Beiträge von AmSee13

    Liebe Orangina,
    das Problem besteht eher weniger beim Aufhören. Klar bereitet mir auch die erste Zeit des Nikotinentzugs Unbehagen, aber ich weiß, dass und wie die zu überstehen ist.
    Die Anspannung und Erregung, die ich meine, steht meiner Erfahrung nach nicht mit dem Entzug in Zusammenhang. Einmal zum Beispiel traf sie mich aus heiterem Himmel nach gut 1 1/2 Jahren zufriedenen Nicht-mehr-Rauchens.
    Mein Therapeut hat mich letztens in so einem Zustand erlebt, da ist in mir ein Empfinden höchster Überforderung und Hilflosigkeit, das dann auch Angst und Panik aufkommen lässt. Das lässt sich für mich nicht aushalten und ich bin eigentlich recht hart im Nehmen.

    Was mir derzeit noch den Mut nimmt, die erste Zeit des Entzugs hinter mich zu bringen, ist tatsächlich die Angst vor dem nächsten Scheitern, wenn wieder so ein Zustand eintritt, den ich einfach nicht auszuhalten vermag.
    Und dummerweise, wie das mit solchen Suchtmitteln nun einmal ist, springt man ja auch drauf an, weil das Belohnungszentrum davon angesprochen wird. Jedenfalls empfinde ich die Zigaretten derzeit mal wieder als willkommene Belohnung. nixweiss0

    Ich weiß gut, wie das von außen klingt. Wir kennen solche Argumentationen von Alkoholikern, die (noch) nicht aufhören wollen. Ich müsst‘s ja eigentlich besser wissen, aber ich kann aus der Innenperspektive nur sagen, dass es sich von Innen anders anfühlt, als man das aus der Distanz von außen wahrnimmt.
    Und gerade, weil’s sich von Innen so darstellt, wie ich das derzeit erlebe, ist’s mit so wichtig, dass mir das mit Alkohol ja niemals geschieht.

    Noch hab ich nicht etwas wirklich Hilfreiches aufgebaut, aber da bin ich derzeit dran, hab schon mit meinem Therapeuten darüber gesprochen. Muss das allerdings noch in guten Zeiten üben, damit ich in schlechten Zeiten tatsächlich auch darauf bauen kann.

    Frank hat mich gestern tatsächlich noch an etwas erinnert, was mir möglicherweise helfen könnte.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Lieber Frank,
    Danke dir für deinen Post. Du erinnerst mich da an etwas, mit dem ich gut etwas anfangen kann. Muss da noch ´n bisschen drüber nachdenken bzw. in mich hineinfühlen.

    Bezüglich:


    Ich denke Rauchen / Alkohol und Depressionen spannen ein komplexes Ursache-Wirkungsdreieck
    auf, wo man sich immer wieder fragen kann, was ist die Henne und was ist das Ei.

    Da stimme ich dir durchaus zu.
    Ich weiß zwar mit ziemlicher Sicherheit, dass bei mir die Depressionen zuerst da waren, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Ich hab phasenweise durchaus bemerkt, wie sich mein Alkoholkonsum negativ auf meine Erkrankung auswirkte, und mit dem Rauchen ging’s mir ganz ähnlich. Und in schlechten Phasen hab ich daraufhin definitiv mehr geraucht, das weiß ich noch gut. Und ich war zweifellos auch geneigt, mir mit Alkohol das Leben schöner zu machen. Was dann mehr und mehr misslang.


    Was mir wirklich noch Kopfzerbrechen bereitet, ist, wie ich durch diese Phasen höchster Erregung und Anspannung durchkommen soll, wenn sie mal wieder auftreten. Wasser trinken, bewusst Atmen, Igelball o.ä., Eis auf den Handgelenken, scharfer Geruch usw. hat bislang nicht wirklich funktioniert. Ich bleib aber am Ball, bin ja schon eine Weile dran. Grins.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Liebe Orangina,
    wie du weißt, ziehe ich ganz gerne ab und zu mal Vergleiche zwischen Alkoholabhängigkeit und Nikotinabhängigkeit, obwohl diese beiden Abhängigkeiten eigentlich recht unterschiedlich sind.

    Was das Rauchen betrifft, hab ich so einige Anläufe, damit für den Rest meines Lebens aufzuhören, hinter mir. Sie waren alle höchst unterschiedlich. Mal ging’s schwer, mal ging’s leicht. Mal wollte ich nur vom Kopf her aufhören, da war’s besonders hart, mal war ich so mit dem Rauchen durch, da ging’s verhältnismäßig leicht.

    Mit dem Alkohol habe ich nur diesen einen Anlauf hinter mir und da war’s nicht nur vom Kopf her, sondern da spielte deutlich mehr eine Rolle. Alkoholkonsum zieht aber auch, im Gegensatz zum Rauchen noch einen ganzen Rattenschwanz hinter sich her und damit meine ich nicht die diversen Krankheiten, sondern die Wirkung, die dabei einsetzt. Da kam bei mir zum Beispiel der „Durst“ beim Trinken und ich hatte erst genug, wenn ich beduselt war und Erschöpfung einsetzte. Das ist beim Rauchen z.B. überhaupt nicht so, da kommt keine Lust auf gleich die nächste und die nächste Zigarette hinterher.

    In Bezug auf Alkohol hatte ich immer darauf geachtet, den ja nicht zu trinken, wenn ich Probleme hatte. Ich fürchtete nämlich, dass mich genau DAS alkoholabhängig machen könnte. - Dass ich dann trotzdem alkoholabhängig wurde, steht auf einem anderen Blatt. - Ich glaube, dass mich dieses Verhalten vor mancher möglichen Triggersituation bewahrt hat, und bin sehr froh darüber. - Ich erinnere mich aber, dass ich nach dem Tod meiner Mutter, als ich von dort wegfuhr, schnurstracks zur Tankstelle fuhr, um mir Bier zu kaufen und meine Trauergefühle damit etwas abzufedern, was auch gelang….

    Beim Rauchen hingegen war das anders bei mir, denn nach 20 Jahren des Nicht-mehr-Rauchens griff ich genau in einem Moment, in dem ich in höchster Anspannung war und mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht runterregulieren konnte, zur Zigarette und diese wirkte sofort und sorgte binnen Sekunden, dass die Anspannung spürbar nachließ. Da das so prima funktionierte, wurde ich wieder Raucher. Das ist inzwischen 6 1/2 Jahre her.

    In der Zwischenzeit habe ich immer mal wieder aufgehört, einmal hab ich’s sogar für für 1 1/2 Jahre geschafft und hätte nie gedacht, rückfällig zu werden.

    Es ist äußerst schwer, rational zu erklären, warum ich auch diesmal wieder angefangen hab und warum ich zur Zeit nicht aufhören kann/will. Von außen betrachtet, klingt das alles nämlich irgendwie ziemlich blöde. ;)

    Du musst wissen, ich erlebe immer mal wieder Zustände höchster Erregung und Anspannung, die kaum zu ertragen sind. Sie kommen mehr oder minder aus heiterem Himmel, obwohl’s eigentlich immer einen Auslöser gibt, den ich aber VORHER nicht erkenne und deshalb vermeiden könnte. Es besteht offenbar ein Zusammenhang mit meiner Depressionserkrankung.

    Genau während solcher Zustände bin ich bislang fast jedes Mal rückfällig geworden. Der Gedanke, dass mir in solchen Zuständen eine Zigarette hilft - und sie tut es dann tatsächlich - , wird soooo übermächtig, dass er alles andere Wissen, was ich über meine Nikotinabhängigkeit habe, einfach beiseite schiebt. Dann denkt etwas in mir: „Du rauchst jetzt schon so lange nicht, diese eine wird nichts ausmachen, kannst ja danach einfach wieder damit aufhören.“

    Wenn ich dann aber erst wieder eine geraucht hab, bin ich merkwürdigerweise ruckzuck wieder richtig dabei und etwas in mir will erstmal gar nicht wieder aufhören. Das ist etwas, was du ja auch kennst. Das Nikotin hilft ja auch recht gut bei Stress, bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem es nicht mehr hilft - den ich auch schon kennengelernt habe.

    Und genau DAS, was mir da in Bezug auf das Rauchen widerfährt, fürchte ich, wenn ich mich nochmals auf den Alkohol einlassen sollte. Dass das nicht unwahrscheinlich ist, dass mir das passieren könnte, zeigt nicht nur Greenfox’ Beispiel. Ich hab das auch schon von anderen gelesen. Und gerade deshalb bin ich in Bezug auf meine Alkoholerkrankung besonders „auf der Hut“.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Hallo Orangina,
    mit „auf der Hut sein“ habe ich eine Formulierung aufgriffen, die Greenfox hier letztens verwendet hat.

    Eine „Wackelkandidatin“ bin ich gewiss nicht, ich bin ganz gewiss auch nicht in ständiger Alarmbereitschaft und habe auch mein Suchtproblem nicht ständig im Fokus, aber ich kenne so ein paar Tricks, die mein Suchtgedächtnis auf Lager hat, und denen möchte ich schon ganz gerne zuvor kommen. ;)

    Schon aufgrund meiner Depressionserkrankung habe ich mich etwas mehr mit der Neurochemie und -biologie des Gehirns beschäftigt und aufgrund meiner Suchterkrankung dann noch etwas mehr und deshalb weiß ich darum, dass sich da gewisse Prozesse meiner unmittelbaren Kontrolle entziehen. Letztens erst hab ich mich mit meinem Therapeuten darüber unterhalten, wie sich gewisse Gedanken auf das vegetative Nervensystem und das limbische System auswirken und wie ich ggf. gegensteuern kann.
    Dieses „Auf-der-Hut-Sein“ könnte man insofern auch als „Selbstfürsorge“ bezeichnen.

    Suchtdruck hatte ich seit dem Erlebnis im vergangenen Sommer überhaupt keinen mehr.

    Mit dem Rauchen habe ich mehr als ein Mal die Erfahrung machen müssen, wie ich mich hab austricksen lassen und wieder rückfällig wurde. Derzeit kann ich das auch noch immer nicht lassen, obwohl’s total unvernünftig ist und ich mich durchaus gut erinnere, wie angenehm ich das Nicht-mehr-Rauchen empfunden habe. In Bezug auf Alkohol soll mir das garantiert nicht passieren.

    Liebe Grüße
    AmSee


    Früher konnte ich mir nie vorstellen, dass es eine Zufriedenheit oder eine Selbstverständlichkeit ohne Alkohol gibt.

    Das ging mir genau so und ich kann meiner Freude und meinem Erstaunen darüber, dass es mir jetzt genau anders herum geht, kaum Ausdruck verleihen. Ich find‘s richtig schön so, wie es jetzt ist. ^^

    Auch ich bin unglaublich froh darüber, den Absprung geschafft zu haben.
    - Und mir ist dabei auch bewusst, dass ich das Menschen aus diesem Forum hier zu verdanken habe, die sich die Mühe gemacht haben, sich mit mir und meinen Fragen und Zweifeln zu beschäftigen. -

    Ich weiß aber auch, dass ich auf der Hut sein muss, denn trotz meiner zufriedenen Abstinenz ist mir letzte Woche doch tatsächlich wieder der Gedanke oder das Bild in den Kopf gehüpft, wie angenehm es doch wäre, auf der sonnigen Terrasse ein kühles Bier zu trinken.
    Ich weiß ja, woher das kommt, daher erschreckt mich das nicht, aber lieber wär’s mir trotzdem, wenn solche Gedanken gar nicht erst aufkämen. Die passen nämlich eigentlich so gar nicht mehr zu mir.

    Grüße
    AmSee

    Niemand schien zu merken, daß er, indem er Zeit sparte, in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte wahr haben, daß sein Leben immer ärmer, immer gleichförmiger und immer kälter wurde. […] Aber Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, desto weniger hatten sie.

    Michael Ende, „Momo“ (Roman)

    Hallo Orangina! :blumen2:

    Schon eine interessante Beobachtung, die du da gestern gemacht hast, nicht wahr?

    Mir geht’s übrigens ganz ähnlich, wenn ich in Gesellschaften bin, wobei ich noch nicht wieder auf einer richtig großen war. Allein die Gesellschaften, die ich besucht habe, zeigten ein ähnliches Bild.


    Bemerkenswert finde ich aber ,dass ich festgestellt habe ,wie viel getrunken wurde und wie selbstverständlich.
    Teils hat es mich richtig abgestoßen.

    Ja, ich find‘s auch mitunter ziemlich unangenehm, denke mir aber auch so meinen Teil, schmunzel ein wenig in mich hinein und bedaure diese Menschen ein wenig, weil ihnen gar nicht bewusst zu sein scheint, was sie sich da eigentlich reinschütten und sich damit antun.
    Bei all dem bin oder fühle ich mich nicht überheblich, dass ich ja auch sooo schlau bin und diesen Blödsinn nicht mehr mitmache, denn das ist meine Sache nicht und gestehe ich mir auch nicht zu, sondern ich bin für mich selbst froh, diesem und der damit verbundenen Gehirnwäsche entkommen zu sein.
    Und wenn’s mir zu bunt wird, dann setze ich mich in mein Auto oder steige auf mein Fahrrad, weil ICH ja jederzeit keine Promille intus habe bin und - im Gegensatz zu früher und zu manch anderem auf solchen Feiern - noch FAHREN KANN. laugh2


    Wie schön ,dass ich heute keinen Kater habe;-)

    44.
    Schönes Gefühl, nech? :sun:
    Genieße ich immer mal wieder ganz besonders.

    Liebe Grüße
    AmSee

    Hallo water_on_ice,
    herzlich Willkommen in unserer Online-Selbsthilfegruppe, schön, dass du zu uns gefunden hast und dich ausführlich vorgestellt hast. :welcome:


    es fällt mir nicht leicht diese Zeilen zu tippen. Wahrscheinlich einerseits weil es dadurch noch realer wird und andererseits weil ich das Gefühl habe mich dadurch verletzlich zu machen.

    Das kann ich durchaus nachvollziehen, weil ich selbst es als einen Lernprozess empfunden habe, mir einzugestehen, Alkoholikerin zu sein. Es gehört ja auch einiges dazu, sich das eingestehen zu können, und da fühlt man sich durchaus anfangs auch verletzlich. Das gibt sich übrigens mit der Zeit, je mehr man „Selbstfürsorge“ lernt und sich mit der Thematik beschäftigt.


    Mir ist aber klar, dass wir hier alle so ungefähr das gleiche durchgemacht haben oder durchmachen und ich mich hier sicher fühlen und Rückhalt finden kann. Deswegen überwinde ich mich.

    Ich denke, dass du das ganz richtig wahrnimmst. ;)
    Auch wenn wir eigentlich alle verschieden sind und unterschiedliche Wege gegangen sind, ähneln sich gewisse Erfahrungen. Je mehr Erfahrungsberichte du hier liest, desto mehr wirst du das feststellen.
    Meiner Erfahrung nach ist der Austausch mit anderen, die ebenfalls den Absprung gemacht haben, ungeheuer hilfreich und unterstützend.
    Ich selbst, 49, w, vor fast 19 Monaten hier aufgeschlagen und ebenso lange trocken, möchte nicht auf diese Unterstützung verzichten. Für mich persönlich bleibt auf diese Weise das Thema präsent und ich steuere damit meinem Suchtgedächtnis, das die Sache immer mal wieder verharmlosen möchte, entgegen.



    Also hab ich von einem Tag auf den anderen mit dem Trinken und dem Rauchen auf einmal aufgehört. Die ersten Tage und Wochen waren hart. Wahnsinnig hart. Ich hatte das Gefühl, keine Auszeiten, keine Pausen, keine Belohnungen, keine Ablenkungen zu haben. Nichts, auf das ich mich freuen konnte. Und vor allem keine Möglichkeit, meine Gefühle zu betäuben. Mich nüchtern und ohne Benebelung allem stellen zu müssen war ein schlimmer Teil des Aufhörens.

    Das kann ich mir gut vorstellen, dass das hart war. Darf ich fragen, ob du dir in dieser Zeit Gedanken um Alternativen gemacht hast?
    Denn gerade, wenn du deinem Belohnungszentrum keine „gesunden“ und dennoch irgendwie ein bisschen interessante Alternativen angeboten hast, dürfte es noch härter gewesen sein, weil das Belohnungszentrum meiner Erfahrung nach ziemlich fordernd sein kann.


    Aber ich muss auch sagen dass man nicht nur die negativen Dinge intensiver erlebt wenn man nüchtern ist, sondern auch die positiven Dinge. Man nimmt so vieles mehr wahr. Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind, weil ich mit Trinken oder dem Gedanken daran beschäftigt war.

    Kann ich selbst auch nur bestätigen. Freut mich für dich, dass du diesen guten Erfahrungen berichten kannst. 44.


    Gesellschaft am Abend meide ich aber ehrlich gesagt noch. Ich muss mich jetzt noch nicht mit lauter trinkenden Menschen umgeben. Ich fühle, dass mir das Jetzt noch nicht gut tun würde.

    Du vertraust da deinem Bauchgefühl und das ist meiner Beobachtung und Erfahrung nach ein ziemlich guter Kompass. Nicht ohne Grund gehen sehr viele andere trockene Alkoholiker anfangs den Weg der Vermeidung.
    Je gefestigter du dich in deiner Abstinenz fühlst, desto eher wirst du dich solchen Gelegenheiten wieder aussetzen können und du wirst dabei merken, ob du diese Gesellschaften überhaupt noch willst, welche Strategien du im Umgang damit brauchst, oder ob du lieber andere Gesellschaften bevorzugst.


    Es fällt mir immer noch nicht leicht, vor allem wenn etwas passiert, das mich aus der Bahn wirft, möchte mein Unterbewusstsein mich sofort zu meiner alten, ungesunden Bewältigungsstrategie bewegen und es kostet mich echt viel Kraft, dem nicht nachzugehen.

    Das ist völlig normal, denn du bist dabei, etwas Neues zu erlernen und das kostet nun einmal Zeit. Die Sache ist deshalb besonders schwierig, weil Alkohol und auch Nikotin eine (ungesunde) Abkürzung sind, die dein Gehirn nun einmal gelernt hat. Weil diese Abkürzung so hervorragend leicht und effizient funktioniert, wird sie dir auch immer wieder mal angeboten werden.
    Doch, wie ein ungenutztes Bahngleis langsam zuwächst, wenn es nicht mehr genutzt wird, wird auch diese Abkürzung, auch wenn sie nie ganz verschwindet, immer mehr verblassen. Je mehr andere „gesunde“, funktionierende „Bahngleise“ du anlegst und pflegst, desto sicherer wirst du mit solchen Situationen umgehen können.

    Du hast das Walking für dich entdeckt und festgestellt, dass und wie dir das hilft. Vielleicht fallen dir im Laufe der Zeit auch noch weitere Möglichkeiten ein, die du ggf. nutzen und pflegen kannst,

    Meine Gratulation, dass du den Absprung geschafft hast und es bald bereits 4 Monate sind. Ich wünsche dir, dass es noch viele, viele, viele weitere Monate werden und wünsche dir hier einen guten und hilfreichen Austausch.

    Viele Grüße
    AmSee

    Guten Morgen,
    ich bin’s nochmal. ;)


    Vielleicht liegt der Knackpunkt auch darin, dass du (und er?) die Vorstellung habt, du hättest es besser kontrollieren können und ein Alkoholiker sei selbst schuld, weil er zu schwach und zu unkontrolliert gewesen sei?

    Wie schon angedeutet, hat es herzlich wenig mit fehlender Kontrolle oder Schwäche zu tun, wenn jemand Alkoholiker wird. Das mag zwar in der Gesellschaft allgemein noch angenommen werden, aber das hat, wie ich vermute, damit zu tun, dass Menschen, die so etwas annehmen, herzlich wenig Ahnung davon haben und sich auch nicht näher damit beschäftigen wollen.

    Alkohol ist omnipräsent in unserer Gesellschaft, keine Feierlichkeit, kein gesellschaftliches Event scheint denkbar ohne Alkohol. Überall wird vorgelebt, dass Alkohol einfach dazu gehöre. Und Alkohol vermittelt ja auch, sofern man noch nicht den Punkt erreicht hat, trinken zu MÜSSEN, weil’s nicht mehr anders geht, durchaus angenehme Gefühle.

    Wer daraus aussteigt, steht erstmal vor dem Problem, damit zurecht zu kommen, sozusagen „draußen“ zu sein. Und unter Umständen sieht er sich damit konfrontiert, was andere über ihn denken mögen.

    Ich gestehe ein, dass auch ich anfangs meine Schwierigkeiten damit hatte. Das war übrigens auch der Grund, warum ich im vergangenen Sommer einmal überaus heftigen Suchtdruck verspürte, den ich nur mit Unterstützung durch andere trockene Alkoholiker und gaaaaaaaaaaanz viel Mineralwasser überstanden habe.

    Inzwischen denke ich anders darüber und ich denke auch anders über Alkohol. Ich habe mit dem Trinken aufgehört, weil ich nicht dorthin gelangen wollte, wohin andere und unter anderem auch mein Vater bereits gelangt waren. Was mir dabei noch nicht bewusst war, war, dass ich mich noch dafür bedauerte, nicht mehr Alkohol trinken zu dürfen.

    Nach jenem überaus heftigen Suchtdruck-Erlebnis habe ich bei mir mit der Vorstellung aufgeräumt, mich dafür zu bedauern, nicht mehr Alkohol trinken zu dürfen/ zu können, mich dafür zu bedauern, „draußen“ zu sein.
    Das ist übrigens etwas, was ich „Trockenarbeit“ oder „Selbstfürsorge“ nennen würde, und weshalb ich dir dringend davon abraten würde, nur das Glas sozusagen einfach stehen zu lassen und zu hoffen, dass das gut geht.

    Meiner Ansicht nach sollte eigentlich niemand Alkohol konsumieren, weil ich mich in den letzten 19 Monaten intensiv damit beschäftigt habe, was Alkohol im Körper, in der Psyche, in der einen oder anderen Familie und gesamtgesellschaftlich anrichtet und wie Sucht entsteht. Doch ich missioniere nicht und teile meine Ansicht öffentlich nur sehr, sehr, sehr selten mit, weil die Leute sowas gar nicht hören wollen, sondern lieber unbesorgt „feiern“ und Spaß haben wollen. Ich gönn‘s ihnen, sollen sie doch Alkohol trinken, wenn sie meinen, dass sie das glücklich macht. Sie sind erwachsene, mündige Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und eben ihre eigenen Fehler machen und sie machen dürfen. - Ich hätt‘s mir selbst auch nicht verbieten lassen wollen, als ich noch Alkohol konsumiert hab, es und ich hab äußerst empfindlich reagiert, wenn mein Mann mich auf meinen Konsum angesprochen hat, und hab ihn für eine „Spaßbremse“ gehalten. :devilsmile:

    Du weißt ja, wie du in die Abhängigkeit hineingerutscht bist. Es fängt so harmlos an, mal ein Gläschen hier und da und das nur zu besonderen Anlässen. Und dann eine Weinschorle am Abend zum Entspannen.
    Und schleichend wird’s dann mehr und mehr. Und irgendwann - hoppla - bist du bei einer Flasche am Abend und auch die reicht irgendwie nicht mehr. Merkwürdigerweise ist die Flasche so schnell leer. Ich hab mir echt eingeredet, dass eine Flasche Wein oder Sekt am Abend oder eine Flasche Sekt mit Aperol ja wohl voll noch im Rahmen sei…. Bis es mir dann doch ziemlich unheimlich und ungemütlich wurde, weil ich immer wieder und immer mehr über den Punkt hinauskam, an dem‘s noch angenehm war, und ich mich stattdessen nur noch erschöpft, müde und erschlagen fühlte.

    Du hast Alkohol um seiner Wirkung willen konsumiert, zur abendlichen Entspannung, wie du sagst. Und da geht’s eigentlich schon los, denn dein Belohnungszentrum merkt sich diese leicht zu habende Abkürzung und vergisst sie auch nie wieder. Wozu denn auch für „Belohnung“ arbeiten, wenn man das Gleiche auch so ohne Mühe haben kann?
    Dummerweise geschieht da etwas, was sich der kognitiven Kontrolle entzieht. Das wird in jenem Beitrag, den wir in der Linksammlung, in der wir den verlinkt haben, recht gut erklärt.

    Ich kann dir nur sagen, dass du deine Scham ablegen darfst. Ich hab mir als Angehörige auch meinen Teil über meinen Vater gedacht, ebenso wie ich mir als Angehörige meiner an schweren Depressionen erkrankten Mutter meinen Teil gedacht habe und damit gehadert habe, dass die beiden so waren, wie sie waren. Doch das Ganze stellte sich für mich ganz anders dar, als ich Alkoholsucht und Depressionen selbst von Innen als selbst davon Betroffene kennenlernte.

    Auch ich gehe mit meiner Depressionserkrankung sehr viel offener um als mit meiner Alkoholkrankheit. Das hat bei mir aber etwas damit zu tun, wie meiner Beobachtung nach diese Krankheiten in unserer Gesellschaft anerkannt sind. Mittlerweile darf man ja in der Regel sagen, dass man Depressionen hat, weil diesbezüglich sehr viel Aufklärung stattgefunden hat. Bei Alkohol ist das leider noch nicht so …. wird ja auch sehr viel Geld mit verdient. ;)

    Ich kann dir nur Mut machen, das nicht allein durchzustehen, dir Hilfe zu holen und deinen Lebenspartner einzuweihen. Vielleicht musst du nicht unbedingt den Begriff „Alkoholiker“ verwenden, wenn gerade dieser Begriff dir Schwierigkeiten bereitet, es sagt auch schon viel, wenn du ihm erklärst, dass (und warum) du die Kontrolle über deinen Konsum verloren hast und du nicht mehr trinken willst.

    Ich hab‘s bei meinem Mann ähnlich gemacht, wobei dieser derjenige war, der mich immer wieder besorgt auf meinen Konsum angesprochen hat. Nach und nach habe ich mit ihm das geteilt, was ich Neues über Alkohol und diese Erkrankung herausgefunden oder gelernt habe, und interessanterweise hat das dann auch bei ihm Klick gemacht, dass er ebenfalls gar keinen Alkohol mehr trinkt, obwohl er tatsächlich einer der wenigen ist, die ich kenne, die wirklich nicht gefährdet sind.

    Für entscheidend halte ich, dass du dich mit deinem Konsum auseinandergesetzt hast, dir selbst eingestanden hast, ein Alkoholproblem entwickelt zu haben, und erkannt hast, dass es so nicht weitergehen kann. Die ersten Schritte hast du gemacht. Und das ist nichts, wofür du dich schämen müsstest, sondern im Gegenteil etwas, wobei du dir selbst gegenüber schon Mut bewiesen hast. - Vielleicht kann dich ja der eine oder andere Spruch in unserer Zitate und Sinnsprüche Sammlung aufbauen. ;)

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Nomore,
    nun bin ich wieder zurück und kann dir ausführlicher schreiben.

    Danke dir für den lieben Wunsch, ich hatte wirklich einen guten Tag.

    Da du einen Austausch wünschst, möchte ich gerne ein paar meiner Gedanken zu dem, was du über dich geschrieben hast, mit dir teilen.

    Zum Thema Scham, weil du offenbar auch Alkoholikerin geworden bist, obwohl du genau das nie wolltest:

    Auch mein Vater war Alkoholiker und das war für mich eine ziemlich schlimme Zeit. Auch ich wollte niemals Alkoholikerin werden. Wobei: wer will das schon? ;)

    Ich hatte zwischenzeitlich sogar echt Angst, ich könnte ebenfalls Alkoholikerin werden. Wobei das bei mir eine Angst in zwei Richtungen war: Einerseits hatte ich Angst, genau so die Kontrolle zu verlieren und womöglich zu werden wie er. Andererseits hatte ich Angst, nie wieder Alkohol konsumieren zu dürfen, wenn ich Alkoholikerin würde.

    Und wie bin ich mit dieser Angst umgangen? - Ich hab mich mit Online-Selbsttests „beruhigt“, noch nicht Alkoholikerin zu sein.
    Ich hab Trinkpausen von ein, zwei, drei Tagen eingelegt und mir damit versichert, kein „Problem“ zu haben.
    Ich hab‘s auch mit kontrolliertem Trinken versucht, d.h. mir vorgenommen, nur maximal zwei Gläser zu „gönnen“. - Besonders Letzteres fiel mir schwer bzw. klappte gar nicht, weil der „Durst“ sozusagen beim Trinken kam.

    Heute denke ich: Was für ein Selbstbetrug! Und das Alles nur, um weiter „sorglos“ Alkohol konsumieren zu dürfen.
    Hach, was hab ich mir vom Alkohol versprochen. Und ich hab doch auch nur aus Genuss getrunken. - Dachte ich…

    Heute denke ich eher: Was bin ich froh, nicht mehr Alkohol trinken zu müssen.
    Ich vermisse das ganz und gar nicht, sondern genieße im Gegenteil eine völlig neue Art von Freiheit.
    Die Abstinenz hat für mich körperliche und psychische Verbesserungen gebracht, die ich so nie erwartet hätte, die mir aber auch gezeigt haben, wie negativ sich der Alkohol bei mir auf meinen gesamten Körper und meine Psyche ausgewirkt hat.


    Was deine Scham betrifft: Niemand will Alkoholiker werden. So etwas geschieht schleichend und hat eher wenig, d.h. eigentlich gar nichts mit „Versagen“ zu tun.
    Wenn du dich z.B. ein wenig mehr mit der „Neurobiologie der Sucht“ beschäftigt hast - in unserer Linksammlung verweisen wir z.B. auf einen interessanten Artikel - wirst du feststellen, dass sich das eine oder andere einfach deiner rationalen oder kognitiven Kontrolle entzieht. Mit anderen Worten: Es ist nicht dein Verstand oder deine Vernunft, der/die dich da steuert.



    Während ich dieses schreibe, wird mir klar das ich die Hoffnung habe doch keine Alkoholikerin zu sein und wenn ich es ihm gegenüber gestehe es wirklich Realität ist. So lange kann ich mir noch eine Hintertür offen lassen.

    Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, die du da hast!
    Hintertürchen sind etwas, was du unbedingt im Auge haben solltest bzw. die du besser schließen solltest.

    Meiner Erfahrung nach, und das bestätigen viele Erfahrungsberichte anderer, wird dein Suchtgedächtnis/ Belohnungszentrum sich immer mal wieder melden und dein „Problem“ verharmlosen. Das hat etwas mit der Neurobiologie der Sucht zu tun. Dem gilt es gegenzusteuern, um nicht rückfällig zu werden.

    Da du Schwierigkeiten hast, deinem Lebenspartner mitzuteilen, dass du Alkoholikerin bist, könntest du dich fragen, was du und was er für eine Vorstellung habt, was ein „Alkoholiker“ sei.
    Vielleicht liegt der Knackpunkt auch darin, dass du (und er?) die Vorstellung habt, du hättest es besser kontrollieren können und ein Alkoholiker sei selbst schuld, weil er zu schwach und zu unkontrolliert gewesen sei?

    Viele Grüße
    AmSee

    Hallo Nomore65,

    herzlich Willkommen in dieser Online-Selbsthilfegruppe, schön, dass du zu uns gefunden hast und dich ausführlich vorgestellt hast. :welcome:

    Die ersten Schritte hast du geschafft und dazu kann ich dir nur gratulieren. Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es auch mit der Psyche besser wird. Ich selbst leide ebenfalls unter Depressionen und durfte eine deutliche Verbesserung feststellen.

    Ich wünsche dir einen guten und hilfreichen Austausch hier.

    Mehr kann ich zur Zeit leider nicht schreiben, da ich unterwegs bin und mein Datenvolumen aufgebraucht ist.

    Viele Grüße
    AmSee

    Du hast dieses eine Leben. Wie willst du es verbringen? Entschuldigend? Bedauernd? Kritisch? Dich selbst hassend? Diät haltend? Indem du Menschen hinterherläufst, die dich nicht sehen? Sei mutig. Glaube an dich. Mach, was sich gut anfühlt. Gehe Risiken ein. Du hast dieses eine Leben. Mach dich selbst stolz.


    Bob Marley

    Ich blieb stehen, um meine Feldflasche am Straßenrand an einer Quelle zu füllen, die in einen Steintrog plätscherte, und kam mir vor, als hätte ich ein Gemälde betreten. Die Sonne war eine gleißend weiße Scheibe über einer lasierten Landschaft, und ich begriff, vielleicht zum ersten Mal, was Menschen dazu brachte, einen Pinsel in die Hand zu nehmen oder ein Gedicht zu schreiben: der Impuls, die den Herzschlag beschleunigende Empfindung einzufangen, dieses Im-Jetzt-Sein, ausgelöst durch eine ebenso atemberaubende wie unerwartete Aussicht. Kunst war der Versuch, den Moment in Bernstein zu gießen.


    Benjamin Myers, „Offene See“ (Roman)


    Ich hab mal vor langer Zeit all meinen Mut zusammen gefasst,und mit ihm über Alkohol geredet,und er hat mich nicht verstanden,was mich am alkoholisiert sein stört

    Ich denke, er kann es nicht verstehen, wenn er tatsächlich alkoholkrank sein sollte. Und er würde es selbst dann nicht verstehen, wenn du ihm ein Video von ihm im alkoholisierten Zustand vorführen würdest.

    Und selbst wenn bei ihm ankäme, was DICH daran stört, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er etwas ändert.

    Im Grunde kannst du nur für DICH sorgen. Wenn du ein Problem mit seinem Alkoholkonsum und seinem Verhalten hast, stellst sich für dich die Frage, was DU in deinem Leben ändern kannst, damit es DIR besser geht.

    Wenn du Angst hast, dass er im alkoholisierten Zustand sich selbst und andere gefährdet, dann besteht wie eingangs schon erwähnt die Möglichkeit, der Polizei einen Tipp zu geben. Du wirst damit meines Erachtens in gewisser Weise auch eine schwere Verantwortung los.

    Viele Grüße
    AmSee


    Ich möchte ihm auch sagen,wie schlecht es mir geht.
    Ich trau mich nicht.

    Hast du dich schon mal ein bisschen in unserem Angehörigen-Bereich umgesehen?

    Beispielsweise unter Wie kann ich dem „nassen“ Alkoholkranken helfen? findest du eine ganze Reihe an Informationen, die auch deine Perspektive betreffen.

    Im Angehörigen-Bereich findest du eine ganze Reihe an Erfahrungsberichten von Angehörigen. Vielleicht findest du dich in dem einen oder anderen Erfahrungsbericht wieder?

    Darf ich dich fragen, was du davon erwartest, wenn er eine Filmaufnahme von sich sieht?


    Grüße
    AmSee