Guten Morgen noch mal, Laila,
ich hab keinerlei Ahnung, ob Dir das hilft, was geschrieben wurde, oder ob Du das überhaupt so genau wissen wolltest.
Mir ist noch folgendes eingefallen:
So lange Du noch mitten in der Beziehung bist, dann bist Du natürlich von dem, was Dein Partner macht, auch direkt (mit-) betroffen. Bei den Gesprächen gibt ein Wort das Andere und wenn einer betrunken ist, dann redet er natürlich auch gerne mal Blödsinn. Oder er macht ins Eck, da gibts noch mehr lustige Sachen. Und der Alkoholiker braucht oft den Alkohol, um sich abzugrenzen, der ist nämlich genau so unsortiert.
Du fragst Dich, warum ist der so, was hab ich ihm getan, und warum kriegt der sein Leben nicht auf die Reihe, liegt es womöglich sogar an mir?
Und wenn Du ihn verlässt, dann geht ja vielleicht nicht nur er unter, sondern dann bist Du ja auch allein. Das willst Du ja möglicherweise auch vermeiden. Dieses starke Kümmerm wird auch mit Ablenkung von eigenen Problemen in Verbindung gebracht. Ich müsste z.B. grade einen Brief ans Finanzamt schreiben, habe dazu aber keine Lust, da kommst Du mir als Ablenkung gerade recht.
Relativ oft, auch in "normalen" Beziehungen, kommt es ja vor, dass man nach dem Honeymoon manche Eigenschaften des Partners nicht mehr ganz so prickelnd findet und ihn, weil man ja schon was in die Beziehung investiert hat und das nicht so einfach aufgeben will, versucht, sich den Partner passend zu machen. Auch das oft unter dem Deckmantel der Hilfe oder der Moral. Es gibt ja auch Meinungen, dass sich bei Liebe die passenden Neurosen verbandeln. Und es ist oft ein Kampf zwischen Autonomie und Nähe, selbst-können-wollen und Hilfseinforderung.
Das sind so Gedankengänge, wie ich sie kenne. Ich weiss nicht genau, wie das bei Dir ist.
Mein Partner wusste, dass ich trinke und ziemlich eigen bin, schon bevor wir zusammengegangen sind. Mein "Anders-sein" war sogar ein Grund, warum er das spannend fand. Und wir waren schon vorher befreundet, ich dachte auch, da ist mal jemand, der das abkann. Also ich passte wie meine Vorgängerin in sein Beuteschema, um das mal so zu sagen. Und er erlag auch der Illusion, dass das nicht so schlimm ist und er mich im Zweifelsfall auch in die Spur bringen könnte bzw. dass er damit fertig wird.
Wie gesagt, ich hatte schon lange vor ihm gesoffen, das hatte mit ihm gar nichts zu tun. Aber ich habe den Druck, den er dann auf mich ausgeübt hat, natürlich auch dankbar als Trinkgrund genommen, denn ich brauchte den Alkohol und mir war jeder Trinkgrund recht.
Ich sah aber auch keinen Sinn darin, aufzuhören, denn meine Lebenseinstellung war die, dass das Leben sowieso bescheiden und sinnlos, ein Zufall der Evolution in einem gleichgültigen Universum, ist, und nur durch Alkohol oder andere Drogen überhaupt erträglich wird.
Meine Denke war die, wenn ich das nicht mehr habe, dann habe ich gar nichts mehr und kann mir gleich die Kugel geben. Ich hatte schon ein paar Hobbies, aber mir kam das alles nur wie Zeitvertreib auf dem Weg zum Sterben vor, es dauerte sehr lange, bis ich ich in meinem eigenen Leben überhaupt angekommen war und mal das Gefühl hatte, dass ich gerne lebe.
Schon deswegen konnte ich wegen meinem Partner nicht aufhören, abgesehen davon hatte ich so nicht gewettet, denn ich meiner Vorstellung wäre ich dann zwar vielleicht nüchtern, aber erst recht todunglücklich gewesen. Von daher war es mir auch relativ egal, ob mich die Sauferei umgebracht hätte. Und das ist ein Loch, das von aussen niemand füllen kann. Damit hatte ich selbst lange zu kämpfen, aber das musste ich selbst erledigen. Dazu brauchte ich aber erst mal eine Perspektive, dass sich das überhaupt irgendwann lohnt. Und an diesem Glauben fehlte es mir.
Ich sage mal relativ salopp, wenn Du es schaffst, da auf genügend Abstand zu gehen, dann wirst Du sehen, dass seine Sauferei nicht in Deine Verantwortung fällt und seine Baustelle ist. Und selbst, wenn er sich umbringt, ist es immer noch sein Leben, für oder gegen das er die Entscheidung fällt.
Aber dass Dich das so mitnimmt und Du Dich davon nicht lösen kannst, das ist Deine Baustelle.
Meine Vorgängerin war Ingenieurin, endete nach mehreren Psychiatrieaufenthalten auf der Strasse und ist sehr wahrscheinlich inzwischen tot. Ich kannte sie. Mein Partner hat schon lange begriffen, dass das nichts mit ihm zu tun hat, und er absolut machtlos gewesen wäre. Alles was er da noch reingebuttert hätte, wären nur seine eigenen Verluste gewesen. Er hätte nichts verhindern können.
Und mit mir hätte es ähnlich enden können, wenn ich nicht die Kurve gekriegt hätte. Aber darauf hatte er auch keinen Einflluss. Der entscheidende Moment bei mir war ziemlich einsam. Wenn man "in sich " gehen muss, dann ist das wohl so.
Wie gesagt, keine Ahnung, ob Dir das was bringt, oder ob Du das überhaupt noch liest. Ich hab mich zumindest erfolgreich abgelenkt. Und jetzt muss ich.
Gruß Susanne