Ich denke, dass es auch schlichtweg Veranlagungssache ist, in welchen Emotionen man sich so bewegt. Natürlich durchläuft jeder Mensch alle Emotionen, aber gewissen Emotionen steht jeder für sich was näher. Ich selbst habe es nicht so mit der Scham, auch wenn ich mich ab und an schäme. 🤷♀️ Ich stehe den Schuldgefühlen viel näher als der Scham.
Ich muss gestehen, dass ich bei dieser Unterscheidung nicht mehr so richtig mitkomme. Was unterscheidet denn Scham von Schuldgefühlen?
Geht es nicht bei beidem darum, sich in irgendeiner Weise schuldig zu fühlen für etwas, was man absichtlich oder unabsichtlich, bewusst oder unbewusst getan hat? 🤷♀️
Deswegen überlege ich die ganze Zeit, konnte ich wirklich mein Handeln steuern und ich hab da Schwierigkeiten eine Antwort zu generieren. Ich glaube, ich wusste es einfach nicht besser, mir war einfach nicht bewusst was ich da tue und auf was ich zusteuere. Ich habs schlicht ignoriert und mich treiben lassen.
Meine persönliche Antwort darauf:
Anders vielleicht als du „wusste“ ich aufgrund meiner Familiengeschichte im Prinzip, auf was ich zusteuern könnte. Ich hab in meinen letzten zwei Jahren sogar durch solche Online-Tests immer wieder überprüft, ob ich schon Alkoholikerin bin, weil mir mein Konsum Sorgen zu bereiten begann, ich den Alkohol aber nicht lassen wollte, weil ich mir mir etwas vom Alkohol versprach, auf das ich zu dem Zeitpunkt nicht verzichten wollte.
- Heute kann ich über mein Verhalten nur noch den Kopf schütteln. -
Rein vom Verstand her hätte ich entweder den Alkohol lassen müssen oder aber meinen Konsum einschränken bzw. besser kontrollieren müssen. Das aber konnte oder wollte ich nicht. Meiner eigenen Erfahrung nach ließ sich dieser berühmte Schalter nur vom Kopf her nicht für mich umstellen.
Bis dann eben der Moment kam, als ich’s vor mir selbst nicht länger leugnen konnte und tatsächlich bereit war, die Reißleine zu ziehen.
Gefühle von Scham hatte ich zunächst auch. Ich hab mich fast mein ganzes Leben dafür geschämt, aus einer Alkoholfamilie zu entstammen. Dahinter steckte so ein Glaubenssatz, dass ein Alkoholiker ja schließlich selbst an seiner Krankheit schuld sei.
Ich hatte in meinem Leben alles dafür getan, um diesen Makel, den ich empfand, wettzumachen. Und dann musste ich mir eingestehen, dass ich selbst mich ebenfalls da reingeritten hatte. Was würde meine Schwiegerfamilie über mich denken, wenn das rauskommt? Würden die denken: „War ja klar, das aus so einer Familie nix Gutes rauskommen kann.“?
So denke und empfinde ich inzwischen aber schon lange nicht mehr. Ich schäme mich weder für meine Familie noch für das, was ich getan habe, sondern finde mich heute durchaus in dem wieder, was Mojo in Beitrag # 6 über sich geschrieben hat.
Und auch mir hat, wie Mojo über sich schreibt, sehr geholfen, dass ich mich von Beginn an wirklich sehr intensiv mit allem befasst habe und mich dem schonungslos gestellt habe. Heute denke ich, dass alles, was mir widerfahren ist und was ich getan habe, mich zu der gemacht hat, die ich heute bin.
rent hat in einem anderen Thread etwas geschrieben, was mir manchmal auch sinngemäß durch den Kopf geht:
Zitat
Mir hilft sogar manchmal dieser trotzige Gedanke, "Ok, bin ich eben Alkoholiker und ihr weichgespülten Feiertagstrinker, die ihr euch vielleicht irgendwelche Urteile anmaßt, kommt erstmal in meine Lage, macht den Schmerz, Zerbruch, Entzug, Verzweiflung trallala durch, bevor ihr über mich urteilen könnt und mir das Siegel "A" (selber schuld, einfach keine Kontrolle über sich) aufdrückt. Macht ihr das erstmal durch und schafft es mal, da rauszukommen!
Echt, Scham fühle ich längst nicht mehr, sondern tatsächlich mitunter so etwas wie Stolz auf mich und ganz viel Dankbarkeit. Was geschehen ist, ist geschehen, aber ich hab, als ich endlich begriffen hab, was geschehen ist, einmal mehr die Verantwortung für mein Leben übernommen und das, was ich ändern konnte, geändert.
AmSee