Herzlich willkommen Summerchild,
die Geschichten von Süchtigen sind extrem unterschiedlich, von daher möchte ich nur mal von meinen Erfahrungen erzählen.
Mein Vater trank wohl mindestens so lange, wie ich ihn kannte und er starb an den Folgen des Trinkens, als ich 57 Jahre als war und er 82. Wenn ich mich nicht vollkommen irre, hatte er keinen alkoholfreien Tag, so lange ich auf der Welt war, und bis ganz kurz vor seinem Tod, also mindestens 57 Jahre am Stück (wahrscheinlich aber auch schon vorher).
Er war eher so ein Trinker, wie es früher viele gab, hat zwei Bier mit zum Arbeiten genommen, abends ein paar Halbe, da und dort ein Viertel Wein, drei vier Schnäpse dazwischen und ansonsten auch nie "Nein" gesagt, wenn ihm etwas angeboten wurde. Über den Tag gerechnet war das eine ordentliche Menge, dabei war er aber sein Leben lang nie arbeitslos und hat nebenbei ein paar Häuser gebaut.
Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich 25 war, da war ich aber schon lange ausgezogen und lebte einige hundert Kilometer davon entfernt. Alkohol spielte bei ihren Streitigkeiten immer eine Rolle, die Trennung kam aber weil er plötzlich ein Freundin hatte. Das hat ihm meine Mutter dann nicht mehr verziehen.
Meine Mutter war dem Alkoholkonsum auch nicht gänzlich abgeneigt, also bei uns stand täglich was auf dem Tisch. Bier, Wein, Schnaps, Likör, das war immer präsent. Ich bin da so reingewachsen, ich fand das Trinken ganz normal, kannte ja nichts anderes, es schmeckte mir und ich mochte auch die Wirkung. Relativ früh kam ich auch mit anderen Drogen in Berührung, ausserdem war ich eine eher rebellische Jugendliche, störte mich nicht so sehr, wenn ich schlecht aufgefallen bin, und so nahm ich dann, bis ich 24 Jahre alt war, an Drogen so ziemlich alles, danach trank und rauchte ich "nur" noch bis ich 40 war.
Ich habe viel Schnaps getrunken, oft zwei bis drei Liter, war also dann wirklich hackedicht. Andererseits habe ich auf Druck meines Partners und auch weil ich selbst nicht ganz abstürzen wollte, die letzten Jahre meiner Karriere jede Woche drei Tage Pause eingelegt und nur abends getrunken, dann natürlich reingepresst. Aber tagsüber nur sehr selten, ich hatte das auch mal ausprobiert, um den Kater zu bekämpfen, heisst ja immer, das man mit dem weitermachen soll, womit man aufgeghört hat, aber das tat mit nie nie gut und deswegen hatte ich da auch nie ein gesteigertes Bedürfnis danach. Ich habe es dann lieber ausgehalten, wenn es morgens schlecht ging.
Ich war von daher wohl auch eher psychisch abhängig und habe ohne Entgiftung aufgehört, habe da also keine Erfahrung.
Der Tiefpunkt kam bei mir absolut plötzlich, über Nacht sozusagen.
Ich habe nie jemandem versprochen, dass ich aufhöre, die Diskussionen und Streitereien, die ich mit meinem Partner darüber geführt habe, drehten sich immer nur drum, das ich mich besser unter Kontrolle halten sollte und wollte. Im Grund war ich auch immer davon überzeugt davon, das ich jederzeit aufhören könnte, wenn ich das wirklich wollte, aber ich wollte eben nicht aufhören, sah überhaupt nicht, was mir das bringen sollte, und ich habe schon in relativ frühen Jahren schon mal die Erfahrung gemacht, das ich wegen einem Partner nicht aufhören werde. Ausserdem war ich grundsätzlich der Ansicht, das es meine Privatangelegenheit ist, was ich mit meinem Leben und auch mit dem Trinken mache und dass das nun wirklich niemanden etwas angeht.
Ich hatte schon mit ca. 20 schon mal die Erfahrung gemacht, dass mir der Rausch mehr felhlt als der (damalige) Partner, wenn ich es drauf ankommen lasse. Also war es bei der weiteren Partnersuche damit für mich auch klar, dass nur ein Partner in Frage kommt, der meine Trinkerei akzeptiert. Trotzdem wurde es dann eben zu viel und das führte zu Konflikten. Aber die Geschichte ist von daher. eben grundsätzlich anders als bei Deinen Eltern.
Als ich aufgehört habe, lebte ich praktisch in Trennung von meinem Partner (dem wurde das dann doch zu viel), war aber beruflich verhältnismässig gut aufgestellt. Es bahnte sich schon eine Weile an, weil es mir vom Trinken immer schlechter ging. Ich hatte dann immer häufiger Abstürze, bei denen ich Todesängste hatte, extreme Blutduckschwankungen, Kotzanfälle, Schlaganfallängste, lauter solche Dinge, ober wo es mir am nächsten Tag auffiel, wie viel Glück ich hatte, das nicht mehr passiert war (Verletzungen usw. vom Hinfallen).
Trotzdem stand Aufhören für mich nicht zur Diskiussion, darüber hätte ich nie mit mir reden lassen und darüber nachgedacht habe ich auch nie. Ich bin immer den Weg gegangen, Trinkpausen einzulegen, um mich zu erholen, aber es war dabei auch immer klar, dass ich danach wieder trinken werde. Aus irgendwelchen Gründen war ich absolut davon überzeugt, das mein Leben vorbei wäre, wenn ich ganz aufhöre. Es fühlte sich für mich an, als ob ich mich dann gleich umbringen könnte, wenn ich nie mehr was trinken könnte. Also das kam überhaupt nicht in Frage, darüber auch nur nachzudenken.
Eines Nachts war es dann eben so weit, als der Alkoholpegel langsam zurückging und es mir sehr schlecht dabei ging, kam mir wie ein Geistesblitz der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn ich "das mal ganz bleiben lassen würde", wenn ich also von dem damals schon jahrelangen Versuch mal lassen würde, das unter Kontrolle zu behalten, sondern einfach mal ..gar nichts mehr. Also so mehr oder weniger der Gedanke, was soll an einem nüchternen Leben eigentlich so viel schlimmer sein als an dem Leben, was Du jetzt gerade führst?
Und als ich dann schon dabei war, fiel mir dann auch gleich noch ins Auge, wie lange ich schon damit rummache und was ich schon alles "gefressen" hatte, um weitertrinken zu können. Und um wie viel einfacher es vielleicht wäre, das Ganze los zu sein und einfach nüchtern weiterzumachen. Also eon echter Geistesblitz, ein Aha-Erlebnis erster Güte. Das passierte im Prinzip innerhalb weniger Minuten, dann war das klar, dass ich es zumindest ensthaft probieren werde, aufzuhören.
Dafür war es aber Grundvorraussetzung, dass ich vorher wirklich so viel getrunken hatte, dass es mir extrem schlecht ging. Und dafür wiederum war es wohl auch wichtig, dass mein Partner es aufgegeben hatte, mich vor den schlimmsten Folgen zu bewahren, und er für sich die Konsequenz getrogffen hatte, sich zu trennen. Denn dadurch habe ich ja erst mal noch hemmungsloser getrunken, aber ohne das wäre ich nie an diesen Tiefpunkt gekommen, denke ich. So lange sich das noch irgendwie regeln liess, hätte ich wohl nie aufgehört.
Und ich habe dann tatsächlich und sehr straight aufgehört, hatte nie einen Rückfall. Ich war in der Suchtberatung, hatte ca. 8 Sitzungen in einer Motivationsgruppe und vielleicht ein Dutzend Einzelgespräche mit einer Psychologin, aber dann ging es mir erst mal recht gut, 4 jahre später habe ich noch mal ein andere Therapie gemacht, diie nichts mit Alkholentwöhnung zu tun hatte, weil doch noch ein paar Baustellen geblieben waren. Aber an sich hatte ich einfach komplett die Schauze voll, das war mein Tiefpunkt.
Zum Schluss noch mal zu meinem Vater. Der lebte dann ca. 15 Jahre alleine und als Rentner im eigenen Haus, nachdem seine letzte Freundin gestorben war. Wir unterhielten und dann auch mal über unsere Leben und eines Tages sagte er mir, das er wohl auch Alkoholiker wäre, dass es sich für ihn aber nicht rentieren würde, damit aufzuhören. OK, aus eigener Erfahrung weiss ich ja, dass eine Menge Arbeit darin steckt, "zufrieden trocken" zu werden, und wenn der (empfundene) Leidensdruck nicht sehr hoch ist, dann macht man das wohl nicht. Also so lange der Alkohol seinen Zweck noch erfüllt, redet man gegen Wände, das kenne ich ja von mir selbst.
Ich habe das von daher einfach akzeptiert und gar nicht erst versucht, dagegen anzugehen. Im Gegensatz dazu haben seine Brüder ihn schon dafür kritisiert, dass es dann vor allem im Alter immer hemmungsloser wurde, aber denen hatte er einfach Hausverbot erteilt, wie er überhaupt jeden, der ihn ändern oder kontrolllieren wollte, einfach auf Abstand gebracht hat. Also das zu akzeptieren war am Ende sogar die einzige Möglichkeit, da überhaupt eine Pflege für ihn zu organisieren, als er Pflegefall wurde. Alles Andere hätte er gar nicht zugelassen, und gesetzlich musst du ihn machen lassen, da gibt es kaum eine Handhabe dagegen. Und natürlich waren die Schäden durch den jahrzehntelangen Konsum am Ende überall überdeutlich. Das kannst Du akzeptieren oder Dich damit kaputt machen, das bingt nichts.
Dein Vater wird eine Menge Input bekommen, denke ich. Ich habe schon Leute geshen, da dachte man, das wird nie was, wurde dann doch, und aber auch schon Leute da dachte man, die habens geschnallt und dann war es doch nicht so. Hellsehen ist ziemlich schwierig, vor allem wenn es die Zukunft betrifft. Es wird sich rausstellen, was passiert.
So weit erst mal, ich weiss nicht ob Dir das was bringt.
Gruß Susanne