Hallo und Willkommen an Bord, liebe Schreiberin, 
ich habe Deinen Bericht ganz gelesen und kann Dir die Verzweiflung nachfühlen,
die Du in Deiner familiären Situation täglich erleben musst.
Bei mir war es nicht so "schlimm" (sichtbar) wie bei Dir, dass meine Eltern zuviel
tranken. Sie bemühten sich selbst, die Fassade aufrecht zu erhalten. Dafür wurde
nicht ich heran gezogen, Arbeiten im oder am Haus betreffend.
Aber emotional bin ich mit demselben Erbe ausgestattet (worden) wie Du: Mich
überverantwortlich für das Wohlergehen meiner Eltern zu fühlen. Das klingt völlig
verrückt, eben weil ich, ähnlich wie Du, mit gesunder Wut auf diese Überforderung
und Einschränkung, mein Leben betreffend, zu reagieren begann. Trotzdem steckte
ich fest, zwischen Wut und Schuldgefühl. Das war sehr zäh und aufreibend. 
Ich habe eine längere Therapie gemacht und begriff dort nach und nach, wie sehr
sich die Regeln einer dysfunktionalen (Gefühle deckelnden) Familie in mein Denken
und Fühlen eingegraben hatten. Ich konnte gar nicht merken, was schräg war, es
war ja so vertraut! Ich kannte keine anderen Gefühle als Druck, unterdrückte Wut,
hilflosen Kummer, Schuldgefühle, Selbstzweifel, stumme Anstrengung und Aushalten,
usw. ... - Gerade bin ich froh, das in der Vergangenheitsform schreiben zu können.
Gesund im Sinn von "kein Problem mehr mit diesen inneren Gefühlen" bin ich jetzt
nicht automatisch. Aber ich kenne andere, gesündere Zustände daneben. Ich konnte
eine Ahnung gewinnen davon, was iCH eigentlich fühle und will, wenn ich nicht in den
(aufgezwungenen) Reaktionen oder im Vorgreifen auf schwierige Verhaltensweisen
meiner Eltern (oder z.B. Autoritätsfiguren) gefangen und voll damit angefüllt bin.
Soviel vorne weg: Es gibt einen Weg aus dieser scheinbar allumfassenden Bedrängnis.
Auch aus der falschen Loyalität eines Kindes aus suchtkranker Familie (Thema: Weg
wollen). Bei Euch, wie auch bei uns, und bei unzähligen anderen Familien auch, haben
sich scheinbar schon früh die Rollen vertauscht. Sie wurden durch Deine Eltern sogar
aktiv von Dir abgefordert. (Ich finde das krass, wie sie Dich in der Entfaltung stören!)
Für sie Arbeiten übernehmen, damit ... (sie in Ruhe trinken können?)
Für sie Auto fahren und "Transporte" übernehmen ... (damit ... )
Ihnen Miete zahlen sollen, damit ... (sie mehr Geld für ... haben)
Ich lese das jetzt mal System-bezogen. Wer hat was, wovon?
Es dient alles IHNEN. So können sie ungestört ihrer Sucht nachgehen. Die Finanzen,
der "Biorhythmus" (Nachmittags-Schläfchen oder Trinken am Abend), die Kompensa-
tion nach außen (alles geputzt, Garten in Ordnung), ... alles ist durch das eigene Kind
abgedeckt. Mein lieber Schwan! - Ich finde das krass, würdelos (für Dich) und völlig
empathiebefreit/lieblos von Deinen Eltern. Ihre Sucht fordert auch Deinen Verbleib
in dieser auszehrenden Struktur.
Sucht spaltet die Gefühle ab, bestimmt ein emotional verarmtes Miteinander, saugt
allen Beiwohnern die Kräfte ab, ... sie frisst sich durch eine Familie, bis die alle ist.
Der Süchtige kommt mit etwas Glück am weitesten, die "Retter" (Gespräch suchen,
Einsicht wecken wollen) fallen oft schon auf halber Strecke aus. Und keiner erfasst,
worum es wirklich geht. Die Isolation eines Mitgefangenen in einem Suchtsystem
ist der schwierigste und aus meiner Sicht unmenschlichste Teil, den Du da mitträgst.
Deine Erschöpfung, die Entmutigung, in meinem Fall sogar Depressionen, scheinen
so gar nicht begründet (für die Menschen außerhalb der Familienfassade). Heftig!
Ich lernte viel über die Gebote dysfunktionaler Familien:
Ein "gutes Kind" spricht nirgendwo über die Suchtprobleme der Eltern.
Ein "gutes Kind" bekommt sein eigenes Leben gebacken (gefälligst), s. Fassade.
Ein "gutes Kind" vergnügt sich nicht ausgelassen, die Schwere der Eltern geht vor.
Usw. ... Es gibt so viele ungeschriebene Gesetze in dysfunktionalen Familien. Und
alle Lebensgeschichten von (inzwischen) "erwachsenen Kindern suchtkranker Fa-
milien oder Erzieher" gleichen sich auf verblüffende Weise. Ich fand mich in allen.
Von mir fiel soviel Druck ab, als ich das erste Mal eine junge Frau von ihrer
Beklemmung und Scham wegen des Trinkens ihrer Eltern sprechen hörte ...
Ich war nicht mehr allein, dieses Heimlichtun, Schweigen, alles allein tragen,
das war schlagartig VORBEI. - Und ich bekam sehr viel Rückendeckung in dieser
Selbsthilfegruppe damals, MEHR auf mich selbst zu achten, als mir meine Eltern
das je "erlauben" würden/könnten. Ihre Sucht brauchte mich ohne eigenes "ich".
Aber ICH, ich brauchte dringend innere Klarheit darüber, wer ich ohne sie war!
Das hat viele Kräfte in mir gefordert, aber auch hervor gebracht, ganz langsam
diesen inneren Wechsel zu wagen: Weg davon, was von mir verlangt und scheinbar
so unumstößlich ist, hin zu: WILL ICH DAS ÜBERHAUPT? FÜHLT ES SICH GUT AN?
Nein. Aber es ändern, das fühlte sich auf andere Weise schräg und anstrengend an.
Die Schuldgefühle zeigten mir unmissverständlich, dass mein Verhalten, Machtworte
für mich selbst zu sprechen, völlig neu und UNKOMPATIBEL mit den Erwartungen
daheim waren/sind.
Ich möchte Dir jedenfalls alle nötige Kraft wünschen, diesen Schritt, raus aus dem
kranken und Dich zerstörenden Gefüge, zu wagen. Egal womit, und egal wann. Nur
mit dem Wissen, dass unser Leben anders gedacht ist, als im Schatten krank lebender
Menschen auszuharren. (Die nachweislich nicht anders leben wollen.) Diese Gewissheit
konnte ich in mir stärken, allein indem ich genesenden Alkoholikern zuhörte, oder
co-abhängig aufgewachsenen Menschen, die mir ihre Art der Selbstfürsorge mitteilten.
Das war jetzt viel Text. :-X Ich hoffe, es ist etwas für Dich dabei. 
Ich find's toll, dass Du Deine Gefühle und Deine Not ernst nimmst, indem Du Dich
mitteilst. (Das war für mich damals der schwierigste Teil, das Schweige-Gebot zu
brechen und meine Wut erstmals zuzugeben.)
Liebe Grüße und bleib dran!
Wolfsfrau