Liebe Mimose,
ich habe ja nicht gesagt, dass man die Gedanken nicht ernst nehmen soll.
Vielmehr geht es meines Erachtens darum, die konstruktiven von den destruktiven Gedanken zu unterscheiden. Ich wollte ja eigentlich darauf hinaus, zu lernen, den Suchtdruck zu vermeiden, indem man die negativen oder selbstschädigenden Gedanken gar nicht erst zulässt, bzw. ihnen nicht zu viel Beachtung schenkt. Dass man wieder Herr/Frau des eigenen Hauses/Ladens wird und sich nicht kontrollieren lässt von Emotionen oder eben Teufelskreis-Gedanken, die zu nichts führen außer zu impulsiven Fehlentscheidungen oder Kurzschlüssen.
Der Gedanke oder der Wille, der Entschluss mit dem Trinken aufzuhören, ist doch an für sich etwas Gesundes, Gutes, weil wir hier etwas Selbstzerstörerisches loslassen und uns von einer starken Anhaftung befreien. Es geht ja um die Freiheit des Geistes, so verstehe ich jedenfalls den Buddhismus. Klar bin ich nur ein Laie, aber die Vorstellung, nicht mehr das tun zu müssen, was ich eigentlich nicht will, gibt mir Kraft und Mut und macht Sinn. Ich glaube, der Schlüssel liegt im Loslassen. Wenn ich meine, ich will bestimmten Gedanken keine Beachtung mehr schenken, dann meine ich eigentlich damit, dass ich die "Tricks" bzw. meine eigenen "Hintertürchen" zu durchschauen versuche, sobald ich anfange mit dem Gedanken zu spielen, wieder etwas zu trinken.
Meiner Meinung nach erfüllt das Trinken eine Funktion. Zumindest am Anfang, wenn wir das Zeugs missbrauchen. Dies meine ich absolut wertfrei. Wir würden nicht maßlos trinken, wenn es keine Funktion hätte. Ich habe Dir schon einmal geschrieben, dass ich auch dachte, es müsste einfach nur "klick" machen und das reicht dann. Ehrlich gesagt habe ich jahrelang auf diese Erleuchtung gewartet bzw. gehofft. Inzwischen denke ich, es ist auch mit ANSTRENGUNG verbunden, sich von einer Sucht zu lösen. Früher war ich nicht bereit, diese Anstrengung auf mich zu nehmen. Ich dachte, sobald ich mich dafür anstrengen muss, habe ich nicht die richtige Haltung dazu. Denn wenn ich die richtige Einstellung dazu hätte, dann müsste es mir doch ganz leicht fallen. Aber ich glaube, das ist ein Irrtum. Vielleicht trifft es ja auf manche Menschen zu (z.B. hier im Forum auf den Bassmann), aber bei mir persönlich nicht. Andererseits möchte ich aber auch nicht behaupten, dass es das Schwierigste auf der Welt ist, sich von einer Sucht zu lösen. Wenn ich das glauben würde, dann würde ich gar nicht erst versuchen, aufzuhören. Aber ich glaube halt, den Instant-Weg gibt es für mich leider nicht.
Inzwischen schaffe ich mir Bilder, die mir persönlich weiterhelfen. So vergleiche ich das mit der Sucht auch mal gerne mit dem Bergsteigen und lese Bücher von Reinhold Messner. Weil ich mir etwas aus seiner Philosophie des Bergsteigens im Alleingang herausziehen kann, was sich bei mir prima auf das Thema Abhängigkeit bzw. UNABHÄNGIGKEIT übertragen lässt. Es geht hier um Dinge wie z.B. das Verlassen der Komfortzone und um Grenzerfahrungen durch Selbstüberwindung. Aber auch um Umsicht, Vorausschau und das Finden der Balance zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung usw.... Für Messner ist das Bergsteigen auch eine spirituelle Erfahrung, obwohl er das direkt nicht so nennt. Somit kann der Suchtausstieg auch eine spirituelle Erfahrung sein.
Sollen wir einen Extra-Thread über das Thema aufmachen? Wenn Du magst..... Oder bist Du bei Facebook, dann könnten wir eine geschlossene Gruppe gründen und uns dort austauschen?
Ich bin übrigens sehr offen für Einsprüche und "aber" von Deiner Seite aus. Du siehst sicher Dinge, die ich nicht sehe oder ziehst andere Schlüsse. Ich bin immer ganz froh und dankbar, wenn ich die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Wenn Du magst, kannst Du jederzeit gerne Kritik oder so schreiben, aber natürlich nur, wenn es Dir auch gut tut. 
Ganz liebe Grüße
Jacqueline