Liebe Schotterblume,
ich finde es gut, dass du mal wieder von dir hören lässt, auch wenn deine Nachrichten nicht die besten sind.
Ich glaube dir, dass es dich Mut gekostet hat, vor anderen und hier deinen Rückfall einzugestehen.
Doch ich sehe das so: Du hast dir selbst damit eine Hintertür verschlossen und du nutzt eine neue Chance.
Du schreibst von einer Krise und dass du während dieser auch therapeutische Hilfe in Anspruch genommen hast. Weißt du inzwischen denn etwas besser über dich selbst Bescheid? Hast du aus dieser Krise möglicherweise lernen können, dich im Vorfeld besser zu schützen?
Suchtdruck baut sich ja oft im Vorfeld auf, daher wäre es für dich gut zu wissen, was dich dermaßen unter Druck gesetzt hat und ob und wie du das in Zukunft vermeiden kannst.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr sich eine gewisse ungesunde, aber für den Moment wirksame Lösung unter Druck aufdrängt. - Ich hab das zu meinem Glück nie bei Alkohol, aber mit Zigaretten, deshalb erlaube ich mir, hier ein Biss mitzureden. Alkohol ist, soweit ich das weiß, noch eine Nummer größer als Zigaretten. - Und ich kenne, wie sich das Suchtgedächtnis danach wieder öfter und drängender äußert. Für mich suche ich daher nach Möglichkeiten, solchen Druck gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Gewisse Trigger arbeite ich nach und nach mit meinem Therapeuten auf.
Doch irgendwas hat sich durch den Rückfall geändert. Aus dem "ich will nicht mehr trinken" wurde irgendwie ein "ich darf nicht mehr trinken".
Das klingt so, als hätte etwas in deinem Inneren den Eindruck gehabt, dass du ihm eine wirksame Medizin wegnehmen wolltest.
Nun, verwunderlich ist das erstmal nicht, denn kurzfristig „hilft“ Alkohol ja in einer Krisensituation.
Wer der Krankheit entkommt, erkennt, dass Alkohol nicht wirklich „hilft“. Er hilft für den Moment, etwas weich zu zeichnen, aber lösen tut er gar nichts und er befreit auch nicht.
Warum du diese letztlich wenig hilfreiche „Medizin“ nehmen musstest, solltest du am besten mit deinem Therapeuten aufarbeiten. Da war wahrscheinlich irgendetwas, dass dich über einen längeren Zeitraum mächtig unter Druck gesetzt hat. Dass dein System, da es noch nicht stabil genug ist, dir dann diese bekannte Lösung aufdrängt, ist nicht meines Erachtens nicht verwunderlich.
- Ich selbst gerate beispielsweise enorm unter Druck, wenn überaus starke Emotionen, deren Handlungsimpuls nicht gleichzeitig ausgelebt werden kann, in mir wüten. Bei mir ist das eine Gefühl fast immer Ohnmacht oder Scham, das andere häufig Wut. Bestimmte Situationen lösen das bei mir aus. Zu wissen, was das ist, hilft mir, solche Situationen in Zukunft zu vermeiden oder mich rechtzeitig darauf vorzubereiten. Dass ich diese Gefühle fühle, hat bei mir mit den Handlungsmustern zu tun, die ich in meiner alkoholkranken Familie erlernt und verinnerlicht habe. -
Zitat
Ich musste immer mehr kämpfen und strampeln, hatte sehr oft Suchtdruck und fühlte mich überhaupt nicht stabil. Ich habe gekämpft, mich abgelenkt, in der Therapie darüber gesprochen, versucht jeweils zu analysieren, warum ich jetzt trinken will und wie ich stattdessen meine Bedürfnisse erfüllen kann... und trotzdem habe ich verloren und jeweils nach ungefähr einem Monat noch zwei weitere Rückfälle gehabt.
Klingt nach einer heftigen Zeit und einer Zeit, in der du noch nicht stabil genug warst.
Vielleicht kannst du die Erfahrungen aus dieser Zeit für die Zukunft nutzen.
Zitat
Ich wüsste wirklich sehr gerne, wie ich das bewusst und willentlich beeinflussen kann, aber das habe ich leider noch nicht herausgefunden. Als ich "nicht durfte", wollte ich "nicht wollen", aber ich konnte es einfach nicht. Ich habe auch versucht, es mir einfach vorzusagen, aber es blieben leere Worte.
Wie du schon mal deutlich gemacht hast, hast du viele Baustellen. Deshalb kann ich dich nur auffordern, geduldig mit dir zu sein und dir eine Baustelle nach der anderen vorzunehmen.
Ich kann dir von mir erzählen, wie ich das bewusst und willentlich mache.
Das dauert aber etwas länger und ich möchte mir dafür Zeit nehmen, deshalb jetzt nur ein Teil:
Ich mache mir immer wieder bewusst, wie das bei mir zuletzt mit dem Trinken war. Dass es mir eben gerade NICHT gut getan hat. Ich rufe mir dazu die Momente in Erinnerung, in denen ich das Trinken als unangenehm empfunden habe. Setze damit dem Suchtgedächtnis, das ja bezüglich des Negativen so fürchterlich vergesslich ist, etwas entgehen.
Aktiv arbeite ich daran, nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, auf etwas verzichten zu müssen, sondern im Gegenteil zu etwas Besserem frei zu werden.
Herzliche Grüße
AmSee