Hallo Thorsten,
meine Vorschreiber haben dir meines Erachtens schon richtig gute Ansätze, über du nachsinnen kannst und vielleicht auch solltest, geschrieben.
Wenn ich ein erholungsersatz benötige, dann muss das einen unerreichbaren Horizont haben.
Mein Hinweis auf das Belohnungssystem zielt nicht in die Richtung, dass du dir nun einen Erholungsansatz mit unerreichbarem Horizont suchen solltest. Das dürfte nach allem, was ich über unsere Problematik weiß, nicht funktionieren.
Mir ging’s nur darum, dir eine Antwort auf die Frage zu geben, warum du der Spirale immer wieder verfällst und ihr auch nicht mehr entkommen wirst, solange du Alkohol trinkst oder vergleichbare Suchtmittel konsumierst. In diesem Zusammenhang spielt dann auch das Thema Suchtverlagerung eine Rolle.
Raus aus der Nummer bringt dich kein „Höher, Stärker, Weiter“.
Der erfolgreiche Weg aus der Spirale heraus führt über einen anderen Weg.
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Ergänzung:
Im Grunde ist der Weg aus dieser Spirale heraus offenbar mit einer Art Kapitulation verbunden, und zwar mit der Erkenntnis (u.U. auch Innerer Verzweiflung), dass es auf dem alten Weg eben doch nicht so funktioniert, wie man das bislang geglaubt oder gehofft hat.
In den Jahren, bevor ich aufhörte, war ich der Illusion erlegen, dass mir der Alkohol wieder etwas Lebensfreude verschaffte. Ich trank auch nicht beliebig, sondern ähnlich wie du nur bestimmte Weine. Was ich nicht mochte, ließ ich stehen, da trank ich lieber gar keinen Alkohol.
In der letzten Zeit vor meinem Ausstieg nutze ich den Alkohol, um überhaupt noch funktionieren zu können. Nicht, weil ich sonst das Zittern oder Entzugserscheinungen kriegte, sondern weil solche Dinge wie Geburtstagsvorbereitungen oder Zusammensein mit anstrengenden Menschen, u.a. Verwandtschaft anders kaum zu schaffen oder auszuhalten waren.
Bevor ich mich hier anmeldete, war jedoch schon mehr als ein Mal der Punkt gekommen, in der dieser Weg nicht mehr funktionierte. Das machte mich nachdenklich und ernsthaft besorgt und hat letztlich bei mir zu einer Art von Kapitulation geführt, dass es so offenbar doch nicht funktioniert, wie ich geglaubt hatte.
Ich geriet zu meinem Glück hier gleich an die richtigen, an dir zu MIR passenden Ansprechpartner.
Was die über sich teilten, nahm mir die Angst vor einem Leben ohne meinen „geliebten“ Wein. Was ich mir vorher nicht vorstellen konnte, wurde mit einem Mal wirklich reizvoll. Es war das, was mit dem Begriff „zufriedene Abstinenz“ bezeichnet wird.
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Wenn es das Belohnungssystem in meinem Unterbewusst sein geht, dass kann mir vll jemand den chemischen Prozess dieser Belohnungsart erklären?
Wenn ich lange genug suche, finde ich dazu vielleicht einen geeigneten Artikel, nur frage ich mich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit diesem Thema und aufgrund des bislang erarbeiteten Wissens, inwiefern dir das weiterhelfen könnte.
Unterbewusstsein, Belohnungssystem sind beides ein sehr weites Feld und das theoretische Wissen darüber hilft in der Praxis nicht unbedingt weiter. Und das sagt dir jemand, der sich grundsätzlich auch sehr gerne mit Theorie beschäftigt.
Wenn du dich auf den Weg in ein abstinentes Leben machen willst, steht dir eine sehr interessante, spannende Reise bevor, auf der du sehr viel über dich selbst lernen und erfahren kannst. Da mag manchmal ein bisschen Theorie helfen, hilfreicher aber sind die eigenen Erfahrungen und die Antworten, die im Laufe der Zeit aus dem eigenen Inneren kommen.
Mich zum Projekt zu machen würde mein ganzes Selbstbild vll in Frage stellen. Ich habe noch nie wirklich an mich gedacht, nicht wirklich. Auch hatte ich noch nie den Wunsch lange zu leben. Ich hatte schon als Kind das Gefühl, dass ich am Liebsten mit 40 Jahren das zeitliche segne, jetzt bin ich schon 52 jahre und ich habe null Sorge, wenn es morgen vorbei wäre. Ich habe vll durch viele Erfahrungen mit dem Sterben von Nahen Angehörigen einen ganz anderen Bezug dazu.
Ich selbst habe mir, als ich mich ernsthaft dem Thema widmete, auch nicht den Gedanken gemacht, „mich selbst zum Projekt“ zu machen. Mich trieb da eher was anderes. In dem, was du über dich erzählst, kommt mir so manches, was du schreibst, bekannt vor.
Ich habe ebenfalls kein Problem damit, wenn’s heute oder morgen mit mir vorbei wäre. Während ich vor ein paar Jahren aber noch mit regelrechter Todessehnsucht zu kämpfen hatte, so ist es jetzt - ich bin in deinem Alter - eher so, dass ich zufrieden auf ein sehr buntes, in gewisser Weise sehr abenteuerliches, reiches Leben zurückblicke, dankbar und glücklich, dass ich‘s auf meine Weise gut gemeistert habe, und dass ich jeden weiteren Tag wie eine Art Geschenk mitnehme.
Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein bei mir, meine verschiedenen Handicaps bereiten mir mitunter auch Verdruss, aber insgesamt bin ich wirklich sehr zufrieden. Ich muss mein Belohnungssystem mit keinen Stimulanzien oder irgendwelchen Challenges oder großen Zielen oder großen Wünschen stimulieren, es hat sich inzwischen wieder so erholt, dass es auf natürlichem Wege, mehr oder minder durch meine persönliche Lebenseinstellung, Lebensführung und -Wahrnehmung ganz von selbst stimuliert wird. Im Grunde also so, wie’s eigentlich eingerichtet ist.
Ich hab bei dem, was du über dich geteilt hast, ebenfalls gedacht, dass auch du ein sogenannter „Getriebener“ zu sein scheinst. Ich hatte das auch nahezu mein ganzes Leben. Hat mich fast kaputt gemacht. Glücklicherweise hab ich das bearbeiten und schließlich ändern können. Ein „Steh-auf-Männchen“ bin ich noch immer, aber DAS ist ja mal gar nicht so übel. 😅
Beste Grüße
AmSee