Hallo Melody36,
Also: ich bin weiblich und 36 Jahre als. Trotz meines ganzen Konsums, (...) hat sich mein
Körper ziemlich gut gehalten und ich werde meist auf Ende zwanzig geschätzt.
Vielleicht auch eine Sache, weswegen man ich mein Problem nicht richtig wahr haben will.
Ich schreibe Dir als Tochter einer Alkoholikerin, die immer tadellos funktionierte, im Beruf,
als Mama, im Haushalt, abends auf der Terrasse. WIE anstrengend das sein muss, begreife
ich erst heute. Weil ich als Co-Abhängige ebenso viele Muster beherrsche, mich von meinem
echten Elend (Stillstand, unerledigte Themen, zuviel Anspannung deshalb, ... alles phasen-
weise und nicht immer) selbst abzukoppeln.
Als Frau mit gepflegtem Erscheinungsbild nimmt einem wirklich kaum jemand ab, DASS man
Probleme hat. Ich las das sogar mal als empirisch bewiesen, dass weibliche Sucht (Alkohol
o.a.) viel viel länger andauert, ehe sie entdeckt wird. Die Süchtige tut eh alles, um es zu
verbergen, und das Umfeld möchte auch lieber an der hübschen Erscheinung festhalten.
Auf die Weise verlängert sich der Weg bis hin zum Aufdecken, Einknicken, Kapitulieren oft
auf sehr schmerzhafte Art. Es ist eben KEINE Hilfe, jemanden NICHT anzusprechen, seine
Themen "durchgehen" zu lassen, weil dann das Übel kleiner und besser handhabbar erscheint.
Nun bekomme ich langsam auch die körperliche Returkutsche für meinen Lebensstil. EKG nicht
gut, muss zum Kardiologen, Blutarmut und eigentlich müsste ich in eine Entzugsklinik.
Das meine ich mit "verlängert sich der Weg" - und die Verschlimmerung des inneren
Kraftverlusts durch die Auswirkungen der herrschenden Sucht.
Ich frage mich, was ich machen soll. Meinem Umfeld kann ich davon nix sagen. (...)
Ich hab alle schon zu sehr belastet. Aber das eigentliche Problem verschweige ich.
... dazu nochmal als Tochter einer Alkoholikerin: Das Verschweigen ist schon der Irrtum.
Ich habe es all die Jahre mit erlebt, das Trinken meiner Mutter. Immer gepflegt, nie öf-
fentlich maßlos, nur gute (trockene) Weine, ... a b e r sie roch nach Alkohol, auch nach
ihrem Mittagsschlaf am Wochenende, ihre Hände zitterten beim Kochen, sie hatte Stim-
mungsschwankungen je nach Pegel, ... es war längst zu merken, dass sie NICHT in ihrer
Balance war.
Ich hatte eine von der Sucht gelenkte Mutter, mit Schuldgefühlen und emotional sehr weit
von sich und ihrer Selbstannahme entfernt. - Heute erst sehe ich diese Zusammenhänge
alle. Auch ich denke, ich "schone" "die anderen" ... ?!? ... Da lügt mich schon die Sucht
an! Sie sagt nämlich: Schone mich, lass mich nicht auffliegen, wir haben es doch gut
miteinander.
Bei mir führt das dann auch zu Mustern, mit denen ich mir selbst einreden will, es ist
doch alles gut. LEUGNEN nennen die Psychologen das, es fühlt sich aber eher an, wie
abwarten, ob nicht ... hm, was ... ? Sich was ändert, während ich einfach ganz was
anderes mache. (Und so tue, als hätte ich kein Problem.) Berufliche Erfolge oder Ziele
sind hochrangige Platzhalter für das Eingeständnis, dass es viel tiefer wirklich weh tut.
Ich bin Alkoholikerin.
Und ganz kurz vor dem Ruin. Ich kann nämlich gerade gar nicht mehr.
Die Klarheit in diesen zwei Sätzen schafft beim Lesen in mir umgehend Ruhe und Frieden.
Ich glaube, wenn die Wahrheit (Sucht als Erkrankung) da sein darf, ebenso wie die Wahr-
heit der Gedanken und Gefühle, dann fällt viel Spannung ab.
Sorry, falls das sehr konfus ist. Aber aller Anfang ist schwer.
Ich finde an Deiner Vorstellung gar nichts konfus. Ich kenne die Zerrissenheit, in die ich
gerate, wenn meine Wahrheit nicht mehr einfach sie selbst sein darf. Dann wird es konfus
in mir selbst. Und ich gerate dann in die Grätsche zwischen "ist das?" und "ach nö, lieber
anders". Ich wäre dann gern anders und merke nicht, dass ich damit mich selbst ablehne
und stehen lasse.
Ich habe totalen Respekt, wie Du hier Deine Situation offen legst. Es kommt viel von Dir
als Person an, auch dass Du Dich selbst "dabei hast", wahrnimmst und siehst. Deine
Fragen sind aus meiner Sicht vielleicht eher Ausdruck davon, dass Du lieber nicht an
dem Punkt wärst, an dem Du körperlich und seelisch gerade bist. (Alle? Das kann Angst
machen, weil man ja gar nicht weiß, wer man/frau ohne Sucht und/oder Leistung eigent-
lich überhaupt noch ist.)
Danke für Deine Ehrlichkeit und fürs Erinnern, wie wichtig das Anerkennen meiner Über-
forderung ist, wenn ich hinein geraten bin. Sie läutet dann nämlich alle weiteren Runden
ein und ich verliere mich selbst.
Ich wünsche Dir Klarheit, Kraft und alle nötige Unterstützung, die Du bekommen kannst,
um körperlich und seelisch irgendwann wieder aufatmen zu können, ohne Fremdbestim-
mung und Ausbeutung durch die Sucht. Erst muss sie aus dem Feld, dann ist Wiederauf-
bau möglich. (Ich töne jetzt mal so klug damit raus, habe das aber verbrieft von vielen
Genesenden.)
Liebe Grüße und weiterhin Mut zum Offenlegen, 44. wünsche ich Dir! ![]()
Wolfsfrau