Hallo Erna
Deine Gedanken kommen mir sehr bekannt vor. Gefühlte tausend Mal versagt in diesem Kreislauf gefangen. Doch es gibt eine andere Sicht auf das eigene Dilemma. Ich lass dir mal ein paar Zeilen hier.
Meiner Meinung nach ist eine Antwort immer recht nahe. Weil wir süchtig sind, so wie
Tausende dort draussen. Der Alkohol hat unser ganzes Denken und unsere Wahrnehmung
verändert. Das Zeug bestimmt, worum unsere Gedanken kreisen, mit welchen Leuten wir
uns umgeben, was uns erstrebenswert erscheint oder eben nicht. Selbst wenn wir eine
ganze Weile nichts genommen haben.
Wenn wir wirklich die Entscheidung getroffen haben, die Scheisse hinter uns zu lassen, und
es keinen Zweifel daran gibt, dass wir das wollen, dann halten wir auch den Druck aus.
Stellen wir uns mal die Frage, ob wir noch nicht schon genug gelitten haben unter dem ganzen
Mist. Ob wir echt nochmal zurück müssen und es noch tiefer runtergehen muss, bevor wir die
Entscheidung treffen.
Das Leben in die eigenen Hände nehmen, plötzlich keinen Bock mehr. Die schönsten Pläne
und Träume aufgegeben, um dann weiter in den vertrauten Spinnweben zu hausen und sich
dort dichtzumachen. Das ist natürlich nicht der wahrnehmbare Gedankengang im Kopf, aber
unterbewusst steuert es uns. Auch, dass wir nichts finden, was uns interessiert, hängt damit
zusammen. Weil für uns die kleinen und feinen Reize des Lebens nicht mehr wahrnehmbar
sind, wenn unser Nervensystem regelmässig mit Drugs überflutet wird. Man denkt, das man
das Leben noch im Griff hat, weil man arbeiten geht und Sport macht. Aber in Wirklichkeit
funktioniert man nicht mehr, weil die Droge alles verschaltet hat in einem. Man denkt, fühlt
und handelt nicht mehr wie ein normaler Mensch. Und früher oder später macht sich das dann im Leben bemerkbar, mitunter auch recht dramatisch.
Hören wir auf unsere innere Stimme, ob es nicht irgendwas im Leben gibt, was uns zum
Aufhören bewegen könnte.
Noch ein paar Worte von Franz Strieder.
Das ist etwas, was Dich sehr gedemütigt hat zu erkennen, dass Du Mit
dem Stoff nicht umgehen kannst. Bei einem Alkoholiker sind gleichsam
zwei Teilpersönlichkeiten. ,,Der Realist," der nach langen Jahren des Leidens
erkennt, dass er mit diesem Stoff nicht umgehen kann und „der Illusionist“ das
ist jener Teil der sagt, Du kannst es doch, Du musst es nur etwas geschickter
anfassen. Du darfst eben keinen Schnaps mehr trinken sondern nur noch Bier,
dann wirst Du es schon schaffen. Diese beiden Seiten stehen im Kampf, und
dieser Kampf geht oft jahrelang ja oft ein Jahrzehnt. Ich vergleiche es oft mit
dem Boxkampf mit Cassius Clay. Cassius CIay ist zwar heute nicht mehr der
berühmte Boxer, aber für uns ist er immer noch ein Symbol, ein Champion.
Stell Dir einmal vor, Du würdest Cassius Clay zum Boxkampf einladen. Du
kannst Dir denken, was er mit Dir macht. In einer Minute bist Du k.o.: und die
Leute auf den Rängen werden Dich bedauern und sagen, ,,dieser arme Kerl."
Mut hat er aber er ist K.O. Und Du würdest in das Krankenhaus kommen und
würdest einigermaßen wieder hergestellt sein und jedermann würde denken:
„Der hat genug für immer.“ Nicht so Du. Du gehst in die Straße, in der Cassius
Clay wohnt, Du kennst genau den Eingang und Du kennst genau das Schild und
Du drückst auf die Klingel und Cassius schaut zum Fenster heraus und Du sagst
wieder:
Cassius, lets go. - Und er schlägt Dich wieder zusammen, das geht dreimal so
und geht fünfmal so und das geht zehnmal so und immer wieder, wenn Du
einigermaßen auf den Beinen bist, dann gehst Du in diese Gasse und drückst auf
die Klingel und Cassius schaut zum Fenster raus und er schlägt Dich
zusammen. Das geht solange, bis du eines Tages das demütigende Wort sagst:
,,Cassius, Du bist stärker als ich." Ich habe verloren. Ich gebe zu, dass ich der
schwächere bin. Um dieses Eingestehen der Schwäche und um dieses
Eingestehen der Niederlage hast Du Dich jahrelang herumgedrückt, weil Du
gedacht hast, dann bricht mein ganzes Leben auseinander. Und diese Angst war
der Grund, warum Du immer wieder in den Ring getreten bist und dann machst
Du plötzlich die Erfahrung, dass Deine Angst nicht stimmt. In dem Augenblick,
in dem Du nämlich zugegeben hast, dass Cassius stärker ist als Du, in dem
Augenblick kommt es zu einer inneren Ruhe und Zufriedenheit. Nicht Dein
Leben bricht zusammen sondern es bricht Hoffnung auf, ein Weg nach vorn
wird deutlich, den Du bisher nie gesehen hast. Das paradoxe geschieht, dass
durch das zugeben der Niederlage Leben entsteht. Der Verlierer wird zum
Gewinner.
Nur heute
Brant