Hallo Schwachestarke,
nun kann ich mir etwas besser vorstellen, vor welchem Problem du stehst, und kann dir vielleicht ein paar hilfreiche Gedanken dazu dalassen.
Zwar kann ich - bei Ablenkung oder im Umfeld, in dem nicht getrunken wird - darauf verzichten, aber sobald ich die Möglichkeit habe bzw. das Umfeld stimmt, dann trinke ich. Die ersten 2-3 Gläser mit Genuß…die nächsten beiden Gläser mit schlechtem Gewissen. Mittlerweile habe ich unter Kontrolle (?), dass ich nicht mehr vollends abstürze.
Was dir vorzuschweben scheint, nennt sich „Kontrolliertes Trinken“. Das ist etwas, was sich so mancher, der vor einem ähnlichen Problem steht wie du, wünscht. Es soll Alkoholiker geben, die das hinbekommen, aber ich habe noch keinen kennengelernt oder von einem solchen gehört. Ich kenne selbst auch keine SHG, in der das diskutiert wird, auch wenn es angeblich welche geben soll.
Ich weiß aber von seeeeeeeeeeeehr vielen Alkoholikern, die das eben nicht hinbekommen, sondern auf diesem Weg scheitern. Ich hab‘s selbst mehrfach versucht, bevor ich mich hier angemeldet habe - und diesen Begriff auch noch nicht kannte - und hab‘s nicht hinbekommen. Ich musste für mich erkennen, dass ich nicht kontrolliert trinken kann, sondern stets geneigt war, die mir VOR dem Konsum gesetzte Grenze immer wieder zu überschreiten. Bei mir kam der Durst sozusagen mit dem Trinken.
Dass so viele mit dem sogenannten kontrollierten Trinken scheitern, dürfte der Grund sein, warum es in den mir bekannten SHGs nicht diskutiert wird.
„Abgestürzt“ bin ich übrigens nie, aber Schluss war zuletzt immer erst, wenn ich nicht mehr mochte und mich müde, zerschlagen und erschöpft fühlte.
Als ich mich hier angemeldet habe, habe ich mir noch vorgemacht, dass ich täglich nur eine Flasche Sekt oder Wein konsumiert habe und dass das ja noch in einem gewissen Rahmen sei. Tatsächlich aber war es mehr als eine Flasche, meine Dosis hatte sich längst schon schleichend erhöht.
Mein Mann meint, dass wir kein Alkoholproblem haben bzw. schweigt sich darüber aus. Mir fällt es schwer, mich von ihm unabhängig zu machen. Schließlich trinken wir abends seit Jahren gemeinsam. Und dadurch, dass er weiter trinkt, fällt es mir um so schwerer, nicht zu trinken.
Auch fällt es mir schwer, meinen Abend anders zu gestalten mit „kleinem“ Kind und trinkendem Mann auf dem Sofa! Ich muss irgendwie die Routine durchbrechen!
Sich einzugestehen, ein Alkoholproblem zu haben, ist ja auch kein sooooo leichter Schritt. Dein Mann scheint es nicht sehen zu wollen und, wenn das so ist, wirst du ihn mit Worten oder auch Drohungen kaum erreichen. Im Gegenteil, wenn du ihm etwas, was er „liebt“, wegnehmen willst, wird er das als Einmischung in seine Angelegenheiten wahrnehmen und dich als „Feind“ sehen. - Ich hab‘s meinem Mann auch übel genommen, wenn er mich auf meinen Konsum angesprochen hat.
Das kann ich durchaus nachvollziehen, dass dir das schwer fällt. Viele trockene Alkoholiker wählen nicht ohne Grund zunächst den Weg der Vermeidung, d.h. ziehen sich aus gesellschaftlichen Runden, in den Alkohol konsumiert wird, zurück, schaffen sich ein alkoholfreies Zuhause und so weiter.
Die Frage ist für dich nur, wie DU aus deinem Problem aussteigen kannst. Das kannst letztlich nur du selbst entscheiden und das wird ganz davon abhängen, wie hoch dein Leidensdruck ist.
Meine Erfahrung ist folgende: Solange du dich selbst dafür bedauerst, nichts trinken zu DÜRFEN, wirst du’s schwer haben.
Ich selbst hatte den Punkt, trinken zu MÜSSEN noch nicht erreicht, aber als ich mich nach meiner Anmeldung hier endlich näher mit dem Thema beschäftigte und mich meinem Problem endlich stellte, wurde mir klar, wohin es mich führen würde, wenn ich so weiter machte wie bisher.
Und so hörte ich mit dem Trinken auf.
Im Hintergrund spielte bei mir aber, das wurde mir erst im vergangenen Sommer bewusst, als ich plötzlich heftigen Saufdruck verspürte und mich am liebsten mit Alkohol abgeschossen hätte, noch eine Rolle, dass ich mich selbst dafür bedauerte, nicht trinken zu dürfen. Mit Hilfe habe ich diese Attacke erfolgreich überstanden und mich bei der Aufarbeitung anschließend von diesem Gedanken des Bedauerns befreit.
Ich bedaure mich seither überhaupt nicht mehr dafür, nicht trinken zu dürfen, im Gegenteil bin ich froh, es nicht mehr zu müssen, bin ich froh und glücklich, frei zu sein. Ich darf mich tatsächlich zufrieden abstinent nennen.
Meine eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen vieler anderer, von denen ich Kenntnis habe, sind in den Informationstext „Selbstfürsorge“ eingeflossen.
Aber natürlich kann mein Mann sein Leben selbst entscheiden. Ich habe nur Angst davor, dass ich es mit ihm (trinkend an meiner Seite) nicht schaffe, abstinent zu bleiben und noch größere Angst davor, dass es dann später ein Trennungsgrund werden könnte, um für mich zu einem glücklichen Leben ohne den ständigen Alkohol zurück zu kommen!
Dazu kann ich dir nur sagen: Ein Schritt nach dem anderen!
Ob du’s schaffst, abstinent zu bleiben, oder nicht, liegt letztlich in deiner Hand. Es liegt an dir, dich mit allem zu beschäftigen, was deine Abstinenz gefährden könnte, und entsprechend Selbstfürsorge zu betreiben.
Es mag sein, dass eine Trennung irgendwann auf dich zukommt, aber das dürfte sich für dich erst dann ergeben, wenn dein Leidensdruck so hoch ist, dass dir keine andere Wahl mehr bleibt, wenn du nicht selbst untergehen willst.
Andererseits zieht mich dieses Bild (Cocktail im Sommer, Weißwein zum Fisch, Bier beim Picknick, Rotwein vorm Kamin) magisch an. Es hat für mich etwas von Leichtigkeit und Fröhlichkeit und Gemeinschaft.
Oh, dieses Bild hatte ich auch mal. Alkohol ist nun einmal ein Mittel, das im Gehirn bestimmte Botenstoffe freisetzt, ohne dass man dafür arbeiten muss. Er schafft eine höchst willkommene Abkürzung und unser Gehirn/ Belohnungszentrum/ Suchtgedächtnis ist nun einmal so simpel gestrickt, dass es diese einmal kennengelernte Abkürzung nur zu gern auf dem Plan ruft und anbietet. Die negativen Seiten werden da völlig ausgeblendet.
Inzwischen habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass ich ohne Alkohol sogar besser und frei von unangenehmen Nebenwirkungen den Frühling, Sommer usw., den Fisch, ein Picknick, einen Sonnenuntergang, einen Abend am Kamin genießen kann.
Ein Versuch auf alkoholfreien Sekt umzusteigen hat nach etwa 3-4 Monaten keinen Spaß mehr gemacht (?) und ich bin zurück zum Alkohol.
Kein Wunder, denn deinem Belohnungszentrum gaukelst du mit alkoholfreiem Sekt vor, dass es etwas kriegt, was es gar nicht kriegt. Es wird dich bei sowas immer wieder darauf aufmerksam machen, dass ihm der bekannte und beliebte „Wumms“ fehlt.
Erfolg wirst du nur haben, wenn du in einer ganz anderen Richtung unterwegs bist und dein Belohnungszentrum/ Suchtgedächtnis eben nicht triggerst.
Das hier schicke ich erstmal ab. Ist eh schon recht lang geworden.
Viele Grüße
AmSee