Guten Morgen,
ich bin’s nochmal. 
Vielleicht liegt der Knackpunkt auch darin, dass du (und er?) die Vorstellung habt, du hättest es besser kontrollieren können und ein Alkoholiker sei selbst schuld, weil er zu schwach und zu unkontrolliert gewesen sei?
Wie schon angedeutet, hat es herzlich wenig mit fehlender Kontrolle oder Schwäche zu tun, wenn jemand Alkoholiker wird. Das mag zwar in der Gesellschaft allgemein noch angenommen werden, aber das hat, wie ich vermute, damit zu tun, dass Menschen, die so etwas annehmen, herzlich wenig Ahnung davon haben und sich auch nicht näher damit beschäftigen wollen.
Alkohol ist omnipräsent in unserer Gesellschaft, keine Feierlichkeit, kein gesellschaftliches Event scheint denkbar ohne Alkohol. Überall wird vorgelebt, dass Alkohol einfach dazu gehöre. Und Alkohol vermittelt ja auch, sofern man noch nicht den Punkt erreicht hat, trinken zu MÜSSEN, weil’s nicht mehr anders geht, durchaus angenehme Gefühle.
Wer daraus aussteigt, steht erstmal vor dem Problem, damit zurecht zu kommen, sozusagen „draußen“ zu sein. Und unter Umständen sieht er sich damit konfrontiert, was andere über ihn denken mögen.
Ich gestehe ein, dass auch ich anfangs meine Schwierigkeiten damit hatte. Das war übrigens auch der Grund, warum ich im vergangenen Sommer einmal überaus heftigen Suchtdruck verspürte, den ich nur mit Unterstützung durch andere trockene Alkoholiker und gaaaaaaaaaaanz viel Mineralwasser überstanden habe.
Inzwischen denke ich anders darüber und ich denke auch anders über Alkohol. Ich habe mit dem Trinken aufgehört, weil ich nicht dorthin gelangen wollte, wohin andere und unter anderem auch mein Vater bereits gelangt waren. Was mir dabei noch nicht bewusst war, war, dass ich mich noch dafür bedauerte, nicht mehr Alkohol trinken zu dürfen.
Nach jenem überaus heftigen Suchtdruck-Erlebnis habe ich bei mir mit der Vorstellung aufgeräumt, mich dafür zu bedauern, nicht mehr Alkohol trinken zu dürfen/ zu können, mich dafür zu bedauern, „draußen“ zu sein.
Das ist übrigens etwas, was ich „Trockenarbeit“ oder „Selbstfürsorge“ nennen würde, und weshalb ich dir dringend davon abraten würde, nur das Glas sozusagen einfach stehen zu lassen und zu hoffen, dass das gut geht.
Meiner Ansicht nach sollte eigentlich niemand Alkohol konsumieren, weil ich mich in den letzten 19 Monaten intensiv damit beschäftigt habe, was Alkohol im Körper, in der Psyche, in der einen oder anderen Familie und gesamtgesellschaftlich anrichtet und wie Sucht entsteht. Doch ich missioniere nicht und teile meine Ansicht öffentlich nur sehr, sehr, sehr selten mit, weil die Leute sowas gar nicht hören wollen, sondern lieber unbesorgt „feiern“ und Spaß haben wollen. Ich gönn‘s ihnen, sollen sie doch Alkohol trinken, wenn sie meinen, dass sie das glücklich macht. Sie sind erwachsene, mündige Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und eben ihre eigenen Fehler machen und sie machen dürfen. - Ich hätt‘s mir selbst auch nicht verbieten lassen wollen, als ich noch Alkohol konsumiert hab, es und ich hab äußerst empfindlich reagiert, wenn mein Mann mich auf meinen Konsum angesprochen hat, und hab ihn für eine „Spaßbremse“ gehalten. :devilsmile:
Du weißt ja, wie du in die Abhängigkeit hineingerutscht bist. Es fängt so harmlos an, mal ein Gläschen hier und da und das nur zu besonderen Anlässen. Und dann eine Weinschorle am Abend zum Entspannen.
Und schleichend wird’s dann mehr und mehr. Und irgendwann - hoppla - bist du bei einer Flasche am Abend und auch die reicht irgendwie nicht mehr. Merkwürdigerweise ist die Flasche so schnell leer. Ich hab mir echt eingeredet, dass eine Flasche Wein oder Sekt am Abend oder eine Flasche Sekt mit Aperol ja wohl voll noch im Rahmen sei…. Bis es mir dann doch ziemlich unheimlich und ungemütlich wurde, weil ich immer wieder und immer mehr über den Punkt hinauskam, an dem‘s noch angenehm war, und ich mich stattdessen nur noch erschöpft, müde und erschlagen fühlte.
Du hast Alkohol um seiner Wirkung willen konsumiert, zur abendlichen Entspannung, wie du sagst. Und da geht’s eigentlich schon los, denn dein Belohnungszentrum merkt sich diese leicht zu habende Abkürzung und vergisst sie auch nie wieder. Wozu denn auch für „Belohnung“ arbeiten, wenn man das Gleiche auch so ohne Mühe haben kann?
Dummerweise geschieht da etwas, was sich der kognitiven Kontrolle entzieht. Das wird in jenem Beitrag, den wir in der Linksammlung, in der wir den verlinkt haben, recht gut erklärt.
Ich kann dir nur sagen, dass du deine Scham ablegen darfst. Ich hab mir als Angehörige auch meinen Teil über meinen Vater gedacht, ebenso wie ich mir als Angehörige meiner an schweren Depressionen erkrankten Mutter meinen Teil gedacht habe und damit gehadert habe, dass die beiden so waren, wie sie waren. Doch das Ganze stellte sich für mich ganz anders dar, als ich Alkoholsucht und Depressionen selbst von Innen als selbst davon Betroffene kennenlernte.
Auch ich gehe mit meiner Depressionserkrankung sehr viel offener um als mit meiner Alkoholkrankheit. Das hat bei mir aber etwas damit zu tun, wie meiner Beobachtung nach diese Krankheiten in unserer Gesellschaft anerkannt sind. Mittlerweile darf man ja in der Regel sagen, dass man Depressionen hat, weil diesbezüglich sehr viel Aufklärung stattgefunden hat. Bei Alkohol ist das leider noch nicht so …. wird ja auch sehr viel Geld mit verdient. 
Ich kann dir nur Mut machen, das nicht allein durchzustehen, dir Hilfe zu holen und deinen Lebenspartner einzuweihen. Vielleicht musst du nicht unbedingt den Begriff „Alkoholiker“ verwenden, wenn gerade dieser Begriff dir Schwierigkeiten bereitet, es sagt auch schon viel, wenn du ihm erklärst, dass (und warum) du die Kontrolle über deinen Konsum verloren hast und du nicht mehr trinken willst.
Ich hab‘s bei meinem Mann ähnlich gemacht, wobei dieser derjenige war, der mich immer wieder besorgt auf meinen Konsum angesprochen hat. Nach und nach habe ich mit ihm das geteilt, was ich Neues über Alkohol und diese Erkrankung herausgefunden oder gelernt habe, und interessanterweise hat das dann auch bei ihm Klick gemacht, dass er ebenfalls gar keinen Alkohol mehr trinkt, obwohl er tatsächlich einer der wenigen ist, die ich kenne, die wirklich nicht gefährdet sind.
Für entscheidend halte ich, dass du dich mit deinem Konsum auseinandergesetzt hast, dir selbst eingestanden hast, ein Alkoholproblem entwickelt zu haben, und erkannt hast, dass es so nicht weitergehen kann. Die ersten Schritte hast du gemacht. Und das ist nichts, wofür du dich schämen müsstest, sondern im Gegenteil etwas, wobei du dir selbst gegenüber schon Mut bewiesen hast. - Vielleicht kann dich ja der eine oder andere Spruch in unserer Zitate und Sinnsprüche Sammlung aufbauen. 
Viele Grüße
AmSee