Beiträge von wolfsfrau

    Also, ...


    Ich finde z.T - und das darf ich sagen, da ich selbst Anteile davon habe - dass spätere
    Angehörige von Abhängigen oft Menschen sind, die etwas besitzergreifend und kontrollierend sind.
    Und sie suchen sich oft Partner, die ihnen irgendwann den Anlass dazu liefern, kontrollieren zu dürfen
    (gebraucht zu werden).

    ... ich finde, das trifft so absolut AUCH zu. Es gibt so viele Konstellationen, in denen es "chic" ist,
    sich über den ausschweifenden, maßlosen oder unbeherrschten Lebensstil eines Nahestehenden
    aufzuregen, dass der Aufreger damit mächtig Mitleids-Punkte sammeln kann. Oder seinerseits
    große Bestätigung aus der "Anteilnahme" der schockierten Außenstehenden bezieht.

    Damit geht ein Sprachstil einher, der mehr "über" das Problem (den Menschen!) kommuniziert,
    als MIT ihm. Das ist sogar in co-abhängig sortierten Familien oft schon so und hält viele Süchtige
    IN ihrer Abhängigkeit fest. So ein Mensch kann es kaum schaffen, zu zeigen, was er SELBST
    will, leisten kann, fühlt oder denkt. Weil ja alle schon "wissen", DASS er ... Probleme hat, eine
    Zumutung für die anderen ist, jemand, der es allein nicht schaffen würde, oder sonstiges.

    Vielleicht wäre so eine Konstellation dann besser unterm Begriff "Sündenbock" aufgehoben.
    Ich stimme aber absolut zu, dass Co-Abhängigkeit durchaus eine Linderung für den Besorgten
    darstellen kann, wenn der sich dann nämlich geschützt weiß davor, seine eigenen Unzulänglich-
    keiten (und die Scham, die stattdessen dem Süchtigen überschrieben wird) aushalten zu müssen.

    - das ist ein ziemlich weites Feld und man muss ganz sicher unterscheiden zwischen "freiwillig"
    Beteiligten ("späteren Angehörigen" / Partnerwahl bei schon bestehender und erkennbarer Sucht)
    und den "unfreiwillig" Beteiligten (Kinder, oder Partnerschaft, wo die Sucht gerade erst entsteht ...).

    Sorry, wollte den Faden nicht schreddern. Vielleicht kann das Thema / die Debatte ja anderswo
    hin verlegt werden... ?

    Liebe Grüße und Danke für den Input!
    Wolfsfrau


    Hat jemand vielleicht ein paar Tipps, wie man am besten damit umgehen kann?
    Ich habe bisher nicht darauf geantwortet.


    Hallo Chillymilly,

    ich bin selbst Angehörige (Tochter) und habe meiner Mutter zu ihrer aktiven Suchtzeit
    ebenfalls mal einen Brief geschrieben, um zumindest selbst meine Position zu klären.
    (Dass ich ihre Sucht sehe, dass ich unter dem emotionalen nicht-Kontakt leide, und
    dass ich mir Sorgen um ihre Gesundheit mache, und dass es Hilfsangebote für sie gibt.
    Ich habe sogar von meiner Erfahrung mit Gruppen erzählt, um gar nicht erst Scham
    aufkommen zu lassen, oder den Verdacht, ich hielte mich für überlegen/problemlos.)
    Dazu legte ich entsprechende Broschüren von der Suchtstelle, alles ganz formal und real.

    Auch ich empfand ihre Antwort - ein dickes Kuvert (Broschüren) mit einem Zweizeiler -
    wie einen Schlag in die Magengrube: "Ich habe keine Verwendung dafür" (Unterlagen).
    Meinen Brief behielt sie immerhin.

    ... auch mir blieb nichts anderes übrig, als für mich festzuhalten: ICH habe alles mir mög-
    liche getan, um ihr zu signalisieren, dass ich da bin, wenn sie sich helfen lassen möchte.

    Der Schmerz, trotz wirklich offener Worte - auch über mich, meine Gefühle und eigenen
    Erfahrungen mit Machtlosigkeit und Lernprozessen, dass ich dafür Menschen brauchte -
    so GAR NICHT AN SIE HERANZUKOMMEN, war trotzdem da und einfach nicht zu lösen.
    Das ist ohne Frage eine harte Erfahrung als Kind.

    Also blieb ich auf Abstand. (Inzwischen trinkt sie nicht mehr, weil sie ihre medizinische
    Behandlung nicht gefährden will. Das war nicht abzusehen, freut mich aber als Tochter.)

    Ich wünsche Dir Mut und Klarheit, weiterhin auf einem FÜR DICH guten Kurs zu bleiben.
    Selbsthilfegruppen wurden Dir hier ja schon mehrfach ans Herz gelegt. :)

    Ganz herzliche Grüße
    Wolfsfrau


    Liebe Wolfsfrau, danke für deine Ausführung, jedoch gab es nicht was zu entschuldigen wäre.
    Dein Geschriebenes hat mich nicht wütend gemacht, es hat mich darauf aufmerksam gemacht
    wie viel Wut noch in mir steckt.


    Liebe freieGedanken,

    Dankeschön für Deine lieben Worte. Mir war einfach wichtig, auf keinen Fall zu ent-mutigen!
    Deshalb das "o weia" ... - Weil ICH das so schlimme finde, mich entmutigt zu fühlen von einer
    dahin gesagten Phrase, die mal eben alles in mir umkrempelt. Und ich kann dem mangels
    eigener Erfahrung oder positiver Bodenhaftung nichts entgegen setzen.

    Mit ihrer Wut gehen viele ACA's total bewusst um. Sie würdigen sie als Grenzmarker und
    gestehen sie sich zu, um Distanz zu allen missbräuchlichen Verhaltensweisen im Elternhaus
    zu schaffen, ohne Schnörkel. Viele brechen auch alle Brücken ab. Es ist ganz verschieden.

    Das wolle ich noch nachschicken. :)

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    Guten Morgen, liebe freieGedanken,

    o weia, da habe ich aber unachtsam formuliert gestern ... tut mir leid!


    merke ich wie wütend ich bin wenn es um den "Sprung" geht. Ich bin einfach unfassbar zornig
    das ich mit diesem Sprung leben "muss". Dieses keine Wahl haben, ...

    Doch, wir Erwachsenen Kinder haben eine Wahl, eine machtvolle. Wir dürfen uns selbst die liebe-
    vollen Unterstützer werden, die wir als Kind mit unseren wenig betreuten Erfahrungen gebraucht
    hätten. Das geht! - Die Wahl lautet: Mit sich selbst, den Gefühlen, Bedürfnissen, auch Grenzen so
    umgehen, dass wir nicht mehr allein sind. Einmal innerlich (da wohnt allmählich eine annehmende
    zugewandte, verständnisvolle, mitfühlende Instanz), und auch äußerlich: Hilfe einholen, Probleme
    ansprechen, "es" nicht mehr "allein hinkriegen" müssen.

    "dass wir einen Schaden haben", bezog sich nur darauf, dass wir Falsches gelernt haben und so
    lange dadurch behindert sind, bis wir es - mithilfe von Weggefährten und dem Reden/Zuhören in
    Gruppen z.B. - langsam zu identifizieren lernen als das, was uns von der eigenen Macht über
    unser Leben noch trennt.

    Das war nicht statisch oder übermächtig gemeint. Nur mit einem Augenzwinkern, dass wir an densel-
    ben Baustellen arbeiten, teils auch Eigenschaften haben, die entspannt aufgewachsene Kinder mögli-
    cherweise nicht im selben Maß haben. (Darunter auch gute wie Verlässlichkeit, Sensibilität, Loyalität,
    etc. ...) - Es geht immer eher um den Umgang mit Vorhandenem, nicht das Suchen nach richtig/falsch.

    Ich hoffe, ich habe es etwas entschärfen können. :blumen2:


    Und zur Literatur: Ich habe vollauf damit zu tun, die Tagestexte auf mich wirken zu lassen. ;) Alle anderen
    sind auf der ACA-Seite einsehbar, man muss gar nichts bestellen, kann erstmal ganz in Ruhe schmökern ...
    (Es geht auch hier nicht um viel-Einsatz für schnelles-Ergebnis, es ist das Schwingungsfeld, das nährt.)
    Ich habe festgestellt, dass ich teils an einem einzigen, auf mich zutreffenden Satz lange zu tun habe, im
    unterstützenden Sinn. Er liefert mir Worte für etwas, das ich zuvor gar nicht differenzieren konnte und
    fügt oftmals offene Enden zueinander, so dass ich neues "Land sehe" und mich nicht mehr so verstrickt
    oder orientierungslos fühle. :)

    Das Programm ist dasselbe wie bei Al-Anon, aber die Haltung ist viel viel mitfühlender, als ich es dort
    kennen gelernt habe. Ich bin auch bei Al-Anon gestartet, aber ich fühlte mich immer wie ein Versager,
    weil ich das mit dem "Abstand" zum Süchtigen (Mutter) nicht hinbekam. Äußerlich ja, samt Wut, wie Du,
    aber innerlich lässt es ja das riesige Loch an Nähewünschen und zu betrauernden Verlusten unbeantwortet.

    Dieses Mitfühlen mit mir selbst, gerade wie Du auch schreibst, mit der Wut, dass ich durch all das über-
    haupt ungefragt durch MUSS, wenn ich irgendwie zu meinem eigenen Leben finden will, das habe ich über
    diese Texte gefunden. Den Abstand zur gefühlten Machtlosigkeit, und die Erlaubnis, wirklich FÜHLEND zu
    akzeptieren, dass der andere in seiner Schale unterwegs ist, wie er ist, OHNE dass das etwas an meinen
    Rechten schmälert, mich gut zu fühlen. Und dafür wo immer nötig Rückendeckung bei Weggefährten zu
    suchen, um zu teilen. Hauptsache raus aus dem inneren Druck und diesem leicht entstehenden Vakuum.

    Sodele, das war's zu meinen Gedanken im Moment. Ich hoffe, ich habe alle Deine Fragen aufgenommen.

    :sun:

    Liebe Grüße in Deinen Tag,

    Wolfsfrau

    ... ich nochmal, liebe freieGedanken,

    bin noch wach und dachte mir eben, dazu möchte ich noch was sagen ... :)

    Zitat von: DieGedankensindfrei am Heute um 23:14:13

    Ich habe nur mehr und mehr Angst, einfach kein "Ich" zu haben, so aus Anpassungs-&
    Überlebensstrategie zu bestehen, das da einfach kein Individuum ist.


    Es gibt 12-Schritte-Gruppen ("Anonyme X", "Anonyme Y"), darunter auch eine Abteilung für uns
    "Erwachsene Kinder". Ich weiß jetzt nicht, ob Du die als Gruppe kennst. Der amerikanische Zweig
    heißt "ACA" (Adult Children of Alcoholics) und arbeitet mit hervorragender Literatur zur Begleitung
    und inneren Stärkung auf dem Genesungsweg VOM ich-losen Zustand hin zu der Person, als die wir
    gedacht waren/sind (wenn man von menschlichen Verzerrungen durch Umstehende absieht).

    Ich verlinke hier einfach mal die Seite von ACA, falls Du sie nicht selbst schon entdeckt hast:
    https://erwachsenekinder.org/taegliche-meditation/

    (Die "Architektur" und Begriffe der 12 Schritte kann man erstmal auch überlesen. Es sind die
    Feinheiten in den Beschreibungen, wie wir mit was umgehen, die z.B. mich total "abholen"
    und ermutigen, es wohlwollender und irgendwie machtvoller, nicht mehr so verloren, zu
    sehen.)

    Obwohl ich schon sehr viele Meetings der A-Gruppen (anonyme Gruppen) besucht habe und viel
    "wusste", helfen mir die Formulierungen in diesen Texten (z.B. Tagestexte) so sehr, mir liebevoll
    auf die Schliche kommen zu können. Nicht mehr mit diesem inneren Streber, der sich selbst am
    liebsten gegen eine bessere Person eintauschen WOLLTE. Ich will das nicht mehr! Das ist für mich
    ein Riesenfortschritt. Ich lerne, dass ich sogar die "kaputten" Muster lieben darf, dass sie überhaupt
    nicht meine Schuld sind. UND dass ich trotzdem eine Wahl habe, damit auch einen Ausweg, wann
    immer ich mich mit etwas unwohl fühle. Das nicht im Alleingang, sondern eben im Vertrauen darauf,
    dass mir für mein Leben nur das Beste zugedacht ist. (Nicht äußerlich, sondern im Gefühl von Wert,
    Liebe, Nähe, Ausdruck, Kreativität, Rechten, allen Gefühlen, ... und dass ich das gezielt angehen 'darf'.)

    Ich möchte Dir diese Texte ans Herz legen, oder überhaupt solche kleinen Kraftquellen, die mehr
    auf Annahme (des Sprungs) zielen als auf "weg damit". Ich habe meine Selbstlieble mit der "weg"-
    Variante unzählige Jahre ausgesperrt, immer auf der Flucht vor mir. Warum eigentlich? In ACA weiß
    "jedes Kind", DASS wir einen Schaden haben. Wir SIND aber nicht mit ihm zu verwechseln. Wir
    können lernen, MIT uns zu leben, auch mit Leerstellen und allem, was es da noch zu entdecken gibt.

    Das "wir" ist der Sicht entlehnt, dass 'wir' - alle Erwachsenen Kinder - alle im selben Kahn (schon
    wieder) sitzen.

    Zum Thema "Muster ans eigene Kind weitergeben" wird Dir vielleicht noch jemand schreiben, die
    selbst in Deiner Position war oder ist. Ich denke dazu einfach: Je ehrlicher die Kommunikation mit
    sich selbst wird, umso leichter wird es auch, Schwieriges auszusprechen, Verantwortung dafür zu
    übernehmen (ohne in Scham oder Schuld unterzugehen), ... dem Gegenüber (Kind oder Partner)
    damit auch wieder klaren Raum für seine eigenen Gefühle und Befindlichkeiten zu lassen. Heilung
    ist auch hier ein ganz eigener, oft unmerklich einsetzender Prozess, der sich dann auch in den Be-
    ziehungen positiv niederschlägt.

    Ich glaube, dafür ist es völlig egal, welche Gruppe, Literatur, Therapieform oder andere Quelle man
    nutzt. Hauptsache, sie passt zu einem selbst. Bei mir hat sich die Angst durchs Annehmen verringert.
    Angst davor, pedantisch zu sein? Feststellen (wertfrei), das bin ich. - Nicht schön, aber wer sagt das
    eigentlich? usw. ... Viel bei der Heilung dreht sich eigentlich ums Aufhören, sich abzuwerten.

    Jetzt habe ich genug "Schlaues" geschrieben.

    Schön, dass Camina Dir etwas aus der Sicht einer Mutter schreiben konnte. (Ich bin leider keine.)

    Für jetzt eine geruhsame Gute Nacht,
    und bis zum nächsten Mal, liebe Grüße

    Wolfsfrau

    Hallo, liebe freieGedanken, :)

    Hallo und ein erstes herzliches Willkommen hier im Forum!

    Ich bin gerade über Deinen Beitrag gestolpert und möchte gern mit Dir teilen.


    Ich lächele während ich das tippe und dennoch fühlt es sich so unbeschreiblich tief und traurig an.
    Ich lache und weine buchstäblich gleichzeitig.

    Mein erster Einfall dazu war eben: Es klingt wie die Ungläubigkeit eines verdutzten Kindes, das
    nicht weiß, ob nun das Leid stimmt oder die Tatsache, dass es trotz allem lebt ... ? Als wäre ein
    Hurrikan über Dich hinweg gefegt und Du weißt nicht, wie Dir geschehen ist, was von allem "Du"
    bist.

    Namen für das Geschehene finden, es ausdrücken, zugewandte Reaktionen darauf in den
    Gesichtern Deiner Gegenübers erleben, das wünsche ich Dir gerade von Herzen! Schön, dass
    Du schon in eine Gruppe gehst und so einen Rahmen hast, wo sich-zeigen möglich ist und auch
    geschützt.

    Die gefühlte "Behinderung" teile ich mit Dir. Auch wenn in meinem Elternhaus nichts äußerlich
    trostlos war, naja, außer den Gesichtern eben. Ich bin Einzelkind und habe viele Erfahrungen
    zum Umgang mit mir, meinen Gefühlen, iM Kontakt, überhaupt gleichberechtigten Kontakt, nie
    wirklich gelernt. Ich konnte nur "Anpassung" (völlig im Kopf des anderen sein) oder Weglaufen.
    Oder gleich Wegbleiben (Partnerschaft als Thema).

    Ich glaube, das ist wirklich so: All diese unnatürlichen Abläufe daheim, und die passend dazu
    erworbenen Anpassungsmuster, um da irgendwie noch "durchzukommen", die kleben einem
    wie eine Steuerflosse unterm Kahn. - Wo ich gerade bei diesem Bild bin: Ich glaube zutiefst
    an die Möglichkeit, herauszufinden, wie diese Flosse auf welche Situationen reagiert. Erstmal
    meine eigenen typischen Reaktionsweisen zusammen zu tragen. - So lange das eben braucht.
    Und dann, wieder mit aller Zeit der Welt, eins nach dem anderen oder so, wie sie aufsteigen,
    anschauen. Was passiert da? Wie nennt sich das? - Will ich das überhaupt? Was zieht mich
    wirklich an, was weckt Freude in mir (oder so)? - Bis man irgendwann diese Flosse anfassen
    und gelegentlich vielleicht umlenken kann.

    "Man" ist immer doof, ich spreche nur so allgemein, um es weder Dir noch mir anzudichten.
    Niemand weiß ja vorher, wie Dein Weg oder meiner wirklich aussieht, und wie Heilung letztlich
    geschieht. Wodurch sie angestoßen wird, welchen Verlauf sie nimmt, das fließt ja eher, als dass
    wir vorher wüssten, wie es zu machen sei. (In meinem Fall GottseiDank, ich würde es noch
    schaffen, sie kaputt zu planen.)

    Einfach liebe Grüße, Mut und vor allem ganz viel Geduld mit Dir und Deinem Tempo,
    das wünsche ich Dir für jetzt!

    Wolfsfrau

    Hallo Ella,

    ich vermute, Dir stößt auf, dass Alkoholabhängige mit suchtbedingten "Ausfällen"
    (incl. Kriminalität) eher noch "ungeschoren" davon kommen, als die Menschen, die
    im Zusammenleben mit ihnen und ihren "Ausfällen" ernsthaft in Gefahr geraten.

    Das Thema Gewalt und Missbrauch in Beziehungen würde ich trotzdem gesondert
    betrachten, da es zwar verbunden mit Alkoholsucht auftreten kann, aber auch ohne.
    Dass es unzumutbar und für die eigene Psyche total zerstörerisch ist, solche Erfah-
    rungen wiederholt zu machen, ist keine Frage! - Das möchte ich damit nicht klein
    reden.

    Es gibt darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen dem Ausbilden eigener
    Grenzen und von Selbstachtung und der "Bereitschaft", Leute zu tolerieren, die
    genau das untergraben oder missachten. (Wie es z.B. früher Familienmitglieder
    gemacht haben, falls Du/man aus einer dysfunktionalen Familie stammt. "Dys-
    funktional" bedeutet sowas wie "krank im Umgang mit Gefühlen und mit Respekt".)

    Kinder aus dysfunktionalen Familien (oft ist Sucht der Eltern oder Erzieher beteiligt)
    tragen verformte und unterentwickelte Grenzen mit sich herum, die es gewaltbereiten
    oder macht-orientierten Menschen leicht machen, sich auf ihre Kosten breit zu machen.
    DA sitzt der Punkt. - Und an der Stelle können Betroffene (unterdrückte Menschen)
    etwas für sich tun.

    Die eigene Heilung kann Boden gewinnen, ganz unabhängig davon, ob man/wir Macht
    gegenüber einem Übeltäter haben, ihn dingfest zu machen, oder nicht. Weggehen, sich
    eine eigene Existenz aufbauen, Abstand halten, rechtlichen Beistand nutzen, ... all das
    sind Mittel und Wege, auf die man Zugriff hat. (Eigene Angelegenheiten.)

    Es liest sich gut, dass Du bereits in Therapie oder Beratung bist! :)

    Und ich wünsche Dir Kraft und einen langen Atem für den Weg, den Du Dir da bahnst!

    :blumen2:

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    Hallo liebe Leonie,

    hiermit ...


    ... , ohne dass man in den Sumpf gerät, in dem der Partner zu versinken droht.

    bist Du aus meiner Sicht am Herzstück der eigenen Genesungsarbeit angelangt!

    Genau darum geht es:
    - den anderen mit SEINER Sucht sehen
    - wissen, die löst auch bei mir (als nahestender Person) Leid aus
    - ich muss auf MEINE Gedanken und Gefühle achten
    - ... schauen: Wo steige ich auf SEIN Thema ein, will ihn ändern?
    - Alternative: Klar formulieren, was iCH von Beziehung erwarte !

    Das ist ein ganz neues Lernen.
    Statt sich um den anderen zu "sorgen", für ihn MIT zu denken/tun,
    immer klarer bei sich selbst bleiben, dort echte Ehrlichkeit suchen.

    "Wir" Co-Abhängigen (ob Du Dich dazu zählst, weiß ich nicht) neigen
    nämlich gern dazu, eigene Ängste - vorm nicht-genügend-sein, oder
    vorm Verlassen-werden - durch Aktionismus an uns und anderen zu
    verdrängen.

    Tatsächlich bin iCH immer dünnhäutiger geworden, je mehr mich die
    wiederkehrende Enttäuschung durch süchtige Menschen dazu zwang,
    ANZUERKENNEN, dass ICH SO NICHT KANN. Dass mir das nicht genügt!

    Ich habe in meinem Leben Glück und Freude sowie Leichtigkeit verdient.
    Ich bin berechtigt, mein Leben so zu führen, dass auch meine Bedürfnisse
    gedeckt sind. Und ich darf mich jederzeit dahin bewegen, wo das geschieht.
    (Heißt: Auch Baustellen verlassen, die Kraft kosten, ohne Veränderung her-
    vorzubringen. Kontakte, Projekte, Menschen, ... ganz egal.)

    Das kollidiert erstmal mit allem Gelerntem über "gute Beziehung". Für
    einander da sein, einstehen, keine Alleingänge, ... die ganze alte Formel.
    So funktioniert das aber nicht (nur)! - Ohne klares "ich" kein "wir". Man
    kann kein "wir" betreiben oder stärken wollen, ohne eigene Grenzen mit
    ins Spiel zu bringen. Das "wir" gestaltet sich durch die Grenzen selbst,
    sonst ist es ein Matsch zwischen zwei Menschen, die einander gar nicht
    erkennen können. (Weil keiner klar sagt, was er will und was keinesfalls.)

    Wieder ein "Paket". ;) Ich kann nicht immer "kurz".

    Lass Dir Zeit beim Aufnehmen, und stell' einfach weiter Deine Fragen,
    finde ich so.

    :sun:

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    Das Ding ist nämlich jetzt, dass ich meinen Mann mit dem Wissen von hier,
    mit etwas anderen Augen sehe.


    Hallo Leonie, :)

    das ist ein sehr wertvolles Ergebnis Deiner ersten Auseinandersetzung
    mit allem. Ich schreibe das voller Anteilnahme und Wertschätzung, auch
    für Deinen Mann.

    Ich habe eine Therapie gemacht, um mich aus anderen Abhängigkeiten
    (eher emotionale) frei zu schaufeln. Es ging um Sucht (meiner Eltern),
    und mein Therapeut brachte mir seinen Blick darauf näher:

    "Ich schätze Dich sehr und mir liegt alles am Herzen, was Dich bewegt."
    "UND ich lehne Deine Sucht ab." - Ich will Dich, nicht Deine Sucht. :)

    Das war für mich ganz neu damals. Ich dachte immer, wenn ich die
    Sucht ablehne, fühlt sich auch der Mensch zugleich mit abgelehnt.
    Ich dürfte die Sucht also nicht offen ablehnen, sonst verletze ich die
    Person. :o - uff. Das ist auch Co-Abhängigkeit, in den Kopf und in
    die Gefühle des anderen zu kriechen, statt mir meine eigenen zu
    erlauben. OHNE Angst, damit irgendwas auszulösen. (Die Macht habe
    ich genau genommen nicht. Interpretieren tut der andere ganz allein.)

    Ehe es jetzt wieder so ein "Paket" wird, ende ich mal hier. ;)

    Nur soviel: Keine Angst vor all den Erkenntnissen samt ihrer Wider-
    sprüchlichkeiten. Es ordnet und verfeinert sich alles mit der Zeit.
    Das einzige, was Du beisteuern kannst, ist einfach offen und bereit
    zu sein, Dinge einzulassen und in Ruhe auszuwerten, so etwa.

    Liebe Grüße und allzeit genügend Rückzüge in gesunde Kleinigkeiten
    des Alltags, eine duftende Blume oder eine Stunde Sonne z.B., ...

    Wolfsfrau

    Hallo Leonie,

    Auch mit der unheilbaren und gefährlichen Co Abhängigkeit, wenn ich jetzt sicher wüsste,
    dass ich davon betroffen bin, dann würde ich ganz anders agieren.

    "Unheilbar" ist sie nicht. Aber sie verschwindet nicht durch "Ich pack' das auch allein!"
    "Gefährlich" ist sie nur, wenn der Drang, es irgendwie "hinzukriegen" die Oberhand hat.

    Entlastend ist einfach die Bereitschaft, anzunehmen, dass man - egal wie es nun heißen
    mag - am Ende seiner eigenen Kräfte (mental, nervlich, seelisch und oft auch körperlich)
    IST.

    Dann werden die eigenen Belange, die Erholung, der innere Abstand zum Dauer-Thema
    (Sucht-oder-doch-nicht und wie-da-raus) WICHTIGER als die Frage, ob oder nicht man
    X ist oder nicht ist.

    Es geht um Deine eigene innere Ganzheit und Gesundheit. Das will ich damit sagen. :)
    (Eigentlich egal, ob man mit einem süchtigen Menschen verbunden ist oder nicht.)

    Liebe Grüße und stetiges Weitergehen, in Deinem ganz eigenen Tempo,
    wünscht Dir die
    Wolfsfrau

    ... und das ist es eben: Du kämpfst SEINEN Kampf. Von selbst käme da wenig?

    Dann denke ich, hast Du es bereits mit seiner Sucht zu tun. Sie steht an erster
    Stelle. Trinkpausen, "Beweise" der Wahl, aufhören zu können, wenn man will ...
    - das sind dann vermutlich eher Versuche, DICH bei Laune zu halten.

    Die Sucht sitzt mit in Eurer Beziehung. Sie lenkt sein Verhalten (möglichst bei
    der Sucht zu bleiben), sie lenkt Deines (sie in Schach zu halten). So habt ihr
    beide unterschiedliche Interessen an der Sucht und begegnet Euch darüber,
    über diese Rollen. Er steckt drin. Du willst ihn rausholen. - Und was hat sonst
    noch Platz? Gibt es ein "sonst noch"?

    Ich will nicht unnötig hart klingen, aber man muss den Unterbau verstehen,
    um zu begreifen, warum diese komischen Gefühle mit im Spiel sind, und
    warum es sich so anstrengend anfühlt alles. (Weil Du voll damit zu tun hast,
    ihn, sein Verhältnis zum Alkohol, Dich selbst, Deine Manöver, im Blick zu
    behalten, auf dem Radar zu verfolgen, damit nichts kaputt gehen kann ...)

    Die Sucht im Auge zu behalten, ist ein full-time-Job.
    Deshalb die Empfehlung, sich auch direkt um eigene Bedürfnisse zu kümmern,
    sonst geht man als Kümmerin um einen Süchtigen emotional komplett mit unter.

    Erst einmal eine gute Nacht, und bis morgen,
    Wolfsfrau

    Hallo Leonie,

    ich glaube, ich verstehe Deine Fragen ziemlich gut. Dieses "Loslassen", das
    oft in SHGs empfohlen wird, meint nicht: Dem Partner Gleichgültigkeit ent-
    gegenbringen. Es meint, sich nicht mehr MIT in sein Sucht-Thema zu verha-
    ken. Nicht länger die treibende, fragende, ihn anders-haben-wollende Kraft
    zu sein.

    Sondern da zu sein als man selbst, ansprechbar, fragbar, ... wann immer er
    aus eigenem Antrieb das Thema "Alkohol" oder mögliche Sucht anschneidet.

    Wachsen muss diese Bereitschaft, sich näher damit zu befassen, aber in ihm,
    sonst hat sie keine Basis, um ihn auch für weitere Schritte zu tragen. Das
    kann kein anderer Mensch durch Anteilnahme, Stützenwollen, ... ersetzen

    Du musst nicht lieblos oder freudlos werden, wenn Dir etwas gefällt, z.B.
    dass er gerade nicht trinkt. Aber daraus gemeinsame Folgerungen oder Be-
    schlüsse oder Beurteilungen abzuleiten, als ginge es um Fitness und neue
    Zahlen (Leistungen) dazu, ... das meine ich mit: Sein Thema zu Deinem
    oder Eurem machen.

    Es ist schwer zu erklären. Ich glaube, es geht darum, aufs Lenken und ihn
    irgendwo-hin-haben-wollen zu verzichten. Aus dieser Position aussteigen.
    Nicht länger "für ihn wollen", sondern es ihm überlassen, was und wie er
    wirklich selbst will UND TUT.

    Es liest sich schön, dass er gerade erlebt, auf Alkohol verzichten zu können.
    Es bleibt aber seine Zuständigkeit, mit allem umzugehen, was ihm bei die-
    sem "Experiment" begegnen kann. Dass er möglicherweise doch nicht dau-
    erhaft verzichten will, falls es so ist. Oder dass er einen Schreck kriegt, wie
    viel Zeit er mit Filmrissen in seinem Leben verloren hat ... Das sind Impulse
    von innen, die aufsteigen müssen, damit er selbst mitbekommt, wo er steht.
    So meine ich das. - Da möglichst wenig mit reingreifen durch "Ideen".

    Er hat genügend eigene, wenn Du ihm das Thema nicht mehr abnimmst
    und er somit mehr Berührungsfläche mit seiner Eigenverantwortung hat.
    (Da wo vorher Deine Interventionen/Aussagen einen Puffer dargestellt haben.)

    Ich lasse es jetzt erstmal so stehen, anders könnte ich es nicht erklären.
    Stell' einfach weiter Deine Fragen. Ich denke, das gehört dazu, sich langsam
    ins Thema einzufinden und - in gutem Kontakt mit sich selbst - herauszufinden,
    wo man selbst dabei steht. (Ohne Urteil, ohne Scham, einfach als Wahrheit.)

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    Hallo Leonie, :)

    Erst bin ich so wütend und könnte die Flaschen kaputt schlagen, hasse ihn quasi dafür
    dass das blöde Getränk alles kaputt gemacht hat und dann... Mitleid.

    Warum


    Ich vermute, weil "hilflos". Du erlebst, dass Du keinerlei Macht hast, an der
    Situation der Sucht und der Motivation Deines Mannes etwas zu ändern.
    Und so ist es auch!

    Das kann keiner von uns. Im anderen dafür sorgen, dass der etwas "will".

    Diese Hilflosigkeit / Machtlosigkeit ANERKENNEN, ist schon ein Schritt nach
    vorn. Begreifen, seine Sucht und Dein Leben sind separat gesteuert. Du
    lenkst Deine Belange, Dein Mann seine eigenen.

    Familiengefühl, "es" so haben wollen, dass das Schöne bleiben kann ...
    Das ist ein völlig berechtigter Wunsch. Er darf die Realität aber nicht
    ersetzen. Ohne ANNAHME des Problems, auch der eigenen Machtlosig-
    keit darüber, keine bewussten Weichenstellungen möglich. Nörgeln
    oder Druck machen sind Zeichen dafür, die Machtlosigkeit über seine
    Sucht NICHT anzuerkennen. Ihn auflaufen lassen, dumm dastehen
    lassen, das drückt auch Machtlosigkeit und Wut darüber aus. Ich kann
    das so gut nachvollziehen! - Verstrickend in Richtung Co-Abhängigkeit
    ist einzig, dass Du so in einem Kampf gefangen bleibst, den Du gar
    nicht bewegen kannst. ER sollte kämpfen, FÜR etwas, nicht Du um
    ihn. Das Wegstück kannst Du nicht für ihn überbrücken.

    Dehalb auch soviele Hinweise hier, Dich dann für die Zeit, die er eben
    braucht, sein Problem angehen zu wollen, eigene Aktivitäten zu suchen.
    Selbsthilfegruppe, eigene Stärkung und "Genesung" (Erholung vom
    ständigen Kämpfen, Harren, Abwarten, Enttäuschtsein, ...), sowas!

    Ich wünsche Dir Kraft, seine und Deine Angelegenheiten voneinander
    trennen zu können. Das kann erstmal schmerzhaft sein, das Ringen
    aufzugeben, auch das heimliche ... (ihn beobachten, auswerten, ir-
    gendwann abrechnen, neu sticheln o.a.) ... Da musst Du raus.
    (Also, Du "darfst" ;) , müssen tut hier keiner irgendwas. Es geht
    um Entlastung, nicht um neue Zwänge ...)

    Liebe Grüße und berichte weiter von den Hilfsangeboten, die Du Dir
    in Deinem Leben suchst, ich werde hier gelegentlich mitlesen.

    Wolfsfrau

    Hallo Goldisamy, :)

    mir fällt zu solchen Situationen immer ein Zitat einer Co-Abhängigen (Al-Anon)
    ein, die ihren Durchbruch aus dem "Warten auf Einsicht" in etwa so beschrieb:
    "Jahrelang bemühte ich mich, IHM zu zeigen, WIE SEHR es mich verletzte, wenn
    er ... und nichts änderte sich." - "Erst als ich selbst bereit wurde, MIR zu glauben,
    WIE SEHR es mich verletzte, wenn er ... , konnte ich Abhilfe für mich schaffen."

    Einsicht im Sinn von Rücksicht ist von außen kaum in jemandem herzustellen. Das
    kann nur von innen geschehen, wenn dem anderen wirklich dran gelegen ist, "zu
    verstehen".

    Und gerade bei Sucht liegen nochmal mehr Hindernisse im Weg, andere Menschen
    (Angehörige) und ihr Leiden überhaupt nachvollziehen zu können. Deshalb ist es so
    wichtig, das eigene Leid und Unbehagen unbedingt zu allererst SELBST ernst genug
    zu nehmen, dafür eigene Schritte und nötigenfalls auch Abgrenzungen zu unterneh-
    men.

    Angehörige unterstellen irrtümlich immer Gegenseitigkeit im Umgang mit Bedürfnissen
    und Rücksicht. "Wenn ich ... , dann Du auch ..." - Diese Rechnung geht aber selten auf!
    Das Suchtmittel steht ganz vorn. Alle Rücksichten verschwinden dahinter.

    Zu "vergessen", "wie schlimm das für Dich ist", ... spricht sehr dafür, dass der Trink-
    wunsch alles andere ausblendet. Auch die Fähigkeit, das Trinken in Frage zu stellen.

    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, weiterhin Deinen Gefühlen und Deiner Wahrnehmung
    zu folgen!

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    p.s.
    Dietmar hat es etwas knackiger auf den Punkt gebracht. ;)

    ... mich hat das eben auch nochmal beschäftigt (seelische Gewalt) ...

    Und ich bin für mich darauf gestoßen, dass es einen Unterschied gibt
    zwischen bewusster Destabilisierung (psychisch, mental, überhaupt)
    und den Schäden, die geschehen, wenn zwei in ihrer Verwundung
    verwandte Seelen (samt Narben und Überlebensmustern) aufeinan-
    der treffen und versuchen, als "Erwachsene" eine Beziehung auf die
    Beine zu stellen. Oft erkennt man sich, kommt aus demselben "Stall".
    Aber die Ressourcen, das was gesunde Beziehung erst ermöglicht,
    sind nicht stabil genug angelegt. Dafür fehlte das kindliche Lernen.

    ... und dann "geht" Beziehung oft nur mit all diesen Schlenkern bei
    Überforderung (zuviel Nähe, oder zuviel selbst erzeugter Druck/Über-
    verantwortung fürs Gegenüber, zuviel Regelmäßigkeit, zu wenig ge-
    fühlter Raum, "nein" sagen zu dürfen) ... -> Verschwinden, Abbruch.
    Als wenn zwei überforderte Kinder es miteinander versuchen und
    jeder noch des anderen Wunde mit versorgen will. Es ist zu viel!
    Egal ob als nur-Freundschaft angelegt, oder als Beziehung. :-\

    Und warum ich bei diesen Themen immer so mitgehe? Ratet mal ...
    Ich hoffe einfach, dass irgendwas aus meinem Erlebten für andere
    und ihren Weg hilfreich sein kann, um sich selbst besser zu verstehen.

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau

    Liebe Zeka,

    Dietmar schrieb glaube ich über Dein Gegenüber:

    Zitat


    Völlig rücksichtslos und unverantwortlich ist hier, die Angehörigen oder Partnerinnen in
    meine eigene Krankheit {Sucht, Depression, was immer ... } zu verstricken. Sie mit
    hineinzuziehen und mein Problem zu ihrem {Deinem!} zu machen.

    Du schriebst:
    Klar, absichtlich nicht... Aber mit all dem was mir einfach noch nicht bewusst ist muss ich wohl
    die nächsten 10 Jahre dann noch auf eine Beziehung verzichten weil ja sämtliche Männer schon
    allein durch ne Beziehung zu mir n Problem kriegen.

    Und ich denke immer noch: Dieser aufgezwungene "Webfehler" in der Selbstwahrnehmung
    als "störend" (= ANDERE kriegen wegen mir ein Problem) oder überhaupt als "verantwort-
    lich" für alles mögliche, ... ist der Dreh- und Angelpunkt für alles. Dort sind Grenzen verscho-
    ben worden, zu Deinen Ungunsten. Und deshalb entstehen Löcher und Vakuums (sorry) für
    Leute, die ihre eigenen Anforderungen an Dich liebend gern weit über Dich hinweg ausbreiten.

    Mir tut es leid, wie schnell wir (ich) hier mit Einschätzungen und Empfehlungen sind. Mir wird
    gerade klar, dass Deine Geschichte eine ganz eigene Hausnummer ist und viel Behutsamkeit
    erfordert. Da geht man natürlich nicht einfach "buddeln", wie ich das so lax formuliert habe.

    Das geht vermutlich überhaupt nur völlig nebenher bis unabsichtlich, das Verarbeiten, das
    Bewusstwerden. Und Dein innerer Kompass, der sagt, nee, Vater ist jetzt ganz bestimmt
    nicht dran, dürfte auf Deiner Seite sein.

    Ich für mich nehme hiermit Druck und "Ermutigung" (hau-ruck) raus und möchte Dir einfach
    sagen, dass ich großen Respekt und großes Mitgefühl habe mit dem, was Du alles in Dir trägst
    UND dafür, dass Du schon dabei bist, Dir Dein Leben schöner zu machen. In den Schritten, die
    sich jeweils anbieten, die gut machbar sind!

    44. :) :blumen2:

    Liebe Grüße nochmals
    von der Wolfsfrau

    ... nochmal ich, liebe Zeka, :)

    mir stach noch etwas ins Auge, bzgl. EKS-Gruppe oder CoDA ...

    Früher dachte ich, unter jeder stofflichen Sucht liegt CoDA, das Problem,
    sich selbst-wertschätzend zu verhalten. Deshalb unbewältigte Konflikte,
    kaum lebbare Beziehungen, ... -> schließlich Flucht in die Betäubung (Sucht).

    Seit ich EKS (Erwachsene Kinder suchtkranker Eltern/Erzieher) kennen
    gelernt habe, und den Blick auf die dort präzise genannten Muster im
    UMGANG MIT SICH SELBST ... wurde mir klar: Da liegt der Hase begraben.

    Ehe ich keine gesunde Beziehung zu mir selbst habe (mich ACHTE, meine
    Bedürfnisse UMSETZE, meine Gefühle ANNEHME, meine Schwächen sowieso),
    weiß ich entsprechende Grenzen auch nicht mit Worten im Kontakt zu äußern!

    Von daher gilt hier, was Dietmar Dir auch schon aufgezeigt hat:


    Die stete Abweisung durch den Vater hat Dich sehr sensibilisiert – eben auf jede Form von Abweisung,
    besonders im intimen, persönlichen Bereich. Umso mehr schießt dann die Empfänglichkeit für jede Art
    von Zuwendung nach oben, selbst dann, wenn sie – von außen besehen – eher sehr rücksichtslos ist.

    Das ist das EKS-Erbe. Es liegt tiefer begraben als die missglückten Beziehungsversuche,
    die nach Papa kamen. Und von dort aus bestimmt es unser Auftreten in Beziehungen.
    Deshalb würde ich - aus eigenen Erkenntnissen - vermuten: Erst kommt EKS, dann CoDA.

    Oder eben abwechselnd, ergänzen tun sie sich allemal!

    Dass der Vater (die Ur-Person, das Ur-Gegenüber) tot ist, heißt nicht, dass auch das
    an ihm erworbene Ur-Muster (nicht-stören-wollen) mit gestorben ist. Im Gegenteil ...
    Ich würde immer an der tiefsten Stelle buddeln und von da aus Heilung zulassen.
    (Durch SHG, Genesungs-Lektüre, gute Therapeuten, was immer Dich stärkt.)

    Die oberen, flacheren Schichten räumen sich dann nach und nach von selbst auf.

    :sun:

    Nochmals liebe Grüße und die Kraft, dran zu bleiben!

    Wolfsfrau


    (Danke hier auch für die liebe Wertschätzung meiner Erklärungsversuche Biene67 .)

    Hallo Zeka, :)

    Willkommen "im Club" der erwachsenen Kinder! Und Danke für Dein
    offenes Schreiben. Es ist, als lese ich MEINE Geschichte.

    Schon das Klopfen an der Bürotür - bei uns damals im Keller. Mein
    Papa war Selbstständig und ich musste oft fragen, was ich genau
    einzukaufen habe, damit er uns Mittag macht. (Meine Mutter arbei-
    tete außer Haus.)

    Dazu später der Hinweis meines Therapeuten: "Du störst!" - Wobei?
    Vermutlich beim Trinken! - Ich habe das immer auf mich als Fehler
    bezogen und hatte genau wie Du regelrecht Widerstand/Angst, dort
    um Einlass zu bitten, während ich doch wusste, ich ernte Distanz.

    Damit sind wir beim zweiten Stichwort: Distanzierte, Unerreichbare.
    Diese Menschen bedienten genau das freie Puzzle-Stück, das mein
    Aufwachsen mit emotional nicht zugänglichen Eltern gestanzt hatte.

    Und ich konnte, genau wie Du, überhaupt nicht greifen, ob nun mit
    meiner Wahrnehmung etwas falsch läuft (und der andere "richtig" ist)
    oder ob das wirklich "etwas ist", und mein Leid/Unwohlsein berechtigt.

    In EKS heißt es unter anderem, dass wir aufgrund der tiefen Mangel-
    erfahrung an echter Nähe und Zugewandtheit gar nicht wissen, wie
    "das" geht. Und wir fühlen uns wohler, da vertrauter, mit emotional
    distanzierten Menschen. Jedenfalls so lange, bis wir dann Worte für den
    unbewussten Betriebs-Schmerz des Verlorenseins und Alleinseins finden.

    Super, dass Du sowieso vorhast, in eine SHG für Erwachsene Kinder zu
    gehen! Ich wünsche Dir den Beistand, die Annahme und die Offenheit,
    die es braucht, immer ehrlicher von Dir selbst mitteilen zu können, was
    wirklich los ist. Ich selbst habe sehr lange gebraucht, das ohne Angst zu
    tun, oder besser: Ohne Misstrauen in meine eigene Wahrnehmung. Mir
    hat ja nie jemand erklärt, wie welches Gefühl heißt, dass es "normal" ist
    und dazu gehört als Mensch. Gerade Schmerz und Angst sind deshalb
    bis heute bei mir leicht scham-besetzt. - Aber alles lässt sich VERlernen!

    :blumen2:

    Das ist die gute Nachricht, wenn man sich einmal auf den Weg macht ...

    Liebe Grüße und weiterhin viel Mut, genau dort weiter zu machen,

    Wolfsfrau

    Hallo mika,

    Danke für Deine Zeilen, hier in Deinem Faden!

    Jetzt kann ich mir besser vorstellen, was Dich motiviert. 44.

    Berichte mal weiter von Deinem Projekt, ja?

    Das finde ich sehr interessant, wenn auch etwas schwierig
    mit den Bildern. Der Fotografierte wäre ja "in Sucht" und
    würde sich vielleicht nicht gerade dann für die Öffentlichkeit
    ablichten lassen (wollen), oder?

    Vielleicht habe ich auch Dein genaues Vorhaben nicht ganz
    richtig verstanden. - Ich lese hier jedenfalls gern weiter mit.

    Hallo cherie, :)

    ich stieß eben auf Deinen Faden und möchte gern kurz etwas dazu sagen.
    Zwar bin ich nicht Ehefrau eines Alkoholikers sondern Tochter aus alkohol-
    süchtigem Elternhaus. (Beide mittlerweile trocken, aber ohne Therapie.)

    Als ersten Schritt, um für Dich selbst mehr Freiraum (im Denken) zu be-
    kommen, wäre es gut, Dich mit der Funktionsweise von Sucht auseinander-
    zusetzen.

    Du schreibst z.B.:


    Ich führe den Haushalt und kümmere mich um alles.Auch um den Einkauf einschließlich seinem Bier,
    da ich einen Führerschein und Auto besitze.Ändern möchte oder kann er sein Leben nicht mehr.

    Solange Du die Sucht Deines Mannes unterstützt, indem Du ihm das Bier
    besorgst, wird sich an seiner Abhängigkeit nichts ändern (können). Er muss
    auch nicht aktiv werden, der Nachschub ist ja durch Deine Anpassung gesichert.

    Hilfreich, um nicht in derselben Sucht-Routine zu versinken, sind eigene
    Aktivitäten, wie Du sie schon für Dich wählst 44. :


    Ich ziehe mich nun immer mehr zurück um erstens ihm nicht den ganzen Tag
    zuschauen zu müssen beim Bier trinken und zweitens um Ruhe vor dem Fernseher
    zu haben mit diesen täglichen immer wiederkehrenden nervenden Serien zu haben.
    Ich gehe raus mit dem Hund oder in ein anderes Zimmer.

    Als Angehörige von Suchtkranken sind wir nicht für eine Verhaltensänderung des
    Süchtigen zuständig, wir könnten egal mit wieviel Willenskraft tatsächlich gar nichts
    ausrichten. Nicht ohne den beteiligten Willen des Süchtigen selbst. Er muss wollen!

    Bis dahin tust Du Dir ganz bestimmt Gutes, indem Du eigene Initiativen, Freunde
    und Hobbies pflegst. - Es sei denn, Dir ist die verbleibende Schnittmenge mit Deinem
    Ehemann zu klein und Du überlässt ihn seinem eigenen Weg, bis er ihn ändern will.
    Das hätte nichts mit fehlender Loyalität zu tun. Die setzt einen wachen Willen und
    eine Freiwilligkeit in beiden Parteien voraus. Durch Sucht und ihre Begleiterscheinung
    für die Angehörigen (Anpassung bzw. hilfloses Abwarten) ist der sogenannte Wille
    nicht wirklich frei. Außer ich oder Du als Angehörige wählen Abstand und eigenen
    Raum, um auch vom Mit-Tragen der Alkoholsucht zu fasten.

    Es ist auch für uns Angehörige harte Arbeit, alle falsch eingespielten Muster im Dunst-
    kreis der Sucht überhaupt zu erkennen, und sie danach schrittweise wieder zu verlernen.

    Du wirst bestimmt noch hilfreiche Erfahrungsberichte aus beiden Lagern bekommen,
    Alkoholiker wie Angehörige. :)

    Ich wünsche Dir einfach Mut und Kraft für alles, was Du in DEINEM Lenben noch an
    schönen Dingen erleben willst!

    Liebe Grüße
    Wolfsfrau