, bei mir dauerte es etwa ein Jahr bis ich mit dem Gröbsten durch war, bis ich das Gefühl bekam, da ist jetzt was ganz großen in meinem Leben passiert, da hat sich jetzt etwas richtig und dauerhaft verändert. In dieser Anfangszeit habe ich auch alles gemieden was mir gefährlich hätte werden können. Und ehrlich gesagt hatte ich auch gar kein Bedürfnis mich in Gefahr zu begeben. Ich hatte gar keine Lust auf Feiern und die wenigen "offiziellen" Anlässe habe ich mit einem sehr gut vorbereiteten Notfallplan überstanden. D. h. ich hatte mich immer aktiv auf mögliche Situationen, Gefahren vorbereitet und war immer bereit (sozusagen bewusst ins Gehirn gemeiselt), notfalls die Veranstaltung sofort zu verlassen. Meine Abstinenz war mir heilig, ging über jede Freundschaft, über jedes Pflichtgefühl, etc. und das ist auch heute noch so. ABER: ich will auch sagen, dass ich nie in die Situation kam einen dieser Pläne so richtig anwenden zu müssen. Meist war es so, dass all die Ängste und die Gedanken darüber, was da jetzt alles passieren könnte nicht eintrafen.
Ich glaube da hat mir eine klare Kommunikation sehr geholfen. "Ich trinke keinen Alkohol" - einer meiner Standardsätze, anfangs auch "keinen Alkohol mehr". Kaum einer fragte mich nach dem Warum. Und wenn, dann bekam er eine Erklärung. Mir nahestehenden Menschen hatte ich ohnehin die absolute Wahrheit erzählt, entfernteren Freunden oder Bekannten sagte ich meist (sinngemäß): "Ich habe in der Vergangenheit sehr viel Alkohol getrunken. Und stand einfach vor der Entscheidung entweder so weiter zu machen oder etwas zu verändern in meinem Leben. Und ich habe mich dazu entschieden mein Leben künftig ohne Alkohol zu leben".
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich daraufhin irgendjemand mal gefragt hätte, ob das bedeutet das ich Alkoholiker bin. Tja, es ist eben ein sehr heikles Thema und viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.
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Ich habe jetzt schon den meisten gesagt, das ich eine Trinkpause mache (und damit viele belustigt glaube ich) aber nicht gesagt wie lange diese dauern soll, geschweige denn das es eigentlich für immer sein soll.
Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass das ein Fehler ist, was Du da machst. Ich möchte Dir aber sagen, dass ich offensiv damit umgegangen bin. Nach 3 Wochen wussten es bei mir auch nicht nicht alle relevanten Personen. Da wusste es "nur" mein engerer Familienkreis. Aber nach und nach sprach ich dann auch mit allen anderen wichtigen Menschen. Also Freunde z. B. - ich wollte mir von Angang an hier kein Hintertürchen offen lassen. Und ich bin heute sehr froh, dass ich es geschlossen habe. Das hat mir in der Folgezeit auch viel an Gedanken (wie Du sie Dir jetzt z.B. machst) und Erklärungen erspart. Und meine guten Freunde blieben mir, die meisten brachen weg, jedoch hauptsächlich bedingt durch die Trennung von meiner Frau. Deren "beigebrachter" Freundeskreis ging mir sozusagen komplett verloren, sie "hielten" sozusagen zu meiner Frau. Was ich auch verstehen kann.
Im Laufe der Zeit kamen auch neue Freundschaften oder einfach auch gute Bekanntschaften hinzu. Und bei diesen neuen war dieses ganze Thema Alkohol überhaupt nie ein Thema. Sie kannten mich ja nur so wie ich jetzt war. Der Typ der keinen Alkohol trinkt, warum auch immer. Hier wiederum wissen diejenigen mit denen ich mittlerweile enger befreundet bin Bescheid, andere nicht. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für andere i. d. R. nicht wichtig oder interessant ist, warum man selbst jetzt keinen Alkohol trinkt. Es ist einfach so wie es ist und gut.
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In zwei Wochen habe ich mit einer Freundin abends zum Essen verabredet, das wird dann meine erste Feuertaufe.
Da möchte ich Dir ein Stück aus meinem Leben erzählen. Und zwar wie das Outing gegenüber meinem besten Freund verlief, der mir später dann durch viele Gespräche sehr geholfen hat.
Wir hatten uns Monate nicht gesehen (logisch, ich hatte ja alles vernachlässigt). Ich rief ihn an und wir vereinbarten ein Treffen in dem Ort in dem wir beide arbeiteten in einem Cafe. Ich sagte nur, ich müsste mal mit ihm reden. Er freute sich mich endlich mal wieder zu treffen.
Ich kam ein paar Minuten zu spät, er war schon da. Er hatte bereits für sich bestellt und vor ihm stand ein Glas Bier. Ganz normal, wie das eben war wenn wir uns irgendwo getroffen haben. Ich kam dazu und bestellte, ich weiß es noch, eine Apfelschorle. Er machte keine Sprüche oder so, denn er selbst hatte kein Alkoholproblem und somit auch keinen Grund einen blöden Spruch zu machen. Ich sagte zu ihm: "Zuallererst muss ich Dir was sagen, ich bin Alkoholiker" - Bäääähm. Das hatte gesessen. Danach kam "und ich habe mich von meiner Frau getrennt" - Bäääähm, das hatte wieder gesessen. Ich erinnere mich noch, dass er mir richtig leid getan hat, weil das erste was er verlegen zu mir sagte war "wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir kein Bier bestellt". Ich antwortete: "trink Dein Bier, ich habe ein Problem, nicht Du".
Wir haben dann lange geredet und er hat sich als nächstes natürlich kein Bier mehr bestellt. Hätte er ohnehin nicht aber vielleicht hätte er sich ein alkohlfreies gegönnt. Aber auch das ließ er bleiben. Wir redeten und er ging nachdenklich nach Hause als ich (kann ich so sagen, weil wir später viel über diese Situation gesprochen haben). Seither hat er in meiner Gegenwart nie mehr einen Tropfen Alkohol getrunken. Obwohl ich ihm ausdrücklich gesagt habe, mehrmals, dass das längst kein Problem mehr für mich ist. Nein, er selbst hat sogar aufgrund meiner Geschichte angefangen sich selbst zu hinterfragen. Und seine gelegentlichen Feierabendbierchen komplett eingestellt. Wobei er aus meiner Sicht wirklich keinerlei Suchtpotenzial gehabt hat.
Naja und heute ist er ein sehr guter Ausdauersportler, was auch aus dieser Veränderung heraus resultierte, wie er mir selbst sagte: "Deine Geschichte hat mein Leben verändert".
Also, liebe Sonnenkäfer, wenn Du Dich wirklich mit einer echten Freundin triffst, dann sei offen und ehrlich. Alles andere bedeutet nur Stress und Stress ist das, was Du am wenigsten brauchen kannst.
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Und vielleicht tatsächlich mal ein Jahr. Für immer nichts mehr zu trinken macht mir immer noch etwas Angst.
Ich lebe mittlerweile aus Überzeugung ohne Alkohol. Es ist mir eine Art Lebensphilosophie geworden, wie bei anderen, die z. B. vegetarisch oder vegan leben, oder zuckerfrei oder was auch immer.
Die Frage, ob ich in 10 oder 20 Jahren immernoch ohne Alkohol leben werde, die stellt sich mir gar nicht. Denn die Antwort wäre einfach nur: keine Ahnung. Ich weiß es nicht und es ist auch nicht wichtig. Ich lebe jetzt und nicht in 20 Jahren. Ich lebe auch nicht in einem oder in zwei Jahren, oder in fünf. Nein, ich lebe jetzt. Und da lebe ich ohne Alkohol weil es mir so gut damit geht und ich keinen Sinn mehr in Alkohlohl finden kann.
Es wird Dir oder mir auch niemand sagen können, ob jemand der bis heute kein Alkoholproblem hat in 20 Jahren auch keines haben wird. Das ist jetzt auch nicht wichtig. Wichtig ist immer der Augenblick, das Jetzt. Was jetzt nicht heißt, das ich mir keine Gedanken über meine Zukunft mache oder mich nicht absichere etc. Aber ich lebe nicht so, dass ich jetzt nur noch an meine (mögliche) Zukunft denke. Es gibt so viele Beispiele von Menschen, die nur auf z. B. die Rente hin leben und arbeiten. Und diese dann gar nicht erreichen, oder aber krank werden oder aber kurz nach erreichen versterben. Und ja, es gibt auch die, die es dann krachen lassen, die sich die geplanten Träume noch verwirklichen. Aber von denen die ich kenne sind das alles Menschen, die immer im Jetzt gelebt haben, sozusagen bis zum Ende.
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Und manchmal kommen auch die Stimmen die mir sagen, wenn ich es doch jetzt schon so viele Tage geschafft habe, kann ich ja gar kein Alkoholiker sein.
Ja, diese Stimme war bei mir der Grund, weshalb ich einige Trinkpausen beendet habe. Meist so nach 2 - 3 Wochen. Wenn Du diese Phase überwunden hast, wenn Du merkst, dass Du die Wirkung des Alkohols (und nur darum geht es ja im Grunde) nicht mehr brauchst, sie dann auch nicht mehr suchst, dann wird das besser werden. Aber das kann schon einen Moment dauern, sei nicht ungedultig. Bleib konsequent, lass Dich von dieser Stimme nicht täuschen. Sie lügt. Wenn Du wieder anfängst, dann geht alles wieder von vorne los. So ist das einfach.
Stell Dir auch einfach immer wieder die Frage, was Du jetzt davon hättest, wenn Du "ein Glas" trinken würdest. Was wäre dann besser als es jetzt ist? Und wenn Du nicht bei diesem einen Glas bleiben kannst, wovon Du ausgehen musst, was wird dann wohl passieren? Genau, innerhalb kürzester Zeit bist Du wieder dabei. Du gibst Deine Freiheit, die Du gerade am zurückgewinnen bist wieder auf und lässt den Alkohol wieder den Takt vorgeben. Schön benebelt, schön betäubt, jedoch einfach nicht echt und auf die länge gesehen vernichtend und fatal. Die Quittung bekommst Du am Schluss.
Es gibt da ja einen recht bekannten Spruch oder eine recht bekannte Weisheit, die man mir damals auch gleich bei den AA erzählt hat. Ungefähr so: "Nimm Dir jeden Tag vor immer das erste Glas stehen zu lassen. Immer nur heute! Immer nur heute lässt Du das erste Glas stehen. Was morgen ist, ist uninteressat. Du lässt immer nur heute das erste Glas stehen" - Wenn man so denkt oder denken kann, dann hilft das enorm diese Angst vor dem "nie mehr Alkohol trinken dürfen" zu überwinden.
So, jetzt war's doch wieder viel von mir. Auch wenn ich ab und an etwas vom Thema abgekommen bin hoffe ich einfach, dass Du was für Dich mitnehmen kannst, das Dir hilft Deinen Weg weiter zu gehen.
LG
gerchla