Hallo Fragezeichen,
natürlich kannst Du hier weiter schreiben. Ich wollte nicht, dass Du das Gefühl bekommst, dass das hier nicht erwünscht ist. Im Gegenteil, umso mehr Du schreibst umso besser können wir "aus der Ferne" einschätzen, was Dich bewegt. Für mich persönlich ist es nicht einfach Deine Situation richtig einzuschätzen oder überhaupt einzuschätzen. Bei mir war das so, dass ich "eigentlich" schon wusste, warum oder wofür ich aufhören sollte.
Also irgendwann kam halt der Zeitpunkt, wo ich gemerkt habe, dass ich ein Riesenproblem habe und aufhören muss mit dem Saufen. Und ich wusste auch wofür. Nämlich für mich, damit ich wieder ein selbstbestimmter Mensch werde und für mein Umfeld, speziell für die, die mir sehr nahe stehen. Damit diese Menschen (z. B. meine Kinder) auch wieder einen "normalen" Papa haben. Soweit so gut. Wenn Du jetzt aber denkst, dass sind ja gute Motive, da fällt das Aufhören dann ja ganz leicht. Weit gefehlt. Jahrelang habe ich es trotz guter Gründe nicht geschafft. Also wie das halt bei ganz vielen hier war. Die üblichen Versuche kontrolliert zu trinken, alle kläglich gescheitert. Ganz aufhören - gescheitert, anfangs konnte mal ein paar Wochen nix trinken, später dann paar Tage und die letzten Jahre war ich schon froh, wenn ich mal "nur" 6 oder 7 Bier am Tag hatte.
Ich bin kein Psychologe. Beim Versuch einzuschätzen was Du schreibst, scheint es mir, dass Du nach einem Ziel, vielleicht einem Lebensziel (oder Sinn) suchst. Nicht genau weißt, wo oder was das sein soll. Wofür das ganze? Warum aufhören mit dem Saufen? Für wen? Für was? Was dann? So lese ich das aus Deinen Zeilen und sage auch ganz deutlich, dass ich hier natürlich komplett daneben liegen kann. Ich will ich auf keinen Fall klugsch...en.
Ich kann Dir nur sagen, dass ich in meiner nassen Zeit überhaupt keinen Antrieb hatte, zu nichts. Also zumindest dann die letzten Jahre, als ich richtig im Sumpf steckte. Zukunftspläne? Wofür, ist doch eh alles Müll hier. Nach außen habe ich natürlich funktioniert, ich hatte ja einen guten Job. Den habe ich auch gemacht, aber innerlich war ich leer. Ein Tag wie der andere, hauptsache was zum Saufen, da gings dann nämlich besser. Aber halt nur so lange, wie ich den passenden Level hatte. Naja, alles keine sonderlich neuen Erkenntnisse für die meisten hier. Trotzdem hatte ich meine "lichten" Momente, wo ich mir schon klar war, dass ich aufhören muss, bis ich das umsetzen konnte hat es viele Versuche und viel Zeit gebraucht, leider. Ich ging erst, als ich nicht mehr aufhören musste, sondern wollte.
Du schreibst, dass bei Dir, wenn Du mal längere Zeit nüchtern bist, alles flach und befremdlich ist. Na klar, das ist doch die SUCHT. Darum willst Du doch trinken, weil sich das dann ändert. Aber nur scheinbar und nur wenn Du Deinen Stoff hast. Und natürlich ist es nicht so, dass Du einfach mal paar Tage oder Wochen nüchtern bleiben musst und alles ist gut. So ist das gar nicht. So war das auch bei mir nicht. Im Gegenteil. Erst mal nimmst Du den ganzen Kack um Dich herum richtig wahr. Säufst ihn dir nicht schön oder säufst ihn nicht weg. Ja verdammt, das ist ja total übel. Jahrelang hat man (oder das Suchtgehirn) gelernt, wenn man nur seinen Freund Alkohol einsetzt wird alles bunt und plötzlich soll das jetzt alles falsch sein. Man soll auf seinen Freund verzichten und die Dinge so wahr nehmen wie sie sind. Klar, das ist nicht lustig.
Aber genau so ist es. Und es dauert, sicher bei jedem unterschiedlich, lange, bis man aus der nassen Denke draußen ist. Bis das Hirn anfängt, wieder normal zu denken. Es gibt die These, dass man solange wie man gesoffen hat auch wieder braucht, bis man wieder "normal" ist (halte ich persönlich aber für nicht pauschal richtig). Ich habe mir dazu Hilfe geholt, es nicht allein probiert. Viele Gespräche geführt, auch viele Gespräche mit meinem besten Freund, der mir sehr geholfen hat. Reden hilft ungemein, auch hier im Forum.
Und es lohnt sich. Plötzlich tut sich eine Welt auf, die man gar nicht mehr gekannt hat. Du wirst wieder Du selbst, entscheidest ohne Alk, ohne Einfluss. Das, wo ich vorher gesagt habe: ach hat doch alles eh keinen Sinn, was soll ich denn machen, langweilt alles usw. usw. weicht positivem Denken. Und dann machst Du auch positive Erfahrungen. Triffst neue Menschen, kannst ganz anders auf sie zugehen. Bekommst ein ganz anderes Gefühl für's Leben.
Es lohnt sich den Weg in die Trockenheit zu gehen, das wollte ich Dir damit sagen. Ich hoffe und wünsche Dir, dass Du die Motivation dazu finden kannst.
VG
gerchla