Beiträge von Greenfox


    Wann ich mit meinem Lebensgefährten rede weiß ich noch nicht? Ich kann auch nicht sagen warum mir das bei ihm so schwer fällt. Wir sind seit 16 Jahren zusammen, haben soviel gemeinsam durchgestanden und wollen dieses Jahr heiraten. Während ich dieses schreibe, wird mir klar das ich die Hoffnung habe doch keine Alkoholikerin zu sein und wenn ich es ihm gegenüber gestehe es wirklich Realität ist. So lange kann ich mir noch eine Hintertür offen lassen.

    ... Es liegt noch viel Arbeit vor mir ...

    Als es bei mir damals soweit war, mich zu "outen", habe ich vielfach Reaktionen erlebt, die mich fast aus den Socken gehauen haben, da ich dachte, es hat keiner mitbekommen: Viele sagten einfach nur
    "Na endlich, wurde ja auch Zeit, dass Du es selber merkst und etwas unternimmst." :o

    Viele von meinen Freunden hatten schon versucht, mit mir durch die Blume zu reden, aber ich WOLLTE sie nicht verstehen. Und ich war erschrocken, wieviele im Prinzip Bescheid wussten.
    Und auch wenn ich mit meiner damaligen Frau heute nicht mehr zusammen bin (hat andere Gründe) - es hat mir unheimlich geholfen, dass sie nicht nur Bescheid wusste, sondern mir auch geholfen und in der ersten, schwierigsten Zeit den Rücken frei gehalten hat.

    Ihr wollt heiraten. Meinst Du nicht, dass Dein Lebensgefährte auch ein Recht darauf hat, von diesem für Dich schwerwiegenden Problem zu erfahren? Oder willst Du mit einer Lüge in die Ehe starten? Zumal Du merken wirst, dass Du Dich in der nächsten Zeit ändern wirst - ändern müssen wirst.
    Bislang war Dein Leben auf den Alkohol ausgerichtet - in Zukunft wird es darauf ausgerichtet sein müssen, dass Du auf Dich achtest, damit die Suchtstimme nicht zu laut wird und Du wieder zugreifst. Und wenn sie sich meldet (und das wird sie!), wirst Du Mechanismen entwickeln müssen, um sie "abzuschalten".
    Und das geht nicht wirklich, ohne ihm zu sagen, warum Du jetzt gerade dieses tust oder jenes eben nicht - obwohl Du es normalweise sonst immer getan hast/hättest.

    Hört sich jetzt kompliziert an, ist es aber nicht wirklich. Nur soviel: Einfach nur den Alkohol weglassen und hoffen, dass das für immer reicht, ist, als wenn Du mit einem Fahrrad einen waldigen Abhang hinunterfährst und die Augen zumachst und hoffst, dass Du heil unten ankommst. Es kann klappen, aber ... es erscheint reichlich "blauäugig".

    Zitat

    Was die Scham angeht, Schäme ich mich am meisten vor mir Selber.

    Yupp, das kann ich nachvollziehen.
    Kann man übrigen auch im "Kleinen Prinz" nachlesen:

    Der nächste Planet wurde von einem Säufer bewohnt. Sein Besuch war nur sehr kurz, doch versenkte er den kleinen Prinzen in eine tiefe Traurigkeit:

    »Was machst du hier?«, sprach er zu dem Säufer, den er stumm sitzend vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Flaschen vorfand.
    »Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
    »Und warum trinkst du?«, fragte der kleine Prinz.
    »Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
    »Was willst du vergessen?«, fragte der kleine Prinz, der ihm schon leid tat.
    »Ich will vergessen, dass ich mich schäme«, gestand der Säufer und ließ den Kopf hängen.
    »Über was schämst du dich?«, fragte der kleine Prinz beharrlich weiter, denn er wollte ihm helfen.
    »Ich schäme mich, weil ich saufe!«, sagte der Säufer abschließend und hüllte sich in tiefes Schweigen.

    Da verschwand der kleine Prinz bestürzt.

    »Die großen Leute sind wirklich sehr, sehr sonderbar«, dachte er sich während er weiterreiste.

    Gruß
    Greenfox

    Auch von mir ein ganz herzliches WILLKOMMEN hier bei uns im Forum :welcome:

    Kurz zu mir: Ich bin m, 59, Alkoholiker - und "feiere" heute meinen 14. Zweit-Geburtstag.

    Ich habe damals eine ganze Weile gebraucht, um zu erkennen, dass ich Alkoholiker bin - und dann nochmal eine Weile, bis ich erkannt habe, dass ich es nicht alleine schaffe, dass ich Hilfe brauche.
    Hab dann eine Therapie gemacht, geglaubt, geheilt zu sein, bin auf die Fresse gefallen damit und musste ganz schön kämpfen, um aus dem Loch dann wieder rauszukommen.
    Vier Jahre später habe ich es dann geschafft - indem ich alle Hilfe angenommen habe, die ich nur kriegen konnte. Und meinen Zweit-Geburtstag kann ich heute nur feiern, weil ich auch heute noch am Ball bleibe, Hilfe annehme, wenn es mir mal nicht so gut geht und die Flasche näher rückt.
    Ich will nicht vergessen, wie dreckig es mir ging - denn das hält mich wachsam. Das "vergessen" war damals mein Weg in den Rückfall.

    Und was die Scham angeht, zur Suchtberatung oder zu einer Selbsthilfegruppe (SHG) zu gehen: Was meinst Du, was für Menschen Du da treffen könntest??
    Höchstwahrscheinlich nur solche, die dieselben Probleme haben wie Du. Ich habe noch nie von Menschen gehört, die dahin gegangen sind, um zu schauen, wen sie da alles reingehen sehen können.

    Natürlich hat jeder eine gewisse Hemmschwelle. Wenn in unsere SHG Neue gekommen sind, habe ich ihnen immer gesagt, dass sie außer ihrem Namen nichts sagen MÜSSEN, sondern einfach erstmal nur zuhören und beobachten können. Und wenn sie denn etwas sagen WOLLEN - bitte schön.
    Natürlich gibt es viele verschiedene SHG, aber sie haben alle etwas gemeinsam (ebenso die Suchtberatung): Sie sind anonym, d.h., es erfährt niemand, wer dorthin kommt. Es sei denn, derjenige möchte es - z.Bsp. als Bestätigung für die MPU, den Arbeitgeber o.ä. nach einer Auflage nach einem Alkoholvorfall.

    Genug gelabert. Schau Dich erstmal hier in Ruhe um und vielleicht einige unserer Geschichten im Bereich Vorstellung an.
    Und im Bereich "Wichtige Erstinformationen ..." findest Du auch unsere Linksammlung und die Bücherecke, wo wir viele weiterführende Informationen gesammelt haben.

    Auf einen guten Austausch!

    Gruß
    Greenfox

    Auch von mir ein HERZLICHES WILLKOMMEN hier bei uns :welcome:

    Ich bin selbst Alkoholiker, seit etlichen Jahren trocken und auch in der Suchtselbsthilfe unterwegs.
    Von daher kann ich mich meinen Vorschreiberinnen nur anschließen: Ihm irgendwelche Literatur und/oder Filmchen zu zeigen hat wenig Sinn.

    WAS Sinn machen würde, wäre, wenn Du ihm klipp und klar sagst, wie schlecht es Dir mit seinem Alkoholkonsum und dem daraus resultierenden Verhalten geht und Du jedweden Kontakt mit ihm abbrichst, solange er nicht von sich aus etwas daran ändert. Du kannst ihn natürlich - wenn Du es willst und KANNST (damit meine ich physisch und psychisch) - dabei helfen, aber wieder den Kontakt abbrechen, wenn sich herausstellt, dass es nur geschauspielert war. Und damit muss man leider rechnen.
    Und natürlich ist auch der Vorschlag mit der Polizei gut - denn nur so sieht er die Konsequenzen SEINES Handelns. Denn niemand zwingt ihn, zu saufen und danach Auto zu fahren.

    Du kannst und musst nur Dich selbst schützen. Er ist erwachsen und selbst für sich verantwortlich.
    Übrigens: Wenn Du ihm (oder überhaupt einem Alkoholiker) Konsequenzen androhst, dann müssen diese auch konsequent durchgezogen werden. Alkoholiker sind nämlich die besten Schauspieler und meisterhafte Manipulatoren!

    Gruß
    Greenfox


    Schön finde ich ,dass er herausgearbeitet hat ,dass es Risikofaktoren gibt ,die individuell betrachtet und analysiert werden sollten ,bevor man sich auf den Weg der Abstinenz macht.

    Naja, für mich bedeutete es eher, "während" man sich auf den Weg macht - aber auch ich fand den Beitrag Spitze.
    Habe schon mehrere Vorträge von Prof. Lindenmeyer live erleben können und fand sie alle sehr informativ - und vor allem: lebendig rübergebracht! Bei anderen Vorträgen neigt man manchmal zu einem Nickerchen - aber bei ihm definitiv nicht!

    Sehr schön - find ich gar nicht so selbstverständlich. War ja doch eine ziemlich deprimierende und "gefährliche" Zeit (für uns Süchtlinge).


    Hallo Greenfox
    Nachdem ich nun lange über die Idee mit der E-Zigarette von dir nachgedacht habe, werde ich es einmal versuchen.
    Dein Erfolg gibt dir ja recht, aber jeder tickt halt auch anders.

    Was ist ist eigentlich aus dem Versuch geworden??

    Gruß wikende091
    Greenfox

    Das Problem beim Alkohol ist die Akzeptanz in der Gesellschaft.

    Ja, hinter der "Gesellschaft" kann man sich gut verstecken.
    Du, nur Du alleine bist verantwortlich. Im Thread "Bewahrung der Abstinenz durch "Selbstfürsorge"" haben wir mal ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben.
    Und auch ein paar Links zu einigen interessanten Themen (Beispiel: "Alkohol in Nahrungsmitteln - Wie gefährlich sind Rotweinsoße und Co wirklich?") dagelassen.
    Vielleicht interessiert und inspiriert es Dich ja.

    Gruß
    Greenfox

    Will nur noch ein paar Worte zu den Themen KT (Kontrolliertes Trinken) und "alkoholfreie" Biere/Weine/Sekt o.ä. sagen:

    AmSee13 hat ja schon geschrieben, wie schwer es ihr mit dem KT gefallen ist. Kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Das war so, als wenn man sich vorgenommen hat, "nur ein bißchen Sex" zu haben und kurz vor dem Höhepunkt aufhören zu müssen - eine Qual.
    Da ist es mir wesentlich einfacher gefallen, ganz auf den Alkohol zu verzichten als mich ständig zügeln zu müssen.

    Und bei den "alkoholfreien" Alternativen spielen 2 Faktoren eine Rolle:

    Zum Einen dürfen sich in Deutschland Getränke "alkoholfrei" nennen, die sich anderswo nur "alkoholarm" nennen dürfen, da immernoch ein kleiner Restalkohol enthalten ist. Und das zusammen mit dem Geschmack triggert dann das Unterbewusstsein, welches sich dann natürlich - zu Recht - verscheißert vorkommt und nach dem "richtigen" Stoff verlangt.

    Mehr zu diesen Themen findes Du übrigens auch in der Rubrik "Bewahrung der eigenen Abstinenz durch "Selbstfürsorge", dieser Ausschnitt stammt aus einem/dem Link "Wie gefährlich sind Rotweinsauce und Co wirklich?", die wir dort zusammengestellt haben zu Themen, die unseres Erachtens interessant und wichtig sind.

    Vielleicht stöberst Du auch mal ein wenig in DIESEN Links?!?

    Gruß
    Greenfox

    Hallo!

    Also, ICH kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass es mir viel gebracht hat, mich mit anderen Betroffenen direkt auszutauschen, zu unterhalten.
    Nur einem Hörbuch zu lauschen und dann zu meinen "Oh, jetzt wird alles gut!" halte ich für sehr sehr, SEHR weit hergeholt.

    Was es mir gebracht hat, kannst Du HIER in meiner Geschichte nachlesen. Mir haben erst die Gespräche die Augen geöffnet, mir bewusst gemacht, was mein Problem ist.
    Natürlich habe ich auch entsprechende Bücher gelesen und das hat mir auch einiges Hintergrundwissen vermittelt. Aber das Wichtigste waren für mich die direkten Kontakte. Wenn es mir Scheisse ging, haben sie mich aufgebaut, wenn es mir gut ging, konnte ich mich mitteilen - und ich konnte meine Erfahrungen (gute und schlechte) mit anderen teilen.

    Und vor allem: Der PERMANENTE/regelmäßige Kontakt. Nicht nur dann, wenn man Lust hat, sich das Hörbuch anzuhören.

    Ich kann Dir nur empfehlen, es mal mit einer SHG zu versuchen. Zum Glück dürften jetzt ja wieder viele Gruppen stattfinden.

    Gruß
    Greenfox

    Hallo, Schwachestarke!

    Habe mir gerade erstmal Deinen ersten Faden angeschaut und muss sagen, dass ich von Deinem Nickname nur den ersten Teil sehe. Den zweiten Teil hältst Du scheinbar irgendwo unter Verschluß nixweiss0

    Verzeih, aber ich bin kein Freund der Samthandschuhe - weder auf Arbeit, noch in der Suchtselbsthilfe. Dazu habe ich selbst zu viel Scheiße durchgemacht und mir alles selbst schön und damit kaputtgeredet.

    Mein Mann will nicht hören, dass wir weniger trinken sollten…aber ich habe Angst: wir haben eine kleine Tochter…noch merkt sie nicht, dass wir jeden Abend betrunken sind…aber der Tag wird bald kommen!

    Wie alt ist sie?? 3-4 Monate?? DANN würde sie nichts mitbekommen - aber dann hättest Du sie bekommen, WÄHREND Du kräftig Alkohol getrunken hast. Und das würde ich schon als gefährliche/schwere Körperverletzung einstufen.
    Aber ich glaube eher, sie ist älter als 2 Jahre und sie war schon bei Deinen letzten Posts da. Nur - täusch Dich nicht, was Kinder in diesem Alter schon alles mitbekommen! SEHR viel mehr, als wir denken und noch wesentlich mehr, als uns lieb ist.
    Ich weiß, wovon ich rede. Meine große Tochter war 2 Jahre, als ich zu meiner ersten Therapie ging und meine kleine Tochter war 3 Jahre und die Große 8, als ich vor 15 Jahren am Ende meines 4 Jahre dauernden Rückfalls zu meiner (hoffentlich) letzten Therapie ging. Und das, was die mir beide an den Kopf geknallt haben (Kindermund tut Wahrheit kund), obwohl ich auch dachte, sie haben nichts mitbekommen haben, waren neben meinen Selbstzweifeln und meinem Selbsthass die eigentlichen Auslöser, verdammt nochmal meinen Arsch hochzukriegen und etwas zu unternehmen.
    "Papa, will nicht kuscheln, Du stinkst schon wieder!" Das tut weh, wenn es Dir Deine 2jährige Prinzessin sagt!

    Aber ich habe auch Angst davor, niemals wieder Alkohol trinken zu dürfen. Ich habe vor 12 Jahren mit dem Rauchen aufgehört und möchte dies auch nie wieder. Aber beim Alkohol ist das gesellschaftlich irgendwie gefühlt anders. Alle trinken auf unseren Feiern…im Freundes- und auch Familienkreis!

    Ich bin so froh, nie wieder Alkohol trinken zu müssen!
    Der Alkohol hat nur noch mein Leben bestimmt: Wann kann ich endlich nach Hause, um etwas zu trinken? Ist noch genug da? Muss ich noch etwas besorgen und wo hole ich den Nachschub heute? Gibt es am Urlaubsort auch Möglichkeiten, etwas zu trinken - Gaststätten oder, besser noch, Geschäfte, um billig etwas zu holen? Und, und, und ...

    Aufgrund meiner Position im Job könnte ich mich leider niemals an eine Selbsthilfegruppe oder Beratungsstelle wenden (wenn nur anonym). Ein Outing würde erhebliche Konsequenzen mit sich bringen (vermutlich könnte ich dann u.a. nicht mehr in diesem Job arbeiten).

    Ich frage mich, was für Vorstellungen Du im Kopf hast?! Glaubst Du etwa, dass in dem Moment, wo Du zu einer Beratungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe gehst, leuchtet draußen auf der Straße und in allen Online-Medien ein großes Schild auf "Achtung! Achtung! Leute, schaut mal her, XY ist gerade zu einer Beratung/SHG für ... gegangen!!" ??? Ich habe soetwas noch nie gesehen. Da es nämlich ANONYM ist! Übrigens: auch wenn eine SHG nicht "Anonyme Alkoholiker" heißt, in ALLEN Gruppen werden die Personalien anonym behandelt!!
    Und selbst WENN Du in einer SHG eine/n Kollegen/Kollegin treffen solltest, dann garantiert nicht, weil er/sie Dir nachspioniert, sondern höchstwahrscheinlich, weil er/sie dasselbe Problem hat wie Du und etwas dagegen unternimmt!

    Sorry, aber Du nimmst Dich in diesem Fall für viel zu wichtig! Was ist den besser: Aus eigener Entscheidung die Weichen zu stellen - oder auf's Abstellgleis geschoben zu werden, weil sich irgend wann Fehler einschleichen oder Körper/Geist schlapp machen?

    Für mich liest sich das Ganze, dass Du am liebsten so weiter machen würdest wie bisher und darauf hoffst, dass eines (möglichst baldigen) Tages ein Mittel erfunden wird, der uns ohne jegliche Mühe und fast ohne eigenes Dazutun von der Sucht befreit - und Du trotzdem weitertrinken kannst.
    Sorry, aber noch ist Synthehol nur im Bereich der Science Fiction bei Star Trek zu finden und noch muss man selbst etwas dafür tun, um sein Leben zu gestalten. Entweder in die eine oder andere Richtung.
    Und dazu kann es auch gehören, dass man sich gegebenenfalls von seinem Partner trennt - lies mal hier in den Geschichten der Leute. Da wirst Du nicht nur eine solche finden.
    Denn wenn, dann solltest Du Dein Leben NUR und ausschließlich FÜR DICH - und natürlich im Interesse Deines Kindes, welches noch nicht für sich selbst verantwortlich ist und für sich selbst entscheiden kann - gestalten. Dein Mann ist für sein Leben selbst verantwortlich.

    Also: Entweder redest Du Dir weiter alles schön - dann Prost. Oder Du wirst aktiv.

    Gruß
    Greenfox


    Gibt es eigentlich auch nur einen einzigen Alkoholiker, den das, so lange er getrunken hat, interessiert hat, was Andere dazu sagen?

    Was meinst Du, woher meine Suizidgedanken kamen? Weil ich es immer wieder nicht geschafft habe, endlich aufzuhören und somit die anderen immer wieder nur enttäuscht habe. Und mich selbst.

    Und um diese beschissenen Gedanken zu vertreiben, habe ich wieder getrunken. Nur damit ich mich wieder beschissen fühle, weil ich es wieder nicht ... aus dem Kreislauf geschafft habe.

    Wie beim "Kleinen Prinzen":

    Der nächste Planet wurde von einem Säufer bewohnt. Sein Besuch war nur sehr kurz, doch versenkte er den kleinen Prinzen in eine tiefe Traurigkeit:
    »Was machst du hier?«, sprach er zu dem Säufer, den er stumm sitzend vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Flaschen vorfand.
    »Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
    »Und warum trinkst du?«, fragte der kleine Prinz.
    »Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
    »Was willst du vergessen?«, fragte der kleine Prinz, der ihm schon leid tat.
    »Ich will vergessen, dass ich mich schäme«, gestand der Säufer und ließ den Kopf hängen.
    »Über was schämst du dich?«, fragte der kleine Prinz beharrlich weiter, denn er wollte ihm helfen.
    »Ich schäme mich, weil ich saufe!«, sagte der Säufer abschließend und hüllte sich in tiefes Schweigen.

    Diese Geschichte beschreibt meine damalige Situation sehr gut. Und ich habe in meiner Gruppe und auch in den Entgiftungsstationen einige Menschen kennengelernt, denen es ähnlich erging.

    Zufriedene Abstinenz setzt eine positive Einstellung zum Leben voraus und erfordert jedochr auch eine gewisse finanzielle Absicherung. Wer im Niedriglohnbereich schuften muss, nicht von Beruf Sohn oder Tochter oder einfach wohlhabender Erbe ist, der hat es deutlich schwerer, diesen Zustand je zu erreichen. Wer tagein-tagaus grübeln muss wie er die Strom-, Gas und Benzinrechnung bezahlen kann und jeden Euro 2x umdrehen muss, für den ist der Zustand der Zufriedenheit eine gewaltige Herausforderung.

    Ich glaube, Du setzt "zufriedene Abstinenz" mit "Zufriedenheit mit dem/meinem gesamten Leben/Lebensumständen" gleich - und davon reden wir bzw. ich überhaupt nicht.

    Oder glaubst Du, ich bin zufrieden damit, mich jeden Tag mit ignoranten Leuten (egal, ob es Vorgesetzte/Kollegen und/oder andere Mitmenschen sind) auseinandersetzen zu müssen?? Oder damit, dass sich dauernd ein neues Zipperlein meldet??

    Ich möchte mich mal selbst zitieren:

    Zitat

    Zufriedenheit bedeutet gemäß dem Duden:
    - innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat;
    - mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen oder ähnlichem einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben.

    Und genau das ist der Zustand, in dem ich mich (in Bezug auf meine Trockenheit!!) nach meinem derzeitigen Empfinden befinde:
    Ich möchte nichts anderes (z.Bsp. mal wieder etwas trinken) und habe an meinem jetzigen Verhältnis zum Alkohol nichts auszusetzen und bin mit ihm einverstanden.

    Der Alkohol fehlt mir nicht (mehr). Ich vermisse nichts: weder etwas trinken zu „müssen“ und schon gar nicht den Zustand und die übrigen Begleitumstände „danach“.

    Der Begriff "Zufriedenheit" bezieht sich lediglich auf den Zustand der Abstinenz - nicht auf die Allgemeinsituation der Welt.

    Aber das ist ein völlig anderes Thema ...

    Vielleicht verstehe ich Dich irgendwie miss - aber ich kann Dir irgendwie nicht zustimmen.
    Denn ZUFRIEDENE Trockenheit hat für mich nichts mit Disziplin in diesem Sinne zu tun.

    Natürlich muss ich mich zu Beginn disziplinieren, bestimmte Verhaltensweisen einzuhalten, um nicht wieder zur Flasche zu greifen - weil irgendwo ganz hinten im Hinterstübchen noch etwas sagt "Komm schon - ein Gläschen erleichtert das Ganze! Das wird Dir gut tun!"
    Aber damit bin (bzw. war) ich zwar trocken - aber noch nicht wirklich zufrieden, da es ja noch quasi "Arbeit" war.

    Mittlerweile ist die ganze "Trockenarbeit", wenn man es denn so nennen will, vollkommen zur Normalität geworden. Ich brauchen nicht mehr drüber nachdenken. Im Prinzip ist es so wie beim Autofahren - Routine.

    Eins möchte ich jedoch betonen: Diese Routine besteht unter anderem auch deshalb, weil ich NICHT vergesse/vergessen will, warum ich sie mir überhaupt erst "erarbeitet" habe!
    Ich habe einmal verdrängt/vergessen, dass ich alkoholabhängig bin, habe nicht mehr dran gedacht - und das hat dazu geführt, dass die Routine nicht mehr existierte, ich einen Rückfall gebaut habe, dieser 4 Jahre angedauert hat und ich schwer zu kämpfen hatte, um da wieder rauszukommen!

    Wie gesagt - kann sein, dass ich Dich mißverstanden habe und wir beide trotzdem dasselbe meinen.

    Gruß
    Greenfox

    In meiner Vorstellung oben hatte ich nur kurz das Thema "Outing" angerissen.

    Da dies aber immer wieder thematisiert wird (sowohl in den Gruppen als auch hier im Forum), habe ich meine Gedanken und MEINE Erfahrungen dazu mal Hier in einem separaten Thread aufgeschrieben.
    Vielleicht könnt Ihr ja etwas damit für Euch anfangen.

    Wie ist das nun – soll ich mich outen? Einfach so sagen, dass ich Alkoholiker bin, aber eben keinen Alkohol mehr trinke? Und wenn ja – wem sage ich es? Allen? Nur meinen Freunden? Und wie sage ich es?

    Fragen über Fragen, die einen ganzen Rattenschwanz an Fragen nach sich ziehen:
    Kann/darf/soll ich überhaupt zu Hause meinem Besuch noch Alkohol anbieten?
    Was mache/sage ich, wenn man mir Alkohol anbietet, obwohl ich abgelehnt habe?

    Immer wieder kommen diese Fragen auf, sowohl in der Gruppe oder hier von Leuten, die noch ganz am Anfang stehen oder auch bei Krankenhausvorstellungen auf den Entzugsstationen.

    Meines Erachtens gibt es darauf nicht die eine Universal-Antwort.
    Ich habe meinen Weg gefunden und meine Entscheidung getroffen, wie ich in der "Öffentlichkeit" mit meiner Sucht umgehe – nämlich offensiv. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Von daher möchte ich hier nur schildern, wie ICH damit umgehe. Und dabei kann man nicht unbedingt alles einzeln sehen, denn alles greift ineinander und bedingt einander (teilweise).

    Als Erstes habe ich beschlossen, aus purem Selbstschutz in die Offensive zu gehen und meiner gesamten Umgebung (Familie, Freunde, Kollegen) „reinen Wein“ einzuschenken – so sie denn nicht schon den Grund meiner Therapie wussten. Ich habe so sinngemäß gesagt „Ich habe leider festgestellt, dass ich Alkoholiker bin. Daher habe ich eine Therapie gemacht. Und damit ich nicht wieder in den Suff rutsche, kann und werde ich in Zukunft keinen Alkohol mehr trinken. Also: Bitte bietet mir keinen an! Und sprecht mich an, wenn Ihr mitbekommen solltet, dass ich welchen trinke!

    Die Reaktionen waren durchweg positiv. Ich war allerdings überrascht, wie wenige überrascht waren von meinem Outing. Oft bekam ich ein positiv gemeintes „Na endlich! Wurde ja auch Zeit!“ zu hören. Aber auch das Gegenteil habe ich gehört. „WAS? DU Alkoholiker? Du hast doch kaum etwas getrunken!“ Das waren die, die mich nur auf irgendwelchen Feiern erlebt haben, wo ich natürlich vorgeglüht und mich dort SEHR zurückgehalten habe, um darauf zu lauern, endlich nach Hause und den Jieper befriedigen zu können.

    Außerdem habe ich allen erklärt, dass ich eben aus diesem Grund entweder überhaupt nicht zu Feiern, Festivitäten o.ä. kommen werde oder aber, wenn ich den komme, durchaus auch sang- und klanglos wieder verschwinden werde, wenn es mir zu viel wird. Vor allem werde ich dies abschiedslos tun, um mich nicht x-fach erklären zu müssen.
    Auch dies wurde erstaunlich gut aufgenommen und akzeptiert

    Dann habe ich auf den Rat von Gruppenfreunden gehört und meine Wohnung zur "alkoholfreien Zone" erklärt.
    Auf diese Weise komme ich gar nicht erst in die Verlegenheit zuzugreifen, sollte mich mal der Jieper ereilen. Ich müsste erst losziehen, um etwas zu holen. Und die Wohnung ist für mich so etwas wie ein sicherer Hafen, ein Rückzugsort.

    Damit sind wir schon beim nächsten Punkt: Wer zu mir zu Besuch kommt, wird keinen Alkohol von mir bekommen. Mittlerweile bin ich schon so weit, dass ich nichts dagegen habe, wenn Besuch eine Flasche Wein/Sekt oder auch ein Bier trinkt, der mitgebracht wurde. Aber ich kaufe keinen Alkohol und ich biete auch keinen an.
    Aber auch das habe ich vorher kommuniziert und es wurde akzeptiert.

    Natürlich hat sich die Zahl der Besuche – und „Freunde“ – zunächst reduziert. Es hat sich schnell herauskristallisiert, wer mein Freund war, weil man mit mir gut einen trinken konnte und wer wirklich mein Freund war.
    Ich habe mich SEHR gefreut, dass die Zahl der wirklichen Freunde überwog.

    Ja, und dann sind da natürlich noch die Situationen, wo einem Fremde Alkohol anbieten bzw. auch aufdrängen wollen.
    Da lehne ich einfach nur dankend ab. Eventuell noch mit dem Hinweis „Danke, ich trinke keinen Alkohol.“
    Wenn mir aber jemand – was leider auch immer wieder vorkommt – trotzdem UNBEDINGT und „nur EIN Gläschen“ aufdrängen will, DANN sage ich „Nein, danke, ich bin TROCKENER Alkoholiker – und das will ich auch bleiben!“
    Meist klappt dann die Kinnlade herunter und das Thema hat sich erledigt.
    Manchmal kommt es dann aber auch zu einem Gespräch über eben dieses Thema.

    Dies ist MEIN Weg. Für mich war er gut. Vielleicht ist er es für den Einen oder die Andere auch.
    Vor allem konnte ich ihn gehen, weil ich vorher mit meiner damaligen Frau über mein Problem gesprochen habe und ihr versucht habe, ES zu erklären.
    Natürlich kann man keinem Blinden die Farben erklären und einem Nicht-Süchtigen die Probleme eines Süchtigen - aber sie wusste ja, was mit mir los war und dass ich das ändern wollte. Also hat sie hinter mir gestanden und alles mitgetragen. Selbst die "alkoholfreie Zone" - die 4-5 Gläser Wein, die sie im Jahr trank, hat sie dann eben bei ihren Freundinnen getrunken und nicht mit ihnen bei uns zu Hause.
    Die Trennung war jedenfalls nicht wegen alkoholischen Gründen 8)

    Aber jeder muss seinen eigenen Weg finden. Vielleicht einen Mittelweg …
    Dies soll nur eine Gedankenanregung sein.

    Was meint Ihr?

    Gruß
    Greenfox

    Bisher warst du für mich gar nicht richtig greifbar, du warst für mich der Administrator, der jahrelang" trocken" ist und der hier alles regelt.
    Durch deine Geschichte habe ich einen Greenfox kennengelernt, der selbst sehr viel unternommen hat mit sehr vielen Hürden, um vom Alkohol los zu kommen.
    Und wie ich lese ,war es ein langer und schwieriger Weg.

    Danke. Das war auch ein Gedanke dahinter, meine Vorstellung nochmal vorzuholen und zu ergänzen. Die "Alten" hier werden oft ja nur als "Inventar" wahrgenommen und nicht wirklich als Menschen, die selbst Betroffene sind - so zumindest manchmal mein Gefühl.
    Dabei kann ich mich, auch nach all den Jahren, noch zu gut daran erinnern, wie es war, besoffen in der Ecke zu liegen und sich zu wünschen, endlich den Löffel abzugeben, weil man ja doch zu nix taugt. Nennt sich "Flashbacks".
    Und ich WILL es auch gar nicht vergessen (so wie manche es am liebsten wollen) - denn es bewahrt mich davor, leichtsinnig zu werden und wieder abzurutschen (hoffentlich).

    Und nur wenn ich von mir selbst erzähle, kann ich den Menschen meine Sicht glaubwürdig rüberbringen. Glaube ich.