Beiträge von Gerchla

    Greenfox
    Alles gut, Du bist mir nicht zu nahe getreten, ich konnte es nur nicht ganz nachvollziehen. Ich weiß jetzt was Du meinst. Ideal ist es natürlich immer möglichst viel offen im öffentlichen Bereich zu schreiben. Und das dort auch die ganze "Entwicklung" dann nachzulesen ist. Weil davon eben auch jene profitieren, die z. B. "nur" als Gast mitlesen (oder noch nicht freigeschalten sind) und gar keinen Zugang zum geschlossenen Bereich haben. Und ich glaube es sind gar nicht so wenige, die wir hier erreichen und denen wir vielleicht sogar ein wenig helfen können, ohne das sie sich jemals hier angemeldet haben. Ich bin da also ganz bei Dir. Darum schreibe ich ja auch ziemlich offen im öffentlichen Bereich und habe, glaube ich, gar keinen eigenen Thread im geschlossenen Teil.

    Aber natürlich gibt es auch die Menschen, die öffentlich nicht so tief gehen möchten wie ich das z. B. tue. Und es ist gut, dass das jeder für sich selbst einscheiden darf und wir hier für diejenigen, die etwas mehr "Privatsphäre" möchten, den geschlossenen Bereich vorhalten.

    LG
    gerchla

    Hallo Orangina,

    Zitat

    Momentan fällt es mir sehr leicht, abstinent zu sein. In .einem Kopf ist wie ein Schalter umgelegt.


    So war das bei mir damals auch. Irgend etwas war passiert, das es anders sein ließ als die vielen Versuche vorher. Ich Nachhinein könnte man sagen: die Zeit war reif oder ich hatte das erreicht, was man den persönlichen Tiefpunkt nennt.

    Aber trotzdem fällt es vielen am Anfang sehr schwer in die Abstinenz hinein zu finden. Eben auch vielen von jenen, die es dann auch dauerhaft schaffen. Mir war das damals, daran erinnere ich mich noch, auch ein wenig suspekt. Ich hatte da mit "mehr" gerechnet. Aber, wie Du so schön schreibst, es war wie ein Schalter, der umgelegt wurde. Und ich war mir plötzlich ganz sicher, dass ich nie wieder trinken will. Auch auf ganz lange Zeit gesehen hatte ich keine Hintergedanken in Richtung "vielleicht ja irgendwann in ein paar Jahren mal wieder". Nichts in diese Richtung, ich wollte das Zeug für immer aus meinem Leben verbannen.

    Und war bereit alles dafür zu tun. Es hat mich dann eher "erstaunt", dass ich nicht alles dafür tun musste. In meinem Kopft war irgendwie der Gedanke, dass es ohne einen längeren Therapieaufenthalt wohl nicht funktionieren kann. Als ich dann bemerkte, dass all meine "ambulanten", teilweise selbsterarbeiteten Hilfsangebote sehr gut funktionierten, wurde ich fast ein wenig misstrauisch. Aber wenn ich heute darüber nachdenke, dann habe ich einfach verdammt viel getan, obwohl ich dachte ich hätte es leicht. Und das musste ich mir auch erst mal klar machen oder besser, es musste mir klar werden, damit ich nicht den Fehler mache und sage: bei mir war das dann alles gar kein Problem.

    Im Grunde habe ich mein komplettes Leben umgekrämpelt. Meine Familie verlassen, neu angefangen, mir psychologische Hilfe gesucht, mir anderweitige Hilfe gesucht und nicht zu vergessen auch die Zeit in der SHG. Ein ganzer Freundeskreis war plötzlich weg, ein neuer wuchs langsam wieder an. Nein, es war schon mehr als einfach einen Schalter umzulegen und alles ist wieder gut. Und es war auch gar nicht einfach und ich musste so viele wichtige Entscheidungen gehäuft treffen, wie in meinem gesamten Leben vorher nicht. Das Einzige was ich eben nicht hatte, waren ein paar Wochen oder Monate in einer Therapieklinik. Und es war wohl in meinem Kopf, dass ein Alkoholiker nur über diesen Weg zuverlässig trocken werden kann... Wie so vieles in meinem Kopf war von dem ich heute weiß, dass ich völlig falsch gedacht habe.

    Zitat

    Wenn ich ins Bett gehe,stelle ich fest,dass ich gar keine Gedanken an Alkohol hatte. Das ist super. Ich weiß, ich muss wachsam bleiben.


    Ich finde es ganz toll, dass Du keine Gedanken an Alkohol hast und ich gönne Dir das von Herzen. Wenn ich Dir etwas aus meiner Erfahrung dazu sagen dürfte, dann wäre es das, dass Du diese gute, diese positive Zeit für Dich nutzen kannst, wenn Du willst. Nutze sie, um Dich mit Dir und Deinem Leben außeinander zu setzen. Tue mehr, als nur nicht mehr zu trinken, auch dann oder gerade weil Dir das im Moment so leicht fällt. Überlege Dir, wo Du langfristig hin möchtest, welche Ziele Du für Dein Leben hast. Was Du mit dieser neu gewonnenen Freiheit jetzt anfangen willst, was Du daraus machen möchtest. Welche Lehren Du daraus für Dein neues Leben ziehen kannst oder willst.

    Und wenn Du der Typ dazu bist, dann schaue vielleicht auch mal darauf, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Analysiere mal, warum Du zur Alkoholikerin wurdest, wieso Du soweit gekommen bist. Was die Gründe dafür waren. Und ob Du diese bereits beseitigt hast oder ob sie noch präsent sind, nur deaktiviert sozusagen. Einfach nur um für die Zukunft gerüstet zu sein und eine Gegenstrategie zu haben, falls der Druck doch mal wieder steigen sollte.

    Ich weiß mittlerweile, dass diese Analyse oder das Aufarbeiten nicht für jeden der passende Weg ist. Aber denk doch einfach mal darüber nach.

    Ich finde es ganz wichtig, dass Du geschrieben hast "ich muss wachsam bleiben". Du bist Dir der Heimtücke dieser Krankheit bewusst und das ist sehr gut. Aber in dem Moment wo Du beginnst Dein Leben so zu gestalten, dass Du selbst damit zufrieden bist oder es gar als glücklich bezeichnen kannst, entziehst Du dieser Sucht nach und nach ihre Daseinsberechtigung. Ein rundum zufriedenes Leben zu erreichen geht nicht per Schalter umlegen, das ist ein Prozess der normalerweise dauert. Bei manchen länger, bei anderen gehts schneller. Da spielen eben auch die individuellen Lebensumstände eine große Rolle, Umstände, die man auch wenn man will, nicht sofort ändern kann oder wo es einfach Zeit braucht sie zu ändern. Aber auch der Weg dorthin kann sehr erfüllend sein (meine Erfahrung) und dem Alkohol bereits die Lizenz entziehen.

    Das wollte ich Dir einfach mal schreiben.

    LG
    gerchla

    Greenfox
    Das verstehe ich jetzt nicht:

    Zitat

    Das ist das Problem, was ich schon mal ansprach, wenn man zum fast identischen Thema in zwei verschiedenen Bereichen schreibt - vor allem, wenn der eine Bereich öffentlich ist und der andere nicht.


    Sie vertieft im geschützten Bereich ihr Thema aus der Vorstellung. Sie gibt deutlich mehr von sich preis und tut das bewusst im geschützten Bereich. Sie schreibt dort Dinge, die sie öffentlich nicht schreiben möchte und nicht für jedermann zugänglich im Netz lesbar sein sollen.

    Ich dachte eigentlich, dass dieser interne Bereich genau dafür da ist nixweiss0

    Und sie kann da doch kein neues Thema aufmachen wenn genau das ihr Thema ist und sie es dort geschützt und ohne Öffentlichkeit vertiefen möchte?

    LG
    Gerchla

    Guten Morgen Orangina,

    ich möchte nochmal was zum Thema "Alkoholiker" bzw. ob man sich als solchen bezeichnet oder nicht sagen.

    Im Grunde ist ein nicht mehr trinkender Alkoholiker ab einem bestimmten Zeitpunkt dann ja ein trockener Alkoholiker. Würde man also gefragt werden, warum man keinen Alkohol trinkt, wäre die "korrekte" Antwort wohl: Weil ich trockener Alkoholiker bin.

    Aber das klingt nun auch nicht charmanter, wenn man mal ehrlich ist.

    Aber weißt Du was? Im Grunde ist das doch alles völlig egal. Was Du wem sagst und was Du selbst über Dich sagst oder denkst bleibt Dir überlassen. Ich habe kein Problem damit mich als Alkoholiker zu bezeichnen, auch nach Jahren der Abstinenz nicht. Aber ich erzähle das bei weitem nicht jeden. Und weißt Du warum? Weil ich festgestellt habe, dass man Menschen damit völlig unvorbereitet treffen kann und diese dann ziemlich in Verlegenheit geraden. Darum sage ich bei den äußerst selten auftretenden Gelegenheiten, wo mich mal jemand danach fragt warum ich nichts trinke, dass es eine Lebenseinstellung von mir ist und das ich natürlich auch schon andere Zeiten hatte.Welche ich aber als nicht besonders zuträglich für mich empfunden habe. Und dann kann sich mein Gegenüber selbst entscheiden, ob er diese Diskussion vertiefen möchte oder ob er/sie es einfach so stehen lässt. Bis auf ein einziges Mal hat nie jemand weiter nachgefragt. Dieser eine Mensch hat dann aber natürlich von mir eine offenen Antwort erhalten und daraus entstand dann eine sehr interessante Diskussion.

    Aber Alkoholiker hin, nicht Alkoholiker her, im Grunde kommt es nur darauf an:

    Zitat

    Jetzt sind es 8 Tage ohne Alk und ich will es diesesmal wirklich durchziehen.

    Du willst es jetzt durchziehen und nur darauf kommt es an. Und ob Du Dich in zwei oder drei Jahren dann noch als Alkoholikerin siehst oder als was auch immer, ist im Moment völlig unwichtig. Darüber wirst Du wahrscheinlich, wenn Du Deinen Weg dauerhaft ohne Alkohol gehen kannst was ich Dir von Herzen wünsche, irgendwann mal schmunzeln.

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo Jana,

    auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig komisch wirkt, aber ich möchte meine eigene Aussage korrigieren. Und zwar diese:

    Zitat

    Wenn er weiß was für ihn auf den Spiel steht, dann kann er sich überlegen wen er mehr liebt: Dich oder den Alkohol. Dann kann oder muss er sich entscheiden.

    Ich glaube, da habe ich etwas zu schnell und deshalb ein wenig unreflektiert geschrieben. Meine Aussage hört sich so an, also ob seine Liebe für Dich oder für Eure Kinder das Entscheidende wäre und dass er Euch, sollte er weiter trinken, nicht "richtig" oder "genug" liebt. Genau das wollte ich damit aber nicht aussagen. Was ich eigentlich sagen möchte ist, dass Du sehen wirst, ob seine Sucht mächtiger und stärker ist als seine Liebe. Es hat also nichts damit zu tun wie sehr er Euch liebt sondern mehr damit, wie die Sucht ihn im Griff hat. Ich kann von mir sagen, dass ich meine Kinder über alles liebte, ich habe nie eine stärkere Liebe empfunden. Trotzdem konnte ich meine Sucht nicht überwinden.... Da spielen dann leider ganz viele Dinge eine Rolle.

    Du brauchst ihn dann also deshalb nicht verurteilen aber es würde eben auch nicht helfen an der Beziehung fest zu halten. Da wäre dann "in Liebe loslassen" genau das, was Du tun solltest. Auch wenn das verdammt schwer ist....

    Musste ich Dir jetzt noch schreiben, weil ich beim nachlesen meines Posts gemerkt habe, dass ich nicht richtig lag.

    LG
    gerchla

    Hallo Jana,

    ich finde Rina hat sehr schön klar gemacht, wie individuell die Geschichte mit dem Leidensdruck eingentlich ist. Wir sprechen ja auch oft davon, dass ein Alkoholiker erst einmal den persönlichen Tiefpunkt erreicht haben muss, bevor er eine Chance hat aus der Sucht auszusteigen. Und hier liegt die Betonung eben auf "persönlich". Beim einen reicht der Verlust des Führerscheins oder weil ihn der Vorgesetzte in der Arbeit anspricht und ein anderer braucht die ärztliche Diagnose, dass er nur noch ein paar Monate zu leben hat, wenn er weiter trinkt.

    Was man dabei aber nie vergessen sollte: Ein großer Anteil der Alkoholiker erreicht NIE diesen persönlichen Tiefpunkt. Viele trinken einfach bis zum bitteren Ende. Nichts kann sie stoppen, kein Jobverlust, keine gescheiterte Beziehung und auch keine Obdachlosigkeit und noch nicht mal die schlimmste ärztliche Diagnose. Bei vielen "hilft" einfach alles nichts.

    Deshalb glaube ich, dass Du hier falsch denkst. Du denkst (immernoch) darüber nach, wie Du ihm helfen kannst. Was Du tun kannst, damit er zum Trinken aufhört. Damit nimmst Du ihm die Verantwortung für sein Leben und übergibst es Dir. Und da muss ich sagen: das ist falsch! Genau das solltest Du m. E. nicht tun und genau das hat nichts damit zu tun, dass Du Deine Beziehung einfach hinwirfst und aufgibst.

    Und ich glaube eben, dass Du Dich auf DICH und Deine Kinder konzentrieren solltest. Eben auf das, wofür Du WIRKLICH verantwortlich bist. Und wenn Du ihm ganz deutlich klar machst, was DU möchtest wie DEINE Regeln sind, dann kann man wirklich nicht davon sprechen, dass Du Deine Beziehung einfach so hingeworfen hättest. Wenn er weiß was für ihn auf den Spiel steht, dann kann er sich überlegen wen er mehr liebt: Dich oder den Alkohol. Dann kann oder muss er sich entscheiden. Und Du musst diese Entscheidung dann akzeptieren. So oder so.

    Solange Du neben ihm herlebst und er weiterhin trinkt, wirst Du immer bestenfalls die Nummer 2 in seinem Leben bleiben. Wenn Dir das reicht, dann kannst Du das machen. Wenn Du aber ein glückliches Leben mit einem Partner auf Augenhöhe bevorzugst, dann solltest Du Deine Konsequenzen ziehen.

    Weißt Du, vielleicht ist sein persönlicher Tiefpunkt ja dann erreicht, wenn Du die Koffer packst und ausziehst. Ich weiß es nicht, niemand weiß das. Wenn dem so wäre, dann bedeutet das ja nicht, das einmal ausgezogen immer ausgezogen bedeutet. Wenn er es ernst meint und z. B. in Therapie geht, dann kannst Du ihm jederzeit die Gelegenheit geben, Dir zu zeigen, dass er jetzt anders ist und er dauerhaft ohne Alkohol leben will und kann. Du kannst ihn dabei begleiten und ihr könnt auch wieder zusammen finden. Alles kein Problem.

    Nur mit Reden, immer wieder den gleichen Versuchen, etc. wird das aller Voraussicht nach nichts werden. Du gibst dabei Dein Leben auf, Du lebst ja während dieser Zeit nicht, Du funktionierst bestenfalls und bist Teil seiner Sucht. Er zieht Dein Leben komplett in seine Sucht, und das finde ich absolut nicht fair. Ich bin sicher, da hast Du anderes verdient.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Orangina,

    dazu möchte ich Dir noch was schreiben:

    Zitat

    Seit 1 Woche bin ich abstinent und ich habe das auch wieder bewusst entschieden ,aus innerer Überzeugung, weil ich so nicht weiter machen will und ich merke,wie erleichtert ich bin ,nicht mehr meinen lang benötigten Rotwein zu trinken.
    Ich habe seitdem kein Verlangen mehr gehabt und fühle mich gut, klar und nüchtern zu sein.


    Bei mir was das ja eine ungeplante "Blitzentscheidung". Trotzdem war mir von diesem Moment an klar: ich WILL nie mehr trinken! Und ich werde dafür ALLES tun.

    Das war dann auch der große Unterschied zu all den anderen Versuchen mit dem Trinken aufzuhören. Bei diesem, bisher letztem Mal, wollte ich wirklich nicht mehr und ich wollte alles dafür tun. Und es fühlte sich von anfang an sehr klar an. Ich hatte auch großes Glück, dass ich nicht von Suchtdruck gebeutelt wurde. Viele müssen hier ja ganz heftige Kämpfe durchstehen um dann über die Zeit langsam da heraus zu kommen. Das blieb mir weitesgehend erspart und ich denke nicht, dass das eine besondere Leistung von mir war. Körperlich hatte ich leichte Entzugssymptome, wie z. B. starkes Schwitzen vor allem nachts und auch eine ziemliche Unruhe, auch bevorzugt in der Nacht. Aber damit konnte ich gut umgehen und es ging relativ schnell vorbei.

    Psychisch ging es mir natürlich nicht gut, aber das führte nicht dazu, dass ich Gedanken hatte, dass durch trinken verbessern zu können.
    Jedoch möchte ich Dir auch sagen, dass ich im Laufe meiner ersten trockenen Monate durchaus an Grenzen kam. Eine war eben die Beschäftigung mit meiner Schuld, die mich so sehr belastete. Und auch wenn ich kein akutes Verlangen danach hatte wieder zu trinken, war ich mir sehr sicher, dass ich diesen Druck auf Dauer nicht aushalten kann. Ich wäre daran kaputt gegangen, ich sage jetzt mal, entweder dadurch das ich doch wieder zur Flasche gegriffen hätte oder aber dadurch, dass ich anderweitig psychisch zugrunde gegangen wäre.

    Da ich aber ja von Anfang an bereit war mir helfen zu lassen, war es gar keine Frage für mich und ich holte mir sofort Hilfe. Wobei, mein erster Weg war der zum Psychologen und da musste ich erst mal viele Wochen auf einen Termin warten und diese Zeit musste ich irgendwie überbrücken. Um dann festzustellen, dass er nicht der Richtige für mich war. Aber egal, dann halt weiter suchen. Es ging einfach um viel zu viel als das ich es schleifen hätte lassen wollen oder gar aufgeben hätte wollen.

    Was ich Dir sagen will: Sei und bleib immer wachsam. Es ist toll, wenn Du die erste Woche jetzt so gut und positiv überstanden hast. Aber es können auch mal andere Zeiten kommen und darauf solltest Du vorbereitet sein. Wenn Du das bist, dann wirst Du auch schwierigere Zeiten ohne Alkohol meistern.

    Zitat

    Aber schlimm finde ich ,wenn man sich ein Leben lang als Alkoholiker bezeichnen muss und sich damit seine Krankheit dauernd vor Augen hält, obwohl man seit Jahren abstinent ist.
    Da vermittelt man sich selbst doch ein ganz falsches Bild.


    Dazu hast Du ja schon ein paar Meinungen gehört.

    Ich denke mal, Du denkst so, weil Du diese Krankheit als ein Stigma, als eine Schwäche (Deinerseits) emfpindest. Warum denn eigentlich? Du bist Alkoholikern. Jemand anders ist Diabetiker. Jetzt kannst Du natürlich sagen, der Diabetiker ist aber ja nicht "schuld" an seiner Krankheit, Du aber schon. Aber stimmt das wirklich? Es hat doch Gründe gegeben, weshalb Du mit dem Trinken angefangen hast. Diese Gründe, die Du vielleicht in ihrer Tiefe noch gar nicht kennst, führten dazu, dass Du diese psychische Krankheit entwickelt hast. Meine Gründe, und ich denke da kommen meist mehrere zusammen, lagen z. B. in meiner Kindheit und teilweise auch in meiner Familie. Das ganze kombiniert mit dem, was einem das Leben sonst noch so an einschneidenden Erfahrungen mit gibt und zack, rutscht man in diese Krankheit hinein. Es ist längst erwiesen, dass das nicht mit Schwäche oder Disziplinlosigkeit zu tun hat.

    Ich weiß auch, dass das "die Gesellschaft" noch zu großen Teilen anders sieht. Aber wie bei so vielen anderen psychischen Erkrankungen hat ein Großteil der Gesellschaft davon ja überhaupt keine Ahnung! Es ist wichtig, dass Du selbst weißt wer und was Du bist. Und es ist noch wichtiger, dass Du Dich für das veruteilst was Du bist sondern das Du mit Dir und Deinem Leben im Reinen bist.

    Und dann kannst Du das "ich bin Alkoholiker" völlig entspannt sehen. Und es bedeutet ja auch nicht, dass Du herum laufen musst und es jedem erzählen musst. Je länger Du ohne Alkohol lebst, desto normaler ist das auch für Dein Umfeld. Man ist dann einfach ein Mensch, der keinen Alkohol trinkt. Und auch wenn "man" sich das vielleicht nicht vorstellen kann: Davon gibt es ziemlich viele. Mir war das auch nicht bewusst, ich habe das erst wahr genommen, als ich längere Zeit ohne gelebt habe. Vielleicht auch deshalb, weil sich das eigenen Umfeld langsam in Richtung alkoholarm oder sogar alkoholfrei verändert.

    Ich würde deshalb sagen: Es geht jetzt erst mal darum, mit Dir und Deinem Leben ins Reine zu kommen. Das ist für mich die Basis für ein dauerhaftes Leben ohne Alkohol. Und wenn Du das hinbekommst, dann erledigen sich alle anderen Dinge quasi von selbst.

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Hallo Jana,

    ich kann Dir von mir sagen, dass ich da völlig ungeplant "ausgestiegen" bin. Ich dachte eigentlich, es wäre alles egal und ich trinke mich halt irgendwann mal zu tode. Aber es war wohl so, dass mein Leidensdruck derart hoch war, dass ich einfach nicht mehr konnte. Und als meine Frau dann mal wieder eine meiner gewaltigen Lügen aufgedeckt hatte und mich ansprach, brach es aus mir heraus und ich outete mich als Alkoholiker und beichtete ihr all meine Vergehen. Ich hätte mich aus dieser Situation sicher wieder heraus lügen können, wie so oft vorher. Aber ich wollte nicht mehr. Mir war klar: Ich will jetzt da raus, ich will nie mehr trinken, egal was das jetzt erst mal für Konsequenzen hat. Diese waren erst mal fürchterlich.

    Du merkst, eine komplett andere Situation wie bei Dir. Ich trank meine ganze Alkoholikerzeit komplett heimlich. Meine Frau sah zwar unsere Ehe den Bach runter gehen, wusste aber nicht warum. Mit meinem Outing war dann plötzlich alles klar. Es war die Bombe, die einschlug. Damit pulverisierte ich ihre ganzen Zukunftspläne und auch die meiner Kinder.

    Und bei mir war das dann so, dass meine Frau nach dem ersten Schock sehr gerne mit mir einen Neuanfang gewagt hätte. Sie hätte mich, obwohl ich sie zutiefst verletzt hatte, denn das was ich da alles getan hatte und ich beichtete war mehr als schockierend für sie, unterstützt und begleitet. Sicher hätte es Zeit gebraucht um wieder einander vertrauen zu können aber es hätte funktionieren können.

    Aber ich trennte mich von ihr. Ich merkte, dass ich sie nicht mehr liebte, dass ich nicht mehr mit ihr zusammen sein kann und das es letztlich meine Kinder wären, die der Grund für die Fortsetzung dieser Beziehung wären. Und das ich in dieser Beziehung, auch durch die viele Schuld die ich aufgeladen hatte, wohl wieder trinken würde. Und so trennte ich mich. Es war richtig, das kann ich heute sagen. Damals waren meine Gedanken nicht so klar, da waren die Gedanken immer bei meinen Kindern und ob ich ihnen zuliebe nicht doch .....

    Lies hier in Ruhe die Geschichten anderer Angehöriger. Hol Dir noch mehr Hilfe von außen. Du musst nicht hetzen, lass Dir Zeit. Umso mehr input Du hast, desto klarer wirst Du werden. Und dann wirst Du auch eine Entscheidung treffen können.

    Alles alles Gute für Dich.

    LG
    gerchla

    Liebe Orangina,

    ich will gerne versuchen Dir meine damaligen Gefühle und Gedanken zu schildern.Und auch was sich geändert hat.

    Erst mal dazu:

    Zitat

    Gerchla, weißt du, warum du damals so gelogen hast ? Warum konntest du früher nicht eher die Reißleine ziehen und reinen Tisch machen ? Was waren die Gründe ?
    Angst, deine Frau zu verletzen


    Also, erst mal war ich Alkoholiker, also aktiver, trinkender Alkoholiker. Alles was ich vorher mal war, also vor dieser Sucht, war längst in den Hintergrund gedrängt worden. Jahrelange Sucht hatten Spuren hinterlassen. Mein Hirn legte sich, suchtbedingt, die Dinge so zurecht, wie sie der Sucht am besten dienlich sein konnten. Was ich sagen will: Mein Doppelleben wäre in dieser Form sicher niemals möglich gewesen ohne die Sucht. Denn vor dieser Sucht hatte ich noch sowas wie Charakter, wie Moralvorstellungen, sowas wie ein Gewissen. Das alles veränderte sich jedoch mit dem Trinken bzw. meine Werte, etc. waren völlig verzerrt, regelrecht irrational. Rückblickend kann ich sagen, dass ich mit jedem Monat den ich länger trocken war, entsetzter auf das blickte, was ich da eingentlich getan hatte. Und wenn ich das selbst nicht wirklich alles erlebt hätte, wenn ich nicht selbst der Täter gewesen wäre, ich würde sogar daran zweifeln, das sowas überhaupt möglich ist und ich würde auch zweifeln, dass ein Mensch sowas über eine längere Zeit aushalten kann. Aber der Alkohol machte es möglich....

    Warum konnte ich nicht raus? Ja, wegen der Sucht. Sie hielt mich darin gefangen, sie hatte mich derart verändert das ich nicht mehr "vernüftig" denken und handeln konnte. Und trotzdem war mir auch klar, dass ich da nicht mehr "heimlich" heraus kommen KANN. Und da kommen wir jetzt zum Punkt "andere verletzen". Ja ich hatte auch Angst meine Frau zu verletzen aber mir war eigentlich auch klar, dass meine Frau mich auf jeden Fall verlassen würde, wenn sie das alles erführe (hier irrte ich, sie wollte mit mir da durch gehen und ich war es dann, der sich von ihr trennte). Was mich gar nicht mal so sehr ängstigte, denn ich spürte schon damals, dass diese Beziehung (durch mich) an die Wand gefahren war. Viel mehr Angst hatte ich davor, was ich meinen Kindern damit antun würde. Ich liebte meine Kinder über alles, trotz Dauersuff. Meine kleine Tochter war einfach alles für mich, mein Großer mein ganzer Stolz. Ihnen diese Verletzung zuzuführen konnte ich mir niemals vorstellen. Lieber noch so lange wie möglich durchhalten. Und so dachte ich auch. Wenn sie größer ist, dann..... etc.

    Irgendwann war dann aber der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr konnte. Das war ganz ungeplant. An einem Abend fiel dann der Satz: Ich bin Alkoholiker und an diesem Abend, den ich nie mehr vergessen werde, brach dann die Welt meiner Familie zusammen. Und alles war anders, von einer Sekunde auf die nächste. Es wurde "reiner Tisch" gemacht, die einzige Möglichkeit da raus zu kommen. Ich kann es nur wiederholen.

    Es folgten die schlimmsten Tage, Wochen und Monate meines bisherigen Lebens. Nie werde ich die trautigen, verzweifelten Augen meiner Tochter vergessen. Glaube mir, es war die Hölle. Für meine Kinder und für meine Frau noch mehr als für mich. Denn sie waren ja unschuldig.

    Aber, nach und nach wurde es wieder besser. Langsam und natürlich mit der Grundvoraussetzung, dass ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr trank. Nach und nach konnte ich mein Leben wieder in Griff bekommen. Natürlich war da so viel passiert, so viel Schuld die mich belastete, dass ich mir Hilfe holen musste. Ein Psychologe, ein Mönch, der eine zentrale Rolle in meinem Leben nach dem Trinken ein nahm, das brauchte ich. Alleine hätte ich es nicht geschafft.

    Und so ging es nach und nach aufwärts. Nach etwa einem Jahr ging es mir deutlich besser, ich hatte das Gröbste aufgearbeitet und konnte nun beginnen tiefer in mein Inneres zu schauen. Ich begann meine Zukunft aktiv zu gestalten. Langsam verbesserte sich auch das Verhältnis zu meiner Ex-Frau (ich trennte mich kurz nachdem ich aufgehört habe zu trinken und zog aus), das zu meinen Kindern war zwar anders aber es wurde normaler, besser. Ganz langsam kam Vertrauen zurück.

    Und gleichzeitig war ich auch frei für Neues.

    Und jetzt dazu:

    Zitat

    Was ist JETZT und HEUTE besser in deinem Leben im Vergleich zu damals ?


    ALLES ist besser wirklich alles. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Ich liebe mein Leben, ich bin wahnsinnig dankbar für alles was ich habe. Dadurch, dass ich damals diesen Schritt getan habe (Stichwort:Reiner Tisch und alkoholfreies Leben), bekam ich die Chance auf ein neues Leben. Ein Leben ohne Heimlichkeiten, ein Leben ohne Lügen. Ich wollte NIE mehr lügen (ähm, kleine Höflichkeitslügen schließe ich jetzt mal aus ;) ) Ich habe wieder geheiratet, ich wurde nochmal Papa, es ist einfach wunderbar. Ich habe eine gute Beziehung zu meiner ersten Frau, ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Kindern und auch meine jetzige Frau hat diese gute Beziehung.

    Ich greife heute auf all diese schlimmen Erfahrungen zurück um es JETZT besser zu machen. Ich denke oft an diese Erfahrungen um JETZT die Dankbarkeit für das was ich habe, zu spüren. Ich darf jetzt mein Leben gestalten, selbst gestalten. Ich kann jetzt daran arbeiten der Mensch zu werden, der ich gerne sein möchte. Das alles ging damals nicht, ich war fremdgesteuert. Vom Alkohol, von meinem Doppelleben, von meinen Ängsten die daraus resultierten.

    Das alles ist schon lange vorbei. Aber ich kann nichts anderes sagen: Es ging nur über den "reinen Tisch". Ohne diesen Schritt wäre es eine never ending story geworden. Manchmal muss man einen Cut machen, ich denke solche Entscheidungen gehören letztlich zum Leben. Klar ist nicht bei jedem eine derartige, und auch noch selbst zu verantwortende Tragweite dahinter, wie das bei mir war. Aber jeder steht irgendwann mal an dem Punkt, wo er Entscheidungen treffen muss. Und je nachdem wie man dann entscheidet verläuft eben das Leben weiter. Bei mir konnte es letztlich nur besser werden. Aber das wollte oder konnte ich jahrlang nicht akzeptieren, auch wenn ich es im innersten trotz meiner Sucht wusste.

    Soviel zu meiner Geschichte. Vielleicht kannst Du was für Dich heraus ziehen.

    LG
    gerchla

    Hallo Jana,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du zu uns gefunden hast.

    Ich stelle mich kurz vor: Ich bin Alkoholiker, 50 Jahre alt und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig, ich hatte Familie (auch 2 Kinder genau wie bei Euch) und ich verheimlichte meine Sucht komplett. Also nicht wie Dein Mann, der, so wie ich das nach Deinen Beschreibungen einschätze, das ganze etwas "aufteilt". Sprich: es gibt den einen Teil den er trinkt, den Du mitbekommst (das sind wahrscheinlich diese 2 - 4 Bier) und es gibt noch den anderen Teil, den er höchstwahrscheinlich heimlich trinkt. Sonst würdest Du wohl keine Flaschen finden, z. B. im Keller.

    Und wenn ich Dir da mal kurz von mir erzählten darf: Meine Verstecke waren z. B. der Reserveradkasten unseres Autos (da war kein Reserverad mehr sondern der war voll mit Plastikbierflaschen. Plastikflaschen deshalb, weil die beim Fahren nicht klirren und ich somit nicht auffliegen konnte), unser Holzlager am Gartenschuppen (war druchhöhlt und hatte Vorzugweise Weinflaschen als Inhalt, weil die im Winter mehr Minusgrade aushalten, ein nie genutzter Jetbag im Keller gehörte ebenfalls dazu und dann hatte ich meist im nahegelegenen Wald, ein wenig versteckt an unzugänglicher Stelle, ein- oder zwei Bierkästen (mit Laub und Zweigen getarnt) stehen, auf die ich im Notfall auch noch zugreifen konnte.

    Es könnte also druchaus sein, dass Du bei Deinem Mann nur einen Teil seines tatsächlichen Konsums wahr nimmst.

    Aber im Grunde geht es darum gar nicht. Eigentlich ist es sogar egal wie viel er jetzt tatsächlich trinkt. Entscheidend ist nur, dass Du damit nicht einverstanden bist und es DEIN Leben extrem belastet. So wie Du es schilderst, scheint Dein Mann den Schritt vom Missbräuchler zum Süchtigen bereits hinter sich gelassen zu haben was bedeutet, dass ihm nur noch die absolute Abstinenz bliebe, wenn er aus diesem Suchtstrudel wieder heraus kommen wollte. Also nichts mit "nur am Wochenende" oder so. Und genau da liegt nun leider auch das Problem. diese "Angebote", die ein Alkoholiker dann macht wenn er etwas unter Druck gerät, die sind absolut nichts wert. "Nächste Woche trinke ich mal nichts", "unter der Woche trinke ich jetzt nichts mehr" oder auch "ich trinke ab sofort nur noch ein oder zwei Bier am Tag". Alles blablabla. Da wurde die Rechnung ohne die Sucht gemacht.

    Es ist sein Leben und was er da tut, ist nichts illegales oder so. Wenn er trinken möchte, dann kann und darf er das jederzeit tun. Seine Entscheidung weil sein Leben. Und diese Sucht funktioniert so, dass sie den Süchtigen richtig in die Zange nimmt. Sie hat so viele Tricks auf Lager und passt sich individuell auf die Schwächen des Süchtigen an. Und diese nutzt sie gandenlos. Deshalb funktioniert es auch nicht, wenn jemand von außen (und sei es die eigene Frau oder die eigenen Kinder) versucht, an die Vernuft zu appellieren. Bitten, betteln, drohen, all das hat in der Regel keinen Erfolg.

    Was bleibt dann also? Nun, so wie er das Recht hat sein Leben so zu leben wie er das möchte, so hast selbstverständlich auch Du das Recht, Deines so zu leben wie Du das möchtest. Und das ist im Übrigen auch das einzige was Du tun kannst und was Du auch tun solltest. Jetzt wirst Du vielleicht sagen: Wie soll denn das gehen?

    Ich weiß, dass ich da jetzt leicht rede. Aber Du hast ja nur die Wahl, entweder mit ihm weiter zusammen zu leben und das alles weiter mitzumachen, denn Du wirst es nicht ändern wenn er es nicht von sich aus ändern will. Oder, Du schaust auf Dich und lebst Dein eigenes Leben. Und hast dabei auch Deine Kinder im Blick. Denn es bleibt i. d. R. bei Kindern aus Familien wo ein Elternteil Alkoholiker immer ein Schaden hängen, der sie teilweise ein Leben lang begleitet und auch belastet.

    Was Du also tun kannst ist, Dir erst mal klar zu machen, wie Du Dir Dein Leben eigentlich vorstellst. Wahrscheinlich weiß Du das schon. Du kannst oder solltest mit Ihm, aber unbedingt nur dann wenn er nüchtern ist, in Ruhe über die Situation sprechen und Du solltest versuchen Ich-Botschaften zu senden. Also immer von Dir aus sprechen und ihn nicht mit Du-Botschaften befeuern. Ich fühle mich verletzt, ich mache mir Sorgen, etc. Nicht: Du machst alles kaputt, Du machst mir Sorgen, etc. Und bei diesem Gespräch solltest Du ihm klar machen, was Du möchtest und was Du erwartest. Und welche Konsequenzen Du ziehst,wenn Deine Erwartungen nicht erfüllt werden. Wichtig wäre, dass Du diese Konsequenzen dann auch ziehst, sollte er die von Dir gezogene Grenze überschreiten.

    Am Ende könnte das dann auch eine Trennung sein.

    Ich kann mir vorstellen, dass Du Dir das jetzt gerade überhaupt nicht vorstellen kannst. Aber leider ist das sehr häufig der einzige Weg für Partner von Alkoholikern. Manchmal rüttelt so ein Schritt den Trinker wach, manchmal merkt er dann, wie wichtig ihm seine Partnerschaft, seine Familie, eigentlich ist und er beginnt nachzudenken. Manchmal führt es dazu, dass der Trinker bereit ist, ernsthaft etwas zu unternehmen. Manchmal hilft dieses konsequente Handeln seitens des Anghörigen also dabei, die Beziehung zu retten, weil der Trinker es tatsächlich ernsthaft angeht und dann auch schafft die Sucht zu überwinden.

    Aber oft eben auch nicht. Es ist offen. Oft liefert es dem Trinker einen wunderbaren Grund, weiter zu trinken. Andere versuchen zwar weg zu kommen, scheitern aber. Da gibt es ganz viele ganz unterschiedliche Schicksale und Du hast das nicht in der Hand. Du hast nur Dein Leben in der Hand, egal was er tut. Und Du hast auch nur für Dein Leben die Verantwortung, korrigiere: für Dein Leben und für das Deiner Kinder hast Du die Verantwortung.

    Wenn Du es noch nicht getan hast, dann lies hier im Angehörigen-Bereich. Ich glaube das was Du dort liest, kann hochwertvoll für Dich sein. Und glaube dann nicht, dass bei Dir alles ganz anders ist als bei den anderen Angehörigen. Überlege Dir, wieviel Du bereit bist zu geben, wie lange Du bereit bist den Weg an der Seite eines Trinkers mitzugehen. Manche Partner machen das Jahrzehntelang, immer in der Hoffnung es würde mal besser werden und nicht wenige merken dann erst ganz spät, dass sie sehr viel ihrer Lebenszeit vergeudet haben. Und werden darüber nicht selten selbst krank. Über die Kinder will ich erst gar nicht reden...

    Ich möchte aber nicht falsch verstanden werden. Ich will hier nicht sagen, dass man, sobald man merkt das der Partner aktiver Alkoholiker ist, sofort die Füße in die Hände nehmen sollte und so weit weg laufen soll wie es nur geht. Das will ich überhaupt nicht sagen. Ich will nur sagen, dass es leider oft die letzt mögliche Option ist,wenn man nicht mit der Sucht des Partner zusammen untergehen möchte. Und selbstverständlich bin ich der Meinung, dass man um seine Beziehung kämpfen sollte, zumindest dann, wenn man seinen Partner noch liebt und noch nicht zu viel Porzellan zerschlagen wurde. Aber dieser Kampf kann nicht dadurch gewonnen werden, indem man sich neben den trinkenden Partner "einrichtet" und ihm immer wieder bittet, er möge doch was ändern. Oder anfleht, oder heult oder beschimpft. Er kann nur durch konsequentes handeln gewonnen werden. Im Notfall verliert man vielleicht trotz allem seinen Partner, gewinnt aber "wenigstens" sein eigenes Leben zurück.

    Was Dir vielleicht auch helfen könnte, wäre eine SHG für Angehörige.Ist in der aktuellen Corona-Zeit wahrscheinlich gerade etwas schwierig mit Gruppentreffen. Aber vielleicht sind hier ja Einzelgespräche mit Menschen die in genau der gleichen Situation stecken oder schon durch sind, möglich.

    Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute, Dir und Deinen Kindern. Und natürlich wünsche ich Dir einen guten und erfolgreichen Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Max,

    ich bin Alkoholiker. Trinke jetzt aber schon lange keinen Alkohol mehr.

    Leider bin ich auf dem Sprung und habe gerde wenig Zeit um ausführlich zu schreiben. Deshalb ganz kurz:

    Was Du von Dir schreibst, deutet auf den Einstieg in eine Alkoholsucht hin. Und mir scheint, dass das bei Dir ziemlich schnell gegangen ist. Und wenn Du in diesem Tempo weiter machst, dann werden da bald die Lichter ausgehen. Darum ist es wirklich sehr gut, dass Du Dich damit beschäftigst und etwas unternehmen möchtest.

    Ich kann Dir nicht sagen, ob Du schön süchtig bist oder ob Du noch "nur" missbrauch betreibst. Vielleicht solltest Du mal ERNSTHAFT versuchen eine längere Zeit auf Alkohol zu verzichten. Da könntest gut herausfinden, wo Du eigentlich stehst.

    Ein Experiment sozusagen. Nimm Dir doch mal vor, die nächsten 3 Monate keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Sehe einfach mal als eine Challenge an und verkaufe es von mir aus auch so, falls Dich irgendwelche Menschen fragen warum Du das machst. Und schau mal, ob das überhaupt funktioniert. Und wenn es klappt, dann achte mal darauf, wie es Dir damit geht. Ob Du ständig an Alkohol denken musst oder ob das irgendwann normal für Dich wird nicht zu trinken.

    Das könnte Dir erst mal helfen um klar zu werden, wie weit Du eigentlich bist. Selbstverständlich wäre absolut ratsam, eine Suchtberatung aufzusuchen. Ich weiß nur nicht, ob Du dazu bereit bist. Aber dort könnte man Dir sicher sehr helfen, Dir vor allem auch alterspezifische Hilfsangebote geben. Du bist ein noch sehr junger Mensch (nehme ich an) und bei Dir könnten andere Dinge hilfreich sein als z. B. bei mir, einem 50-jährigen.

    Bleib bitte unbedingt dran. Nimms nicht auf die leichte Schulter und wirf Dein Leben um Gottes Willen nicht dem Alkohol hinterher.

    LG
    gerchla

    Hallo Orangina,

    Zitat

    Ich führe seit 3 Jahren ein Doppelleben oder eines das ich nicht mehr will und den Ausstieg nicht schaffe.
    Ich kann davon nicht berichten,zu groß ist die Angst ,dass es raus kommt.
    Im Prinzip belüge ich mich seit Jahren selbst und tu Dinge,die ich nicht will und ich weiß was ich tun sollte schaffe es aber nicht ,mich selbst an die Hand zu nehmen und die Wahrheit auszusprechen. Sicher ist das auch in meiner Psyche eine stark verwurzelte Angst , die auch zum Alkkonsum führte.

    Da ich leider ein Doppellebenspezialist bin, muss ich Dir dazu einfach etwas schreiben. Ich verstehe GENAU was Du sagen willst. Ganz genau. Ich hatte mein Doppelleben in den letzten Jahren meiner Sucht und ich war auf der einen Seite der liebevolle Familienmensch, der Erfolgreiche im Beruf und der, bei dem immer alles so läuft wie es soll. Und auf der anderen Seite, da war eine Parallelwelt, da machte ich Dienstreisen die es gar nicht gab, da jettete ich um die Welt und war doch nur um die Ecke, da ließ ich meine Mama fast sterben obwohl sie sich bester Gesundheit erfreute. Um dieses Doppelleben aufrecht erhalten zu können, und es war ein RICHTIGES Doppelleben, musste ich Lügen was das Zeug hielt. Lügen bauten sich auf wieder neuen Lügen auf und nicht selten wusste ich selbst manchmal nicht mehr, was ich eigentlich gesagt hatte und was nicht. Und manchmal glaube ich meine Lügen aus selbst, je häufiger ich sie "anwendete". Das ist schwer zu erklären führt aber natürlich dazu, dass man ein absolut überzeugender Lüger sein kann. Wenn man selbst glaube was man da sagt bzw. lügt.

    Auch ich habe mir NIEMALS vorstellen können, dieses Doppelleben offen zu legen. Unvorstellbar....

    Doch leider muss ich Dir sagen: Das ist der einzige Weg um da raus kommen zu können. Eine wichtige Voraussetzung um aus der Sucht heraus kommen zu können ist es, die Trinkgründe zu beseitigen. Da gibt es ganz fiese, versteckte Gründe, wo man erst mal richtig in seine Suchtgeschichte einsteigen muss um die überhaupt finden zu können. An die muss man ran aber das kann man gut im Rahmen einer Aufarbeitung der eigenen Suchtgeschichte machen. Im Rahmen eines Prozesses der meist etwas länger dauert.

    Aber es gibt eben oft auch ganz offensichtliche Gründe, die so akut sind, dass sie unbedingt erst mal weg müssen um überhaupt erst mal den Alkohol weglassen zu können. So wie z.B. so ein Doppelleben. Das ist etwas, das extremst belastend ist, zumindest war es bei mir so. Das alles aufrecht zu erhalten hat mir all meine Energie geraubt und ich konnte das überhaupt nur so lange aushalten weil ich getrunken habe. Natürlich wäre es dazu erst gar nicht gekommen wenn ich nicht in die Sucht gerutscht wäre. Aber Einstieg in dieses Doppelleben hat dann meine Sucht noch manifestiert und extrem verschlimmert. All mein Lügen, all mein Betrügen, all das hat mich so belastet, dass ich (als bereits Süchtiger) natürlich das getan habe, was ein Süchtiger eben so tut: Dosis soweit erhöhen, dass man mal wieder ein paar Stunden an nichts mehr denken muss. Eine Spirale in den Abgrund, aus dem man nicht aussteigen kann. Man kann sie nur stoppen in dem man ihr die Grundlage entzieht.

    Und damit meine ich reinen Tisch machen. Einmal mit einem lauten Knall nach dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ein platter Spruch der hier aber voll zutrifft.
    Und wenn ich damals versucht hätte mit dem Trinken aufzuhören, mein Doppelleben aber weiter geführt hätte, es wäre unmöglich gewesen das zu schaffen. Niemals. Ich hätte es auch nicht "nebenher" auslaufen lassen können. Zu viel war passiert, zu viele Leichen im Keller, und zu viel hing ich auch emotional da mit drin. Nein, es gibt nur eine Alternative: REINEN TISCH.

    Reinen Tisch machen, die Basis eines jeden Alkoholausstiegs!

    Ich wünsche Dir, dass Du den Mut hast da reinen Tisch zu machen. Ich will nichts schönreden. Es war schlimm bei mir, sehr schlimm. Es war eine Katastrophe, ich werde nie vergessen wie ich z. B. meiner Frau alles erzählt habe..... Aber, ich wäre heute kein so zufriedener und glücklicher Mensch wenn ich diesen Schritt damals nicht getan hätte.

    Alles alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla

    Ich möchte auch kurz auf die sehr interessante Frage von Susanne antworten:
    Ich kann mich an keine Situation erinnern, wo der Alkohol gedanklich irgendwie als Option in meinem Kopf aufgetaucht wäre. In den ersten beiden Jahren ohne, da habe ich von mir aus präventiv gedacht, also was tue ich wenn ich z. B. auf der anstehenden Veranstaltung xy darauf angesprochen werden, doch ein Glas mitzutrinken, etc. Das war in den ersten (beiden) Jahren wichtig und hat mir geholfen, ruhig und ein Stück entspannter zu werden. Aber so ab Jahr drei hat das Zeug komplett seine Daseinsberechtigung bei mir verloren. Ich sehe den Grund dafür darin, dass ich mich mit meiner Sucht und meinem Leben intensiv beschäftigt habe und es ja immernoch tue.

    Eine "Angst" habe ich aber doch. Ich würde mich ja eher als verwöhnten Alkoholiker bezeichnen. Damit meine ich, als einen Alkoholiker der seit seinem Suchtausstieg keine wirklich schlimmen Einschläge hat hinnehmen müssen. Umfeld intakt, genug Kohle, gesund, alle Lieben gesund, etc. Es wurde einfach alles immer besser und besser, die ganz normalen negativen Phasen gibt es natürlich, aber sie gehören eben zum Leben.

    Und weil ich eben (außer der normalen Schwankungen) ein so positives Leben führen dar, habe ich einen Wahnsinnsrespekt vor all jenen Alkoholikern, welche nebenher noch von Krankheiten geplagt sind, welche schwierige äußere Umstände meistern müssen, welche vielleicht auch finanzielle Nöte haben aber trotzdem ihren Weg ohne Alkohol gehen. Klar würde der Alkohol nicht helfen, das wissen wir hier alle. Dennoch wird sich wohl erst dann zeigen wie gefestigt ich wirklich bin, wenn der Komet mal nicht mehr vobei fliegt.

    LG
    gerchla

    Hallo Orangina,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich bin Alkoholiker und 50 Jahre alt. Ich lebe jetzt schon lange ohne Alkohol, habe aber die Gedanken, das Handeln und die Gefühle meiner Trinkerzeit noch voll im Gedächtnis. Ich denke, das wird auch immer so bleiben. Deshalb habe ich, als ich Deine Vorstellung las, sofort gedacht: das kenne ich alles aus eigener Erfahrung.

    Das hier z. B.

    Zitat

    Würde ich jemanden davon erzählen, dass ich einen problematischen Umgang mit Alkohol habe,würde mir niemand glauben.
    Ich sehe gepflegt aus, bin sehr zuverlässig und funktioniere sehr gut .


    Hätte ich damals genauso von mir sagen können. Ich weiß nicht wie Dein Trinkverhalten genau aussieht. Ich trank die meiste Zeit meines Alkoholikerdaseins heimlich. Das gelang mir, obwohl ich Familie hatte und man normalerweise davon ausgehen müsste, dass man da irgendwann auffliegt. Zumindest bei den Mengen die ich trank, welche in den letzten Jahren meiner Sucht deutlich über dem lag, was Du von Dir schilderst.

    Und auch wenn ich in diesen besagten letzten Jahren dann nicht mehr ganz so toll aussah und sich manch einer dachte "was ist mit dem eigentlich los? ist er krank?", so kam doch niemand auf die Idee das Problem beim Alkohol zu suchen. Denn man sah mich ja nie trinken. Ich funktionierte also bis zum Schluss. Und ganz ehrlich, so ist das bei den allermeisten Alkoholikern. Nur die wenigsten gehören zu jenen, die von der Allgemeinheit auch sofort als solche wahr genommen werden. Der größte Teil funktioniert und es bekommt entweder niemand mit oder eben nur das engere Umfeld welches dann nicht selten dabei "hilft" die Sucht des Anghörigen noch zu vertuschen. Was dann sowohl der Leiden des Trinkers als auch das der Angehörigen verlängert.

    Ich finde es jedenfalls sehr gut, dass Du für Dich erkannt hast, dass da etwas nicht stimmt, obwohl Du noch sehr gut funktionierst und äußerlich nichts zu sehen ist.

    Zitat

    Der Vorsatz hielt maximal 5 Tage ,mit dem Ergebnis, dass ich dann am 6. Tag wieder eine Flasche entkorkte mit dem Gedanke,dass ich es im Griff habe ,denn sonst hätte ich die 5 Tage nicht geschafft...und: was ist schon dagegen einzuwenden, wenn ich ab und zu mal ein Glas trinke.
    Bei dem Glas konnte ich aber nie bleiben.


    Auch das kenne ich sehr gut. Wahrscheinlich kennt das jeder Alkoholiker. Wir nennen das dann im Nachhinein eine Trinkpause. Meine längste dauerte übrigens fast ein Jahr..... Daran siehst Du, dass diese Sucht nie schläft oder vergeht, wenn man sie einmal entwickelt hat. Als ich diese lange Pause einlegte, trank ich auf relativ niedrigem Niveau aber ich trank regelmäßig, fast täglich. Zwar relativ niedrige Mengen aber eben so gut wie jeden Tag. Nach fast einem Jahr war es ein Biermischgetränk, ein einziges welches vielleicht einen Alkoholanteil von irgendwas um die 2 % hatte, das mich zurück in die Spur brachte. Von da an ging es dann immer weiter bergab und auch deutlich beschleunigt. Es schien, als ob ich das nachholen wollte, was ich in diesem Jahr "verpasst" hatte.

    Später waren meine Trinkpausen, wo bei nicht wenigen eigentlich der Vorsatz war nie mehr zu trinken, deutlich kürzer. Einige Wochen und je länger die Sucht dauerte dann einige Tage. Bis maximal 14 Tage ging relativ lange wobei oft nach spätestens einer Woche Schluss war. Mit genau den Gedanken, die Du von Dir auch geschildert hast. Ich hatte mir ja "bewiesen", dass ich gar kein Problem haben kann. Sonst hätte ich jetzt ja nicht soooo lange verzichten können. Dazu kamen dann auch Gedanken, dass ich das ja jederzeit wieder machen könnte, also eine Pause einlegen.

    Das alles sind Gedanken, die einem das Suchthirn so einspielt. So funktioniert diese Sucht und das macht sie auch so gefährlich. Das ist der Grund dafür, dass es nur so wenige schaffen sie dauerhaft zu überwinden. Sie hat so gute "Argumente", sie kennt denjenigen den sie befallen hat, in und auswendig, kennt alle Stärken und Schwächen und hebelt die Stärken aus um die Schwächen dann zu nutzen. Klingt jetzt vielleicht ein wenig komisch, weil man ja selbst der Süchtige ist und es ja die eigenen Gedanken sind. Aber so könnte ich das im Nachhinein von mir beschreiben.

    Und wenn Du mich jetzt fragen würdest, warum ich glaube das mein letzter Ausstiegsversuch dann funktioniert hat und die vielen anderen immer nur in Trinkpausen geendet haben, dann würde ich Dir Folgendes sagen:

    Bei allen Trinkpausen die ich gemacht habe, hatte ich IMMER ein Hintertürchen offen. Ein Hintertürchen, durch das die Sucht wieder herein schleichen konnte. Das sah in der Regel so aus, dass ich als heimlicher Trinker der Meinung war, ich könnte auch heimlich damit aufhören. Somit sozusagen eine WIN-WIN-Situation schaffen. Ich bin das Saufen los und ich muss niemanden beichten das ich eigentlich Alkoholiker bin. Keine unangenehmen Fragen, kein beichten von Dingen die während dieser Zeit verzapft hatte, einfach still und leise raus aus der Sucht und schön mein tolles Leben als toller Papa, Partner, Vorgesetzter, Freund, etc. weiter leben. Alles prima, keine Aufregung und fertig.

    Das genau funktioniert nicht, also zumindest bei mir nicht und meine jetzige Erfahrung mit anderen Alkoholikern legt den Verdacht nahe, dass es sogut wie nie funktioniert "einfach so nebenher" aus der Sucht auszusteigen. Denn immer wieder sind sie dann da, diese Gedanken: So schlimm kann es ja nicht sein, ein Glas kannst Du doch trinken, es bekommt ja keiner was mit, du kannst ja jederzeit wieder aufhören, etc. etc.

    Da Du offensichtlich etwas Angst vor einer Klinik, vielleicht auch von einer klassischen Therapie hast (so interpretiere ich Deine Zeilen jetzt mal), möchte ich Dir sagen, dass ich beides nicht in Anspruch nahm. Aber trotzdem seit vielen Jahren nicht mehr trinke. ABER: das bedeutet nicht, dass ich still und heimlich und ohne Hilfe aufgöhrt habe. Als ich meine letzte, bis heute andauernde Trinkpause begann, war alles anders als die vielen Male vorher. Meine Trinkpause begann mit dem Satz: Ich bin Alkoholiker! Welchen ich zu meiner damaligen Frau sagte und damit ihr Leben aus den Angeln hob. Mit diesem Satz und mit der Tatsache, dass ich ihr anschließend all meine Geheimverstecke, randvoll mit Alkohol, zeigte und das Zeug auch gleich wegschüttete, begann mein Suchtausstieg. Und mit diesem Satz habe ich auch mein erstes Hintertürchen vernagelt. Aber es ging natürlich weiter. Auch meine Kinder mussten es erfahren, meine Eltern, meine Geschwister, meine verbliebenen engeren Freunde. Überall machte ich reinen Tisch und überall brachen Welten zusammen.

    Dann war es bei mir so, dass ich die letzten Jahre meiner Sucht ein Doppelleben geführt hatte. Das so weit fortgeschritten war und derart viele Leichen im Keller hatte, dass es nicht möglich gewesen wäre, dieses ohne massives Lügen zu verheimlichen. Und wenn ich eines nicht mehr wollte, war es lügen. Denn das belastete mich extrem und ich konnte das eben nur durch den Alkoholkonsum überhaupt aushalten. Also gab es nur eine Möglichkeit für mich, nämlich alles auf den Tisch zu legen. Und ich sage Dir, da habe ich Dinge gebeichtet die Du nicht wissen willst.... Das nächste Hintertürchen, das ich zugenagelt habe. Denn dieser Druck war dann auch weg. Zwar mit erst mal katastrophalen Folgen für mich aber eben ohne weiteren Langzeitdruck.

    Und dann war mir klar, ich muss mit Menschen in Kontakt kommen, die was von dieser Krankheit verstehen. Und zu allererst kam mir da natürlich eine SHG in den Kopf. Und schon nach den ersten 24 h ohne Alkohol besuchte ich eine SHG, welche mir dann erst mal so die Basisinfos lieferte. Diese SHG war für mich in den ersten Monaten mit die wichtigste Anlaufstelle. Und so entwickelt sich das dann. Ich war dann der Meinung ich brauche auch psychologische Hilfe und habe mir diese auch geholt. Und als ich der Meinung war, der Psychologe passt nicht zu mir bzw. versteht mein Problem nicht, habe ich mir anderweitig Hilfe gesucht. Und so ergab eines das andere und je länger man von dem Zeug weg ist, desto unterschiedlicher können auch Hilfen werden, die man sich holt. Sehr individuell das ganze. Ich bin mir aber sicher, und da kann ich natürlich nur für mich sprechen, dass ich es ganz ohne Hilfe wohl nicht geschafft hätte.

    Das wollte ich Dir jetzt einfach mal schreiben. Ich weiß zu wenig von Dir um speziell auf Deine Situation eingehen zu können. Wenn Du magst, dann beschreibe uns hier doch noch ein wenig mehr, wie die Situation bei Dir genau aussieht. Es geht gar nicht so sehr um Trinkmengen oder so. Sondern was Dich umtreibt, wie Dein Umfeld aussieht, ob z.B. Dein Partner (falls Du in Partnerschaft lebst) Bescheid weiß, welche Ängste Du genau hast oder wovor Du generell Angst hast. Vielleicht können wir Dir dann auch bessere Argumente liefern, mehr aus unsere eigenen Erfahrung berichten.

    Auf jeden Fall finde ich es sehr gut, dass Du Dein Trinkverhalten hinterfragst und ich wünsche Dir viele interessante und vor allem hilfreiche Anregungen hier aus dem Forum.

    LG
    gerchla

    Hallo Cedric,

    ich möchte Dir auch erst mal meinen Respekt dafür aussprechen, dass Du hier für Deinen Freund Hilfe suchst. Ich nehme mal an, dass Du in seinem Alter bist und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht auf so eine Idee gekommen wäre, wenn ich einen Freund in ähnlicher Situation gehabt hätte.

    Ich bin selbst Alkoholiker und lebe jetzt aber schon lange ohne Alkohol. Was Du von Deinem Freund so beschreibst klingt nach deutlich mehr als nach "wir lassen es halt ab und zu mal krachen". Es sieht für mich eher so aus, als sei er da gerade an einem Scheideweg. Der Weg vom Missbrauch zur Sucht ist fließend... Und leider gibt es dazu auch keine klare Definition. Am Ende ist man, einfach gesagt, dann süchtig, wenn man trinken muss und nicht mehr ohne sein kann. Dass Dein Freund jetzt eher depressiv erscheint während er früher immer gut drauf war kann auch eine "Nebenwirkung" des regelmäßígen und hohen Konsums sein. Depressionen sind eine nicht seltene Begleiterkrankung von Alkoholikern....

    Tja, was also nun tun?

    Selbstverständlich kannst Du ihn ansprechen. Ich fände das sogar sehr gut und wenn Du ein guter Freund / Kumpel oder was auch immer bist, dann kannst Du das auch tun. Ich möchte nicht sagen, dass das Deine Pflicht ist aber ich fände es zumindest sehr fair von Dir, wenn Du einen guten Kumpel nicht einfach in sein Verderben laufen lassen würdest. Ob Du nun etwas erreichen kannst bei ihm steht auf einem anderen Blatt. Jedoch finde ich es immer ziemlich schwach, wenn alle dann hinterher sagen: Das der ein Alki ist das hat man ja schon lange gemerkt - aber angesprochen hat ihn keiner..... Feige irgendwie..... Deshalb sprich mit ihm. Aber sprich ihn unbedingt nur dann an, wenn er nüchtern ist. Ruhig und sachlich, soweit Dir das möglich ist. Sag ihm was Dir aufgefallen ist und worüber Du Dir sorgen machst. Vielleicht könnt Ihr ja auch ne Challenge vereinbaren, dass Ihr mal ein paar Wochen ohne Alkohol unterwegs seid? Falls Du zu sowas bereit wärst und ihn da vielleicht mitziehen könntest.

    Und was die Eltern betrifft: Klar wäre es nur fair, wenn auch sie Bescheid wüssten. Was sie dann daraus machen ist deren Sache. Worüber Du Dir im Klaren sein musst ist, dass Dein Freund evtl. nicht besonders begeistert sein wird, wenn er mitbekommen sollte, dass Du ihn dort "verpfiffen" hast. Könnte sein, dass er nicht versteht, dass Du ihm in Wahrheit helfen möchtest. Aber die Alternative wäre nichts zu tun und ggf. dabei zu zusehen, wie er immer mehr unter geht. Keine gute Alternative, finde ich.

    Viel mehr wirst Du nicht tun können. Es liegt dann letztlich an ihm, ob er Deine Anregungen oder Argumente aufgreift und nachdenkt oder ob er so weiter macht wie bisher. Das hast Du dann nicht in der Hand da hilft dann auch ein ständiges auf ihn Einreden irgendwann nichts mehr.

    Ansonsten hat Dir ja auch AmSee schon ein paar hilfreiche Hinweise gegeben. Z. B. auch was die Sprache in ICH-Botschaften betrifft. Und was die Beratungs- und Hilfsangebote für Jugendliche betrifft: Wenn Du die recherchierst, dann könnten diese Adressen natürlich auch für Deinen Freund hilfreich sein. Also dann, wenn er bereit sein sollte etwas in diese Richtung zu unternehmen. Du kannst sie nutzen um nochmal mit einem Profi darüber zu sprechen, wie Du Dich ihm gegenüber am besten verhalten kannst und er könnte sie ggf. nutzen um sich helfen zu lassen. Wenn er das will.

    Ich ziehe meinen Hut vor Dir und wünsche Dir alles alles Gute!

    Viel Erfolg!

    Liebe Dagny,

    Zitat


    Zitat was Du erwähnt hast in Deinem Posting, ist zwar nicht von mir, sondern vom Daun


    :-[ Das tut mir jetzt wirklich leid, dass ich Dir dieses Zitat zugeschrieben habe. Eine Oberflächlichkeit meinerseits, was ich gar nicht mag, wenn mir sowas passiert. Normalerweise versuche ich schon mich ernsthaft mit den Posts hier zu beschäftigen, bevor ich etwas schreibe....

    Meine Gedanken bleiben natürlich die selben, egal von wem das Zitat stammt. Bestimmt sind sie aber ja nun eher für Daun, zumal Du ähnlich denkst wie ich und ich Dir damit ja gar keinen Denkanstoss geben konnte.

    Dazu möchte ich Dir noch etwas schreiben:

    Zitat

    Auch mein Vater trinkt, ist auch everyday-drinker und besäuft sich nie bis zum Umfallen….aber er trinkt…trinkt fast jeden Tag…und natürlich merke ich all die dazugehörigen Veränderungen mit den Jahren


    Mein Vater trinkt auch. Du schreibst, bei Deinem Vater war das nicht immer so. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und ich muss sagen: es war bei ihm immer so. Ich könnte Dir aber trotzdem nicht sagen, ob er nun wirklich Alkoholiker ist. Denn auch bei ihm sind richtige Abstürze eine absolute Seltenheit. Spontan fällt mir da nur einer ein, der aber bereits zu meiner Jugendzeit statt fand. Und obwohl er immer schon trank, kann ich nicht sagen, dass er deshalb ein schlechter Vater für mich gewesen wäre. Er "nervte" zwar oft mal, besonders eben als ich Jugendlicher war und mal wieder genau wusste, dass er einen bestimmten Pegel hat. Aber er war deswegen weder verbal richtig aggressiv und schon gar nicht körperlich.

    Und wenn ich heute so zurück blicke, dann kann ich bei ihm Trinkphasen erkennen, wo es mal über einen bestimmten Zeitraum etwas mehr war und andere Zeiträume, wo er deutlich weniger trank. Heute weiß ich auch, dass das damals viel mit Stress in der Arbeit etc. zu tun hatte. Trotz allem ist er bis heute nie richtig abgestürzt, hat z. B. immer die Finger von harten Sachen gelassen, konnte aber im Gegenzug in seiner Glanzzeit schon mal 10 Bier am Tag schlucken. Andererseits ist es ihm aber auch möglich, komplett zu verzichten, wenn er das will oder muss. Also z. B. wenn er noch Auto fahren muss. Das war mir z. B. ab einer bestimmten Phase meiner Sucht nicht mehr möglich. Im Gegenteil, im Auto hatte ich einen Großteil meiner Vorräte versteckt und ich konusmierte auch im Auto wenn ich wusste, dass ich nur noch ein paar Meter nach Hause hatte. Also z. B. auf einem, meiner damaligen Wohnung sehr nahe gelegenen, Waldparkplatz, wo ich "nur" noch über eine kleine Nebenstraße ohne viel Verkehr nach Hause fahren musste. Etwas Gewissen war ja schon noch vorhanden, wobei es auch einfach nur die Angst gewesen sein kann, erwischt zu werden.

    Mein Vater war (und ist es manchmal immer noch) meine persönliche Challenge. Vor allem nachdem ich aufgehört hatte mit dem Trinken. Er hat sich meine Geschichte genau EIN mal angehört, nämlich an dem Tag, an dem ich noch so lange als Vorzeigesohn galt, bis ich mich outete. Das Gespräch werde ich wohl auch nie vergessen. Da war ich, ich schätze mal knapp 4 Wochen trocken und es war an der Zeit, auch meinen Eltern zu sagen was eigentlich los ist. Ich habe damals auch gesagt, dass es wohl mit meiner Ehe nichts mehr werden wird. Kurz gesagt: Meine Eltern haben an diesem Tag von mir erfahren, dass ich Alkoholiker bin und das meine Ehe gescheitert ist. Bis dato war ich für sie ein guter Familienvater, erfogreich im Beruf und jemand, der sein Leben verantwortungsvoll führt und natürlich alles im Griff hat.

    Jetzt erfuhren sie sozusagen genau das Gegenteil und dass ich mich auch bereits "abgesetzt" hatte und gar nicht mehr zuhause wohnte. Da hörte er mir also einmal zu, ohne jedoch irgendwie tiefer in ein Gespräch einzusteingen. Wenn ich ehrlich bin war ich damals aber auch froh, dass es nicht tiefer ging, denn ich war ja alleine durch dieses Outing bereis schweißgebadet und ziemlich am Limit.

    Aber später gab es natürlich mehrere Situationen, wo ich schon mal gerne auf dieses Thema gekommen wäre. Das war bis zum heutigen Tag nicht mehr möglich und mein Vater (explizit mein Vater, nicht meine Mutter) ignorieren meine Sucht teilweise demonstrativ. Was soweit geht, dass er mir beim Familientreffen mit Mittagessen stolz berichtet, welchen Wein er in der Soße verkocht hat oder in welchen Sherry er das Fleisch eingelegt hat. Solche Dinge haben mir anfangs ziemlich schwer zugesetzt. Zumal ich mehrmals ziemlich sicher war, dass er das sogar mit Absicht getan hat.

    Mittlerweile habe ich hier meinen Weg gefunden und für mich steht jetzt ganz oben, dass ich mit meinen Eltern, speziell mit meinem Vater immer im Guten bin. Was bedeutet, dass ich Familientreffen oder Besuche immer so verlasse, dass ich ihm im Falle seines Ablebens nichts mehr zu sagen hätte. Da ich bereits 50 Jahre alt bin ist er natürlich auch nicht mehr der Jüngste und wenn ich mir seinen Lebenswandel bis zum heutigen Tag so ansehe, dann ist für mich eher erstaunlich, dass er noch so leben kann wie er lebt bzw. das er überhaupt noch lebt. Mir wurde irgendwann klar, dass mir mein innerer Groll ihm gegenüber einfach nur selbst schadet. Und je mehr ich mich dann damit beschäftigt habe, desto mehr fand ich auch die vielen positiven und guten Seiten an ihm. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken und er hat mir sehr viel für mein Leben mitgegeben. So gut er das eben selbst konnte. Und er liebt mich, auch das weiß ich heute. Er zeigt es nicht so, wie ich das meinen Kindern zeige bzw. ich sage es ihnen auch einfach immer wieder, egal wie alt sie sind. Er macht das so, wie er es eben kann, wie es seine Prägung eben zu lässt.

    Und wenn er heute ein paar Bier zu viel hat, dann nervt er mich selbstverständlich noch genauso wie er das immer getan hat. Weil er sich dann einfach verändert und seine Art einfach ziemlich provozierend und ätzend werden kann. Über bestimmte Themen kann man dann gar nicht mehr reden. Aber im Gegensatz zu früher, gehe ich nicht mehr auf Konfrontation sondern ich verlasse die Veranstaltung. Ich gehe einfach, ohne Groll, ohne ihm zu sagen das er mich gerade nervt oder dass er zuviel getrunken hat. Ich gehe, weil ich gehen "muss" und ich kündige an, dass ich mich auf den nächsten Besuch freue. Ich will ihn nicht mehr im Streit verlassen, denn es tut mir nicht gut und ich weiß nie, ob mir noch die Zeit bleibt Dinge wieder zurecht zu rücken.

    Ansonsten sehe sein Trinken als das an was es ist: Nämlich sein Leben und seine Entscheidung. Ich glaube zu spüren, oder besser, zu wissen, dass meine Mutter sehr gut mit ihm klar kommt und die beiden trotz seines Konsums (welcher ja nicht ständig viel zu hoch ist) ein tolles Team sind. Die beiden lieben sich, das merkt man einfach. Und so ist es gut so wie es ist. Ich habe hier meinen Frieden und ab und zu muss ich halt meine Notbremse ziehen um diesen für mich bewahren zu können.

    So, das war's von mir!

    LG
    Gerchla

    Hallo Dagny,

    Zitat

    Ich für meinen Teil beschäftige mich mehr damit wie man einen Rückfall vorbeugen kann,und nicht mit der Vergangenheit was Passiert ist,die Kann ich sowieso nicht Ändern.
    Aber die Zukunft schon.

    Naja, einen Rückfall zu verhindern ist ja das wichtigste überhaupt. Ohne Rückfall leben bedeutet dauerhauft ohne Alkohol zu leben. Klingt ganz logisch und einfach.

    Wir haben hier schon häufiger darüber diskutiert, wie wichtig oder ob es überhaupt wichtig ist, seine Sucht aufzuarbeiten. Was ich jetzt mal mit der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit gleichsetzen möchte. Und ich gebe Dir auf jeden Fall Recht, wenn Du sagst, dass Du die Vergangenheit nicht mehr ändern kannst. Und ich gebe Dir auch Recht, wenn Du sagst, dass Du die Zukunft selbst in der Hand hast.

    Für mich war es aber unerlässlich, dass ich mich mit meiner Vergangenheit beschäftigt habe. Um meine Sucht überwinden zu können und sie verstehen zu können um sie dann am Ende auch als Teil meines Lebens akzeptieren zu können. Und zwar als einen Teil, der mich im Alltag nicht mehr belastet. Nun hast Du ja nicht die gleiche Suchtgeschichte wie ich und ich habe, so lese ich das jedenfalls heraus, viel mehr Schuld auf mich geladen während meiner aktiven Trinkerzeit, als Du das getan hast. Deshalb war es für ich sicher wichtiger damit klar zu kommen bzw. eben diese Zeit als Teil meines Lebens anzunehmen, ohne davon niedergedrückt zu werden, als das bei Dir der Fall ist.

    Ich habe bei mir die Erfahrung gemacht, dass die Beschäftigung mit meiner Sucht und meiner Vergangenheit dann sozusagen zwei Stränge hatte. Eimal die Suchtzeit selbst und all das was da (mit mir) passiert ist. Das war sozusagen die erste Phase. Schnell ging es aber dann darum, warum ich überhaupt da hinein gerutscht bin, welche Muster da dahinter lagen und vor allem auch, wie ich mich künftig davor schützen kann.

    Und diese zweite Phase war wesentlich intensiver und hatte erst mal überhaupt nichts mit meiner Suchtzeit ansich zu tun. Da war ich dann nämlich plötzlich in meiner Kindheit und Jugend angekommen (langer Prozess, das hat gedauert). Das ist auch Vergangenheit aber eine ganz andere als die dunkle Trinkervergangenheit. Denn ich trank natürlich irgendwann "nur" deshalb, weil ich halt irgendwann süchtig war und trinken musste. Da brauchte ich dann ja keine Gründe mehr bzw. alles mögliche konnte ich mir dann zur Gewissensberuhigung als Grund zurecht leben. Aber, wie kam es denn überhaupt dazu. Warum konnte ich das nicht erkennen, warum konnte ich nicht rechtzeitig gegensteuern? Was waren den die "Urgründe" für meine Flucht in die Sucht?

    Die lagen bei mir in der Kindheit, teilweise auch in der Jugendzeit. Trotz einer Kindheit und Jugend, die von außen (und ich sage sogar von innen) als schön und gut bezeichnet werden kann. Da haben andere ganz andere Geschichten zu erzählen und nicht alle, die ganz andere Geschichten zu erzählen haben wurden "automatisch" zu Alkoholikern. Aber warum ich? Und wie schütze ich mich in Zukunft davor?

    "Aus der Geschichte lernen um die Zukunft positiv gestalten zu können" - Ein vielleicht abgedroschener Spruch. Aber ich glaube kein falscher.

    Stand heute bin ich davon überzeugt, dass die beste Garantie gegen einen Rückfall, ein Leben ist, in dem der Alkohol keinen vermeintlichen Vorteil bietet. Damit meine ich, dass man keinen Grund mehr sieht, sich der Wirkung des Alkohols bedienen zu müssen. Ich würde sagen, dieser Zustand ist (spätestens) dann erreicht, wenn man grundsätzlich rundum zufrieden mit seinem Leben ist. Dann hat der Alkohol seinen Sinn verloren.

    Und auch wenn ich ein Verfechter des Aufarbeitens der Sucht, wenn ich der Meinung bin, man sollte sich seine Vergangenheit schon genau ansehen, so habe ich mittlerweile gelernt, dass das nicht für alle der richtige Weg ist und das es gar nicht mal so wenige Menschen gibt, die einen ganz anderen Weg gehen. Die sich z. B. über die positiven Aspekte eines Lebens ohne Alkohol ihre Rückfallgarantie holen. Und, ich kenne sogar einen Menschen, der gar nichts getan hat. Der nach wie vor fest davon überzeugt ist, dass er ja trinken musste, weil die Welt so ungerecht zu ihm war und er das sonst alles nicht ausgehalten hätte. Und der einfach nur einen schweren Unfall (im Alkoholrausch) hatte den er mit viel Glück und guten Ärzten überstanden hat. Und sich vor einer nicht ungefährlichen Operation geschworen hat, wenn das gut ausgeht, nie mehr zu trinken. Es ging gut aus, ist jetzt weit über 10 Jahre her und dieser Mensch trinkt seither nicht mehr. Wenn Du mit diesem Menschen über die Suchtzeit sprichst, kommt keinerlei Einsehen, keinerlei Reflexion, einfach nichts. Obwohl unter dieser Sucht nicht wenige gelitten haben.

    Also, sowas gibt es auch. Sicher eine Ausnahme aber mir scheint, das nichts unmöglich ist und die Wege heraus wirklich vielfältig bis einzigartig sind. Ach so, und Alkohol "essen" ist übrigens auch kein Problem. Also wenn es da mal ne Eierlikörtorte gibt... Oder eine Schapspraline, oder Magentropfen auf Alkoholbasis. Nichts davon führte bei diesem Menschen jemals zu einem Rückfall, denn eines ist für diesen Menschen ja ganz klar: Er hat sich geschworen nie mehr Alkohol zu trinken und das tut er auch nicht. Von essen war nie die Rede.....

    Verrückt, für mich unglaublich, dass das dann nicht unabdingbar zum Wunsch nach mehr führt. Aber ist so.

    Alles was ich sagen wollte. Seinen Weg muss jeder selbst finden. Meiner ging über die Aufarbeitung meiner Geschichte.

    LG
    gerchla

    Hallo AmSee,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön das Du da bist, auch wenn der Grund dafür, wie bei fast allen, sicher kein schöner ist.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Vorher trank ich weit über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich.

    Ich will Dir einfach meine Gedanken schildern und vielleicht stelle ich auch ein paar Fragen, mal sehen:

    Wenn ich Dich richtig gelesen habe, dann hast Du ja bereits einen oder auch mehrere Selbsttests gemacht. Damit meine ich diese Tests, die einem sagen, ob man möglicherweise ein Alkoholproblem haben könnte oder eben auch nicht. Wie Du ja selbst schreibst, deutet bei Dir einiges darauf hin das Du auf jeden Fall ein Problem hast. Und was Du hier so von Dir schreibst bestätigt das ja auch. Das ganze noch in Kombination mit den anderen schweren Erkrankungen von Dir.... Das ist schon kein einfaches Leben oder Schicksal, das Du da hast.

    Denoch scheinst Du ja (noch) eine recht innige Beziehung zum Alkohol zu haben. Du sprichst ja vom Weinchen und Bierchen und von "gutem Wein" zu gutem Essen. Klingt ein wenig nach Trinkkultur und nicht nach saufen. Harte Sachen lässt Du weg, denn die gehören zum "bösen" Alkohol. Der edle, oder wie Du es nennst "richtig gute" Wein dagegen.... Naja, im Grunde schon auch das, was uns die Gesellschaft seit ewigen Zeiten so vorlebt. Im Grunde ist es aber völlig wurscht was Du Dir reinpfeifst. Ob Du nun den sündhaft teuren Edelwein reinschüttest (und nicht mehr kontrollieren kannst) oder ne Pulle Schnaps, es ist einerlei. Das eine ist nicht besser als das andere. Und der Alkoholiker aus gehobenen Kreisen, der sich nur mit edelsten Tropfen besäuft ist kein besserer Alkoholiker als der Penner auf der Parkbank. Bei sind psychisch krank und hängen an der Flasche.

    Es ist aus meiner Sicht schwer zu sagen, ob Du jetzt zur Kategorie der bereits Alkoholsüchtigen gehörst oder ob Du vielleicht noch zu jenen gehörst, die "nur" Missbrauch betreiben. Der Übergang ist fliesend und auch individuell. Es gibt keine genaue Formel, eben nur verschiedene Indikatoren die auf ein Problem hindeuten. Aber diesbezüglich hast Du ja schon Deine Ergebnisse bekommen.

    Warum ich das schreibe? Nun, vielleicht willst Du ja mal eine Art Experiment wagen. Vielleicht nimmst Du Dir mal vor wirklich komplett auf Alkohol zu verzichten. Nicht mit dem Vorsatz nie mehr Alkohol zu trinken, was Du Dir ja offenbar gar nicht vortstellen kannst, sondern zeitlich begrenzt. Aber eben nicht nur auf ein paar Tage oder wenige Wochen begrenzt sondern vielleicht mal auf ein halbes Jahr. Ab sofort ein halbes Jahr keinen Alkohol mehr. Das wäre dann so bis Ende April nächsten Jahres, runden wir mal auf und sagen: bis 1. Mai 2021 keinen Tropfen Alkohol, danach alles wieder offen - wie fühlst Du Dich bei diesem Gedanken? Bist Du dabei? Achtung, auch an Weihnachten und Silvester.... kein Sektchen, nichts.....

    Wenn Du nicht süchtig bist, wird Dir das, vielleicht nach einer gewissen Anfangssehnsucht die auch von einer gewissen Gewohnheit kommen kann, relativ leicht fallen. Es gibt viele Menschen die gar keinen Alkohol trinken oder nur in allergeringsten Mengen. Oder nur alle paar Monate mal nur ganz wenig. Wenn Du jedoch schon ein ernsthaftes Problem entwickelt haben solltest, dann wirst Du das auch ganz schnell merken. Selbst wenn Du vielleicht verzichten kannst, wird Dir Dein Kopf, werden Dir Deine Gedanken die Signale geben. Wenn Du ständig an Alkohol denken musst, wenn Du wirklich kämpfen musst um nicht zu trinken, dann wird die Sache ziemlich ernst sein. Und wenn Du es erst gar nicht schafftst, also zur Flasche greifst, egal mit welchem Vorwand Du Dir das dann rechtfertigst, dann weißt Du was die Stunde geschlagen hat.

    Da Du ja selbst schreibst, dass Du tagelang problemlos ohne sein kannst und "nur" nach dem ersten Glas nicht aufhören kannst, wäre es schon eine gute Idee dieses erste Glas jetzt erst mal für längere Zeit stehen zu lassen. Um mal zu beobachten, ob das irgendwas mit Dir macht. Ob sich da in Dir was bewegt, ob sich was verändert. Probiers aus! Nicht reden sondern machen.

    Wenn Du wirklich Alkoholiker sein solltest, dann wirst Du das entweder nicht schaffen oder es auch im Anschluss an diese Zeit merken. D. h. dann wirst Du auch nach 6 Monaten ohne nach dem ersten Glas weiter trinken. Meine längste Trinkpause war fast ein Jahr lang. Und ein Biermischgetränk, ein EINZIGES, hat mich binnen weniger Tage wieder zurück in die Spur gebracht. Man entkommt dieser Sucht dann nur durch komplette Abstinenz, also dauerhafte komplette Abstinenz. Was sich für Dich ja aktuell nicht sehr schön anhört und Du Dir nicht vorstellen kannst. Aber vielleicht kommst Du da ja noch drum herum. Bin gespannt was Du zu meinen Gedanken sagst.

    Alles Gute für Dich und einen guten und hilfreichen Austausch hier im Forum wünsche ich Dir.

    LG
    gerchla