Beiträge von AmSee13

    Nun aber bringt doch den allergrößten Verlust an Lebenszeit das Hinausschieben mit sich. Man lässt gerade den bestehenden Tag verstreichen und bestiehlt die Gegenwart, weil man sich auf das Späterkommende vertröstet. Das größte Hindernis des Lebens ist die Erwartung, die sich auf den nächsten Tag richtet und das Heute verliert.

    Seneca d.J. „De Brevitate Vitae“ (Über die Kürze des Lebens)


    Dum differtur vita transcurrit. - Während (es) aufgeschoben wird, läuft das Leben vorüber.


    Seneca d.J., „Epistulae morales ad Lucilium“ (Ethische Briefe an Lucilius)


    Alle Stunden umfasse mit beiden Armen. So wirst du weniger vom Morgen abhängen, wenn auf das Heute du die Hand legst.

    Seneca d.J., „Epistulae morales ad Lucilium“ (Ethische Briefe an Lucilius)

    Hallo habssatt,
    ich hoffe für dich, dass es derzeit bei dir „läuft“.

    Ich hab mich nun mal kurz ein bisschen mit deinem AD beschäftigt.
    Wenn du dich inzwischen schon mal näher mit der Neurobiologie und -chemie beschäftigt hast, ist dir vielleicht schon der ungünstige Zusammenhang zu deinem Alkoholkonsum aufgefallen.

    Dein Alkoholmissbrauch dürfte dafür gesorgt haben, dass dein Körper zur Zeit noch weniger Dopamin selbst produziert, gleichzeitig sind im Gehirn sehr viel mehr Dopamin-Rezeptoren gebildet worden und die vorhandenen Rezeptoren reagieren weniger sensibel.

    Im Grunde hast du mit deinem Alkoholkonsum gegen das, wobei dir das Medikament eigentlich helfen soll, gearbeitet.


    In der ersten Zeit ohne Alkohol dürftest du deshalb Symptome eines Dopaminmangels zu spüren bekommen. Das kann sich ziemlich unangenehm auswirken/ anfühlen und natürlich auch Angst machen.
    Die Symptome, die du letztens geschildert hast, gehören dazu.

    Die gute Nachricht ist: Das geht vorüber, wenn du‘s durchziehst!

    Beste Grüße
    AmSee

    Der Philosoph sagte zu dem Straßenfeger: „Ich bedauere dich. Hart und schmutzig ist dein Tagewerk.“ Worauf der Straßenfeger antwortete: „Vielen Dank, Herr. Aber sage mir, was für eine Arbeit hast du?“ Der Philosoph antwortete: „Ich studiere des Menschen Geist, seine Taten und sein Verlangen.“ Da fuhr der Straßenfeger fort zu fegen, und sagte mit einem Lächeln: „Ich bedauere dich auch.“


    Khalil Gibran

    Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

    Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.
    Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.
    Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat.
    Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.”
    Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: “Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.”
    Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: “Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: “Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”
    Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: “Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.”
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: “Das ist wichtig.”

    Michael Ende, „Momo“ (Roman)


    Wenn ich an diese Stelle denke, habe ich dabei immer die Stimme des Sprechers im Ohr, der den Beppo vor vielen Jahren in einem Hörspiel synchronisiert hat. Hier ab der 5. Minute (5:20 - 6:45) zu hören:

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    Ob ich Alkohol etwas "Schönes" abgewinnen kann? Natürlich. Ich erlebe es zwar nicht mehr so, aber die Erinnerung an "schöne" Momente nicht nur mit Alkohol, sondern auch mit diversen Drogen, die ich mal nahm, sind noch da.

    Ich gehöre nicht zu den Abstinenzlern, die ihre Suchtvergangenheit verteufeln, auch wenn ich heute über Alkohol und Suchtmittel anders denke als früher und mich fühle, als sei ich einer Gehirnwäsche entronnen.
    Es war eben so, dass ich an den Alkohol geraten bin und ich habe damit auch recht lustige Zeiten erlebt. Fertig aus.

    Das Problem aber, wenn man süchtig geworden ist und aussteigen will, ist, dass das Belohnungszentrum/ Suchtgedächtnis mit diesen positiven Erinnerungen argumentiert und arbeitet. Das Negative wird dabei völlig ausgeblendet.

    Alkohol und Drogen sind nun einmal eine sehr bequeme „Abkürzung“ für etwas, was auf natürlichem und gesundem Weg nur mit (echter) Anstrengung zu erreichen ist.
    Einmal erlernt, merkt sich das Belohnungszentrum diese tolle „Abkürzung“ und wird sie immer wieder vorschlagen bzw. einfordern.

    Dummerweise ist diese „Abkürzung“ alles andere als harmlos, wie du selbst inzwischen bemerkt hast. In der Neurobiologie und -chemie des Gehirns ändert sich etwas. Da das Gehirn mit der Überflutung von Dopamin und Co sozusagen überfordert ist, ergreift es Gegenmaßnahmen. In der Folge muss die ursprüngliche Dosis immer weiter erhöht werden, um das Empfinden zu erreichen, das man als positiv kennen- und schätzen gelernt hat. Irgendwann aber kippt das Ganze und es wird nicht einmal mehr ein positives Empfinden erreicht, sondern man muss konsumieren, weil’s einem ohne den Stoff nur noch dreckig geht. Wie weit du bereits körperlich abhängig bist, kann ich nicht beurteilen, aber einen negativen Zustand, der beim Alkoholmissbrauch aufkommt, beschreibst du hier


    Daher ja: Mir erscheint Bier wie ein Medikament, ein relativ hartes Medikament. Aber es hat eine Langzeitwirkung die die totale geistige, körperliche und psychische Abschlaffung bedeutet. So erlebe ich das seit unzähligen Monaten.
    […]
    Ich habe, bis auf Einkaufen, während der Zeit meiner Krankschreibung, und das waren Wochen (!), 99% meiner Zeit alleine in meiner Wohnung verbracht. Und davor war auch noch Corona. Das Bier kettet mich in diese Situation.

    ziemlich deutlich.

    Vor diesem Hintergrund ist meine Frage an dich, ob du Alkohol etwas „Schönes“ abgewinnen kannst, zu verstehen.

    Ich denke, ein entscheidender Punkt ist, ob du dich dafür bedauerst, nicht mehr Alkohol trinken zu dürfen, oder ob du dich von etwas, das du als Negativ kennengelernt hast und worunter du ernsthaft leidest, befreien willst.

    Deshalb kann es für dich entscheidend sein, wenn du der Stimme, die von Selbstgeißelung spricht, entgegenzuhalten, wovon du dich da gerade befreist und was du gewinnst. Dein Belohnungszentrum/ Suchtgedächtnis wird dir immer mal wieder dazwischengrätschen, das liegt in der Natur der Sucht. Für diese Fälle brauchst du einen Notfallplan:
    Umgang mit Suchtdruck
    Notfallkoffer


    Passender Sinnspruch dazu:

    Wie beim Reiten: Nicht auf das Hindernis, sondern darüber schauen.

    Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929)


    Ansonsten kann ich dir nur empfehlen, dich hier durch die diversen Informationen und Threads zu lesen. Du wirst eine wahre Fülle an hilfreichen Informationen vorfinden.

    Beste Grüße
    AmSee

    Hallo habssatt.


    @AmSee: Ich weiss nicht woher der "innere Kritiker" kommt. Ganz psychoanalytisch könnte ich meine ambivalente Kindheit auspacken, also widersprüchliche Erziehung quasi durch Vater und Mutter. Aber das führt zu weit oder wäre eher etwas für Therapie, die ich hoffentlich machen kann.

    Die Fragen, die ich dir diesbezüglich gestellt habe, musst du hier auch gar nicht beantworten, sondern sie waren eher als Gedankenanregung gedacht.
    Ich bin kein Therapeut, sondern nur selbst Betroffene und abgesehen davon ist hier auch nicht der Ort für Beratung oder Therapie. Dafür solltest du dich an entsprechende Fachleute wenden, wenn das ein Thema für dich ist.

    Das mit dem sogenannten „Inneren Kritiker“ ist ein Thema, mit dem ich mich selbst schon eine Weile beschäftige und mir bereits einige Klärung und sogar Erleichterung gebracht hat. Ich bin bei mir selbst dabei, solche entwertenden, sabotierenden Inneren Stimmen, d.h. meinen negativen Umgang mit mir selbst, zu identifizieren, zu benennen und mich damit auseinanderzusetzen.
    Da ich alleine diesbezüglich nicht weitergekommen bin, habe ich mir schließlich einen Therapeuten gesucht. Ich erlebe dessen Hilfe derzeit als sehr, sehr wertvoll.

    Ob dieses Thema „Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Inneren Kritiker“ auch ein Thema für dich ist, kannst nur du selbst entscheiden, der Gedanke daran drängte sich mir nur auf, als ich von diesen Stimmen bzw. Sätzen las, die dich während der ersten Tage deines Entzugs behindern bzw. sabotieren.

    Und da du von der Ruhe schriebst, die bei dir eine Grundvoraussetzung für einen Entzug ist, drängte sich mir eine Vorstellung deiner Strategie auf und mit welchen zusätzlichen Hindernissen und innerlichen Saboteuren du zu tun haben könntest. Insofern kämpft du in diesen ersten Tagen nicht nur gegen die körperliche Sucht, sondern auch noch gegen dich selbst und das macht die Sache für dich zu einem besonderen Kraftakt.

    In der Theorie steht der sogenannte „Innere Kritiker“ für gewisse Glaubenssätze, die wir im Laufe unser kindlichen Entwicklung gehört und verinnerlicht haben. Ursprünglich gehören solche Glaubenssätze nicht zu uns, aber irgendwann werden sie ein Teil von uns und wir sagen sie zu uns selbst. So ein Satz wie „Du schaffst das eh nicht.“ dürfte einer solcher Glaubenssätze sein, weitere sind denkbar.

    Auch die andere Stimme „Jetzt reicht es mal mit der Selbstgeißelung.“ ist eine Stimme, mit der du dich näher beschäftigen und auseinandersetzen könntest. Überleg dir mal, was du der entgegen könntest bzw. welche Perspektive du der aufzeigen könntest. Was gewinnst du, wenn du’s diesmal durchziehst, was verlierst du oder geschieht, wenn du rückfällig wirst.
    Auch diese Fragen musst du nicht hier und auch nicht mir beantworten.

    Kurz gesagt: Ich vermute aufgrund dessen, was du von dir erzählst, dass du dir selbst während der ersten Tage des Entzugs mächtig psychischen Druck machst. Den mit Medikamenten zu regulieren ist meiner Erfahrung nach schwierig bis kaum möglich, da wären andere Ansätze möglicherweise sinnvoller. Hilfe diesbezüglich weiß möglicherweise eine Suchtberatungsstelle, vielleicht auch deine Psychiaterin.

    Ob ich damit richtig liege, kannst nur du selbst entscheiden.

    Hilfreich ist es meines Erachtens auch, sich gerade nicht auf das Negative, sondern auf das Positive zu konzentrieren.
    Hilfreich können ebenfalls kleine „Belohnungsinseln“ und positive Sätze sein.

    Auf das andere werde ich so nach und nach in Ruhe antworten.

    Grüße
    AmSee

    Hallo habssatt.

    Ich fange mal von hinten an:


    Ich habe jetzt viel schreiben können/müssen, für Eure geschulten Ohren mit Sicherheit alles nix Neues, womöglich geradezu klassischer Verlauf.

    Ob das ein geradezu klassischer Verlauf ist oder für einige von uns hier „nix Neues“, spielt eigentlich keine Rolle, denn hier an dieser Stelle geht es gerade um DICH und wir können dich eigentlich nur kennenlernen, wenn du von dir erzählst.

    Mir hat übrigens am Anfang das Schreiben sehr geholfen, mich zu sortieren, und ich hab wahrlich VIEL geschrieben. Und glücklicherweise habe ich hier echt gute Gesprächspartner gefunden, die das ausgehalten haben und sich mit mir abgegeben haben.

    Beides kommt vor. Wobei die "beruhigende" Wirkung des Alkohols erst einsetzt, wenn ich wenigstens einen neuen Plan habe wie es weitergehen könnte und zwar mit dem Aufhören, z.B. am Mittwoch eben.

    Die Frage ist, ob du wirklich nicht mehr willst oder ob du dem Alkohol doch noch etwas „Schönes“ abgewinnen kannst.
    Mit Alkohol kann man negative Gefühle für eine Weile betäuben. Deshalb drängt sich dieses Mittel, einmal gelernt, ja immer wieder so gerne auf.
    Dummerweise gehen die Probleme davon nicht wirklich weg und das ist dir auch bewusst.


    Am schwierigsten finde ich den Entzug am 2. Tag, da schreit das Craving die ganze Zeit rum, und die Rückfallgefahr ist nach meiner Erfahrung direkt am Anfang sehr groß, z.B. an Tag 3 oder 4, wenn mir eine Stimme im Kopf sagt dass es jetzt auch mal reiche mit der Selbstgeißelung und ich es doch eh nicht schaffen würde.

    Hast du schon mal von sowas wie „Innerer Kritiker“ gehört?
    Diese Stimmen im Kopf könntest du mal näher zu identifizieren versuchen. Kennst du diesen Satz „Du schaffst das eh nicht.“ aus deiner Kindheit oder Jugend? Es dürfte nämlich ein Satz sein, der die in Kindheit oder Jugend implementiert worden ist und den du dann für dich in Form eines sogenannten „Inneren Kritikers“ verinnerlicht hast.
    Erinnere dich, wer einen solchen Satz zu dir gesagt haben könnte und was seine Motive hinter diesem Satz waren. Das erleichtert dir die Konfrontation mit dieser Stimme.

    Dass dieser Satz total entwertend und hinderlich ist, muss ich dir kaum sagen, und dass er nicht zutreffend ist, zeigt ein Blick deine Biografie.

    Solche Auseinandersetzungen mit kritischen, entwertenden Inneren Stimmen kosten unheimlich viel Kraft, deshalb lohnt es sich, diesem Thema mal näher nachzugehen. In unserer Bücherecke kannst du eine Buchempfehlung zu diesem Thema finden.


    Warum ich am liebsten gerne wieder arbeiten würde liegt auch an meiner Erfahrung dass ich oft an Tag 7 oder so auf einmal ohne ersichtlichen Grund wieder in eine Art Depression verfalle. Nicht unerklärliche Traurigkeit, sondern ein Gefühl von Leere. Und auch Sinnlosigkeit.

    Das hat mit der Neurobiologie der Sucht, genauer biochemischen Veränderungen in deinem Gehirn zu tun. Vielleicht wäre es für dich interessant und hilfreich, dich auch damit etwas näher zu beschäftigen. Du findest in unserer Linksammlung einen recht informativen Artikel zu diesem Thema.

    Mir selbst hat das Wissen über diese biochemischen Prozesse weitergeholfen, weil es für das, was mit mir passierte, eine für mich nachvollziehbare rationale Erklärung gab und ich mein Empfinden darin einordnen konnte.

    Kurz gesagt hast du durch deinen Alkoholmissbrauch dafür gesorgt, dass in deinem Gehirn sehr viel mehr Dopamin-Rezeptoren gebildet werden als es normalerweise sind. Dadurch, dass dein Gehirn wegen deiner Abstinenz nun nicht mehr mit Dopamin überflutet wird, werden diese Rezeptoren nicht mehr bedient, was dich eine Unterversorgung spüren lässt und zu diesem Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit spüren lässt.
    Die gute Nachricht ist, dass sich im Laufe der Abstinenz im Gehirn wieder alles einpendelt. Es dauert nur eine Weile.

    Bis hierhin erstmal ein paar Anregungen von meiner Seite.

    Beste Grüße
    AmSee

    Hallo habssatt,
    Danke dir, dass du etwas mehr über dich schreibst, so kann zumindest ich mir eine genauere Vorstellung von dir machen und von dem, was dich so umtreibt.

    Dass du das Projekt nun wegen verschiedener Stressfaktoren, die gerade anstehen, abgeblasen hast, klingt für mich danach, dass du dich zwar mit den Entzugsmedikamenten näher beschäftigt hast, weniger aber mit dem restlichen Drumherum.

    Wie sehr solche „Kleinigkeiten“, wie du sie aufzählst, jemanden mit Depressionen überfordern können, weiß ich selbst krankheitsbedingt leider nur zu gut. Umso mehr aber frage ich mich, warum du dich mit deinem „ambulanten“ Entzug derart überforderst.

    Nun war ich selbst nicht wegen eines Entzugs in der Klinik, sondern wegen Depressionen, die bei mir VOR dem Alkohol kamen, aber ich erinnere mich gut an den Schutz der sogenannten „Käseglocke“, den ich damals als ungeheuer hilfreich kennenlernte. Die Klinik selbst war nicht so besonders dolle und ich würde, falls das nochmals notwendig werden sollte, gewiss eine andere wählen, aber sie hat mir zu jenem bestimmten Zeitpunkt das Leben gerettet.


    Ich empfinde es so dass eine Entgiftung nur möglich ist wenn alle Grundvoraussetzung wenigstens halbwegs in Ordnung sind.

    Das ist ja der Vorteil der „Käseglocke“ eines Klinikaufenthalts, er sorgt für die notwendigen Grundvoraussetzungen.

    Zum Entzug: Der körperliche Entzug ist das eine, viel interessanter, weil schwieriger, ist aber der psychische Entzug und genau dafür scheinen dir derzeit noch tragfähige Bewältigungsstrategien zu fehlen. Das würde jedenfalls erklären, weshalb dein Vorhaben zum zweiten Mal gescheitert ist. Und wenn du daran nicht wirklich etwas änderst, dürfte dein nächstes Vorhaben ab Mittwoch wieder auf ziemlich wackligen Beinen stehen.

    Als ich vor über 20 Monaten meine Alkoholabhängigkeit erkannte und mit dem Trinken aufhörte, habe ich so Manches, was ich in all der Zeit, seit ich diese Depressionserkrankung habe, gelernt habe, zur Bewältigung nutzen können.

    Du hast zwar den „Honeymoon“ des ersten Abstinenztages erlebt und überstanden, aber der allein hat noch nicht gereicht, um die auftretenden teilweise voraussehbaren „Kleinigkeiten“ zu überstehen.
    Darf ich dich fragen, wie sich das für dich anfühlt, dass du dein Vorhaben auch dieses Mal nicht umsetzen konntest? Setzt dir das zu oder bist du erleichtert, dich heute nochmals mit Alkohol „beruhigen“ zu dürfen?

    Beides dürfte nicht sonderlich gut für dich sein, weil es dich behindert.


    Wie wäre es, wenn du dieses Mal einen anderen Weg gehst?

    Da du dich eh von deiner Psychiaterin wegen „Depressionen“ hast krankschreiben lassen, könntest du mit ihr auch über einen Weg sprechen, ohne ein „Coming out“ einen Klinikaufenthalt auf dich nehmen zu können.

    Und wegen „Coming out“: Denk mal darüber nach, dass du, wenn du bei deiner Arbeit wegen „Depressionen“ ausfällst, für deinen Arbeitgeber u.U. weitaus unberechenbarer bist, als wenn du das eigentliche Problem offenlegst.
    Das heißt nicht, dass ich dir unbedingt zum „Coming out“ rate, das kannst letztlich nur du selbst ermessen, ob dir das Probleme einbringt oder deine Situation möglicherweise erleichtert.
    Ich weiß nur, dass es reichlich Probleme einbringen kann, wenn man sein Alkoholproblem nicht in den Griff bekommt und der Arbeitgeber zufällig Wind davon bekommt.

    Du kannst hier von Menschen lesen, die auf ein „Coming out“ überraschend positive Rückmeldungen bekommen haben.

    Vielleicht prüfst du für dich diese Option einfach mal?



    Die Beunruhigung wegen Diazepam kann ich wirklich verstehen, aber ich nehme das Zeug nur deswegen weil ich nicht Tiaprid sonstwie hochdosieren möchte. Denn in den Nebenwirkungen des Beipackzettels steht dass es den Herzrhythmus verändern kann und ich habe wirklich eine Phobie gegenüber speziell diesem Effekt, der natürlich auch während einer Entgiftung auftreten kann.

    Wenn ich das richtig verstehe, hast du über genau diese Ängste nicht mit deiner Psychiaterin geredet. Genau das wäre aber wichtig für dich gewesen. In den sieben Jahren seit ich Medikamente nehmen muss, habe ich erlebt, wie mein Psychiater insbesondere dann, wenn ein Wechsel oder ein zusätzliches Medikament infrage kam, immer wieder die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medikamenten abklärt und mit mir bespricht. Nun magst du dich etwas näher eingelesen haben, aber ich frage mich, warum du dich diesbezüglich nicht mit ihr, die schließlich eine Fachfrau für diese Dinge ist, besprichst und ihrer Kompetenz vertraust.

    Gerade weil du alkoholabhängig bist, würde ich das Abhängigkeitspotential von Diazepam nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn das in einer Klinik so gemacht wird, ist das dennoch etwas anderes, als wenn du das zuhause auf Eigeninitiative machst und dann auch noch auf Zeugs vom Schwarzmarkt zurückgreifst. Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, warum du ein derartiges Risiko eingehst, insbesondere da du sonst so reflektiert zu sein scheinst.



    Wenn ich abstinent bin und auch wieder arbeite würde ich gerne hier wieder schreiben und berichten dürfen. Dass der Alltag überhaupt nicht einfach sein wird ist mir vollkommen klar. Die ganzen Assoziationen Arbeit > Feierabendbier sind wie eingefräste Automatismen. Und wie ist es mit im Sommer Freunde treffen? Wenn die dann alle eine Flaschenbier trinken? Natürlich wird das überhaupt nicht einfach.
    Hauptproblem für mich ist der Umgang mit seelisch/psychisch stressigen Situationen. Auf die Arbeit beschränkt ist das noch halbwegs erträglich (obwohl ich mir da einen sehr krassen Job mit sozialen Interaktionen ausgesucht habe), aber selbst Besuche bei den mittlerweise greisen Eltern sind im Moment kaum vorstellbar ohne abends ein paar Glas Wein zu trinken.

    Wie gut ein Leben ohne Alkohol laufen kann, hast du ja schon einmal erlebt, daher hast du schon eine Ahnung, worauf du dich freuen kannst. Du kannst hier gerne wieder schreiben. Auf deine Fragen können wir dir gewiss ein paar weiterhelfende Antworten geben.

    Ich selbst bin inzwischen 20 Monate abstinent und bin mit meinem Alltag meistens (krankheitsbedingt manchmal nicht) ziemlich zufrieden. Alkohol spielt in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr und er fehlt mir auch ganz und gar nicht.

    Wenn bei dir Depressionen die sekundäre Diagnose ist, dann dürfte für dich möglicherweise sogar die Aussicht bestehen, dass die im Laufe deiner Abstinenz weniger werden oder sogar ganz verschwinden. Ich würd‘s dir wünschen.

    Zum Besuch einer SHG: Natürlich solltest du da nicht angetrunken aufschlagen, aber ich denke schon, dass du dich da hintrauen darfst. Überleg dir mal, was für eine überaus wertvolle Ressource du dir entgegen lässt, wenn du nicht hingehst.

    Beste Grüße und gute Besserung
    AmSee

    Wenn du den Umständen erlaubst über deine Gefühle zu bestimmen, sitzt du in der Falle. Aber wenn du dir anschaust, wie du dich fühlst und die Gedanken prüfst, die du denkst, bist du frei, wahrhaft frei.


    Khalil Gibran

    Hallo Habssatt.


    Vorweg: Hier wird kein Weg VERDAMMT. Höchstens kritisch betrachtet.

    Ich sehe das auch so wie Greenfox und habe das in den bald 20 Monaten, die ich dieses Forum kenne, auch genau so beobachtet.

    Auch ich betrachte deinen Weg kritisch und auch mir brauchst du „nix vom Pferd zu erzählen“, auch wenn ich nicht sämtliche der von dir aufgeführten Medikamente kenne.

    Ich weiß nicht, ob du wirklich offen bist für das, was wir dir sagen könnten, oder ob du einfach von uns Bestätigung für deinen Weg haben willst. Deine erste Vorstellung hier deutete eher auf letzteres hin, deshalb habe ich zum Beispiel dir nichts geschrieben. Nach Deinem Post heute Abend kann ich mir immerhin eine bessere Vorstellung machen, was dein Hintergrund und deine Beweggründe für diesen Weg sind.

    Zu meinem Hintergrund:
    Erfahrungen mit einem solchen Weg, wie du es versuchst, habe ich viele Jahre lang mit meinem Vater machen dürfen. Ein zweifellos intelligenter Mann, der in einer ähnlichen Lage steckte wie du. So, wie ich dich argumentieren höre, erinnerst du mich sehr stark an ihn. Er war in Bezug auf Medikamente ähnlich bewandert, trat sehr überzeugt von der Richtigkeit seines Tuns auf. Er hat sich die entsprechenden Medikamente immer über einen befreundeten Arzt verschafft. Damals, das war in den 70ern und 80ern, waren das noch Distra und noch ein paar andere Medikamente. Übrigens endeten alle seine Versuche im Krankenhaus.

    Da ich selbst leider recht gut vertraut mit Depressionen und mit den entsprechenden Medikamenten bin, sehe ich deinen Weg, sofern du von der Medikamentierung deiner Psychiaterin abweichst, recht kritisch.

    Wenn deine Psychiaterin dich beim ambulanten Entzug begleiten will, dann übernimmt sie damit auch eine hohe Verantwortung. Ich weiß nicht, ob du dir der Tragweite tatsächlich bewusst bist.

    Dann halte dich aber auch genau an ihre Medikamentierung und die abgesprochene Dosis und ergänz das nicht auch noch (ohne ihr Wissen?) mit Medikamenten vom Schwarzmarkt. Und wenn du in ihre Kompetenz nicht genug Vertrauen haben solltest, dann such dir einen anderen Psychiater (auch wenn’s wegen Ärztemangel und langen Wartezeiten schwierig wird). Auch ich kann nur davor warnen, eigene Experimente zu unternehmen.

    Grüße
    AmSee

    P.S.: Vielleicht macht dich das traurige Beispiel von Rolf, von dem der Journalist im folgenden Artikel u.a. erzählt, ein bisschen nachdenklich:

    https://www.fr.de/panorama/erst-…e-10988513.html

    Einer, der nur Zeitungen liest und, wenn's hochkommt, Bücher zeitgenössischer Autoren, kommt mir vor wie ein hochgradig Kurzsichtiger, der es verschmäht, Augengläser zu tragen. Er ist völlig abhängig von den Vorurteilen und Moden seiner Zeit, denn er bekommt nichts anderes zu sehen und zu hören. Und was einer selbständig denkt, ohne Anlehnung an das Denken und Erleben anderer, ist auch im besten Falle ziemlich ärmlich und monoton.


    Albert Einstein

    Haben Sie beim Autofahren schon bemerkt, daß jeder, der langsamer fährt als Sie, ein Idiot ist und jeder, der schneller fährt, ein Verrückter?


    George Carlin

    (Das ist mir in der Tat gestern auf der Autobahn mal wieder so ergangen, sowohl auf der zweistündigen Hin- als auch auf der zweistündigen Rückfahrt. Viel zu viele Idioten und Verrückte unterwegs! :grins:)

    Auch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Gießkanne, besah alles, was wuchs, tagtäglich genau und bin daher mit jeder Rose, mit jedem Kohlkopf, mit jeder Gurke intim bekannt geworden. Eine etwas beschränkte Welt, so scheint's. Und doch, wenn man's recht erwägt, ist all das Zeugs, von dem jedes einzelne unendlich und unergründlich ist, nicht weniger bemerkenswerth, als Alpen und Meer, als Japan und China.


    Wilhelm Busch

    Hallo Ina,
    schön, dass du uns davon berichtest und dass es für dich so zufriedenstellend gelaufen ist!
    Das wird dir für zukünftige Veranstaltungen solcher Art bestimmt Mut machen, weil du erlebt hast, dass und wie es erfolgreich funktionieren kann, dich mit Veranstaltungen solcher Art zu konfrontieren.

    Besonders schön stelle ich mir allerdings das Erlebnis vor, dass Alkohol in dieser Hochzeitsgesellschaft offenbar nur eine sehr geringe Rolle gespielt hat, und es trotzdem (oder vielmehr: erst Recht (?)) eine schöne Feier war.


    Auch dir ein schönes Wochenende!

    Viele Grüße
    AmSee