Schon heftig, was du erlebst...
Finde es gut, dass du diese Perspektive in weniger als 48 Stunden hast und das angehen willst!
Schon heftig, was du erlebst...
Finde es gut, dass du diese Perspektive in weniger als 48 Stunden hast und das angehen willst!
Mich interessieren seit einer Weile Bücher von Menschen, die unterwegs sind, die neue oder andere Wege gehen.
Jon Krakauer, „In die Wildnis“
Lois Pryce, „Mit 80 Schutzengeln durch Afrika“
Swantje Kuball, „Die endlose Zeit des Augenblicks - Zu Fuß von Köln bis ans Ende der Welt“
Mich interessieren Menschen, die aus schweren Schicksalsschlägen aufbrechen und ihre eigene Lösung finden.
Caroline Bernard, „Frida Kahlo - Und die Farben des Lebens“
Hallo Traumwandlerin,
ich bin diesbezüglich zwar nicht Expertin und auch keine Ärztin, aber ich denke, dass du dir nicht zu große Sorgen machen musst, wie der Entzug in der Klinik abläuft. Soweit mir bekannt ist, wird der Entzug medikamentös begleitet, was bedeutet, dass es nicht zu heftig wird.
Außerdem wirst du dort auch jederzeit kompetente Ansprechpartner haben.
Ob du tatsächlich schon dauerhafte Gehirnschäden davon getragen hast, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber die Erfahrung vieler zeigt, dass es besser wird, wenn du durch den Entzug durch bist und eine Weile abstinent lebst.
Lass weiter von dir hören. Vielleicht tut es dir gut, dich hier mitzuteilen.
Viele Grüße
AmSee
Und noch etwas:
Wenn du’s gar nicht mehr aushältst, nur noch Panik hast, gibt’s eigentlich immer die Möglichkeit, sich stationär einweisen zu lassen.
Ich bin darin kein Experte, da kennen sich andere hier besser aus.
Mir zeigt mein Arzt und Therapeut, bei dem ich wegen meiner Depressionen in Behandlung bin, immer wieder diese mögliche Perspektive für Notzeiten auf.
Hallo Traumwandlerin,
ich kann gut nachvollziehen, dass du sehr beunruhigt bist. Das sind ja nun auch Symptome, die Angst machen.
Ich hab mit diesen Symptomen meines Wissens nach nicht alkoholbedingt zu tun gehabt, kenne sowas aber von meiner Depressionserkrankung, meiner MS und als Nebenwirkung eines bestimmten Medikaments. Klar, beunruhigt das.
Ich will aber versuchen, dir ein wenig die Angst zu nehmen.
Richtig ist: Alkohol greift leider ziemlich tief in das Gehirn ein und bringt auch dessen Biochemie nicht wenig durcheinander.
Ob deine Symptome aber alkohol- bzw. entzugsbedingt sind oder ob es noch andere Ursachen dafür gibt, wird sich medizinisch abklären lassen.
Die gute Nachricht ist: Die Neuronen im Gehirn erholen sich nach einer Weile der Abstinenz wieder und ebenso der Körper. - Ich beziehe mich dabei nicht auf die, die sich durch jahrzehntelangen, harten Konsum kaputt gemacht haben. Zu denen wirst du aber kaum zählen.
Ich weiß nicht, wie das, was ich dir letztens geschrieben habe, bei dir angekommen ist. Letztlich wollte ich dir Mut machen, nach vorne zu blicken.
Die Perspektive, dass du Montag zum stationären Entzug gehst, macht Dir Angst? - Was fürchtest du denn genau? Magst du davon erzählen?
In dem Buch „Sucht“ von Simon Borowiak wird davon erzählt, wie‘s auf einer Entzugsstation abgeht. Ich war zwar nicht auf einer Entzugsstation, aber auf einer Station für Menschen mit Depressionen und Borowiaks Schilderung erinnerte mich an meine Zeit dort.
Mein Vater war mehrfach wegen Alkoholentzug im Krankenhaus, was ganz gut war, weil er stets ins Delirium gefallen ist. Er wurde dort aber gut überwacht und ggf. medikamentös eingestellt.
Schreib einfach, wie‘s dir geht. Vielleicht hilft dir das.
Viele Grüße
AmSee
Hallo Hanna,
guckst du noch hier vorbei? Dann mag ich dir auch ein paar meiner Gedanken, Anregungen zu deinem Thema schreiben.
Viele Grüße
AmSee
Moin Britt,
Danke dir für die liebe Begrüßung. ![]()
Deine Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, weil das, was ich „dazugelernt“ habe, eher ein innerer Erkenntnisprozess ist, eine innere Wandlung sozusagen.
Ich will‘s aber zumindest ansatzweise versuchen zu beschreiben.
Mir ist zunehmend klarer geworden, wie sehr mein Wesen, mein Denken, wie sehr dieses innere Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen, selbst wenn es weit über meine eigenen Kräfte geht, von meiner Vergangenheit an der Seite meines alkoholkranken Vaters und meiner co-abhängigen Mutter geprägt worden ist. Ich hab immer mehr Zusammenhänge begriffen.
Ich hab begriffen, wie sehr es Teil von mir geworden ist und auch wie es letztlich dazu geführt hat, dass ich mich jahrzehntelang völlig überfordert habe. Was ja schließlich irgendwie dazu geführt hat, dass mein Körper mich mit zwei schweren, chronischen Erkrankungen völlig ausgebremst hat.
Ich war früher nie in der Lage, mich einer Verantwortung, wenn ich sie sah und besonders, wenn ich sah, dass niemand anderes sie übernahm, zu entziehen. Ich war stets gezwungen, mich selbst und meine Bedürfnisse hintanzustellen, nicht selten fielen die völlig hinten runter.
Zugleich habe ich inzwischen dazugelernt, mich diesem Inneren Druck, unbedingt Verantwortung übernehmen ZU MÜSSEN entziehen zu können. Das klappt nicht immer, aber in den Fällen bremst mich mein Körper aus und die Depression schlägt wieder mehr zu.
Ich habe darüber hinaus auch ein tieferes Verständnis für meine Eltern (und sogar Großeltern) gewonnen. Wie sehr sie selbst in ihre Geschichte verstrickt waren, aber auch wie sehr sie sich bemüht haben. Viele, viele kleinere und größere Erinnerungen sind hochgekommen und manche konnte ich nun, da ich sie mit den Augen einer Erwachsenen betrachten konnte, anders einordnen, anders bewerten. Ich fühle mit meinen Eltern, ich bedauere sie. - Nun waren meine Eltern glücklicherweise nicht so, wie ich‘s schon von anderen alkoholkranken Eltern gehört habe. Sie haben sich wirklich sehr bemüht, das wird mir immer klarer, sie konnten dem Ganzen nur aus welchen Gründen auch immer nicht entkommen. -
Ich bin deutlich mehr bei mir. - Oh, wie oft hab ich diesen Spruch vor fünf Jahren in der Klinik gehört und doch nicht wirklich gänzlich begriffen, was das bedeutet. -
Das bedeutet nicht, dass nun Alles gut ist, das wird es leider nie wieder, die schwere Depression und die MS werden bleiben, aber ich sehe mich selbst besser und kann mich selbst besser wertschätzen.
Herzliche Grüße
AmSee
Hallo Traumwandlerin,
da du mir unter meiner Vorstellung geschrieben hast, will ich dir unter deiner antworten.
Ich hab ein kleines Bisschen gelesen, was du hier im Forum so von dir preisgegeben hast.
Warum auch immer du da reingerutscht bist, spielt das wirklich eine Rolle? Klar kann man das bedauern, aber es nützt ja letztlich nichts. So sehe ich das jedenfalls für mich und hab das auch gegenüber über meinem Ehemann so vertreten, als der bedauernd zu mir meinte, „Ach wenn du doch früher auf mich gehört hättest...“ - Tja, hab ich nicht, konnte ich irgendwie nicht. Und es ist jetzt auch kaum angebracht, darüber zu klagen, denn es ist, wie es nun einmal ist. Jammern bringt dich meiner Erfahrung nach nicht weg vom Alkohol, wenn du einmal abhängig davon geworden bist und seine „tröstende“, in Watte packende Wirkung einmal zu gut kennengelernt hast.
Nach meiner eigenen Erfahrung und Beobachtung hilft tatsächlich nur der Blick nach vorne.
Ich bin irgendwann in die psychische Abhängigkeit reingerutscht, ich könnte noch nicht mal genau sagen, wann das passiert ist. Vielleicht schon, als ich damals als 17-Jährige die entspannende, locker machende Wirkung von Alkohol kennengelernt habe? Ich weiß es nicht und es ist auch nicht wirklich wichtig.
Wichtig ist, was JETZT ist und was du mit dem Rest deines Lebens anfangen willst. Ich bin übrigens nicht die Einzige, die sehr gute Erfahrungen mit der Abstinenz gemacht hat. Das gibt dir hoffentlich Mut und Zuversicht für das, was vor dir liegt.
Schon vor mehr als einem halben Jahr war mir klar geworden, dass mit meinem Konsum etwas nicht stimmt, ich hatte sogar mal Pause eingelegt. Doch ich wollt’s mir in eingestehen, dass es für mich keine Alternative zur Abstinenz gibt. Die Konfrontation hier im Forum und meine eigenen Gedanken dazu verschafften mir schließlich Klarheit, auch die Lektüre der Bücher, die ich hier irgendwo schon mal genannt habe und die hier auch unter „Fach- u.a. Literatur“ zu finden sind, waren unheimlich hilfreich für mich.
Ich bin gespannt von dir und deinen Erfahrungen zu lesen, wenn du den Entzug hinter dir hast.
Die Warnungen, nicht allein zuhause kalt zu entziehen, würde ich ernstnehmen.
Ich hab zwar selbst kalt entzogen, hab mir aber auch nichts dabei gedacht und hatte zum Glück auch keine Probleme. Doch offensichtlich darf man sowas nicht unterschätzen.
Herzliche Grüße
AmSee
Hallo Traumwandlerin,
Danke dir!
Ich antworte dir etwas ausführlicher unter deiner Vorstellung.
Viele Grüße
AmSee
Lieber Hans, liebe Camina,
habt lieben Dank für eure Worte. ![]()
Herzliche Grüße
AmSee
Hallo in die Runde!
Ich hab mich wieder angemeldet, um Euch ein positives Lebenszeichen von mir zukommen zu lassen.
In all dem Jammer, der hier naturgemäß immer wieder aufschlägt, mal etwas, das Hoffnung macht, dass es sich lohnt.
Ich bin heute ein halbes Jahr alkoholfrei und es geht mir sehr gut (!) damit. 44.
Körperlich und psychisch hat sich bei mir durch die Abstinenz spürbar etwas verbessert.
Darüber bin ich verständlicherweise überaus glücklich und auch überaus dankbar.
Ich hätte niemals erwartet, dass sich mein Alkoholkonsum derart schädlich auf Körper und Psyche auswirken könnte, bzw. dass vollständige Abstinenz zu einer derartigen Erholung führen könnte.
Natürlich sind meine Erkrankungen nicht verschwunden, aber es sind Verbesserungen eingetreten, die ich nicht mehr erwartet hätte. Ich kann zu Fuß wieder weitere Strecken bewältigen, statt unter 2 Kilometer inzwischen schon über 6 Kilometer. Meine körperliche Fitness hat sich verbessert, wie ich nicht nur während der Krankengymnastik-Sitzungen bemerken kann. Geistig bin ich konstant klarer, wacher.
Ein Bedürfnis nach Alkohol habe ich bislang nicht mehr verspürt, ich lasse aber auch gar nicht erst zu, dass eine Sehnsucht nach Alkohol aufkommt oder aber der Gedanke, ich müsste auf etwas verzichten.
Vor einem guten halben Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dass so etwas bei mir möglich ist.
Auch in Bezug auf die Bewältigung des Themas „Erwachsenes Kind alkoholkranker Eltern“ bin ich ein gutes Stück vorangekommen.
Herzliche Grüße
AmSee
Hallo Hoffnung2021,
du findest ganz unten u.a. den Button „Antworten“. Nimm den und sprich uns einfach mit Namen an. Den hast du eben ja auch genommen.
Das mit dem Zitieren kriegst du auch noch irgendwann raus.
Wenn du Zitieren klickst, dann erscheint zunächst der gesamte Beitrag des oder derjenigen im Zitat. Du kannst dir dann mal die Befehle genauer ansehen und dort auch herauslöschen, was du nicht zitieren möchtest.
Zitieren hat unter anderem am Anfang den Befehl quote in eckigen Klammern und am Ende den Befehl /quote in eckigen Klammern.
Viele Grüße
AmSee
Nachtrag:
Ob deine Ängste, die Antriebslosigkeit, die Niedergeschlagenheit und die Schlafstörungen Symptome einer Depression oder „nur“ des Entzugs sind, kann ich dir, obwohl ich mich mit beidem ein wenig auskenne, nicht sagen, vor allem nicht aus der Distanz.
Diese Symptome treten durchaus bei einer Depression auf, sie können meiner Kenntnis nach aber durchaus auch als Entzugserscheinungen beim Alkoholentzug auftreten. Letzteres liegt wie gesagt an einer Veränderung der Biochemie deines Gehirns und pendelt sich nach einer Weile wieder ein.
Bei Depressionen verhält es sich anders. Dort liegt zwar auch eine Veränderung der Biochemie des Gehirns vor, aber da verhält es sich etwas anders. Zu deiner Beruhigung, falls du wegen möglicher Depressionen verunsichert bist: Depressionen sind eine Erkrankung, die sich heutzutage gut behandeln lässt.
Ich bezweifle aber, dass dein alkoholischer Exzess eine Depressionserkrankung ausgelöst hat. Entweder war da schon vorher eine da und du hast es nicht erkannt, sondern mit Alkohol behandelt oder es war keine da.
LG AmSee
Hallo Hoffnung2021,
willkommen in diesem Forum, schön, dass du zu uns gefunden hast. :welcome:
Kurz zu mir: Ich bin 48 Jahre alt, w, und seit bald vier Monaten abstinent, ich kenne solche Entzugserscheinungen, wie du sie beschreibst und vermutlich auch tatsächlich hast, nicht aus eigener Erfahrung, habe aber als Kind und Jugendliche die Alkoholkrankheit in extremer Ausprägung bei meinem Vater erlebt. Ich habe mich viel mit dem Thema Alkoholismus beschäftigt. Vor 11 Jahren wurden bei mir Depressionen diagnostiziert.
Deine Ängste kann ich durchaus nachvollziehen. Wenn ich das richtig verstehe, hast du ab dem 4. Februar einen kalten Entzug durchgezogen. War oder ist dir bekannt, dass das lebensgefährlich sein kann? Was du beschreibst, deutet auf starke Entzugserscheinungen hin, andere hier werden dir möglicherweise noch mehr dazu sagen können. Ich meine, ich habe hier im Forum auch schon Informationen zum kalten Entzug gesehen.
Was ich mich frage, ist, warum du nicht einen Arzt aufsuchst, dich durchchecken lässt und abklärst, was los ist. Nur ein Arzt wird sicher feststellen können, wie es um dich steht.
Ob du Depressionen hast oder das jetzt nur eine Folge des Entzuges ist, wird ebenfalls nur ein Arzt wirklich feststellen können. Ich kann dir allerdings sagen, dass biochemisch Einiges in deinem Gehirn abgeht, seit du ihm keinen Alkohol mehr zuführst. Das hat mit verschiedenen Botenstoffen, u.a. Dopamin, und ihren Rezeptoren zu tun. Die gute Nachricht ist, es normalisiert sich wieder. Die schlechte Nachricht ist, es wird dir niemand genau sagen können, wie lange das dauert.
Ich rate dir dringend, einen Arzt aufzusuchen und dich durchchecken zu lassen. Aus meiner Sicht könnte dich das enorm entlasten.
Wenn was schief gegangen sein sollte, wird sich eine Lösung finden.
Gibt es einen Grund, warum du bislang nicht zum Arzt gegangen bist?
Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen.
Wenn du weitere Fragen hast, immer heraus damit.
Alles Gute
AmSee
Hallo Cora!
Er trinkt aber weiter, belügt mich, ist aggressiv. Heute kam er sogar vorbei und hatte die leere Flasche im Fussraum, als ich einsteigen wollte. Er meinte, es sei ein Fehler gewesen, sie NICHT RECHTZEITIG VERSTECKT zu haben. Ich bin garnicht erst eingestiegen und habe ihm gesagt, er solle verschwinden. Ich fühle mich getäuscht, weil er erst überall bekennt, er sei Alkoholiker und Besserung verspricht aber dann nichts dafür tut. Sehe ich das falsch? Ich glaube ihm nicht und sehe nur Lippenbekenntnisse...
Du liegst mit deinem Gefühl leider ziemlich richtig. Wenn du dich hier mal durch die Geschichten einiger Angehöriger liest und auch durch die Geschichten von Alkoholikern, findest du immer wieder, dass gelogen und betrogen wird, was das Zeug hält.
Alkoholismus ist eine ziemlich perfide und komplizierte Krankheit. Obwohl es doch vernünftig und gesund wäre, mit dem Trinken aufzuhören, trinken Alkoholiker weiter. Sie verlieren u.U. alles, Führerschein, Beruf, Beziehung und Gesundheit und ihr Leben und hören doch nicht auf. Sie lügen selbst dann noch, wenn man ihnen ihre Lügen nachweist. Es gibt einige, die den Absprung schaffen, aber ein sehr, sehr großer Teil schafft das nicht.
Für Angehörige ist diese Krankheit ebenfalls fürchterlich. Das, was du erlebst und erlebt hast, ist ja nun nicht gerade ohne. Nicht wenige Angehörige geraten in eine Co-Abhängigkeit.
Du wolltest Rat von uns. Was möchtest du von uns wissen?
Natürlich darfst du Fragen stellen. Je konkreter diese sind, desto eher können wir dir darauf antworten.
Übrigens, ich selbst kenne diese Erkrankung aus der Perspektive einer Angehörigen und ich habe selbst erst vor bald vier Monaten erkannt, dass ich ein Alkoholproblem habe und bin seither abstinent.
Viele Grüße
AmSee
Hallo MrEmp,
willkommen in diesem Forum.
Ich fühle mich angesprochen, dir zu antworten. Ob ich dir weiterhelfen kann, weiß ich nicht, aber vielleicht kann ich dir ein paar hilfreiche Denkanstöße geben.
Ich selbst kenne die Alkoholkrankkeit aus der Perspektive einer Angehörigen und leider auch aus der Perspektive einer selbst daran Erkrankten.
Wenn ich mir die ganzen Tipps durchlese, wie man mit der Situation umgehen soll, denke ich mir immer "das klingt in der Theorie ganz richtig und einleuchtend, aber setz das mal um!"... jemanden ggf. zu zerstören, den man eigentlich lieb hat entspricht nicht meinem Charakter.
Alkoholismus ist aus meiner Perspektive eine ziemlich perfide und komplizierte Erkrankung, sowohl für den daran Erkrankten bzw. die Erkrankte wie auch seine/ ihre Angehörigen.
Wer daran erkrankt ist, erkennt es oft lange nicht, belügt sich selbst und andere, und lässt sich überhaupt nicht gerne dreinreden. Und selbst, wenn man es weiß, dass man daran erkrankt ist, tut man Dinge, die einem selbst und anderen schaden, man leidet selbst sehr oft unter seiner Situation, hört aber nicht einfach mit dem Trinken auf, obwohl das doch das Vernünftigste wäre, was man tun könnte.
Deine Freundin gibt ein ziemlich gutes Beispiel dafür ab.
Angehörige aber leiden ebenfalls sehr unter dieser Krankheit und es kommt durchaus nicht selten vor, dass der eine oder andere schließlich psychisch erkrankt. Man hängt u.a. auch fest, weil man glaubt, dass der Erkrankte bzw. die Erkrankte unter- oder draufgeht, wenn man für sich selbst sorgt und ihm/ ihr sozusagen die Pistole auf die Brust setzt und/ oder die Koffer packt und geht.
Und damit komme ich zu dir.
Du sprichst an, dass es schwer ist, die Tipps umzusetzen. Ich stimme dir zu, dass das nicht leicht ist, doch spitzen wir das Ganze mal zu:
Wenn es um die Frage geht, ob der Angehörige sich für den Alkoholkranken aufopfert - und dabei ist völlig ungewiss, ob das dem Alkoholkranken überhaupt hilft -, oder aber (zunächst mal) für sich selbst sorgt, um selbst gesund zu bleiben, wie sollte die Entscheidung dann vernünftigerweise ausfallen?
Betrachte mal, was die Krankheit deiner Freundin bislang schon mit dir gemacht hat. (Was dein Freund letztens zu dir gesagt hat, ist nicht ganz ohne.)
Ich habe das letztens schon jemandem geschrieben. Niemand kann allgemeingültig sagen, was einem Alkoholiker letztlich hilft, zur Besinnung zu kommen. Aus der Distanz ist es sowieso nicht möglich zu sagen, was deiner Freundin wirklich helfen könnte.
Zu bedenken geben möchte ich dir aber, dass sie immer wieder eine Wahl trifft.
Und sie nimmt bei ihrer Wahl herzlich wenig Rücksicht auf dich.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas ändert, wenn du dir das weiter gefallen lässt?
Wie lange kannst, möchtest, darfst du dir diese Situation noch zumuten? Wie viel Energie hast du noch? Wie lange reicht die noch? Und was ist, wenn du selbst keine Energie mehr hast? (Welche Botschaften signalisiert dir dein Inneres zu diesen Fragen?)
Deine Freundin kann sich letztlich nur selbst helfen, wenn sie denn endlich einsieht, dass sie etwas ändern muss.
Ich rate dir, zu einer Suchtberatungsstelle zu gehen. Du steckst - verständlicherweise - gefühlsmäßig fest. Bei dem Gedanken, dass deine Partnerin zerstört wird, wenn du für sich selbst sorgst, kann dir ein professioneller Berater möglicherweise weiterhelfen.
Viele Grüße
AmSee
Hallo Nobody,
ich kann dir nur nochmals raten, dich gründlich über die Alkoholkrankkeit zu informieren. Hier im Forum findest du eine Fülle an Informationen, die Berichte anderer Alkoholiker sowie der Angehörigen von Alkoholikern sind sehr aufschlussreich. Auch die in der Literaturliste genannte Literatur kann ich dir empfehlen.
Dieses Wissen ist wichtig, um die Erkrankung deines Freundes besser einschätzen zu können. Dieses Einarbeiten in die Thematik kann dir auch helfen, innerlich mehr Klarheit zu gewinnen. Auch der Besuch einer Suchtberatungsstelle könnte dazu hilfreich sein.
In einer zweiten Schiene solltest du dir klar und bewusst machen,
A) was du willst,
B) was du nicht willst.
Damit kannst du dir überlegen und ggf. auch vorformulieren, was du ihm sagen kannst, wenn er sich denn das nächste Mal meldet. Es ist wichtig, dass du dir darüber klar wirst, was DU willst und zu welcher Entscheidung du wirklich stehen kannst.
Du änderst für dich somit deine Situation von einem passiven Warten, dass er sich endlich meldet,
in ein aktives Vorbereiten auf ein sachliches Gespräch.
Viele Grüße
AmSee
Hallo Nobody,
so schlimm das jetzt für dich ist, ich hoffe für dich und deine Kinder, dass es dir hilft, dich von ihm abzugrenzen.
Natürlich ist es sehr, sehr traurig, so etwas zu erleben, aber leider ist es nicht möglich, jemand anderen zu retten, vor allem nicht jemand, der nicht mitspielt.
Das sagt dir jemand, der es mehr als einmal versucht hat und weiß, wovon er spricht.
Es ist deutlich zu erkennen, wie du darum ringst, Verantwortung für ihn zu übernehmen, aber sieh dir an, was es mit DIR macht. Wie fühlst du dich jetzt? Und dann stell dir mal vor, das geht jetzt noch Jahre so weiter. Denk daran, was es mit deinen Kindern macht oder machen wird.
Nach dem, was du über deinen Freund und die Situation geschildert hast, spricht kaum etwas dafür, dass sich etwas ändert, selbst wenn dein Freund zu dir ziehen sollte. Dein Freund hat massive Probleme, an denen letztlich nur er selbst etwas ändern kann. So jemand ist nicht ernsthaft dauerhaft in der Lage Verantwortung zu übernehmen, besonders nicht für deine Kinder. Das geht sehr, sehr wahrscheinlich über kurz oder lang mächtig schief.
Es gibt unter Alkoholikern den Rat, wenn einer fallen will, dann leg im kein Kissen unter. Niemand kann allgemein gültig sagen, was einem Alkoholiker letztlich hilft, zur Besinnung zu kommen. Mancher wie zum Beispiel mein Vater schafft es nie und glaub mir, der hatte nicht wenige und wiederholt Hilfsangebote. Was in der Regel nicht hilft, ist, den Alkoholiker bei seinem Tun und seinen Lügen zu decken und es ihm leicht zu machen.
Natürlich steckt bei dir Liebe drin, aber grenz dich um deinet- und deiner Kinder Willen von ihm ab!
Mach dir klar, dass von ihm, der eigentlich alt genug und erfahren genug dafür sein sollte, nichts aber auch gar nichts getan wird, Hoffnung auf Besserung aufkommen zu lassen.
Wenn er ernsthaft zur Besinnung kommt, kannst du ihm eine Chance geben, aber nicht zum derzeitigen Zeitpunkt.
Herzliche Grüße
AmSee
Gestern Abend in der ARD-Mediathek gesehen, dort läuft er aber heute leider nicht mehr:
„Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ (2017)
Trailer bei YouTube:
Der Film hat irgendwie auch mit unseren Themen zu tun. Wer Filme mit Charly Hübner, Detlev Buck und Bjarne Mädel mag, dem könnte dieser Film auch so gefallen wie mir.
Mich sprach die Entwicklung, die Karl/ Charlie im Laufe des Films macht, an und die Gegenüberstellung Karl/ Charlie und die anderen fand ich (für mich) interessant und aufschlussreich.
Hallo Dialex,
vielen Dank, dass du geantwortet und so viel von dir preisgegeben hast. Ich jedenfalls habe nun eine recht gute Vorstellung von meinem Gegenüber, die mir hilft, dich besser einzuschätzen und ggf. auf dich und deine Gedanken einzugehen.
Ich fühle mich angesprochen, dir zu antworten, vielleicht können wir einander ja helfen.
Bei der kurzen Beschreibung deiner Beziehung zu deiner Frau, fühlte ich mich an meine eigene erinnert. Ich habe einen sehr guten Partner und es ergeht uns ähnlich. Wir hängen sehr aneinander, stützen einander und gestritten haben wir auch schon heftig und viel. Kurz, wir wissen, was wir aneinander haben und nehmen das als ein wunderbares, nicht selbstverständliches Geschenk wahr. Ich habe eine Heidenangst vor dem, was uns leider irgendwann blühen wird, nämlich, wenn einer von uns gehen muss.
Ich kann mir aufgrund meiner eigenen Beziehung und auch anderer Erfahrungen ungefähr vorstellen, in welches Loch du nach dem Tod deiner Frau gefallen bist. Auf die Details deiner Beziehung und letzten Jahre deiner Frau will ich jetzt gar nicht näher eingehen. An der Seite von jemandem mit Depressionen zu bleiben, verdient meinen Respekt, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht ganz ohne ist, und diese Zeit der Erkrankungen zuletzt... - dazu muss ich gar nicht viel sagen, das war gewiss alles andere als leicht für euch beide. Was deine Alkoholkrankkeit betrifft, zeugt es jedenfalls von großer Stärke und Bewusstheit (bessere, treffendere Ausdrücke fallen mir gerade nicht ein), dass du während der 20 Jahre abstinent geblieben bist, und es beeindruckt mich, dass du es nach deinem letzten schlimmen Rückfall wieder geschafft hast, abstinent zu werden.
Mich interessiert - und für dich ist es möglicherweise hilfreich, dich darauf zu besinnen - wie du es geschafft hast, nach dem Rückfall nach dem Tod deiner Frau wieder auf die Beine zu kommen. Was hat dich bewogen? Welche Gedanken gingen dir dabei durch den Kopf?
Natürlich interessiert mich auch, warum und wie du während der Ehe mit deiner Frau abstinent geblieben bist. An der Seite von jemandem mit Depressionen ist es nicht immer schlimm, es gibt auch schöne Zeiten, aber es verlangt einem doch sehr viel ab, oft muss man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellen, was ziemlich frustrierend sein kann. Und es bleibt einem nichts anderes übrig, als zurückzustecken, weil es gerade nicht hilft, dem Depressionskranken Druck oder Vorwürfe zu machen.
Mich interessiert, ob du durch deine Frau (sie war in Therapie?) Ansätze für sich selbst zu sorgen, Achtsamkeitsübungen etc. kennengelernt hast und praktiziert hast, die dir jetzt möglicherweise weiterhelfen könnten. - Mein Mann und ich reden viel miteinander und was ich für mich an Hilfreichem gelernt habe, gebe ich an ihn weiter. Nicht alles passt, er ist ein ganz anderer Typ als ich, aber sein Bewusstsein für sich selbst hat sich bereits verändert und er lernt zunehmend, auch für sich selbst zu sorgen.
Du schreibst, dass du seit dem Login trocken bist. Was hat dich bewogen, nicht mehr zu trinken? Welche Gedanken hast du dir gemacht?
Und schließlich: Du sprichst von einem Verstorbenen. Davon hast du zuvor nicht gesprochen. Oder ist das ein Tippfehler und du meintest deine Frau? Hast du vor Kurzem wieder jemanden beerdigen müssen und das hat bei dir den Drang ausgelöst, den inneren Druck durch Alkohol zu lösen?
Jede Menge Fragen, jede Menge Fäden, an die wir, wenn du magst, anknüpfen können oder die du selbst nur für dich beantwortest.
Ich bin jedenfalls gespannt auf deine nächste Antwort und ob du den Dialog mit mir und anderen Teilnehmern aufnehmen möchtest.
Viele Grüße
AmSee