Hallo Cehdeh,
nun endlich komme ich dazu, dir ausführlich zu schreiben.
Prima, wie du deinen Weg bislang meistern konntest und auch die Suchtdruck-Attacke gemeistert hast! 44.
Du liest dich sehr reflektiert und ich wünsche dir weitere gute Erfahrungen, die dich auf deinem Weg bestärken.
Darüber, wem und wie ich mitteile, dass ich nicht mehr trinke und aus welchen Gründen, habe ich mir am Anfang auch so einige Gedanken gemacht. Da ich mir über Ähnliches Gedanken gemacht habe, wie du und wie NieTho das gerade tut, habe ich jenen, gegenüber denen ich mich „geoutet“ habe, den Begriff „Alkoholiker“ vermieden und bin ähnlich vorgegangen, wie du das gemacht hast.
Wie du das für dich richtig erkannt hast, kann es auch ein Schutz sein, sich mehr oder minder zu „outen“. Und es kann, so meine eigene Erfahrung, für das eigene Eingeständnis, tatsächlich ein Problem zu haben, hilfreich sein, es auch nach außen zu kommunizieren.
Dass das ein weiterer Schritt ist, den man erstmal bewältigen muss, ist verständlich.
Ich weiß noch gut, wie schwer es mir gefallen ist, mir das selbst einzugestehen. Mir ging’s, als ich hier aufgeschlagen bin, ähnlich wie dir, nur dass ich nicht in einer Traumatherapie steckte, sondern schon eine Weile lang eine leicht anders geartete Baustelle bearbeitete.
Mit Traumatherapie bzw. mit Therapie von Entwicklungstraumata und Retraumatisierung habe ich mich erst später beschäftigt….
Inzwischen mache ich mir darüber schon lange keine Gedanken mehr, was andere Leute denken könnten, wenn ich entweder Alkohol ablehne oder einfach nur Wasser oder Apfelschorle oder Bitter Lemon oder…. trinke.
Warum sollte ich mich irgendjemand gegenüber dafür rechtfertigen müssen, dass ICH mir dieses Nervengift, nicht einverleiben möchte? Nur, weil alle meinen, dass Alkohol selbstverständlich zum Leben dazugehöre? - Sollen andere tun, was sie wollen, ich muss das nicht auch tun und ich muss mich auch nicht dafür rechtfertigen.
Ich durfte inzwischen aber schon eine ganze Weile beobachten, dass mich eigentlich niemand danach fragt, warum ich keinen Alkohol trinke. Ich bin aber auch sehr selten in tatsächlich alkohol-seligen Gruppen, weil das nicht mehr meine Welt ist, ich fühle mich da nicht mehr wohl. In solchen Gruppen könnte es tatsächlich vorkommen, dass mich jemand fragt. Und je nachdem, wie ich gerade drauf bin und wie das Gegenüber so ist, würde ich dem dann auch antworten.
Bis ich da hin gekommen ist, wo ich inzwischen bin, ist natürlich ein wenig Zeit vergangen.
In dieser Zeit habe ich mich seeeeeehr viel mit dem Thema Alkoholismus beschäftigt und mich in Selbstfürsorge geübt. Anregungen für meinen Weg habe ich in diesem und zwischenzeitig auch in einem anderen Forum gefunden und für mich als hilfreich ausprobiert oder reflektiert.
Für MICH wurde innerhalb meines ersten Jahres zum Beispiel auch noch wichtig, sämtliche Gläser, die mit Alkohol zu tun haben, aus meinem Haushalt zu entfernen (Flaschen habe ich sowieso entsorgt) und meinen Gästen keinen Alkohol mehr anbieten zu müssen.
Mich erstmal gänzlich fern halten von Runden, in den Alkohol konsumiert wird, war mir nicht möglich, denn von meiner Familie, die ganz gerne das eine oder andere Glas Wein oder Bier oder Sekt oder Kurze konsumiert, hätte ich mich nicht fernhalten können. Und auf die Idee meinetwegen in meiner Gegenwart auf Alkohol zu verzichten, wären die - anders als zwei sehr gute Freunde von mir - nie gekommen. Und sie würden meinetwegen zweifellos auch nicht auf ihren Alkohol verzichten, weil der für sie einfach zum Leben dazu gehört.
Ich hab von Anfang an meinen eigenen Umgang damit gesucht und auch erfolgreich gefunden.
Ich bin nicht in allem von vornherein auf Abstand gegangen, aber ich habe mich den jeweiligen Situationen bewusst, achtsam und mit einem möglichen Notfallplan gestellt.
Mein eigenes Suchtdruck-Erlebnis, das ich nach einem guten halben Jahr in vermeintlich zufriedener Abstinenz verbracht hatte und das ich tatsächlich nur mit Online-Unterstützung bewältigt habe, hat bei mir zu wichtigen Erkenntnissen geführt, die für mich dann so richtig zu zufriedener Abstinenz geführt haben.
Falls es bei dir nochmals zu Suchtdruck kommen sollte, darfst du dich übrigens gerne wieder hier melden. Auch wenn hier schon eine ganze Weile wenig los ist, findet sich immer wieder jemand, der dir antworten kann. Manchmal dauert das etwas länger, manchmal klappt’s recht schnell. Zum Glück war Britt letztens für dich da.
Zum Thema Traumatherapie und Ausstieg aus der Alkoholabhängigkeit:
Ich selbst habe Traumatherapie nicht in vollem Umfang erlebt, aber das bisschen, was ich kennengelernt habe, machte MIR schon deutlich, dass das „Knochenarbeit“ ist.
Manches haben wir bei mir auch bewusst nicht so gemacht, weil der Stress, den diese Therapiearbeit verursacht, möglicherweise einen MS-Schub bei mir auslösen könnte. Das nur von meiner Seite als Beispiel, wie Therapiearbeit an die Substanz gehen kann.
Ich kann durchaus nachvollziehen, dass du mit der Traumatherapie möglichst schnell weiterkommen willst, aber unterschätz deinen Ausstieg aus deinem Alkoholproblem nicht!
Mehr zu diesem Thema nur, wenn du dich darüber austauschen möchtest.
Liebe Grüße
AmSee