Hallo ihr Lieben,
ach ich hatte gehofft, dass ich hier nicht mehr schreiben würde. Nun ist es aber nach einem weiteren Jahr wieder soweit. Ich wurde ermutigt, mir hier einfach alles von der Seele zu schreiben und das mach ich jetzt einfach mal. Meine Geschichte ist ja hier dokumentiert. Vorsicht, es könnte jetzt lang werden 
Seit meinem letzten Eintrag ist nun 1 Jahr vergangen. Da hatte ich geschrieben, dass der Alkohol wieder Einzug in unseren Haushalt genommen hat. Aus meiner Sicht war es dann eigentlich ok. Zumindest konnte ich im Alltag kein Trinkverhalten feststellen. Er hat immer brav sein alkoholfreies Bier getrunken. Halt nur, wenn sich die Gelegenheit bei Festen oder Zusammenkünften ergab, hat er getrunken. Dann aber richtig. Das fand ich natürlich auch nicht toll, aber es kam nicht so oft vor und im Alltag war es wie gesagt nicht präsent. Zumindest für mich nicht spürbar. Ich denke schon, dass er nach wie vor bei Abwesenheiten von mir die Gelegenheit genutzt hat zu trinken und zu kiffen. Es war eine Situation, die hätte besser sein können, aber für mich in einem tolerierbaren Maß war, weil es eben parallel dazu auch sehr viel Schönes und Gutes gab. Sagen wir es mal so, die Balance hat gestimmt.
Das ist in den letzten Monaten leider gekippt. Natürlich wusste ein Teil von mir immer, dass es jederzeit wieder kippen kann, aber wie sagt man so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt. Sein Trinkverhalten ist auch nicht das einzige Thema. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, kann gut sein. Ich bin inzwischen der Auffassung, dass er eine Belastung- und oder Anpassungsstörung inkl. Alkohol/Suchttproblem hat. Ist natürlich nur meine laienhafte Diagnose. Er ist generell sehr leicht gestresst und hält sich oft an Kleinigkeiten auf. Z.B kann es sein, dass er es kaum erträgt, wenn man das Brot nicht so sauber schneidet. Das ist nur ein Beispiel. Jedenfalls ist es in letzter Zeit immer schlimmer geworden. Ich entdecke auch depressive Züge an ihm und teilweise ist er mir richtig fremd geworden. Das kommt mir manchmal wie eine Persönlichkeitsstörung vor. Wir sind jetzt seit 5 Jahren zusammen und vielleicht hat er sich die erste Zeit mir gegenüber noch zusammen genommen, aber das hält man ja auf Dauer nicht durch. Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang gibt, aber ich habe nun nach 5 Jahren Beziehung meine Wohnung vermietet. Ich hab mich immer schwer damit getan, weil ich dieses Gefühl, einen Rückzugsort zu haben, noch sehr gebraucht hab. Ich war davor halt sehr lange alleine. Aber irgendwann hat die Vernunft gesiegt. Ich habe es kaum genutzt und eine leerstehende Wohnung ist auch nicht gerade gut. Nur ist es fast schon komisch, dass sich das ausgerechnet jetzt so verschlimmert. Ich denke nicht, dass er da bewusst handelt, aber ich kann halt nicht mehr so ohne weiteres weg. Vielleicht hat er jetzt einfach weniger Hemmungen. In den letzten Monaten habe ich schon an meiner Entscheidung gezweifelt. Jetzt ist die Wohnung vermietet und hier mal eben raus, geht halt nicht mehr so einfach. Ich bin nun auch immer häufiger "der Feind". Wenn ich auf dem Heimweg bin, mache ich mir Gedanken, in welcher Stimmung er wohl gerade ist. Wenn er gestresst ist, bekommen das alle mit. Er hat einfach keinen Filter und kann seine Emotionen nicht regulieren. Das war schon immer Thema, mal mehr mal weniger.
Es wurde schlimmer mit Stress auf der Arbeit. Da hab ich schon gemerkt, dass er dauerhauft angepannt ist. Und so peu a peu wurde auch das Trinken wieder mehr. Also auch eher nciht so im Alltag, da hat er sich noch Mühe gegeben, zumindest war das mein Eindruck, aber es gab mehrere Gelegenheiten, wo getrunken wurde (mit dem Sohn in die Altstadt, Geburtstagsfeier des Sohnes hier bei uns, Freunde eingeladen etc.) Und jedes Mal schießt er sich dann komplett ab, bis er nur noch lallt. Das erzeugt in mir auch wirklich Ekel. Er ist immer derjenige, der mehr trinkt als alle anderen.
Was mir halt krass aufgefallen ist, dass er überhaupt nicht mehr zuhört. Also im ganz normalen Alltag. Man erzählt ihm etwas, und kurz danach fragt er danach. So ähnliche Situationen kamen öfter vor. Dass man über etwas gesprochen hatte und er wusste es dann einfach nicht mehr.
Dann waren wir im Urlaub, endlich mal Zeit für uns. Das war auch total schön und ich hatte mir vorgenomemn, das Thema dann mal anzusprechen. Also diese Vergesslichkeit und sein Gestresstsein. Es kam dann anders. Leider mussten wir den Urlaub abbrechen, weil seine Mutter im Sterben lag. Damit wurde alles natürlich noch schlimmer. Man muss dazu sagen, dass das Verhältnis zu seiner Mutter schon immer extrem schwierig war. Sie hat ihn immer sehr verpartnert und ihn für ihr Seelenheil verantwortlich gemacht. Die letzten Monate war sie stark dement und konnte ihn nicht mehr so terrorisieren, aber davor hat sie of mehrmals täglich angerufen. Besuche bei ihr und von ihr waren immer mit krassen Verspannungnen seinerseits verbunden. Da konnte man die Uhr nach stellen. Zum Schluss wurde das weniger, da sie ja geistig gar nicht mehr richtig da war. Jedenfalls sind wir zurück, haben es zum Glück auch noch rechtzeitig geschafft. Nun ist sie gestorben und bestattet. War eine Seebestatttung. Man muss vielleicht auch dazu sagen, dass beide Tanten sich totgesoffen haben und der Bruder hat wohl auch ordentlich gepichelt. Die Mutter selbst auch gerne mal, wohl nicht so exzessiv, aber dafür auch gerne mal mit Medikamenten nachgeholfen.....
Ich kann verstehen, dass das für ihn alles sehr belastend war und ist. Und wenn diese Thematik jetzt erstmalig aufgetreten wäre, würde ich hier vielleicht auch nicht schreiben. Aber er ist einfach generell mit vielen Dingen total überforderrt. Ich habe das auch schon hinter mir, beide Eltern leben nicht mehr. Zu der Zeit war ich alleinerziehend und ich war auch schon oft sehr ersrchöpft und jeder geht natürlich anders mit Belastugnen um. Dennoch empfinde ich seine Herangehensweise als problematisch. Vor allem, seine Art, seine Stimmung eins zu eins auf alle Anwesenden abzuwälzen. Mit guter Stimmung funktioniert das genauso. Es sind halt immer die anderen, die Probleme haben, die was ändern sollen. Nur er nicht.
Er kreist nur noch um sich selbst und ist da völlig gefangen. So kommt es mir vor. Er spielt (meiner Meinung nach) fast schon zwanghaft Schach auf dem Handy. Für mich ist er auch einfach nicht mehr da, also im Sinne von geistig anwesend. Ich habe auch schon versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Ich glaube, irgendwo weiß er auch, dass das alles nicht gut ist, aber wirklich einsichtig ist er nicht. Das Thema Alkohol und Kiffen ist halt wieder präsent und wenn ich das anspreche, wird er sauer. Der Klassiker.
Als wir das Seebestattungswochenende hinter uns hatten, haben mir beide älteren Kinder (16 und 19) zurückgemeldet, wie froh sie sind, dass es mich gibt und ich mich so toll um ihren Vater gekümmert habe, immer für sie da war und dass das für mich sicher auch nicht einfach war (ich hab nebenbei nen neuen Job angefangen, meine Wohnung vermietet...aber das ist ne andere Geschichte) usw. Das hat mich total gerührt, aber auch sehr nachdenklich gemacht. Ich meine, das haben sie schon immer gesagt, dass sie froh sind, dass er mich hat. Aber das ist ja auch nicht gut, wenn die kinder das Gefühl haben, man muss sich um den Papa kümmern. Sie sind einfach nur froh, dass da jemand ist, der das übernimmt. Aber da ist mir das nochmal so bewusst geworden, wie schräg das eigentlich ist. Ich hab ihm auch davon erzählt und er sagt dann selbst, er will das gar nicht, dass die Kinder sich so fühlen. Er macht aber auch nix, das zu ändern. Irgendwie ist er immer im Fokus, welches Wehwechen hat er jetzt wieder, wie ist die Stimmung, wie gehts ihm usw. Und alle spielen das Spiel mit, ich inklusive.
Jetzt war er ein paar Tage mit den beiden jüngsten (12 und 16) in Frankreich. Ich hatte mit dem ältesten Sohn ein Gespräch. Das hat sich so ergeben und eigentlich wollte ich das immer vermeiden, mit den Kindern darüber zu sprechen. Er hat es aber von sich aus angesprochen und mir auch nochmal bestätigt, dass das mit dem Trinken auch früher schon Thema war und es deswegen auch schon Streit gab. Und dass er selbst immer froh ist, wenn ich im Home office bin, weil er sich dann frei bewegen kann. Es hat uns beiden gezeigt, dass es nicht nur unsere eigene Wahrnehmung ist, sondern dass wir beide es ähnlich erleben. Er macht sich also auch Sorgen um seinen Vater und ich glaube, er hat auch Angst, dass ich irgendwann meine Sachen packe.
Mir ist klar, dass das alles Anzeichen von großer Erschöpfung/Depression/Burnout, was auch immer sind. Ich bin auch gerne für ihn da, aber das geht doch nur, wenn er auch was ändern möchte.
Jetzt möchte ich schreiben, dass er ja auch ein ganz toller Vater und Mann ist, um das ganze wieder abzumildern. Das ist auch so und wir haben auch sehr viel Spaß miteinander. Bisher hat sich das alles immer ganz gut die Waage gehalten, nur überwiegen gerade die schlechten Gefühle, was mich gleichzeitig auch sehr traurig macht.
Heute kommen sie zurück. Ich war noch nie so froh, hier mal ganz alleine zu sein und ich merke, wie in mir die Anspannung steigt, weil ich nicht weiß, wie es die nächsten Tage wird. Ich hab die Ruhe total genossen. Bin gerade etwas ratlos und ich weiß auch, dass nur ich mir selbst helfen kann, aber es tut einfach gut, dass hier aufzuschreiben. Ich weiß, dass das hier gut aufgehoben ist.
Ich danke fürs Lesen und teilt gerne eure Gedanken, wenn ihr mögt.