Hallo water_on_ice,
herzlich Willkommen in unserer Online-Selbsthilfegruppe, schön, dass du zu uns gefunden hast und dich ausführlich vorgestellt hast. :welcome:
es fällt mir nicht leicht diese Zeilen zu tippen. Wahrscheinlich einerseits weil es dadurch noch realer wird und andererseits weil ich das Gefühl habe mich dadurch verletzlich zu machen.
Das kann ich durchaus nachvollziehen, weil ich selbst es als einen Lernprozess empfunden habe, mir einzugestehen, Alkoholikerin zu sein. Es gehört ja auch einiges dazu, sich das eingestehen zu können, und da fühlt man sich durchaus anfangs auch verletzlich. Das gibt sich übrigens mit der Zeit, je mehr man „Selbstfürsorge“ lernt und sich mit der Thematik beschäftigt.
Mir ist aber klar, dass wir hier alle so ungefähr das gleiche durchgemacht haben oder durchmachen und ich mich hier sicher fühlen und Rückhalt finden kann. Deswegen überwinde ich mich.
Ich denke, dass du das ganz richtig wahrnimmst.
Auch wenn wir eigentlich alle verschieden sind und unterschiedliche Wege gegangen sind, ähneln sich gewisse Erfahrungen. Je mehr Erfahrungsberichte du hier liest, desto mehr wirst du das feststellen.
Meiner Erfahrung nach ist der Austausch mit anderen, die ebenfalls den Absprung gemacht haben, ungeheuer hilfreich und unterstützend.
Ich selbst, 49, w, vor fast 19 Monaten hier aufgeschlagen und ebenso lange trocken, möchte nicht auf diese Unterstützung verzichten. Für mich persönlich bleibt auf diese Weise das Thema präsent und ich steuere damit meinem Suchtgedächtnis, das die Sache immer mal wieder verharmlosen möchte, entgegen.
Also hab ich von einem Tag auf den anderen mit dem Trinken und dem Rauchen auf einmal aufgehört. Die ersten Tage und Wochen waren hart. Wahnsinnig hart. Ich hatte das Gefühl, keine Auszeiten, keine Pausen, keine Belohnungen, keine Ablenkungen zu haben. Nichts, auf das ich mich freuen konnte. Und vor allem keine Möglichkeit, meine Gefühle zu betäuben. Mich nüchtern und ohne Benebelung allem stellen zu müssen war ein schlimmer Teil des Aufhörens.
Das kann ich mir gut vorstellen, dass das hart war. Darf ich fragen, ob du dir in dieser Zeit Gedanken um Alternativen gemacht hast?
Denn gerade, wenn du deinem Belohnungszentrum keine „gesunden“ und dennoch irgendwie ein bisschen interessante Alternativen angeboten hast, dürfte es noch härter gewesen sein, weil das Belohnungszentrum meiner Erfahrung nach ziemlich fordernd sein kann.
Aber ich muss auch sagen dass man nicht nur die negativen Dinge intensiver erlebt wenn man nüchtern ist, sondern auch die positiven Dinge. Man nimmt so vieles mehr wahr. Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind, weil ich mit Trinken oder dem Gedanken daran beschäftigt war.
Kann ich selbst auch nur bestätigen. Freut mich für dich, dass du diesen guten Erfahrungen berichten kannst. 44.
Gesellschaft am Abend meide ich aber ehrlich gesagt noch. Ich muss mich jetzt noch nicht mit lauter trinkenden Menschen umgeben. Ich fühle, dass mir das Jetzt noch nicht gut tun würde.
Du vertraust da deinem Bauchgefühl und das ist meiner Beobachtung und Erfahrung nach ein ziemlich guter Kompass. Nicht ohne Grund gehen sehr viele andere trockene Alkoholiker anfangs den Weg der Vermeidung.
Je gefestigter du dich in deiner Abstinenz fühlst, desto eher wirst du dich solchen Gelegenheiten wieder aussetzen können und du wirst dabei merken, ob du diese Gesellschaften überhaupt noch willst, welche Strategien du im Umgang damit brauchst, oder ob du lieber andere Gesellschaften bevorzugst.
Es fällt mir immer noch nicht leicht, vor allem wenn etwas passiert, das mich aus der Bahn wirft, möchte mein Unterbewusstsein mich sofort zu meiner alten, ungesunden Bewältigungsstrategie bewegen und es kostet mich echt viel Kraft, dem nicht nachzugehen.
Das ist völlig normal, denn du bist dabei, etwas Neues zu erlernen und das kostet nun einmal Zeit. Die Sache ist deshalb besonders schwierig, weil Alkohol und auch Nikotin eine (ungesunde) Abkürzung sind, die dein Gehirn nun einmal gelernt hat. Weil diese Abkürzung so hervorragend leicht und effizient funktioniert, wird sie dir auch immer wieder mal angeboten werden.
Doch, wie ein ungenutztes Bahngleis langsam zuwächst, wenn es nicht mehr genutzt wird, wird auch diese Abkürzung, auch wenn sie nie ganz verschwindet, immer mehr verblassen. Je mehr andere „gesunde“, funktionierende „Bahngleise“ du anlegst und pflegst, desto sicherer wirst du mit solchen Situationen umgehen können.
Du hast das Walking für dich entdeckt und festgestellt, dass und wie dir das hilft. Vielleicht fallen dir im Laufe der Zeit auch noch weitere Möglichkeiten ein, die du ggf. nutzen und pflegen kannst,
Meine Gratulation, dass du den Absprung geschafft hast und es bald bereits 4 Monate sind. Ich wünsche dir, dass es noch viele, viele, viele weitere Monate werden und wünsche dir hier einen guten und hilfreichen Austausch.
Viele Grüße
AmSee