Liebe Alina,
Deine Geschichte berührt mich sehr. Wie schön, dass Du hier schreibst und Dich so
offen anvertraust! Danke für Dein Vertrauen. ![]()
Ich schreibe Dir als Tochter aus suchtkrankem Elternhaus. Auch bei uns ist nie etwas
"Schlimmes" (Kräche, Gewalt oder so) passiert. Dennoch waren meine Eltern süchtig.
(Sie sind heute trocken, haben aber nie eine Therapie für ihre Seele gemacht.)
Und dennoch hatte IHRE Sucht für MEINE seelische Gesundheit Folgen. Alkoholismus
ist eine Familienkrankheit. Das bedeutet, dass sich auch das Denken und Fühlen von
uns Kindern verschiebt. Weg vom Unbefangenen, hin zu übermäßiger Sorge und Für-
sorge ... Wir lernen schon früh, unsere Eltern retten zu wollen. Ich denke, wir wollen
sie einfach als gesunde und starke Eltern wieder haben, damit sie für UNS da sein
können.
Auch ich bin mit diesem drängenden Wunsch aufgewachsen. Ich habe ihn weit mit
in mein Erwachsen-Sein mitgenommen und muss noch heute sehr aufpassen, nicht
wieder darin zu versinken, meine Eltern "retten" zu wollen.
Ich schreibe einfach mal aus meiner Sicht, was mir zu Deinen Gedanken und Gefühlen
einfällt, ja?
Er hat mir nie was Schlimmes angetan aber so gesehen auch nicht wirklich irgendwas Gutes
(woran ich mich erinnern kann) immer wenn ich ihn besuchen komme, ist es ist als würden
wir immer zusammenleben und es fühlt sich so normal und gut an außer natürlich dass er
durchgehend trinkt dabei, allerdings nicht gewalttätig oder so ...
Dieses vertraute, "friedliche" Gefühl mit meinen Eltern, wenn sie betrunken waren,
kenne ich auch. Ihre Entspanntheit fühlte sich unbedrohlich an. Ich dachte immer, ich
hätte es besser als die Kinder in Familien, wo es laute Streits zwischen den Eltern oder
Schläge für irgend jemanden gab.
Ich wusste damals noch nicht, wie wenig Gutes (wie auch Du schreibst) zu mir kam:
Echte Zugewandtheit, aktives Interesse, oder offen ausgesprochene Gefühle, Wärme,
eigene Lebensfreude. - Da war nur die gleichbleibende, eher passive Anwesenheit.
Tatsache war und ist, dass meine Eltern mir alles Lebensnotwendige gegeben haben,
und dass es mir äußerlich nie an etwas fehlte. Im Gegenteil, alles war sehr hochwertig.
"Nur" diese emotionale Verbindung zwischen uns blieb in Worten immer eher flach. Ich
weiß inzwischen auch, dass sie selbst das in ihren Familien nicht lernen konnten.
Und dass langer Alkoholmissbrauch auch zu Abstumpfung im Gefühlsleben führt.
Dein Papa scheint auch sehr durch seine Sucht ausgefüllt zu sein, mit wenig Offenheit
für Dein inneres Bemühen um Verbindung:
... aber wenn ich wieder nach Hause fliege bricht der Kontakt sehr schnell wieder ab.
Wir schreiben nur sehr selten auf WhatsApp. Meistens ist er dabei auch betrunken.
Hier ist es für Dich glaube ich sehr wichtig und befreiend, das Thema "Liebe" von den
Zwängen seiner Sucht zu unterscheiden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerz-
haft es ist, mit der Sucht des Elternteils allein zu sein UND auch mit dem Kummer darüber.
Ohne Austausch darüber, wie "gesunde Familien" und "gesunde Eltern" sich verhalten
würden, entsteht in Kindern sehr schnell das Bedürfnis, den Elternteil retten zu wollen.
(So kehren sich die Rollen um und wir Kinder verlieren den Blick dafür, dass auch wir
Aufmerksankeit und Liebe brauchen, um Lebensmut zu entwickeln und Freude zu fühlen.)
Das Wichtigste für Dich und Deine Unbefangenheit ist aus meiner Sicht, dass Du Men-
schen und einen Ort findest, an dem Du über all dies sprechen kannst. Es gibt, wie Dir
Dietmar schon schrieb, neben Beratungen auch freie Selbsthilfegruppen für Kinder aus
suchtkranker Familie. Dort hörst Du Geschichten, die Deiner teils haargenau gleichen.
Und Du lernst dort auch, wie Du mit Deinen Gefühlen, auch Deiner Liebe zu Deinem Vater,
umgehen kannst, ohne Dich von seiner Sucht und SEINER Entscheidung, nicht aufzuhören,
in Deinem Leben behindern zu lassen. ![]()
Diese bedingungslose Liebe die ich gegenüber ihm empfinde, weil er mein Vater ist,
quält mich weil ich keine Lösung finde wie ich ihm helfen könnte, weil er so weit weg ist.
Dazu möchte ich gern noch einen Gedanken ins Feld bringen:
Es ist möglich, dass Du so einen besonderen Sog und Schmerz für seine Unerreichbar-
keit spürst, WEIL er süchtig ist und möglicherweise schon sehr früh emotional für Dich
nicht wirklich aktiv und zugewandt da sein konnte. (?) Daraus kann das Verlangen in Dir
entstehen, ihn jetzt irgendwie aus seiner Sucht heraus zu bekommen, damit er für eine
nahe Verbindung zur Verfügung steht.
Ich schreibe das, weil ich auch hier denke: Das Wichtigste ist, dass Du für Deine Gefühle
ein offenes Ohr und Herz bei anderen, mitfühlenden Menschen (Berater oder Gleichgesinnte)
findest, die genau wissen, was in Dir vorgeht. Weil sie dasselbe erleben und sich daraus
befreien. Das meinen die Ratschläge hier, die sagen: Kümmere Dich um Dein LEBEN. Es
sollte ein Leben sein, kein Über-leben und dahin kümmern an Dingen, die gar nicht in
unserem Einfluss liegen!
Nähe, Wärme und Annahme durch Menschen, die das auch real geben können, :blumen2:
sind der beste Schutz für Deine Gefühle! Und sie helfen Dir, immer besser zu verstehen,
in welche unnatürliche und überfordernde Situation Du durch die Sucht eines Elternteils
selbst geraten bist.
Alle hier im Forum mussten sich - egal auf welcher Seite - frei von den Verwirrungen machen,
die die Sucht im Denken und Fühlen (und Handeln) eines Menschen bewirkt.
Ich wünsche Dir von Herzen Kraft, Neugier und Mut, Dich und Deine Möglichkeiten ganz neu
und im Schutz anteilnehmender Menschen kennen zu lernen! - Schreib' jederzeit hier, wenn
Du mehr loswerden willst. Auch ich begleite Dich hier gern weiter.
Liebe Grüße
Wolfsfrau
:sun: