Liebe Orangina,
wie du weißt, ziehe ich ganz gerne ab und zu mal Vergleiche zwischen Alkoholabhängigkeit und Nikotinabhängigkeit, obwohl diese beiden Abhängigkeiten eigentlich recht unterschiedlich sind.
Was das Rauchen betrifft, hab ich so einige Anläufe, damit für den Rest meines Lebens aufzuhören, hinter mir. Sie waren alle höchst unterschiedlich. Mal ging’s schwer, mal ging’s leicht. Mal wollte ich nur vom Kopf her aufhören, da war’s besonders hart, mal war ich so mit dem Rauchen durch, da ging’s verhältnismäßig leicht.
Mit dem Alkohol habe ich nur diesen einen Anlauf hinter mir und da war’s nicht nur vom Kopf her, sondern da spielte deutlich mehr eine Rolle. Alkoholkonsum zieht aber auch, im Gegensatz zum Rauchen noch einen ganzen Rattenschwanz hinter sich her und damit meine ich nicht die diversen Krankheiten, sondern die Wirkung, die dabei einsetzt. Da kam bei mir zum Beispiel der „Durst“ beim Trinken und ich hatte erst genug, wenn ich beduselt war und Erschöpfung einsetzte. Das ist beim Rauchen z.B. überhaupt nicht so, da kommt keine Lust auf gleich die nächste und die nächste Zigarette hinterher.
In Bezug auf Alkohol hatte ich immer darauf geachtet, den ja nicht zu trinken, wenn ich Probleme hatte. Ich fürchtete nämlich, dass mich genau DAS alkoholabhängig machen könnte. - Dass ich dann trotzdem alkoholabhängig wurde, steht auf einem anderen Blatt. - Ich glaube, dass mich dieses Verhalten vor mancher möglichen Triggersituation bewahrt hat, und bin sehr froh darüber. - Ich erinnere mich aber, dass ich nach dem Tod meiner Mutter, als ich von dort wegfuhr, schnurstracks zur Tankstelle fuhr, um mir Bier zu kaufen und meine Trauergefühle damit etwas abzufedern, was auch gelang….
Beim Rauchen hingegen war das anders bei mir, denn nach 20 Jahren des Nicht-mehr-Rauchens griff ich genau in einem Moment, in dem ich in höchster Anspannung war und mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht runterregulieren konnte, zur Zigarette und diese wirkte sofort und sorgte binnen Sekunden, dass die Anspannung spürbar nachließ. Da das so prima funktionierte, wurde ich wieder Raucher. Das ist inzwischen 6 1/2 Jahre her.
In der Zwischenzeit habe ich immer mal wieder aufgehört, einmal hab ich’s sogar für für 1 1/2 Jahre geschafft und hätte nie gedacht, rückfällig zu werden.
Es ist äußerst schwer, rational zu erklären, warum ich auch diesmal wieder angefangen hab und warum ich zur Zeit nicht aufhören kann/will. Von außen betrachtet, klingt das alles nämlich irgendwie ziemlich blöde. 
Du musst wissen, ich erlebe immer mal wieder Zustände höchster Erregung und Anspannung, die kaum zu ertragen sind. Sie kommen mehr oder minder aus heiterem Himmel, obwohl’s eigentlich immer einen Auslöser gibt, den ich aber VORHER nicht erkenne und deshalb vermeiden könnte. Es besteht offenbar ein Zusammenhang mit meiner Depressionserkrankung.
Genau während solcher Zustände bin ich bislang fast jedes Mal rückfällig geworden. Der Gedanke, dass mir in solchen Zuständen eine Zigarette hilft - und sie tut es dann tatsächlich - , wird soooo übermächtig, dass er alles andere Wissen, was ich über meine Nikotinabhängigkeit habe, einfach beiseite schiebt. Dann denkt etwas in mir: „Du rauchst jetzt schon so lange nicht, diese eine wird nichts ausmachen, kannst ja danach einfach wieder damit aufhören.“
Wenn ich dann aber erst wieder eine geraucht hab, bin ich merkwürdigerweise ruckzuck wieder richtig dabei und etwas in mir will erstmal gar nicht wieder aufhören. Das ist etwas, was du ja auch kennst. Das Nikotin hilft ja auch recht gut bei Stress, bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem es nicht mehr hilft - den ich auch schon kennengelernt habe.
Und genau DAS, was mir da in Bezug auf das Rauchen widerfährt, fürchte ich, wenn ich mich nochmals auf den Alkohol einlassen sollte. Dass das nicht unwahrscheinlich ist, dass mir das passieren könnte, zeigt nicht nur Greenfox’ Beispiel. Ich hab das auch schon von anderen gelesen. Und gerade deshalb bin ich in Bezug auf meine Alkoholerkrankung besonders „auf der Hut“.
Liebe Grüße
AmSee