Hallo und herzlich Willkommen, Mara.
Ich fange mal mit deiner letzten Frage an:
Kennt ihr das Gefühl, nach einiger abstinenter Zeit plötzlich jenseits aller Vernunft wie ferngesteuert zu sein und Alkohol zu besorgen?
Ja, kenne ich, wobei ich mir dessen zu dem Zeiten, als das bei mir so wahr und glaubte, meinen Konsum noch unter Kontrolle zu haben, nicht wirklich bewusst war.
Ich selbst, 50, w, leide ebenfalls seit vielen Jahren unter Depressionen und nehme derzeit auch noch immer Antidressiva. Ob ich jemals ohne auskommen werde, lässt sich derzeit noch nicht absehen, auch wenn es mir, seit ich Ende Oktober 2020 abstinent geworden bin, psychisch sehr, sehr viel besser geht. Auf meine „Bedarfs-Medikation“ habe ich schon seit einer kleinen Ewigkeit nicht mehr zurückgreifen müssen. Ich war wegen der Depressionen vor ein paar Jahren ebenfalls in einer Klinik und zwar für vier Monate. In jener Zeit und noch in den Monaten danach habe, ich nicht getrunken, u.a. wegen der Antidepressiva. Dann aber habe ich doch wieder langsam mit den Konsum begonnen, weil ich das für vertretbar hielt. Mein behandelnder Neurologe/Psychiater wusste das, mein Alkoholkonsum war immer mal wieder Thema, aber untersagt hat er mir den Alkoholkonsum nicht.
Nach und nach wurde mein Konsum immer mehr, ich glaubte aber, das kontrollieren zu können und trotz „riskanten“ Konsums noch im vertretbaren Bereich zu sein. Bis es mir selbst dann doch mehr als nur einmal unheimlich wurde, weil ich viel mehr trank, als ich vor mir selbst noch vertreten konnte und immer wieder in einen Zustand gelangte, in dem ich mich erschlagen, erschöpft und furchtbar müde fühlte. Der angenehme, stimmungsaufhellende, antriebssteigernde Zustand ließ sich nicht halten, es kippte zuletzt immer um. Ich hab unter Alkoholeinfluss häufig Suizidgedanken gehabt.
Ja, du bist mit deinen Fragen und deinem Anliegen hier durchaus richtig, auch wenn die wenigen aktiven Nutzer hier allesamt schon eine ganze Weile trocken sind.
Ich vermute einfach mal aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, dass du zuhause vermehrt Alkohol trinkst oder Suchtdruck erlebst, weil du dich zu vielen Reizen ausgesetzt fühlst. Mit Depressionen zu leben ist alles andere als einfach. Wie ist das bei dir, fühlst du dich mitunter überfordert zuhause, triggert dich da was?
Alkohol kommt ja, wenn man diese Wirkung einmal richtig kennengelernt hat, gerne als sogenannter Wohltäter daher. Bei Depressionen ein höchst effektives „Medikament“. Kein Antidepressivum wirkt so schnell und so effizient.
Nur ist Alkohol kein guter Wohltäter und definitiv kein „Medikament“. Aufgrund seiner Wirkung, die sich binnen Sekunden nach dem Konsum auf das Belohnungszentrum auswirkt, merkt sich dein sogenanntes Belohnungszentrum die positive Wirkung, nicht aber die Schattenseiten, die sich irgendwann einstellen. Deshalb wird es dir diese Super-Lösung immer wieder anbieten.
Ich selbst war nicht in einer Suchtklinik, deshalb kann ich dir dazu nichts sagen. Vielleicht kann das jemand anderes hier, der selbst in einer Suchtklinik“ gewesen ist.
Was du aber dort lernen kannst, sind u.a. andere tatsächlich hilfreiche Coping-Strategien (= Bewältigungsstrategien) und noch zweifellos noch einiges mehr. In einem seiner Vorträge zum Anhören erklärt Professor Lindenmeyer von der Salus-Klinik in Lindow, was unter „Therapie“ zu verstehen ist. Vielleicht hilft dir diese Information etwas weiter.
Viele Grüße
AmSee