Hallo Britt,
möchte auch noch meinen Senf dazu geben.
Ich beziehe mich nur mal auf eine Konfliktsituation.
So wie Gerchla das schreibt, lese ich immer wieder mit großem Interesse und ich bin auch überzeugt davon, dass es zu ihm passt. Ich akzeptiere das voll und ganz, aber - es ist eben der Stil von Gerchla. Es ist Seins, er hat sich das wohl gut überlegt und steht auch dahinter. Ich glaubs ihm auf jeden Fall, denn es ist konsistent mit dem, wie er schreibt, seinem Stil der Kommunikation.
Und ich bin nicht Gerchla, und deswegen würde das, wie er es macht, für mich nicht ganz passen, da bliebe etwas, wo ich Teile von mir selbst verleugnen müsste. Teile, die leben wollen und ihre Daseinsberechtigung in mir selbst für sich reklamieren. Ich führe meine Kämpfe mit mir selbst und manchmal auch mit meiner Aussenwelt, manchmal nervt es mich, manchmal befriedigt es mich, aber ich wäre einfach nicht ich, sondern eine Marionette, die sich vor allem nach Anderen richtet, wenn ich es nicht so machen würde.
Der Unterschied zu früher ist bei mir höchstens der, dass ich mir vorher überlege, wie es mir mit der Retourkutsche geht oder ob ich da plötzlich alleine gegen eine Übermacht stehe. Oder ob jemand mit scharfer Munition auf mich schiesst..das wäre das Extrem, was es auch gibt. Und damit bin ich noch ein ziemliches Weichei in meiner Kuschelecke, denn manche Leute sterben auch für ihre Überzeugungen, wie man bei Demonstrationen in anderen Ländern sehen kann. Da werden zwar sehr unterschiedliche Ziele verfolgt und ich finde bei weitem nicht alle dieser Ziele gut, aber ich persönlich würde es auch falsch finden, sich immer ins Private zurückzuziehen und ruhig zu bleiben. Wenn ich mich als Bürger z.B. politisch betätigen möchte, muss ich damit leben, dass es da Andere, Gegner gibt, und die nicht nur nett zu mir sind. Trotzdem will ich das.
In vielen Bereichen kann ich auch einfach machen, was ich will, völlig unabhängig davon, wie jemand anders das sieht oder was der davon hält. Es gibt ja doch einiges, was Andere gar nichts angeht und wobei ich auch niemanden brauche. Muss ich nur mit mir selbst ausmachen, wie ich das haben möchte.
Und ich stelle auch ganz gerne mal Meinung gegen Meinung, und warte ab, was dabei passiert. In einer zivilen Gesellschaft passiert mir dabei normalerweise nicht sehr viel. Dann gibt es es zwar wahrscheinlich Leute, die mich nicht mögen, aber ich mag dann wenigstens mich. Wogegen ich mich nicht mögen würde, wenn ich von allen gemocht werden wollte, denn damit würde ich mich schlicht verleugen und überfordern und damit gegen mich selbst arbeiten.
Aber das bin eben ich. So wie Gerchla Gerchla ist. Und Du bist Du. Und das ist der springende Punkt.
Ich hab mich im alkoholfreien Zustand schon länger mal damit beschäftigt, die Einflüsse meiner Erziehung und und auch eines christlich-humanistischen "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" (Goethe), also eines moralischen Imperativs, unter dem ich aufgewachsen bin, von dem zu trennen, was ich gewesen wäre ohne diese ganzen Einflüsse. Hab also zumindest den Versuch unternommen, mich selbst unter diesen ganzen Schichten von Erziehung und Kultur zu entdecken, denn ich war offensichtlich sehr stark von mir selbst entfremdet. Ich hatte deutlich das Gefühl, nicht ich selbst zu sein.
Ich war mal ausgeprägte Pazifistin, aber gelebte Duldsamkeit und reine Friedlichkeit haben mich depressiv gemacht. Agggression ist spätestens seit Sigmund Freud eine grundlegende Eigenschaft des Menschen, wenn sie unterdrückt wird, dann richtet sie sich gegen einen selbst. Weg geht sie davon nicht. Und sich selbst umzubringen, direkt oder durch sein selbstzerstörerisches Handeln, ist auch ein Mord.
Ausserdem höre ich gerade wieder bei meinen aktuellen Aktivitäten, dass nichts den Menschen gleichzeitig so stark stressen und im gleichen Atemzug befriedigen kann wie soziale Kontake, weil wir einfach wissen, dass wir Andere zum Überleben brauchen, über lange Zeit der Ausschluss aus der eigene Gruppe oder Familie praktisch ein Todesurteil war, jedenfalls über die längste Zeit der menschlichen Geschichte, das steckt drin, anderseits aber auch Menschen der größte Feind des Menschen sein können.
Mit nichts kannst Du das Hirn so zum Arbeiten und die Emotionen, Ängste wie Euphorie, zum Kochen bringen, wie wenn Du Dich irgendwo unter Leuten exponierst, die Du vielleicht brauchst oder die Dir gefährlich werden könnten (hab ich schon in verschiedener Form gehört und gelesen), und nichts bringt Leute so sehr aus dem Konzept wie überschäumende Affekte, wie jede Beziehungstat bestätigt.
Und das kann schwierig sein, sich selbst mit diesen Emotionen auszuhalten, ganz normale Fluchtreaktion, dass man da am liebsten weglaufen möchte, aber das kommt ja mit, weil es in einem ist. Vor sich selbst und seinen Emotionen kommt man nicht weg, aber man muss sich andererseits auch nicht reinsteigern und daran abarbeiten. Akzeptieren und gut ist....das ist gar nicht mal so viel anders, wie weiterziehen lassen.
Nach meiner Erfahrung legt sich diese Aufregung, wenn ich das zulasse und einfach mal laufen lasse, ABER kein weiteres Öl ins Feuer giesse. Früher war ich oft nachtragender, musste nachkarten, war wie ein innerer Zwang, oft habe ich dabei auch noch was erreicht, machte also sogar Sinn für mich, aber auf Kosten meiner eigenen Nerven. Heute nennt man so was Wutbürger, ich komme aus einer anderen Ecke, aber das Prinzip war schon so ähnlich. Die sind ja auch nicht gut drauf, ziehen aber auch eine gewisse Befridigung draus. Ist eben schon vielschichtig, was Sinn für den Einzelnen macht und wie sich das zusammensetzt.
Und hier ist ja zumindest teilweise nicht völlig anders, ich schreibe ja auch oft, obwohl ich davon ausgehen kann, in vielen Fällen nichts zu erreichen, trotzdem geht es mir selbst besser damit, als wenn ich nichts schreiben würde. Allerdings lasse ich heute auch leicht wieder los, und das ist ganz wichtig für mich.
Heute ist es oft so, dass ich mich umdrehe - oder den Computer ausmache - und das Ganze schon fast vergessen habe, ausser es ist wirklich ein ernstes Problem, wo ich handeln muss. Da spielt dann auch die Fähigkeit ein Rolle, mich selbst zu beruhigen, was man normalerweise schon als kleines Kind lernt, ich persönlich aber wohl relativ wenig gelernt hatte, und deswegen nachholen musste. Das ist aber kein Grund, nun deswegen gar keine Meinung mehr zu vertreten, damit diese Beruhigung nicht mehr beeinträchtigt wird.
Bei mir ist Meditation z.B kein absolut friedliches OOMMMM, sondern ein Mittel, um mich zu fokussieren, Meditation ist Bestandteil diverser Kampfsportarten, das ist zwar nicht meins, aber es hat auch nichts damit zu tun, immer die Andere Backe hinzuhalten und alles passiv zu ertragen. Und es gibt auch Techniken, um sich zu beruhigen, das funktioniert aber auch nicht gleich auf Knopfdruck, sondern da muss ich mich auch erst selbst aushalten, weil die ganzen Neurotransmitter, Stresshormone, Adrenalin, erst wieder abgebaut werden müssen und das dauert halt nun mal ein bisschen. Jedwelche Traumatisierung greift da ungünstig ein und kann das System dauerhaft aus dem Gleichgewicht bringen. Aber der Körper lernt diese Selbstregulation in den meisten Fällen auch, wenn man ihn lässt...übrigens ein Grund für gewaltfreie Kommunikation, weil das dabei nach Möglichkeit nicht gereizt wird, aber dazu braucht man dann auch geschützte Umgebungen, die ein internetforum nur eingeschränkt bietet. Da sind halt immer auch andere, die andere Bedürfnisse haben.
Jedenfalls glaube ich nur unter Vorbehalten, dass es da sehr viel bringt, wenn man sich jemandem zum Vorbild nimmt und möglicherweise so werden möchte, wie derjenige (z.B Gerchla) ist. Da kannst Du Dich extrem drüber frusten, dass Du so sein möchtest, es aber eben nicht bist und auch nicht werden wirst. Da kämpfst Du auch gegen Dich selbst und möchtest einen anderen Menschen aus Dir machen, als Du in Wirklichkeit bist. Glaubst, dass Andere vermeintlich "bessere Menschen" sind als Du, oder zumindest was besser könnten, weswegen Du ihnen ja nacheiferst. Gern genommenes Thema z.B. beim Stichwort "zufriedene Trockenheit", wer mal austickt wird schnell in eine falsche Ecke gestellt. Es sind aber nicht nur Andere anders als ich, sondern ich bin auch anders als Andere und damit in gewisser Weise immer mit mir selbst und meinem Inneren alleine. Und der Andere ist nicht nur anders, es ist auch anders als wir denken und ihn erleben..hinter der Stirn. Ja, und es gibt auch in vielen Fällen tatsächlich bessere, was man dann auch nur so akzeptieren kann.
Ich persönlich erlebe das so, dass es für mich wichtiger ist, herauszufinden, was mir auch tief unter der Oberfläche wichtig ist und das dann aber auch zu machen und nicht nur zu denken. Deswegen kann ich über Input trotzdem nachdenken, wo derjenige recht haben könnte und ob ich das auch so machen könnte und auch möchte. Aber was ich dann draus mache, sollte dann schon zu mir passen - und dann muss ich das auch nur gegenüber mir selbst rechtfertigen.
Gruß Susanne