Hallo Lin,
willkommen in dieser Online-Selbsthilfegruppe. Schön, dass du zu uns gefunden hast. :welcome:
Wenn ich das richtig verstehe, suchst du Informationen, die dir bei der Hilfe deines Bruders weiterhelfen können. Sehe ich das richtig?
Vorweg: Wenn dein Bruder sich nicht selbst ernsthaft helfen will, sitzt du leider auf verlorenem Posten.
Das ist das Traurige an Suchterkrankungen aber auch an psychischen Erkrankungen.
Von außen kann man einen Alkoholiker, so sehr man es auch versucht, nicht trocken machen. Und bei psychischen Erkrankungen ist es so, dass man da von außen herzlich wenig machen kann, wenn der Erkrankte nicht von sich aus etwas zur Besserung unternimmt und tätig wird.
Es tut unheimlich weh, so etwas mit anzusehen und es macht auch etwas mit einem. Deshalb wird Angehörigen immer geraten, sich um sich und die eigenen Bedürfnisse zu kümmern und dem erwachsenen Erkrankten die Verantwortung für sein Leben in seiner Verantwortung zu belassen. Er tut und entscheidet im Übrigen eh das, was er will.
Das Problem deines Bruders ist vielfältig, er hat zum einen eine massive Depression, wie du schreibst, und zum anderen ein Alkoholproblem. Was zuerst da war, ist häufig eine Frage nach Henne und Ei.
Alkoholismus begünstigt Depressionen und nicht wenige Depressive versuchen ihre Zustände mit Alkohol zu lindern.
Ich leide selbst an Depressionen und habe eine ganze Weile Alkohol missbraucht, um meine Zustände zu mildern. Ich kann dir verraten, dass der Alkohol es letztlich nicht besser, sondern schlimmer gemacht hat.
Inzwischen bin ich über 15 Monate trocken und die Depressionen sind zwar nicht weg, aber es geht mir trotzdem deutlich besser. Wenn man keinen Alkohol mehr trinkt, hat man definitiv eher die Möglichkeit, sich seinen Problemen zu stellen und zu lernen, so für sich zu sorgen, wie man es eigentlich braucht.
Das ist aber etwas, was einem von außen niemand abnehmen kann. Das ist etwas, was man selbst tun muss.
Insofern machst du das ganz richtig, ihm zur Entgiftung zu raten, aber zugleich zu wissen, dass er selbst so weit sein muss, diesen Schritt zu machen.
Du schreibst:
Er sagt: wenn er entgiftet, muss die Situation hinterher definitiv eine andere sein als jetzt, sonst hängt er sofort wieder drin. Und da sieht er kein Licht...
Ich kann nachvollziehen, was dein Bruder meint. Was ihm fehlt, so kenne ich das von mir selbst, ist die Hoffnung, dass sich etwas ändert. Es fehlt ihm die Aussicht, sein Leben grundlegend ändern zu können.
Nur in dem er auf Alkohol verzichtet, wird sich sein Leben auch nicht verändern, denn es hat seine Gründe, warum er überhaupt erst den Alkohol als „Medizin“ missbraucht hat.
Mit den von dir genannten Medikamenten kenne auch ich mich nicht aus, aber ich bezweifle, dass ihm diese in seiner Situation ernsthaft eine Hilfe sind. Er möchte einerseits seinen Kater nach dem Alkoholmissbrauch verhindern oder abmildern und andererseits möchte er den Suchtdruck abmildern.
Alkoholmissbrauch führt zu Veränderungen in der Biochemie des Gehirns und deshalb wird die Depression letztlich schlimmer, wenn er Alkohol konsumiert. Insofern ist der Versuch, den Kater wegzubekommen oder abzumildern, Augenwischerei und ändert nichts an der Wurzel des Problems.
Was den Suchtdruck betrifft: Wenn er bereits körperlich abhängig ist, wird ihm gar nichts anderes mehr übrig bleiben als Alkohol trinken zu MÜSSEN.
Wenn er noch „nur“ psychisch abhängig ist, dann hat er in der Regel Suchtdruck, weil ihn irgendetwas triggert und es ist davon auszugehen, dass das mit seiner Depression zu tun hat.
Von Selbstmedikationen halte ich im Allgemeinen nicht besonders viel. Sowas geht häufig schief.
Eine Klinik, die Depressionen behandelt, wird deinen Bruder aber erst aufnehmen, wenn er sein Alkoholproblem angegangen ist und trocken ist.
So, wie du das schilderst, wird sich an der Lage deines Bruders kaum etwas ändern, wenn er den Entzug hinter sich hat.
Nach seinem Entzug müsste er die Arbeit an sich fortsetzen und sich wegen seiner Depression Hilfe suchen, damit sich ernsthaft etwas bei ihm ändern kann.
Bis dahin erstmal.
Liebe Grüße
AmSee