Ich würde mich aktuell so einschätzen, ein Rückfall bei mir wäre eine aktive Handlung mit vollem Bewusstsein. Zu Deutsch: Eigene Doofheit. Oder ist das zu einfach gedacht?
Ich kann’s nachvollziehen, dass dir das in deiner derzeitigen Lebenssituation so vorkommt bzw. du so denkst.
Nun will ich dir mit einer Diskussion darüber keine Angst machen, dass das Damoklesschwert eines möglichen Rückfalls beständig bedrohlich über dir hängt, aber sensibilisieren möchte ich dich für die Problematik.
Sind die, die rückfällig geworden sind, tatsächlich einfach nur zu doof gewesen? Ich selbst habe in Bezug auf Alkohol keinerlei Rückfallerfahrungen, wohl aber in Bezug auf meine Nikotinsucht. Rückfallerfahrungen habe ich persönlich in Bezug auf meinen Vater erlebt. Nun konnte ich nicht in seinen Kopf hineinsehen und ich kann ihn auch nicht mehr fragen, aber ich bezweifle, dass seine zahlreichen Rückfälle nur auf eigene Doofheit zurückzuführen sind. Und ich bezweifle auch, dass seine Rückfälle daran gelegen hätten, dass er den nüchternen Lyfestyle strikt abgelehnt hätte und eine Beteiligung an all den auftauchenden Wellen des "better life" ihn nicht interessiert hötten. (Zwinker)
Mit anderen in diesem Forum und in dem anderen habe ich mich über deren Rückfälle und das, was dem voraus ging, nicht ausgetauscht.
Ich weiß auch nicht, ob der erste Schritt zum Rückfall schon gemacht wird, wenn ich nachlasse, mich regelmäßig mit meinem Problem zu beschäftigen. Erfahrungen anderer scheinen immerhin dafür zu sprechen. Was ich selbst weiß, ist, wie leicht sich nach einer gewissen Zeit so ein Gedanke einschleichen kann, man sei doch so selbstverständlich und so lange clean, dass nix passieren könne, wenn man mal ne Ausnahme macht.
Zu einem solchen Gedanken möchte ICH es gar nicht erst kommen lassen, deshalb bleib ich am Thema dran.
Was ich aber am eigenen Leib erlebt habe, war diese eine überaus heftige Suchtdruckerfahrung in Bezug auf Alkohol. Und die hat mir echt einen riesigen Schrecken eingejagt. Natürlich hätte ich aktiv losziehen müssen, um mir Alk zu besorgen, aber meine Not war in dem Moment so groß, dass ich losgezogen wäre, voll bewusst und gleichzeitig mit einem Scheiß-egal-was-darauf-folgt-Gefühl, wenn ich in dem Moment nicht die Unterstützung gefunden hätte, die ich gebraucht dringend habe.
Was ich interessant finde, ist das, was die Rückfallforschung herausgefunden hat. Ein Rückfall geschieht offenbar nicht aus heiterem Himmel, sondern hängt immer mit einer unausgewogenen Lebenssituation, scheinbar harmlosen Entscheidungen und einer Risikosituation zusammen.
Bei meinem Vater dürfte es meiner Beobachtung und externen Analyse nach immer wieder die unausgewogene Lebenssituation gewesen sein, die zu seinen Rückfällen geführt hat. Zu doof wird der meiner Beobachtung nach nicht gewesen sein.
Und wenn’s so weit kommt, dann dürfte wirklich eines aufs andere und manchmal so schnell hintereinander kommen, dass man gar nicht gucken kann. Und DANN mag dir das, was du da tust, zwar bewusst sein und doch handelst du gleichzeitig wie ferngesteuert, weil dir die Neurobiologie und -chemie deines Gehirns kaum mehr eine Wahl lässt. Und dann folgt offenbar der sogenannte Rückfallschock, der zu dem Gedanken führt, dass jetzt eh alles egal ist.
Grüße
AmSee