Wann ich mit meinem Lebensgefährten rede weiß ich noch nicht? Ich kann auch nicht sagen warum mir das bei ihm so schwer fällt. Wir sind seit 16 Jahren zusammen, haben soviel gemeinsam durchgestanden und wollen dieses Jahr heiraten. Während ich dieses schreibe, wird mir klar das ich die Hoffnung habe doch keine Alkoholikerin zu sein und wenn ich es ihm gegenüber gestehe es wirklich Realität ist. So lange kann ich mir noch eine Hintertür offen lassen.... Es liegt noch viel Arbeit vor mir ...
Als es bei mir damals soweit war, mich zu "outen", habe ich vielfach Reaktionen erlebt, die mich fast aus den Socken gehauen haben, da ich dachte, es hat keiner mitbekommen: Viele sagten einfach nur
"Na endlich, wurde ja auch Zeit, dass Du es selber merkst und etwas unternimmst." :o
Viele von meinen Freunden hatten schon versucht, mit mir durch die Blume zu reden, aber ich WOLLTE sie nicht verstehen. Und ich war erschrocken, wieviele im Prinzip Bescheid wussten.
Und auch wenn ich mit meiner damaligen Frau heute nicht mehr zusammen bin (hat andere Gründe) - es hat mir unheimlich geholfen, dass sie nicht nur Bescheid wusste, sondern mir auch geholfen und in der ersten, schwierigsten Zeit den Rücken frei gehalten hat.
Ihr wollt heiraten. Meinst Du nicht, dass Dein Lebensgefährte auch ein Recht darauf hat, von diesem für Dich schwerwiegenden Problem zu erfahren? Oder willst Du mit einer Lüge in die Ehe starten? Zumal Du merken wirst, dass Du Dich in der nächsten Zeit ändern wirst - ändern müssen wirst.
Bislang war Dein Leben auf den Alkohol ausgerichtet - in Zukunft wird es darauf ausgerichtet sein müssen, dass Du auf Dich achtest, damit die Suchtstimme nicht zu laut wird und Du wieder zugreifst. Und wenn sie sich meldet (und das wird sie!), wirst Du Mechanismen entwickeln müssen, um sie "abzuschalten".
Und das geht nicht wirklich, ohne ihm zu sagen, warum Du jetzt gerade dieses tust oder jenes eben nicht - obwohl Du es normalweise sonst immer getan hast/hättest.
Hört sich jetzt kompliziert an, ist es aber nicht wirklich. Nur soviel: Einfach nur den Alkohol weglassen und hoffen, dass das für immer reicht, ist, als wenn Du mit einem Fahrrad einen waldigen Abhang hinunterfährst und die Augen zumachst und hoffst, dass Du heil unten ankommst. Es kann klappen, aber ... es erscheint reichlich "blauäugig".
ZitatWas die Scham angeht, Schäme ich mich am meisten vor mir Selber.
Yupp, das kann ich nachvollziehen.
Kann man übrigen auch im "Kleinen Prinz" nachlesen:
Der nächste Planet wurde von einem Säufer bewohnt. Sein Besuch war nur sehr kurz, doch versenkte er den kleinen Prinzen in eine tiefe Traurigkeit:
»Was machst du hier?«, sprach er zu dem Säufer, den er stumm sitzend vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Flaschen vorfand.
»Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
»Und warum trinkst du?«, fragte der kleine Prinz.
»Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
»Was willst du vergessen?«, fragte der kleine Prinz, der ihm schon leid tat.
»Ich will vergessen, dass ich mich schäme«, gestand der Säufer und ließ den Kopf hängen.
»Über was schämst du dich?«, fragte der kleine Prinz beharrlich weiter, denn er wollte ihm helfen.
»Ich schäme mich, weil ich saufe!«, sagte der Säufer abschließend und hüllte sich in tiefes Schweigen.
Da verschwand der kleine Prinz bestürzt.
»Die großen Leute sind wirklich sehr, sehr sonderbar«, dachte er sich während er weiterreiste.
Gruß
Greenfox