Hallo Hubby45,
ich schreibe Dir als Angehörige (erwachsene Tochter), weil ich diesen Prozess, den Du
beschreibst, selbst durchlaufen habe. Vom ungläubigen Staunen (was? meine Mutter
doch nicht!) über Angst (was tun? mich allein mit allem fühlen) und Scham (will doch
niemanden bloßstellen) bis hin zur Erschöpfung/Wut/Schmerz (ist mir alles zuviel).
Sie ist jetzt schon frustriert das ihre Beteuerungen bei mir auf Misstrauen stoßen aber ich
habe ihr schon gesagt das das auf der Tatsache beruht das sich die letzten 3 Jahre ja auch
nichts geändert hat.
Vermutlich erlebt sie ihre Machtlosigkeit (über den Konsum) noch nicht so deutlich, wie Du
Deine eigene (über ihre Sucht) bereits erkennst:
Du kannst es nicht ignorieren und Du kannst auch nicht aktiv dagegen vorgehen. Zumindest
ich kann das nicht.
Auch wenn es Dir trostlos erscheint, finde ich dieses Anerkennen der Wahrheit sehr wichtig.
Du bist bereits dabei, Dich zu schützen, INDEM Du zulassen kannst, dass ihr beide es mit
Sucht zu tun habt (ihrer). Für Dich geht jetzt die innere und äußere Auseinandersetzung damit
los, Du bist nicht mehr am "Schachern", sondern kannst Deine eigenen Kräfte jetzt klarer auf
das ausrichten, was für Dich machbar ist: DIR selbst Hilfe holen, Dein Denken zu entwirren,
aber auch Deine Fragen zu stellen. (An anonymer Stelle ist vielleicht der entlastendste Weg?)
Kein Suchtberater der Welt käme auf die Idee, Dir Lieblosigkeit oder fehlende Loyalität Deiner
Frau gegenüber zu unterstellen, nur weil Du aussprichst, was sich gerade in Deinem/Euren Leben
ereignet. Ganz im Gegenteil. Dass es Dich betroffen macht und Deine Kräfte übersteigt, ist nicht
Zeichen Deines Versagens, sondern schlicht dem Muster "Sucht" (Zwang statt Freiwilligkeit beim
Konsum) geschuldet.
Ich will mich nicht "schützen". Ich will meine Frau zurück......aber ich weiß schon das das einer
dieser Dinge ist in denen ich "der Realität ins Auge blicken muß" und mich wie ein Erwachsener
verhalten.....
Ich kann das gut nachfühlen. Aus meiner Sicht ist es nicht egoistisch, etwas zu wollen. Es ist ein
fühlbares Bedürfnis, und Du weißt ja, dass ihr andere Zeiten hattet, ehe das alles (ihr Trinken)
begann.
Bei mir war es zwar meine Mutter, die lange Zeit regelmäßig und sehr viel trank, aber mein Wunsch,
endlich mal wieder mit ihr reden zu können wie "früher", statt diesem glasigen Blick gegenüber zu
sitzen, der war ebenso bohrend. Als ich einige Zeit später in Therapie ging (für mich selbst), erfuhr
ich dort, dass es ein Ur-Bedürfnis ist, in einem Kontakt auch ein "greifbares" Gegenüber zu haben.
Jemanden, der Gefühle zeigt, sich auf meine Wahrnehmung und seine eigene noch klar beziehen
kann, kurz: Der mir durch seine echte Zugewandtheit hilft, auch mich als Teil der gemeinsamen
Situation in Beziehung wahrzunehmen. Nichts Abgekapseltes, Abgefertigtes, "draußen" gelassenes.
Ich finde, diese Vorstellung trifft generell für ein Miteinander auf Augenhöhe zu. Egal, ob ich jetzt
meine Mutter vermisst habe (sie trinkt nicht mehr) oder ob Du Deine Partnerin "vermisst", wie Du
sie kennen lernen durftest.
Diese Klarheit in Deinem Wunsch schützt Dich aktuell zumindest davor, Dir erneut vormachen zu
müssen, "das wird vielleicht (von selbst)". Und es gibt Dir zum gegebenen Moment ganz bestimmt
die nötige Kraft, Deiner Frau als DU gegenüber zu treten. Mit allem, was Dich beschäftigt und was
Du selbst zu dem Thema (ihrem Trinkverhalten) denkst. Du als eigenständig fühlende Person.
Was mir mein Therapeut damals noch mit auf den Weg gegeben hat, war eine feine Unterscheidung.
Auch ich wollte meine Mutter "retten" (damit ich sie wieder habe). Am liebsten hätte ICH sie geheilt,
indem ich das "richtige" (auf sie ausgerichtet) tue, damit sie auf die "richtigen" Einsichten stößt, usw.
"Sie können nicht selbst Heil-ung für Ihre Mutter sein.
Aber Sie können in Ihrer Ehrlichkeit sich selbst und Ihrer Mutter gegenüber heil-end sein."
Ich habe das so begriffen, dass ich ihr ihren eigenen Weg und die Zeit, die sie benötig(e), nicht
abnehmen kann. Dass aber meine Unverstricktheit mit falscher Rücksichtnahme, eigenem Kalkül
("es nicht noch schlimmer machen wollen") allein unterstützend für ein gesünderes Verhältnis zur
Realität ist. Und das für uns beide, sie und mich. Indem ich benenne, was ich sehe. Indem ich
benenne, wie das heißt (Abhängigkeit). Und indem ich meine Ängste um sie ebenso offen lege.
Es hat mich Mut gekostet, ihr einen Brief zu schreiben (und damals leider noch nichts genützt),
aber dieser innere Ausstieg aus dem Stillhalten und stummen Mittragen einer mich überfordernden
Situation war lebensnotwendig für den Erhalt bzw. die innere Wiederherstellung MEINER Gesundheit.
Es war ein Dienst an mir. Und in Deiner Situation sehe ich es auch als Dienst an Eurer Beziehung,
dass Du Dich wieder stärkst, indem Du klar hervor trittst, raus aus dem Schatten des gemeinsamen
"Umschiffens" (Leugnens) der Sucht.
Einer muss die Wahrheit benennen (können). Solange Deine Frau sie nicht sieht oder zulassen kann,
nützt es zwar äußerlich noch nichts, wenn Du sie - verbunden mit Deinen Sorgen um Deine Frau -
sagst, aber es stellt Weichen. Es ordnet Eure inneren Verantwortlichkeiten und befreit Dich aus der
Rolle, etwas Unkontrollierbares mitzutragen, Dich durch Deine eigene Anstrengung darin gefangen
zu halten.
Du kannst tragendes "Geländer" sein, indem Du unabhängig von ihrem eigenen Prozess auf ganzer
Linie klar mit Dir selbst, Deinen Gefühlen und Deiner Wahrnehmung (ihre Sucht betreffend) bleibst.
Für mich ist das wie ein inneres Bild von zwei Geleisen, die parallel verlaufen. Du bleibst sichtbar,
auch ansprechbar (für sie), aber Deine eigene Sicherheit beziehst Du nicht mehr aus Ihrer Haltung
(Einsicht) gegenüber der Sucht, auf Die Du ständig mit Volldampf hinarbeiten müsstest.
"Es" sein zu lassen, fühlt sich erstmal wie ein Tiefschlag an, und in gewisser Weise ist es das ja auch.
Man schlägt auf dem Boden auf, aber man hat auch wieder welchen unter den eigenen Füßen, statt
aus eigener Angst unklar und ausharrend zu bleiben. Sich zu schützen, meint nicht, gleichgültig zu
werden, sondern immer wieder klar zu haben: Das (meine Arbeit mit mir) kann ich ändern, alles
andere (wie meine Frau es macht) nicht, jedenfalls nicht auf direktem Weg. Aber für sie entstehen
vielleicht Impulse, indem Du klar anzeigst, was für Dich erträglich ist, und was nicht.
So ein Gespräch ist in der Suchtberatung vielleicht einfacher vorzubereiten, als ganz allein mit sich. 
Das weiß ich aber nicht für Dich. Ich möchte damit nur sagen, dass es kein Zeichen mangelnder
Loyalität gegenüber Deiner Frau ist, wenn Du dort etwas zur Sprache bringst, das DICH überlastet.
Ich schreibe das dazu, weil ich jahrelang Mühe hatte, dieses Tabu ("bei uns ist nichts") zu brechen.
Das Mitschweigen und allein-mit-sich-ausmachen ist das, was mich sonst auf längere Sicht richtig
krank gemacht hätte.
Es ist jetzt ganz schön viel geworden ... 
Ich wünsche Dir ganz viel Glück und einen hilfreichen Austausch hier und möglichst auch in Deinem
realen Umfeld, in Gruppen oder bei der Suchtberatung ...
Alles Gute für jeden kleinen Schritt, es anzusprechen!
Wolfsfrau