Hallo Alex,
ich kenne alle Seiten. Als Kind mit meiner Oma und meinem abhängigen Opa, wo man als Kriegsgeneration 50 Jahre verheiratet bleibt egal, wie schrecklich es ist. Als anfang Zwanzigjährige, selbst mit ungesundem Konsum von Substanzen und heute als selbstbetroffene Süchtige. Und ich kann Dich auch nur darin bekräftigen auszuziehen. Warum sollte er sich für Dich ändern? Du hast ihn so kennengelernt, Du hast ihn so geheiratet. Er wird sich nicht für Dich ändern. Er muss es für sich wollen.
Du solltest in seiner Therapie und Deinem Auszug eine Chance für euch beide sehen. Und natürlich ist er als abstinenter Mann ein anderer Mensch. Vielleicht entdeckt er Sport für sich oder ein lange vergessenes Hobby. Und hoffentlich wechselt er seinen Freundeskreis, denn sonst wird es wahrscheinlich schwierig abstinent zu bleiben. Möglicherweise passt ihr dann nicht mehr zusammen.
Willst Du eine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe oder willst Du, dass er von Deiner Zuneigung in seinem trostlosen Leben abhängig ist? Das klingt mir nicht nach einer gesunden Beziehung. Eine gesunde Beziehung bedeutet nicht, dass man sich braucht, sondern, dass man sich will.
Ich war 6 Jahre mit einem (12 Jahre älteren) Mann zusammen, von 19 bis 25. Wir waren damals beide verschiedenen Partysubstanzen zugeneigt. Damals, würde ich sagen, hätte ich noch gut die Kurve kriegen können. Ich hab immer wieder Vorschläge gemacht, ein nüchternes Leben zu führen. Wir waren trotz allem beide sehr sportlich (sogar Marathon). Am Ende würde ich sagen war es eine Mischung aus eigener Suchterkrankung und Co-Abhängigkeit. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen aus dieser Beziehung auszutreten, um mich zu retten. Er hat mir damals immer mit Suizid gedroht, wenn ich mich trenne, und auch immer wieder angekündigt nun auch ein abstinentes Leben führen zu wollen. Das hat immer so ca. 1-2 Wochen gehalten - Vorsatz - Umsatz und Rückfall. Ich kann Dir versichern, dass ich wahnsinnig verliebt war. Er war meine erste wirklich große Liebe und es ist mir unendlich schwer gefallen.
Jetzt rückblickend kann ich Dir sagen, dass die Trennung schon viel früher hätte passieren müssen. Er hat mir viele Jahre meines Lebens geklaut. Ich hab das früher nicht so gesehen, aber heute aus der Perspektive als Erwachsene kann ich sicher sagen, dass eine 19jährige einfach nicht die Reife hat tiefgreifende Lebensentscheidungen sinnvoll zu treffen, bzw. ich wollte mein Leben verändern und er hat mich darin über Jahre blockiert und manipuliert. Er hätte als Mittdreißiger seine Verantwortung erkennen müssen, hat mich aber aus egoistischen Gründen lieber weiter mit in den Abgrund ziehen wollen.
Wir haben nur dieses eine Leben und man sollte das eigene nicht für einen anderen aufgeben. Mal ehrlich, ihr seid gerade mal 6 Jahre zusammen. Was verbindet euch? Außer Deiner Sorge um seine Sucht? Dazu schreibst Du, dass Du einen sicheren Ort brauchst. Der Partner sollte immer der sichere Ort sein, ansonsten ist er kein Partner.
Dein Auszug kann auch eine Chance sein. Er kann sich um seine Abstinenz kümmern und vielleicht findet ihr in einem Jahr wieder zueinander, auf einer neuen Ebene. Und wenn Du dann feststellst, dass ihr nicht mehr zusammenpasst - dann ist es doch auch eine gute Erkenntnis. Warum willst Du mit einem Mann Dein einzigartiges kurzes Leben teilen, dass nur durch den Alkohol zusammengehalten wird.