Hallo Brant, hab vielen Dank für Deine offene Antwort.
Nein, dass Du eine lockere Einstellung bzw. Schreibstil zur Problematik hast, kann ich überhaupt nicht erkennen. Dass Dein Leben wieder in die so genannten "geordneten Bahnen" gekommen ist, freut mich sehr.
Niemals, wenn ich Deine Beiträge und Deine eloquente Ausdrucksweise gelesen habe, hätte ich gedacht, dass Du auf der Straße gelebt hast! Wenn Alkoholabhängigkeit dazu führt, ist es ja doppelt schlimm.
Ich verstehe jetzt auch, warum Du mir den Tipp mit dem Buch von Thomas Steiger gegeben hast. Ich habe es mir gebraucht gekauft und lese es zur Zeit. Es ist erschütternd und beschreibt alles ganz schonungslos. 5 lange Jahre!
Du schreibst in einem anderen Beitrag, dass Du zu Beginn Deines Ausstiegs aus dem Suff viel gelesen hast darüber. Ich habe das auch so gemacht und tu es immer noch. Es hilft mir ungemein, mich ständig mit dem Thema zu beschäftigen. Das muss richtig bei mir im Gehirn verdrahtet werden, damit das Wissen um die Gefahr jederzeit abrufbar ist. Leute, die nicht gut lesen können oder es auch nicht wollen, haben diese Hilfe nicht.
Hoffentlich hast Du in Deiner Zeit als Obdachloser nicht solche Dinge erleben müssen! So viel Gewalt und Elend, besonders auch zwischen den Betroffenen. Alkohol und Elend scheinen jede Empathie und jede Fairness anderen gegenüber zu zerstören.
Das Buch geht mir ziemlich an die Nieren, auch weil seine Eltern offensichtlich nichts mehr von ihm wissen wollten. Ich bin erst ungefähr in der Mitte, d.h. sehr gespannt, wie er es geschafft hat, da wieder heraus zu kommen. Worüber ich sehr staune, ist sein Lebenswille.
Es gibt - so denke ich - kaum Kommunikation zwischen den "normalen" ( bewusst in Anführungszeichen) Menschen und den durch das Netz gefallenen.
Ich muss mir da an die eigene Nase fassen: Wir haben hier im Ort einen Mann, der offensichtlich keinen festen Wohnsitz hat. Ob er irgendwo eine Platz zum Schlafen hat, weiß ich nicht. Er ist zwar nicht schmutzig oder so, aber er hält sich immer im Freien auf und hat seine ganze Habe in großen Tragetaschen am Fahrrad hängen.
Jahrelang saß er auf einem liegenden Baum auf einem Parkplatz in unserer Nähe, immer waren Leute bei ihm zum Reden. Fast jeden Tag sind wir ihm begegnet auf Wegen, die von den Autobahn- Raststätten/Parkplätzen kommen. Mit Säcken voller Pfandflaschen aus den Mülleimern dort. Außer guten Tag und hallo haben wir nichts zu ihm gesagt, da waren Berührungsängste auf unserer Seite.
Irgendwann habe ich dann mal irgendwelchen Smalltalk angefangen, weil er quasi in die gleiche Richtung wie wir ging und ich, naja, irgendwas sagen wollte. Und daraus wurde ein langer Monolog, in dem er auf alles und Jeden geschimpft hat. Die Politik, die Stadtverwaltung, wo überall Geld zum Fenster rausgeschmissen wird, die Ausländer. Er wurde immer lauter dabei. Also, das Gespräch war unangenehm, wenn auch aus seiner Sicht nachvollziehbar. Danach war wieder nur noch hallo und guten Tag. So wird es wohl auch bleiben, denn ich lebe alleine und will nicht mal, dass er mitkriegt, wo ich wohne. In seinem Revier nämlich.
Dabei schafft er sich auch kleine Annehmlichkeiten. Er saß früher oft vor einer Bäckereifiliale und trank Kaffee, jetzt macht er das in einem Cafe in der Ortsmitte. Da liest er auch die Zeitung. Scheinbar kommt er ganz gut zurecht mit seiner Situation. Er hatte auch immer die zum Wetter passende Kleidung, die war ganz deutlich von der Kleiderkammer.
Tja, warum schreibe ich das alles. Dieser Mann hat uns sehr beschäftigt im Kopf, aber wir haben absolut nichts für ihn getan. Aus Bedenken, er würde sich irgendwie an uns hängen? Wir wollten ihm auch kein Geld geben, er sollte uns nicht anbetteln oder dann auf uns schimpfen. Der Wald und die Wege dort sollten für uns schön bleiben.... Betrunken schien er nie, obwohl er auch öfter mal mit einem Bier auf der Bank saß.
Obwohl ich über die Umstände nichts weiß, denke ich: Er ist ein bedauernswerter Mensch, der mir aber leider eher unsympathisch ist. Ich will keinen Kontakt, womit sich hier mal wieder der Kreis schließt.
Ich wünsche Dir, dass Du nie wieder in solche Verhältnisse gerätst!
Liebe Grüße von CeBe