Beiträge von Gerchla

    Liebe AmSee,

    ich möchte mal kurz auf Deine Gedanken bezüglich des Schreibens hier im Forum eingehen.

    Ich habe hier schon sehr viele Menschen virtuell getroffen, mich mit ihnen ausgetauscht, meine Geschichte erzählt und meine Meinung geteilt. Die allermeisten davon waren akut Hilfesuchende. Da waren welche dabei, wo ich mir dachte, dass sie auf einem guten Weg sein könnten. Andere wiederum machten mir einen sehr labilen und unsicheren Eindruck. Die meisten dieser Begegnungen endeten vermeintlich im Nichts.... D. h. früher oder später schrieben sie nicht mehr und bei manchen, jene die mir "besonders" am Herzen lagen, habe ich auch mal geschaut, wann sie denn das letzte mal hier online waren. Oft, sehr oft waren sie ab irgend einen Zeitpunkt gar nicht mehr online. Einfach weg.... Warum und weshalb? Ich weiß es nicht, ich könnte spekulieren "sie/er trinkt wieder", ich könnte mir beim ein oder anderen denken "der/die hat bestimmt die Kurve bekommen und jetzt keine Zeit oder Lust mehr" - aber ich bemühe mich, genau das nicht zu tun.

    Jeder so wie er möchte und auf seine Art und Weise. Bestimmt ist es so, dass viele die hier nur kurz und oft in großer Not ankommen und sich anmelden wieder zurück in alte Gewohnheiten fallen. Dass bei allem Willen etwas verändern zu wollen dann doch die Sucht stärker war. Manch einer aber, der hier vielleicht sogar länger aktiv war, findet seinen Weg und lässt dieses Forum, das für ihn ein temporäres Hilfsmittel war, einfach hinter sich. Genau so, wie ich das mit meiner analogen SHG auch getan habe. Ohne Groll, ohne abfällige oder überhebliche Gedanken. Das Forum hat dann "seinen Zweck" erfüllt und ich meine, das ist dann auch gut so.

    Die Schreiber hier, also diejenigen, die viel schreiben und dadurch auch logischerweise viel Zeit "investieren", tun das alle freiwillig und wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen. Bei mir ist das so, dass ich einfach meine Erfahrungen teilen möchte um anderen Betroffenen die Möglichkeit zu geben, etwas für sich mitzunehmen. Das ist aktuell Teil meiner persönlichen Entwicklung und ich tue das schlichtweg, weil ich das möchte und es mir wichtig ist. Was gleichzeitig auch bedeutet, dass ich natürlich auch von meiner Aktivität hier profitiere, weil ich ja sehr viele Denkanstösse erhalte die ich für mich selbst "verwenden" kann.

    Und so denke ich mir, dass jeder seine Gründe haben wird warum er sich hier engagiert oder vielleicht auch irgendwann mal nicht mehr.

    Ich habe mir am Anfang oft gedacht, dass man hier ja kaum eine Rückmeldung bekommt. Da hängt man sich bei manchen rein wie verrückt und schreibt sich sozusagen die Finger wund und dann verschwinden sie einfach sang- und klanglos. Und ich bin dabei immer von mir ausgegangen, wie ich reagieren würde, wenn ich auf der anderen Seite stehen würde. Also wenn mir hier alle so viel Input geben würden um mir zu helfen mein akutes Problem zu lösen. Und klar, ich würde natürlich nicht einfach verschwinden, ich würde mich sicher bedanken und vielleicht auch erklären, warum ich jetzt weg bin. So wie es auch bei "meinem" Mönch getan habe, im analogen Leben oder auch bei anderen Menschen. Aber, jeder ist da eben anders und jeder lebt in einer anderen Lebenswelt mit anderen Prioritäten und auch anderen Sorgen und Problemen. Und so wurde mir nach und nach klar, dass es das ja nicht sein kann. Also das es nicht sein kann, dass ich hier irgendwas (aktiv) erwarte sondern das ich eigentlich hier bin um zu geben. Freiwillig, wohlgemerkt.

    Und schon wurden meine Gedanken positiver und ich entspannter. Ein Stück weit führte das bei mir dann auch dazu, dass ich mich emotional leichter distanzieren konnte. Nicht, dass ich damit ein großes Problem hatte aber manch' einen oder eine hier (besonders auch bei den Angehörigen) hätte ich gerne "unbedingt" helfen wollen, weil sie mir einfach auch furchbar leid taten und ich mir oft dachte: "das kann sie doch nicht mit sich machen lassen" oder "da muss er doch raus kommen". Ich musste lernen, dass ich schreiben kann was ich will und mich reinhängen kann wie ich will und es trotzdem nichts helfen muss oder das manche dieser Menschen trotzdem einfach verschwinden ohne ein Wort. Oder das manche es sogar falsch auffassen und mir sogar noch die Keule über den Kopf ziehen.

    Und deshalb versuche ich mich immer an meine Grundmotivation zurück zu erinnern: Gerne helfen wollen und eigene Erfahrungen teilen ohne irgendwas dafür zu erwarten.

    Das gelingt mir jetzt sehr gut. Und trotzdem freut es mich immer wahnsinnig, wenn mal jemand schreibt, dass ihn /sie meine Erfahrungen geholfen haben. Das ist toll und tut richtig gut und es motiviert natürlich auch. Wenn ich was anderes schreiben würde, dann würde ich lügen. Und es ist für mich auch schön, wenn ich ab und an mit Menschen hier auch in eine PN-Kontakt treten darf um dort dann etwas intensiver und persönlicher zu diskutieren.

    Die Frage, warum hier meist immer die gleichen schreiben und andere weniger oder gar nicht, die kann ich nicht beantworten. Es ist wie es ist und jeder entscheidet letztlich ja selbst, wieviel Zeit er hier investieren möchte oder auch investieren kann. Mir ist einfach nur wichtig, dass ich mich nicht unter Druck gesetzt fühle, etwas schreiben zu müssen. Denn das wäre nicht gut für MICH. Ich hatte hier auch schon Phasen, wo ich viel weniger geschrieben habe, wo ich mir eine Auszeit nahm, wo ich mal eine Pause wollte. Und ich habe das dann auch getan, ohne Druck und ohne schlechtes Gewissen. Und ich würde (oder werde es bestimmt auch) wieder tun, wenn es an der Zeit ist oder meine persönlichen Umstände es erfordern.

    Das waren dann mal meine Gedanken dazu.

    Ich finde es übrigens sehr schön, dass Du hier jetzt viel schreibst. Und ich denke nicht, dass Du Dich rechtfertigen musst weshalb Du das tust, oder darüber nachdenken, ob Dir das jetzt "schon zusteht". Die Menschen hier lesen Deine Zeilen und können entweder etwas für sich daraus mitnehmen oder eben nicht. Wie bei allen anderen hier auch.

    LG
    gerchla

    Liebe Schotterblume,

    danke für Deine erklärenden Worte. Jetzt verstehe ich sehr gut was Du gemeint hast. Und kann Dir sagen, dass ich damals ähnlich gehandelt habe.

    Bir mir war das so, dass ich den Entschluss gefasst hatte, negative Gefühle (und davon gab es in der Anfangszeit reichlich) bewusst zuzulassen und zu spüren. Das waren natürlich unterschiedliche Gefühle negativer Art, jedoch viele davon gingen in Richtung Scham und vor allem auch Schuld. Also ähnlich wie bei Dir, wie vielleicht bei den meisten Alkoholikern. Und die "Standard-Alkoholiker-Reaktion", nämlich das Wegtrinken dieser Gefühle, die hatte ich ja ausgeschlossen. Wie also damit umgehen? Was tun, wenn ich plötzlich, oft durch irgend ein unscheinbares Ereignis, hineingezogen wurde in diesen Gefühlsstrudel. Das war bei mir so, dass es mir richtig gut gehen konnte, nichts deutete auf irgendwas negatives hin und durch irgendwas, z. B. eine Bemerkung, einen Artikel irgendwo, ein Kind das meiner Tochter ähnlich sah, etc., ging plötzlich das Gedankenkarussell los.

    Wie gesagt, ich entschied mich bewusst, das dann zu durchleben und zu durchdenken. Alternative wäre natürlich Ablenkung und Verdrängung gewesen. Ich spielte mit dem Gedanken, z. B. "meinen Sport" wieder anzufangen. Ich war in meiner Jugend und auch als junger Erwachsener ein begeisterter Läufer gewesen und ich wusste, dass mir das wahnsinnig gut tun würde. Mir war klar, dass ich da ganz schnell wieder diese alte Leidenschaft entwickeln würde und dort dann auch entsprechend aufgehen würde. Ich wusste aber auch, dass ich damit Gefahr lief, die eigentlichen Gefühle zu verdrängen und nicht aufzuarbeiten. Und ich glaube auch, dass es für alles eine gute Zeit gibt, also ein Zeitfenster, in dem man Dinge besonders gut oder erfolgreich bewältigen kann. Nach dem Motto vielleicht: Alles hat seine Zeit.

    Und so habe ich ganz bewusst nicht mit dem Laufen begonnen sondern mir vorgenommen es erst dann zu tun, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich meine Sucht, zumindest die großen Baustellen dieser Sucht, einigermaßen aufgearbeitet habe. Ich kann jetzt im Nachhinein sagen, dass das für mich genau richtig gewesen ist. So spürte ich auch, dass ich Hilfe benötigte und holte mir diese dann auch. Ich bin also nicht "weggelaufen" sondern habe mich gestellt. Für mich war das sehr gut, ich schreibe bewusst "für mich", weil damit nicht sagen will, dass das bei jedem so funktionieren muss.

    Bei dem was Du schreibst könnte ich mir aber vorstellen, dass Du ähnlich unterwegs bist wie ich damals. Insofern möchte ich Dich bekräftigen diesen Weg zu gehen, aber dabei immer ganz genau auf Dich und Deine Gefühle zu achten. Überforderung ist sehr gefährlich, vor allem am Anfang.

    Zum Thema Rauchen kann ich nichts beitragen. Glücklicherweise hatte ich dieses Problem nicht. Sehe es aber (so aus der Ferne) ähnlich wie AmSee. Wenn es Dir einigermaßen von der Hand geht, dann hänge diese Sucht auch gleich an den Nagel. Wenn es Dir größere Probleme bereitet, dann ist wohl besser, wenn Du erst mal bei der Alkoholsucht für stabile Verhältnisse sorgst und diese Baustelle dann eben später angehst.

    LG
    gerchla

    Liebe Schotterblume,

    es freut mich, dass es Dir dann letztlich doch relativ leicht gefallen ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich viele Dinge in meinen Gedanken größer gemacht habe, als sie dann letzten Endes tatsächlich waren. Da spreche ich jetzt von der Zeit nachdem ich aufgehört hatte mit dem Trinken. Es gab Probleme, die mich sehr stark beschäftigten, sehr viele und viele davon waren einfach unaufgearbeitete Altlasten aus meiner Trinkerzeit. Und so stellte ich mir oft die Frage: "Wie soll ich das nur hinbekommen oder jenes" oder "wie soll ich nur reagieren, wenn dieses oder jenes auf mich zu kommt", etc.

    Irgendwann lernte ich dann "positives Denken", ganz bewusst. Und ich begann mir auch zu sagen: "über diese Brücke gehe ich erst, wenn ich davor stehe". Das half mir sehr und ich machte nicht selten die Erfahrung, dass auf dem Weg hin zur Brücke sich das Problem löste und ich gar nicht mehr über eine Brücke gehen musste. Ich hätte mir aber vorher 1.000 Gedanken machen können, am Ende völlig umsonst.

    Was ich Dir auch sagen möchte, dazu

    Zitat

    Ich denke mal das ist normal. Ich versuche mich den Schwankungen und Emotionen zu stellen, möglichst nicht zu bewerten, sondern einfach schauen was da ist und das Schlechte gehört auch dazu - und vergeht irgendwann wieder.

    Ja, natürlich gibt es mal bessere und mal schlechtere Tage. Aber weil Du auch von Scham- und Schuldgefühlen sprichst: Das war für mich die größte Herausforderung. Also vor allem meine Schuldgefühle. Die ich ja besonders immer dann spürte, wenn ich z. B. meine kleine Tochter besuchte. Aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Und da wusste ich schnell, dass ich da nicht einfach abwarten kann, dass das irgendwann mal wieder vorbei geht.

    Ich weiß nicht, ob ich das sehr lange durchgestanden hätte und vor allem nicht, in welchem psychischen Zustand ich dann irgendwann mal gewesen wäre. Deshalb war mir hier klar, dass ich externe Hilfe brauche. Ich denke jeder hat etwas, das ihn besonders beschäftigt und belastet. Jeder, der suchtkrank wurde und in dieser Sucht dann gelebt hat, bringt seine persönlichen Päckchen mit, die er zu tragen hat. Vielleicht gibt es Menschen, die vieles (oder alles) ganz allein und mit sich selbst lösen können. Ich denke aber, dass viele genau daran scheitern und vielleicht auch deshalb wieder zur Flasche greifen. Denn gelernt ist ja gelernt und wir wissen ja, wie der Alkohol wirkt. Wird's zu viel, dann sorgt er dafür, dass man mal "abschalten" kann. Und dieses Wissen um die Wirkung macht es vor allem in der Anfgangszeit so schwer.

    Alles was ich sagen möchte: Achte auf Dich und pass auf, dass Du Dich nicht überforderst. Auch wenn Du der Meinung bist, dass Du dieser Herausforderung gewachsen bist, solltest Du immer auch bereit sein Dir RECHTZEITIG einzugestehen, dass es vielleicht doch auch anders sein könnte. Wenn Du das kannst und dann auch sofort reagierst und Hilfe suchst und annimmst, dann kannst Du dieser Herausforderung tatsächlich gewachsen sein. Wenn Du also das Gefühl bekommst, dass da etwas in Dir schlummert, dass Dich stark beschäftigt, belastet und mit dem Du nicht wirklich klar kommst, dann warte nicht einfach darauf, dass es irgendwann mal besser wird. Sondern gehe es aktiv an. Lieber einmal eine Hilfe zu viel oder umsonst, als einmal zu wenig.

    Es ist halt leider so, dass man diese Schlacht nur dann gewinnen kann, wenn man nicht mehr kämpfen muss. Solange man kämpft und alle Kämpfe gewinnt, was man anfangs sicher einfach erst mal tun muss, ist alles noch soweit ok. Leider aber reicht es, wenn man nur einen einzigen Kampf verliert. Deshalb ist es so wichtig, dass man an den Punkt kommt, wo das Kämpfen überflüssig wird. Und das erreicht man m. E. sehr gut dadurch, dass man dem Alkohol den Sinn im eigenen Leben nimmt. Und das wiederum geht sehr gut, wenn man zu einem zufriedenen Leben findet. Und das zu erreichen halte ich persönlich für das Ziel, für das es sich mehr als lohnt, an sich zu arbeiten, gerne auch mit Hilfe von außen.

    Ich wünsche Dir, dass Du Dein Ziel schnell erreichen kannst.

    LG
    Gerchla

    Liebe Tinka,

    schön, dass Du Dich wieder mal hier gemeldet hast. Und gleichzeitig sehr schade, dass Du keine positiven Nachrichten für uns hast. Ich war wirklich der Meinung, dass Ihr eine gute Basis für eine positive Fortführung Eurer Beziehung haben könntet.

    Aber jetzt berichtest Du ja anderes. Und das was Du berichtest, habe ich auch schon von anderen Partner gehört und gelesen. Leider ist es nicht so selten, dass es trotzdem nicht mehr gut funktioniert. Obwohl der Partner nicht mehr trinkt. Und so scheint es bei Dir jetzt auch zu sein. So wie Du ihn beschreibst, scheint er extrem unzufrieden mit seiner Situation zu sein. Er müsste ja jetzt schon ein paar Wochen trocken und auch zuhause zu sein.

    Ich kenne das von mir nicht. Ich war von Anfang an sehr froh und dankbar um jeden Tag, den ich nicht mehr trinken musste. Natürlich hatte ich Stimmungsschwankungen, jedoch hatte ich mich doch soweit im Griff, dass ich diese nicht an anderen Menschen ausließ. Aber gegen das, was mich belastet hat, habe ich auch sofort versucht etwas zu unternehmen. Sprich, ich habe mir Hilfe gesucht. Ich habe darüber gesprochen, mit unterschiedlichen Menschen. Das war immer sehr hilfreich. Und er sollte natürlich gerade mit Dir sprechen, damit Du einschätzen kannst, was da ihn ihm eigentlich gerade abgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass es für ihn auf Dauer schwierig sein wird ohne Alkohol zu leben, wenn er hier nicht versteht, dass er aktiv etwas tun muss.

    Das hier...

    Zitat

    Ich war so positiv und dachte, wir schaffen alles, aber leider bin ich wohl gescheitert.

    ... ist doch hoffentlich nicht Dein Ernst, oder? Du bist doch nicht gescheitert. Du hast doch alles gegeben. Er hat getrunken und er ist derjenige, der sich jetzt zurück zieht und sein Ding macht. Im Gegenteil, Du bist immernoch da obwohl Du sicher längst mit bestem Gewissen die Koffer gepackt haben könntest.

    Bitte achte auf Dich und Deine Bedürfnisse. Eine räumliche Trennung könnte Euch beide weiter bringen. Dich auf jeden Fall, weil Du Dein eigenes Leben leben kannst und dann deutlich spüren wirst, wie Du Dich damit fühlst. Und für ihn wäre es die Gelegenheit mal in Ruhe darüber nachzudenken, wie er eigentlich weiter leben möchte. Eine räumliche Trennung muss nicht sofort das Ende der Beziehung bedeuten, notfalls würde sie aber das Beenden der Beziehung (für Dich) erleichtern und einfacher machen.

    Alles alles Gute für Dich und ich wünsche Dir, dass Du einen guten Weg finden kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Schotterblume,

    wie geht es Dir denn jetzt? Ich finde es wirklich super, dass Du es auch Deiner Schwester gleich gesagt hast.

    Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, das Lügen oder auch Heimlichkeiten belastend sind. Und je größer das ist, was dahinter steckt, desto belastender ist es. Insofern kann ich nur sagen, dass Ehrlichkeit wirklich das beste ist, was Du hier tun kannst. Also zumindest den Leuten gegenüber, die einem wichtig sind.

    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass das am Anfang gar nicht so einfach ist. Schließlich steckt man ja noch in alten Verhaltens- und Denkmustern fest. Diese zu durchbrechen, damit sich auch nachhaltig etwas verändern kann, ist aus meiner Sicht wichtig.

    Und das Du Dich erschöpft fühlst, das empfinde ich als absolut legitim. Auch wenn Du keine körperlichen Höchstleistungen erbringen musstest war doch eine enorme psychische Belastung vorhanden. Und das kann einen natürlich schon viel Energie abverlangen. Unser Hirn macht etwa 2 - 3 % des Körpergewichts aus, verbraucht aber im Schnitt 20 % unserer Energie. Und in Stresssituationen (und nichts anderes hattest Du) sogar deutlich mehr. So ist es also völlig ok, wenn Du dann erst mal einen Durchhänger hast.

    Ich hoffe es geht Dir heute wieder besser, auch was Deine Stimmung betrifft.

    LG
    gerchla

    Ich wollte Dich nicht angreifen. Aber Dir meine Meinung sagen wollte ich schon und die ist so, wie ich es schrieb. Einen Anstoss liefern, dass Du Dich und Dein Verhalten vielleicht mal hinterfragst. Das tust Du aber nicht sondern Du fühlst Dich sofort angegriffen und nicht verstanden.

    Wir wäre es dann mal mit Reflexion? Mal richtig darüber nachdenken was Dir hier geschrieben wird? Mal nicht sofort reflexartig in die Verteidigungsposition wecheln und sich getroffen und angegriffen fühlen. Wie wäre das? Mal nicht gleich wieder in den Selbstmitleids- und keiner Verstehtmich-Modus wechseln?

    Und ich habe auch nicht gesagt, dass Du ein schlechter Mensch bist. Dein Verhalten, besonders die Geschichte mit der Prostituierten, empfinde ich einfach als .... unreif ist vielleicht das richtige Wort. Deine Gedanken bezüglich des Kindes empfinde ich als sehr naiv und Susanne hat halt einfach Recht, in Bezug auf das, was sie von Kindern von Alkoholikern schreibt. Willst oder kannst Du das nicht nachvollziehen?

    Und das Du jetzt beten willst, das ist eine sehr gute Idee. Vielleicht bekommst Du ja dadurch die richtigen Impulse für Dein Leben. Ich wünsche es Dir.

    Weißt Du, es ist Dein Leben und Du bist dafür verantwortlich. Ich wünsche Dir, dass Du es ohne Alkohol leben kannst und all das eintrifft, was Du Dir so vorstellst und wünscht. Das war es dann aber jetzt auch wirklich von mir. Alles Gute für Dich.

    LG
    gerchla

    Hallo Schotterblume,

    AmSee hat bereits sehr viele ihrer Gedanken mit Dir geteilt. Vieles von dem was sie Dir schrieb, hätte auch ich Dir geschrieben. Deshalb lasse ich das jetzt, denn es wären ja nur Doppellungen.

    Ich möchte deshalb einfach auf Deine konkreten Fragen eingehen.

    Zitat

    Bisher denke ich dass es am Besten ist, ich werde an Weihnachten einfach sagen, dass ich keinen Alkohol mehr trinke, aber nicht näher darauf eingehen und das Gespräch später zu suchen. Allerdings frage ich mich, ob es gut ist, das so auf die lange Bank zu schieben (Stichwort offene Hintertürchen...) - was denkst du, was waren deine Erfahrungen, ist es wichtig das so schnell wie möglich zu machen?

    Das finde ich jetzt ganz interessant. Denn auch ich habe meinen letzten Alkohol ein paar Wochen vor Weihnachten getrunken. Mir war es sehr wichtig, meinen Bruder unbedingt vor dem Weihnachtsfest und dem damit verbundenen Familientreffen zu informieren. Auch mein Bruder war und ist ein relativ viel beschäftigter Mensch. Ich habe das damals so gemacht, dass ich mich bei ihm angekündigt habe und ihn um einen gemeinsamen Spaziergang bat. Und den haben wir dann auch gemacht. Und er war informiert und an meinem ersten Weihnachtsfest ohne Alkohol wussten alle anwesenden Personen dann Bescheid. Das war mir extrem wichtig, denn ich wollte keine Heimlichkeiten mehr.

    Ich kam aus einem jahrelangen Doppelleben und ich hatte mir eines ganz fest vorgenommen: KEINE LÜGEN MEHR! Und das war gar nicht so einfach umzusetzen denn mein Hirn war ja trotz paar Wochen ohne Alkohol noch ziemlich im alten Modus unterwegs. AmSee hat es sehr schön geschrieben. Wenn man trocken wird ändert sich auch die Denkweise aber es geht eben nicht von heute auf morgen. In meiner Trinkerzeit war es regelrecht ein Reflex von mir zu lügen. Problem lösen = lügen. Da gab es gar keine andere Option mehr. Zumal ich das Lügen ja perfektioniert hatte.

    Und das wollte ich eben nicht mehr und ich muss Dir sagen, damit bin ich bis heute sehr gut gefahren. Denn damit sorge ich dafür, dass es zumindest von dieser Seite nichts gibt, das mich belasten könnte. Lügen belasten nämlich enorm, auch wenn man das vielleicht nicht sofort glauben möchte.

    Nun kannst Du natürlich sagen, dass Du ja gar nicht lügst. Du sagst halt einfach nicht die ganze Wahrheit... sondern "nur" das Du nicht mehr trinkst. Kommt ja irgendwie auf das Gleiche raus aber irgendwie halt auch nicht. Denn wenn sie Dir der wichtigste Mensch in Deinem Leben ist, dann hat sie die ganze Wahrheit verdient. Und ich glaube, dass das auch für Dich der viel bessere Weg wäre, als eine Heimlichkeit zwischen Dir und Deiner Dir so wichtigen Schwester. Ich kenne sie nicht, wenn Du jedoch glaubst Du müsstest sie vor dieser Wahrheit "schützen", weil sie sich vielleicht Sorgen machen könnte, etc., dann tust Du das letzten Endes auf Deine Kosten, denn Du weißt das Du nicht ehrlich warst. Und ich kann mir auch vorstellen, dass sie besser damit umgehen kann, als Du Dir das jetzt gerade selbst vorstellst.

    Zusammengefasst meine Überzeugung: Ehrlichkeit sich selbst und anderen Gegenüber ist eine absolute Grundvoraussetzung für ein Leben ohne Alkohol. Das ist meine Überzeugung und diese beruht auf meinen eigenen Erfahrungen. Tun musst Du natürlich das, was Du für richtig hälst, denn es ist ja Dein Leben und Du bist alleine dafür verantwortlich.

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    Ich denke das greift auch so ein wenig ineinander, ich kann in der Therapie nicht wirklich etwas aufarbeiten solange ich trinke und ich kann auch nicht langfristig trocken sein wenn ich mich nicht an die Aufarbeitung mache. Oder was denkst du?


    Sowohl die Aufarbeitung Deiner Sucht als auch eine Therapie haben eine Grundvoraussetzung. Und das ist, dass Du nicht mehr trinkst. Ich denke Du hast Recht wenn Du sagst, dass das bei Dir alles ineinander greift. Vielleicht ist bei Dir eine Therapie auch gleichzusetzen mit der Aufarbeitung. Egal wie, egal was, es geht nur (erfolgreich) ohne Alkohol. Wie und wann und vor allem auch, wann dann was, das ist sicher eine individuelle Angelegenheit. Dazu kann ich Dir nichts schlaues sagen. Ich begann sehr früh mit der Aufarbeitung.

    Nach den ersten paar Tagen ging das schon ganz langsam los. Nach ein paar Wochen bemerkte ich schon, dass die Hilfsangebote die ich aktuell nutzte nicht mehr die waren, die mich weiter brachten. Also suchte ich mir neue. Und so veränderte sich das dann auch immer wieder und ich habe immer wieder andere Dinge gemacht. Aber, das will ich auch sagen, ich hatte keine Depressionen, ich hatte keinen Angstzustände, keine Panikattacken oder gar ein Trauma, das ich zu verarbeiten gehabt hätte. Ich hatte "nur" meine Suchtvergangenheit und die damit verbundenen schweren Schuldgefühle. Das kann bei Dir ganz anders aussehen, deshalb will ich Dir hier keine schlauen Ratschläge geben. Fakt ist und bleibt aber: Egal was Du wann tust, es kann nur erfolgreich sein, wenn Du dauerhaft ohne Alkohol lebst.

    Zitat

    s war nur ein Traum, nix passiert. Kennt Ihr sowas auch? Wie geht ihr damit um?


    Na klar, kenne ich. Bei mir weniger bezogen auf den Konsum von Alkohol an sich, sondern mehr auf Ereignisse, die im Rahmen meines Doppellebens statt fanden. Was dann natürlich schon auch wieder mit Alkohol zusammen hing. Ich denke das mich das alles so geprägt und belastet hat, dass es eben auch mal im Traum verarbeitet werden muss. War anfangs häufiger und wurde immer seltener. Kann mich gar nicht genau erinnern, wann ich das letzte mal so einen Traum hatte. Aber es war bei mir immer so, dass ich nach dem Erwachen einfach dachte: Gott sei Dank! Nur ein Traum. Und schon war ich erfüllt von großer Dankbarkeit darüber, dass ich heute so ein Leben leben darf.

    Alles Gute weiterhin. Bleib dran!

    LG
    gerchla

    Hallo Schotterblume,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du ernsthaft etwas gegen Deine Sucht unternehmen möchtest und Dich hier im Forum öffnest.

    Ich bin Anfang 50, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr. Davor trank ich weit über 10 Jahre abhängig und die meiste Zeit davon komplett heimlich. Obwohl ich Familie hatte (Frau und zwei Kinder) ist es mir gelungen meinen, zum Ende hin sehr hohen, Konsum zu verbergen. Etwas, was normalerweise nicht funktioniert scheint bei mir ganz "gut" geklappt zu haben. Erklären kann ich mir das selbst nicht so richtig, denn eigentlich sollte gestunken haben wie ein Elch. Aber gut, vielleicht wollte meine Frau es auch einfach nicht wahr haben oder hat es für ausgeschlossen gehalten. Genau dafür habe ich auch alles getan. Ich war ein wahrer Meister im Lügen, im Tarnen und Täuschen und in der Entsorgungslogistik (leere Flaschen, etc.)

    Ich kenne also Deine Problematik genau, denn auch ich war so schlau es mehrere Male heimlich zu versuchen. Was natürlich, wie Du ja selbst erfahren durftest, nicht funktionieren kann. Ich denke, da ist Du Sucht einfach zu mächtig, als dass man mit ihr solche Spielchen treiben könnte.

    Ich kenne Deine private Situation nicht, möchte Dir aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus sagen, dass es sicher Sinn macht, wenn Du neben Deiner Therapeutin auch die wichtigsten Menschen in Deinem Umfeld informierst. Also z. B. einen Partner, Familie, enge Freunde. Es muss sicher nicht jeder wissen, manchmal kann es auch kontraproduktiv sein es z. B. in der Arbeit zu erzählen. Manchmal ist es aber auch unerlässlich, das kommt auf die persönliche Situation. Ich habe auf jeden Fall die Erfahrung gemacht, dass es sehr gut und wichtig war, dass ich es meinem näheren Umfeld erzählt habe.

    Du kannst Dir sicher vorstellen, dass das eine der schwierigensten Aufgaben war. Also ganz am Anfang. Als erstes erfuhren es meine damalige Frau und meine Kinder, da fand sozusagen mein Spontanouting statt. Dann folgten aber eben auch Geschwister, Eltern und enge Freunde. Naja, und alle hatten natürlich ein ganz anderes Bild von mir und waren natürlich entsetzt. Da mein Outing auch damit verbunden war, dass ich mich von meiner Frau getrennt habe, waren die Nachrichten die ich da dann (ein paar Tage / Wochen später) zu überbringen hatte für die Empfänger absolut schockierend. Und für mich waren diese Gespräche einfach nur fürchterlich schlimm. Ich wusste aber, es muss sein und es führt für mich kein Weg daran vorbei. Damit hatte ich mir dann wirklich ALLE Hintertürchen geschlossen.

    Vielleicht hat Du ja Lust ein wenig mehr von Dir zu erzählen. Da Du von einer Therapeutin schreibst, vermute ich mal, dass Du etwas aufarbeiten willst. Angst scheint auch eine Rolle zu spielen und die Kombination mit Alkohol ist dann eine nicht selten verbreitete. Und das ist dann oft so, dass der Alkoholkonsum zwar temporär für Erleichterung sorgt, gleichzeitig jedoch verhindert, dass man die eigentliche Ursache aufarbeiten kann. Denn wenn man aktiv trinkt, dann ist jedwede psychologische Therapie schwierig, ich möchte sogar sagen, fast unmöglich. Süchtig wird man dann natürlich "nebenher" auch noch. Also muss erst mal die Sucht weg, bevor man an die eigentlichen Ursachen ran kommen kann.

    Und da hast Du Dich ja jetzt auf den Weg gemacht. Was Du geschrieben hast, hört sich so an, als ob Du Dir richtig Gedanken gemacht hättest wie es dieses Mal funktionieren könnte. Ich würde Dir gerne noch von meinen Erfahrungen, etc. berichten, jedoch macht das jetzt keinen Sinn, denn dazu weiß ich einfach zu wenig von Dir und Deiner Situation. Und ich würde mir ggf. die Finger wund schreiben und der Inhalt meiner Zeilen trifft auf Dich gar nicht zu oder ist für Dich komplett uninteressant.

    Deshalb, wenn Du möchtest, erzähle uns ein wenig mehr von Dir und wir werden Dir hier unsere Gedanken dazu mitteilen.

    Ich wünsche Dir einen guten Start hier im Forum und viele hilfreiche und interessante Diskussionen.

    LG
    gerchla

    Hallo Christoph,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Gerne auch als stiller Mitleser.

    Vielleicht findest Du ja irgendwann den Mut doch ein wenig von Dir zu erzählen. Alle, die wir hier sind, wissen ziemlich genau, wie es bei Dir "innen" so aussieht. Wir haben das ja alles selbst schon durch.
    Was ich sagen will: Falls Du irgendwie Scham oder etwas in die Richtung haben solltest, darüber brauchst Du Dir keinen Kopf machen. Wichtig ist erst mal nur, dass Du erkannt hast, dass Du ein Alkoholproblem hast und es ist sehr gut, dass Du Dich hier angemeldet hast. Je mehr Du uns von dir erzählst, desto mehr können wir Dir unsere Erfahrungen in vielleicht ähnlichen Situationen mitteilen. Wovon Du dann hoffentlich auch etwas profitieren kannst.

    Aber wie gesagt, alles so wie Du es möchtest und natürlich in Deinem Tempo.

    11 Bier pro Tag, das war bei mir so in etwas das Niveau in meiner Endphase. Manchmal auch noch ein oder zwei mehr und noch ne Flasche Wein dazu. aber so zwischen 8 und 10 Bier war ich immer. Das waren die schlimmsten Jahre meines Lebens, ich denke ich habe so irgendwas zwischen 2 und 3 Jahren verbracht. Und bin verdammt froh, dass ich den Absprung geschafft habe.

    Das kannst Du auch! Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und viele interessante Beiträge, die Dich weiter bringen.

    LG
    gerchla

    Hallo Jbob,

    ich lese bei Dir schon von Anfang an mit. Und habe mir mehrmals schon die Frage gestellt, ob ich Dir etwas schreiben möchte oder ob ich es einach lasse.

    Aber ich will jetzt einfach mal versuchen Dir meine Meinung zu Deiner Geschichte zu schreiben. Was mir nicht einfach fällt, denn ich bin mir sehr unsicher, ob das überhaupt Sinn macht.

    Ich versuche mal auf ein paar Dinge von Dir einzugehen:

    Zitat

    Wie gesagt so hat die liebe noch nie bei mir zugeschlagen. Wahrscheinlich auch weil ich das alles das erste mal auf komplett nüchterner Basis erlebe.


    Liebe ist ein großes Wort und ein noch größeres Gefühl. Alles was Du schreibst deutet für mich aber nicht auf Liebe hin sondern auf Egoismus, Egoismus Deinerseits, denn wenn Du sie wirklich lieben würdest, dann würdest Du erkennen, dass das was das gerade zwischen Euch passiert mit Liebe nichts zu tun hat. Wer wirklich liebt kann auch loslassen, auch dann, wenn es für einen selbst schlimm ist. Und da sie eine nasse Alkoholikerin ist, wäre ein Loslassen hier das einzige was Sinn macht. Denn bevor sie ihre Sucht nicht überwunden hat, macht alles andere überhaupt keinen Sinn.

    Aus meiner Sicht bemitleidest Du Dich selbst, jammerst über eine "verlorene" Liebe, jammerst darüber wie sie Dich behandelt und wie schlecht es Dir doch geht.

    Ich glaube Dir kein Wort, wenn Du das hier schreibst:

    Zitat

    Sie versuchte mich weiterhin zu provozieren und eifersüchtig zu machen, was mich ziemlich kalt ließ. Weil das Herz eh schon gebrochen war und es nichts änderte auch wenn sie jetz mit 100 anderen Typen verkehrt.


    Das genau Gegenteil ist der Fall. Du bist hochgradig eifersüchtig und hättest sie gerne für Dich. Dein Verhalten erinnert mich sehr stark an mich selbst. Und zwar genau an die Zeit in der ich trank. Eifersucht kombiniert mit Realitätsverlust waren an der Tagesordnung. Das führte so weit, dass ich in einer Parallelwelt lebte und glaubte, dass das alles so gehört wie es war. Wenn ich da heute von außen darauf blicke, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Was habe ich mir alles zurechtgeboben, was hat mir mein nasses Hirn da für eine schwachsinnige Scheinrealität vorgespielt.

    Du magst jetzt schon seit ein paar Wochen nicht mehr trinken. Ich will Dir das gerne glauben. Dein Verhalten jedoch ist aus meiner Sicht noch weit von einem trockenen Verhalten entfernt. Auch das kenne ich von mir, wobei ich von Anfang an versucht habe, meine Denkweise bewusst zu verändern und ich habe mir deshalb dazu auch von Anfang an Hilfe bei anderen Menschen gesucht. Hier war z. B. ein guter Freund von mir sehr hilfreich, der mich nämlich gleich gefragt hat, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe, wenn ich ihm wieder mal über etwas berichtet habe und was ich da jetzt zu tun gedenke. Also ich machte das immer BEVOR ich dann reagiert habe. Hat mir im Nachhinein nicht nur einmal sehr geholfen, wenn ich jetzt so zurück blicke.

    Zitat

    Wird noch krasser. Sie meinte dann zu mir dann fick doch eine andere. Was noch schlimmer für mich war, weil dies ja auch zu bedeuten hat, das sie mich wirklich gar nicht liebt. Gut gesagt getan. Schon 5tage hölle hinter mir. Sie macht noch diese aussage.
    Also hab ich mir eine Prostituierte bestellt. Und hab es getan. Ich erzählte ihr davon, aufeinmal rastet sie aus. nixweiss0.


    Dazu erübrigt sich eigentlich jeder Kommentar. Ich versuche es aber trotzdem mal:

    Du hast nicht nur die Aussage oder Aufforderung Deiner alkoholkranken großen Liebe wörtlich genommen, nein, Du hast sie auch sofort in die Tat umgesetzt. Aber auch das reichte Dir noch nicht, Du hast ihr auch gleich noch brühwarm davon erzählt. Ließe sich nur noch dadurch steigern, wenn Du sie während des Sex mit dieser Prostituierten angerufen hättest und ihr einen Livebericht geliefert hättest. Und Du redest wirklich von Liebe? Da fällt mir nichts mehr dazu ein.

    Hast Du einmal darüber nachgedacht, dass sie krank ist? Dass Du das was sie sagt überhaupt nicht für voll nehmen kannst? Ich meine, sie trinkt, sie hängt voll in der Sucht. Und Du, der Du ja angeblich schon einige Zeit trocken bist, verhälst Dich nicht anders als ob Du ebenfalls voll an der Flasche hängen würdest. Auch wenn das mit er Umstellung der Denkweise ein wenig Zeit in Anspruch nimmt und nicht von heute auf morgen passiert, aber alleine die Tatsache das Du nüchtern bist versetzt Dich wenigstens in die Lage mal ordentlich nachzudenken zu können. Und wenn Du das getan hättest, und wenn sie wirklich Deine große Liebe wäre, dann hättest Du sicher anders reagiert.

    Zitat

    Ich mein versteht. Ich werde zum ersten mal Vater. Das ist wahnsinnig aufregend für mich. Das ist unglaublich für mich.


    Da kann man sich nur wünschen, dass sie Dir einen Bären aufgebunden hat. Was Du als "wahnsinnig aufregend" und "unglaublich" bezeichnest ist nicht anderes als die größte Verantwortung, die man als Mensch übernehmen kann. Nämlich die Verantwortung für ein Kind, ein Lebewesen das zunächst einmal auf Gedeih und Verderb seinen Eltern ausgeliefert ist. Eine Mama, die säuft und ein Papa, der mit eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt ist. Die Chance, dass Ihr beide als einigermaßen funktionierendes Paar Euer gemeinsames Kind aufzieht sehe ich, nachdem was Du hier so geschrieben hast, als äußerst gering an. Ihr könnt ja noch nicht mal für Euch selbst Verantwortung übernehmen, wie soll das denn dann mit einem Kind sein.

    Wunder gibt es immer wieder und ich wünsche Euch, dass Ihr Teil eines solchen Wunders werdet.

    Mehr habe ich nicht zu sagen.

    Alles Gute für Dich und Dein weiteres Leben.

    LG
    Gerchla

    Und da wären wir dann wieder beim persönlichen Tiefpunkt. Erst wenn man merkt, dass man völlig am Ende ist und es so nicht mehr weiter gehen kann, hat man eine Chance da heraus zu kommen. Noch so eine Theorie, die bestimmt bei vielen zutrifft. Für mich zeigt auch diese Diskussion wieder ganz klar: Es gibt keine ultimative Wahrheit. Da sind diejenigen, bei denen scheinbar einfach "klick" gemacht hat (warum auch immer), diejenigen, die eigentlich gar nicht aufhören wollen, jedoch von Angehörigen in die Therapie "gezwungen" wurden und dort dann plötzlich erkannten das sie doch wollen. Diejenigen die wollen, jedoch unglaublich dafür kämpfen müssen und sich jeden Tag sagen müssen: ich lasse das erste Glas stehen. Diejenigen, die in Therapie gingen und dort ihr "Handwerkszeug" gelernt haben um es dann diszipliniert und erfolgreich anzuwenden... Ich glaube das könnte man jetzt mit allen möglichen Beispielen fortsetzen.

    Festzustellen bleibt einfach, dass es die meisten nicht schaffen oder erst gar nicht versuchen. Also vielleicht hat es auch ein wenig mit Glück, Fügung oder Schicksal zu tun? Das Glück die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben vielleicht? Warum habe ich es geschafft und so viele andere nicht? Sicher nicht, weil ich so willensstark bin. Wäre ich das, hätte ich viel früher aufgehört oder wäre erst gar nicht da hinein gerutscht. Oder hatte ich so einen tollen Plan? Naja, ich habe einfach das getan was mir damals für sinnvoll erschien, das machen andere sicher auch und scheitern trotzdem. Also warum ich und viele andere nicht? Ein gutes Umfeld? Haben andere auch und wieder andere haben ganz bescheidene Bedingungen und schaffen es trotzdem.

    Und warum haben andere ganz andere Dinge gemacht als ich und sind trotzdem dauerhaft davon weg gekommen? Oder fast gar nichts gemacht und es trotzdem geschafft? Vielleicht kann man nicht auf alles eine allgemeingültige Antwort geben. Ich kann das jedenfalls nicht und stattdessen nur davon erzählen was ich gemacht habe und was mir geholfen hat. 100 % übertragbar auf andere ist das wohl nie, aber wenn auch nur ein paar % die einen anderen Betroffenen zum Nachdenken bringen, dann ist bereits viel erreicht. Für mich jedenfalls.

    LG
    gerchla

    Hallo Bea,

    ich will Dir meine Gedanken zum Verhalten Deines Mannes schreiben.

    Spontan hatte ich ähnliche Gedanken wie Daun. Was hat er in der Therapie überhaupt gelernt? Und, ist er sich eigentlich darüber im Klaren, dass er der Täter ist und nicht das Opfer? Und als ich über diese Täter/Opfer-Sache nachdachte, da überfiel mich geradezu eine Erinnerung. Nämlich an meine ersten Wochen ohne Alkohol und an eine Diskussion mit meiner Frau damals.

    Und da war ich wohl sehr in meiner Selbstmittleidsnummer gefangen und erzählte meiner damaligen Frau (ich war bereits ausgezogen), wie schlecht es mir doch gerade geht und wie sehr ich unter der Situation leide und wie sehr ich unsere Kinder vermisse. Und da sagte sie zu mir: Du bist Täter, nicht Opfer! Das hatte gesessen, so sehr, dass ich mich heute noch daran erinnere. Ich erinnere mich aber auch noch daran, dass das Aufhören mit dem Trinken nicht automatisch und auch nicht gleichzeitig bedeutete, dass auch meine Gedanken "trocken" wurden. Auch nicht meine Gefühle. Erst war es mal "nur" mein Körper. Es dauerte Wochen und Monate, bis nach und nach auch der Rest langsam "austrocknete".

    Damit will ich sagen, es dauerte bis sich auch meine Gedanken und Gefühle umstellten. Das begann bei mir erst mal damit, dass ich bewusst versucht habe die Dinge so zu denken, wie sie meiner Meinung nach "gehörten". D. h. ich merkte langsam, dass meine erste Reaktion, meine ersten Gedanken falsch waren, also so, wie sie halt durch meinen jahrelangen Alkoholmissbrauch geprägt waren. Aber sie kamen halt einfach, wie immer. Ich sagte Dinge wie immer, gab Antworten wie immer. Und ganz langsam begann ich das dann bewusst zu übersteuern. Da dachte ich dann Anfangs "ich sage oder tue jetzt Dinge, die ich eigentlich so gar nicht tun oder sagen würde. Wo ich zwar wusste, dass das jetzt definitiv besser ist, aber es kam noch lange nicht aus eigener Intuition oder Überzeugung heraus. Das dauerte sehr lange bei mir, bis sich meine Gedanken und Gefühle wirklich umgestellt hatten. Da reicht ein Jahr nicht aus, auch wenn es mit zunehmender Dauer immer besser wurde.

    Was ich sagen will: Therapie hin, Therapie her - Dein Mann braucht auf jeden Fall Zeit. Zeit ohne Alkohol natürlich. Wenn er wieder zur Flasche greift ist sowieso alles verloren aber ich denke dessen bist Du Dir bewusst. Ich kenne Deinen Mann ja nicht. Es kann auch sein, dass er sich gar nicht wesentlich verändert oder das er sich nicht so verändert, wie das notwendig wäre für Dich um diese Beziehung weiter zu führen.

    Im Grunde ist die Tatsache das er nicht mehr trinkt jetzt erst mal nicht mehr als die Basis dafür, überhaupt wieder an eine Beziehung denken zu können. Also so würde ich das sehen, Du kannst das natürlich ganz anders sehen. Ich schreibe Dir hier nur meine Meinung. Was es aus meiner Sicht also braucht ist Zeit. Eventuell sogar richtig viel Zeit. Wenn ich das alles richtig interpretiere, dann ist in Eurer Beziehung ziemlich viel kaputt gegangen. Allen voran wahrscheinlich das Vertrauen, was für eine funktionierende Beziehung aber m.E. mit das wichtigste ist.

    Vertrauen zurück zu gewinnen ist jetzt aber sein Job. D. h. er ist am Zuge, auch wenn ihm das im Moment nicht so recht klar zu sein scheint. Aktuell denkt er scheinbar, er hätte ja bereits so viel getan und Du könntest doch jetzt endlich mal wieder "nett" zu ihm sein. Wo er doch extra zum Trinken aufgehört hat. Er umreißt also (noch) nicht, worum es eigentlich geht. Und was er eigentlich getan hat während seiner Trinkerzeit. Die Tatsache, dass er diese Zeit einfach vergessen möchte macht die ganze Sache nicht einfacher.

    Aber auch hier könnte die Zeit eine Rolle spielen. Ich war mir, so glaube ich zumindest, schon relativ früh darüber im Klaren was ich da angerichtet hatte. Und je mehr Zeit ohne Alkohol verging desto klarer wurden mit die eigentlichen Dimensionen meiner Taten. Die Bereitschaft mich aber wirklich intensiv und detailliert mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen wuchs erst nach und nach. Denn da waren so viele Dinge dabei, die ich am liebsten ganz tief unten vergraben hätte. Weil sie eben so schlimm waren. Es ist nicht schön, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt oder auch wenn man sich den Spiegel selbst vorhält. Auch hier brauchte es Zeit und irgendwann wurde mir klar, dass es für mich absolut notwendig ist meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Irgendwann wollte ich das von mir aus aktiv tun. Aber das dauerte auch einige Zeit.

    Alles was ich jetzt so geschrieben habe könntest Du ja jetzt so interepretieren, dass Du bezüglich Deines Mannes Milde walten lassen solltest und erst mal abwartest. Ganz so meine ich das aber auch nicht. Was ich sagen will ist, dass Du jetzt wahrscheinlich noch nicht genau sehen kannst, wohin Eure Reise gehen wird. Und das Du ihm noch Zeit geben darfst, wenn Du das möchtest. Gleichzeitig halte ich es aber für sehr wichtig, dass Du immer DEINEN Standpunkt vertrittst. Ich glaube das ist ganz wichtig, ja sogar entscheidend. Du solltest immer darauf achten, dass es DIR gut geht mit der ganzen Geschichte. Also so gut wie das eben in so einer Situation möglich ist. Sicher kannst und darfst Du ein Stück auf ihn zugehen, weil auch Du das ein oder andere sicher neu lernen musst. Aber Du solltest keinesfalls ihm zu liebe Dinge tun, die Du gar nicht möchtest. Nur weil er denkt, es wäre jetzt gut für ihn. Er muss schon lernen, dass er für das was er getan hat auch die Verantwortung hat und das man die Vergangenheit nicht einfach wegwischen kann. Und natürlich solltest Du ihm das auch mitteilen. Also reden reden reden.... Aber ich denke, das machst Du ja bereits alles schon.

    Eines wollte ich Dir noch schreiben: Sicherlich sind Menschen, wenn sie trinken, in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Charakter verändert. I. d. R. auch nicht zum Positiven sondern zum Negativen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jemand nach Überwindung der Sucht plötzlich ein guter oder positiver Mensch wird. Denn jeder hat einen Grundcharakter, hat Grundeigenschaften. Nicht mehr trinken bedeutet also nicht automatisch, dass danach eine charakterlich tolle Persönlichkeit entsteht. Mir hat mal jemand gesagt (ich schreibe das jetzt mal so salopp und ungeschützt): Ein Depp bleibt ein Depp, egal ob er nun trocken ist oder säuft.

    Das beziehe ich jetzt nicht auf Deinen Mann, denn den kenne ich ja nicht, sondern ich meine das grundsätzlich. Und das bedeutet aus meiner Sicht nichts anderes, als das man einfach sehen muss, was für ein Mensch da jetzt genau nach der Therapie oder nach dem trocken werden "entsteht" und ob dieser Mensch dann einer ist, mit dem man sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann. Es ist nicht so selten, dass Beziehung auseinander gehen, nachdem der trinkende Teil trocken wurde. Aber es gibt natürlich auch viele andere, positive Beispiele.

    Es geht also, wie schon ein paar mal erwähnt, um Zeit. Und darum, dass er jetzt erst mal sein Leben ohne Alkohol für sich selbst auf die Reihe bekommt. Tut er das nicht, dann ist sowieso alles hinfällig. Du tust also auch sehr gut daran, Dein eigenes, selbstständiges Leben erst mal weiter zu führen. Es ist wichtig, dass Du Dir Deine hart erarbeitete Unabhängigkeit erst mal bewahrst, weil Du überhaupt nicht weißt, wie es mit ihm weiter geht. Ob er wirklich dauerhaft trocken bleiben will und wenn er es will, ob er es tatsächlich auch schafft. Und zu was für einen Menschen er sich dann entwickelt. Das was Du von ihm aktuell schreibst hört sich erst mal nicht so an, als ob die Dimension seiner Krankheit schon so richtig bei ihm angekommen wäre. Aber wie gesagt, es kann sein, dass er dazu noch etwas Zeit braucht. Aber das alles ist primär seine Aufgabe, nicht Deine. Das muss ihm klar sein und das darfst Du ihm auch deutlich machen. So wie meine Frau mir das damals auch deutlich gemacht hat. Da gab es einige Ansprachen, die mir den Kopf zurecht gerückt haben. Nie verletztend oder anklagend aber immer bestimmt und deutlich.

    Ob er das dann genauso aufnimmt wie ich damals und darüber nachdenkt oder ob er abblockt, dicht macht, zurück schießt, das weiß ich nicht. Aber darum geht es auch erst mal nicht. Es geht darum, dass Du für Dich konsequent bleibst und Deinen Weg gehst. Und wenn er seinen Weg mit Dir zusammen gehen möchte, dann muss er sich überlegen, in wieweit er sich Dir hier annähern möchte oder eben auch nicht. Viel miteinander Reden (reden, nicht jammern oder fordern) kann hier sicher hilfreich sein.

    Alles alles Gute für Dich/Euch!

    LG
    gerchla

    Susanne

    Von Dir habe ich hier im Forum gelernt, dass man Dinge auch anders sehen kann, nicht jeder immer alles aufarbeiten muss und man einfach auch die Schnauze voll haben kann vom Alkohol. Wenn Du über Dich schreibst und wie Du das alles erlebt hast oder noch erlebst, dann wird mir immer wieder bestätigt, dass es keine ultimative Wahrheit gibt und keinen ultimativen Weg aus der Sucht heraus. Und auch keinen ultimativen Weg, wie man dauerhaft der Sucht fern bleibt.

    Und am Ende läuft es dann doch wieder auf die alte, vermeintlich abgedroschene Weisheit hinaus: Jeder muss seinen Weg selbst finden, jeder muss selbst wissen was er tut.

    LG
    gerchla

    Liebe Orangina,

    ich will mal auf Deine Fragen eingehen. Erst mal hierzu

    Zitat

    Beim Lesen deiner Zeilen ist mir eine Frage durch den Kopf gegangen, die ich mir stellte...wenn man so lange abstinent ist,so wie du zum Beispiel und du berichtest von deinen damaligen Exzessen und deinem Alkoholabusus...triggert das nicht auch ?


    Nein, es triggert mich nicht im geringsten. Das wäre wohl nur dann der Fall, wenn ich irgendetwas vermissen würde. Wenn ich nicht zufrieden wäre mit meinem jetzigen Leben ohne Alkohol. Wenn ich also ein Leben führen würde, wo ich mir ab und an mal die erprobte Wirkung des Alkohol wünschen würde. Um eben z. B. mal abschalten zu können, oder mal ein anderer sein zu können als der, der ich eigentlich bin, etc. Du verstehst? Deswegen schreibe ich ja auch immer wieder, dass es aus meiner Sicht entscheidend ist, dass man mit sich und seinem Leben im Reinen sein sollte. Ist das der Fall, wozu soll dann der Alkohol noch nützlich sein? Und wieso sollte einen dann die Erinnerung daran triggern? Und was man in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen darf sind natürlich die einscheidenden negativen Erlebnisse, die man im Laufe einer Alkoholikerkarriere so gesammelt hat. Klar, dass die nach Jahren ohne Alkohol verblassen. Aber sie sind doch immernoch präsent, ich denke, ich werde einiges nie vergessen.

    Ich kenne Menschen, die ihre Trockenheit fast ausschließlich auf diesen negativen Erinnerungen aufbauen und sagen: nie wieder! Und das funktioniert bei diesen Menschen auch. Für mich wäre das "zu wenig", ich wollte das wirklich genauer wissen, wieso, weshalb, warum, etc. Ich schrieb ja schon häufiger darüber. Aber auch das ist eine Strategie: nämlich sich immer wieder bewusst zu machen, was man in seiner nassen Zeit alles so erlebt hat um zu wissen, dass man das auf keinen Fall mehr erleben möchte. Hilft bei nicht wenigen sehr gut. Viele kombinieren auch. Wie Du sicher aus eigener Erfahrung weißt, ist das Leben nicht immer ein Ponyhof und manchmal gibt es vielleicht mal so richtig miese Zeiten, obwohl man nicht mehr trinkt. Und sollte man da mal Gedanken daran verschwenden, vielleicht ja doch mal zur "schnellen Entspannung" greifen zu wollen, kann einen diese Strategie vor einem Rückfall bewahren. Es ist individuell wie alles bei dieser Krankheit. Jeder muss hier selbst seinen Weg finden.

    Zitat

    Ich kann mir auch vorstellen, dass im Nachhinein Entsetzen und auch wieder Scham hoch kommen.


    Dazu kann ich Dir aus meiner Erfahrung sagen, dass das vor allem in den ersten Monaten und auch Jahren häufiger der Fall war. Also am Anfang natürlich quasi ständig, später dann immer wieder. Aber das war ja genau meine Herausforderung. Wie gehe ich mit meiner Schuld um und wie kann ich mit dieser Schuld leben? Kann ich das überhaupt dauerhaft? Das war genau das, worum es letztlich bei mir ging. Und mir war klar, dass ich an meiner Schuld zerbrechen könnte. Übersetzt hätte das wohl bedeutet, dass ich irgendwann wieder getrunken hätte um das aushalten zu können. Und wenn ich etwas nicht wollte, dann das. Ich wollte nie mehr mein Leben an den Alkohol verlieren, nie mehr.

    Was bleibt dann? Gute Frage, darauf hatte ich auch nicht sofort eine Antwort. Ich wusste nur, ich brauche da Hilfe. Irgend eine Hilfe. Und so kam es dann und ich machte eigentlich nicht anderes als meine Sucht und auch meine Schuld aufzuarbeiten. Ich erfuhr, dass meine Schuld, dass alles was ich getan hatte auch eine Chance sein könnte, um künftig ein anderer, ein besserer Mensch zu werden. Ich erfuhr, dass ich mit den negativen Erfahrungen die ich hatte (für die ich verantwortlich war) in meinem neuen Leben Menschen helfen könnte, nicht die gleichen Fehler zu begehen. Plötzlich kam da sowas wie ein Sinn in diese ganze Geschichte. Natürlich geht es bei der ganzen Geschichte auch um Verzeihung, um Vergebung. Einerseits in der Form, dass ich um Vergebung bitte bei jenen, denen ich Schaden zu gefügt habe und andererseits, und das ist noch weitaus schwieriger, dass ich mir selbst vergebe. Denn ich kann nur mit mir selbst im Reinen sein, wenn ich mir auch vergeben habe. Sich selbst zu vergeben ist eine der größten Herausforderungen überhaupt. Wenn man dem christlichen Glauben angehört und wirklich auch "aktiv" gläubig ist, hat man es hier sicher etwas "leichter", aber das ist ein anderes Thema.

    Um das abzukürzen. Ich weiß auch heute noch genau was ich getan habe. Und ich bereue es aufrichtig. Und das werde ich, so denke ich, wohl bis zum Ende meines Lebens tun. Aber ich verurteile mich nicht mehr dafür. Ich sehe es als Teil meines Lebens an und ich sehe es als meine Aufgabe, als meinen Sinn, aus diesen Erfahrungen zu lernen und es heute besser zu machen. Und in meinem Fall auch, anderen darüber zu erzählen um ihnen die Möglichkeit zu geben, etwas für sich mitzunehmen und es besser zu machen als ich damals. Das ist ja letztlich das, was hier im Forum passiert aber auch wenn ich mich außerhalb des Forum mit Menschen unterhalte, die in einer Lebenskrise stecken. Es muss ja nicht immer nur alkoholbedingt sein.

    Zitat

    Zudem frage ich mich ,warum es noch nach sooo langer Zeit der Abstinenz noch wichtig ist ,sich im.Alkoholforum auszutauschen.
    Ich denke ,dass das Thema doch irgendwann mal durch sein sollte, und man diese Auseinandersetzung nicht mehr braucht?


    Also dazu kann ich sagen, dass ich nicht hier bin um meine Abstinenz abzusichern. Das ist überhaupt nicht meine Intention. Ich glaube das war sie auch nie, jedenfalls nicht primär. Als ich hier ankam war ich schon eine zeitlang trocken. Ich schrieb ja bereits mehrmals, dass ich auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens war. Dabei kam auch die Frage auf, was denn meine Alkoholzeit eigentlich für einen Sinn gehabt hat. Spontan ist die Antwort klar, nämlich sie hatte gar keinen Sinn, sie war einfach nur schrecklich. Tiefer geblickt, bedingt durch einen monatelangen Prozess des Denkens und auch des Austausches mit meinem Mönch, wurde mir dann aber klar, dass es so einfach für mich nicht war. Und dann kristallisierte sich für mich ja "mein Sinn" heraus. Und der war, dass ich ein anderer, ein guter Mensch werden wollte der auch anderen gibt. Der für andere da sein kann ohne sich dabei selbst aufzugeben. Mein Ziel war und ist es, mein Leben und das Leben der Menschen in meinem Umfeld positiv zu gestalten, sofern es in meiner Macht liegt. Und das ist wichtig, denn ich kann die große Welt nicht retten. Ich kann "nur" dabei helfen, meine kleine Welt positiv zu gestalten. Und das wollte ich unbedingt. Und dieses Forum ist Teil meiner kleinen Welt. So einfach ist das im Grunde.

    Und ich hatte auch schon andere Zeiten. Zeiten in denen ich ernsthaft nachdachte, ob ich hier noch schreiben möchte. Ob ich das alles überhaupt noch will und ob ich das "erreichen" kann, was ich möchte. Ich war auch schon mal kurz davor mich hier abzumelden. Und ich darf Dir versichern, dass das nichts an meiner Abstinenz geändert hätte. Es ist mir auch immer wichtig auf mich selbst zu achten. Ob mir das gut tut, was ich gerade tue. Was sich vielleicht egoistisch anhört ist eigentlich das genau Gegenteil. Denn ich kann nur geben, wenn ich die Energie dazu habe. Und die Energie ziehe ich aus meiner Zufriedenheit. Und für diese Zufriedenheit bin nur ich allein verantwortlich. Würde ich mich hier also nicht mehr wohl fühlen, würde ich gehen. Man könnte dann also sogar sagen, dass es in so einem Fall meiner Abstinez förderlich wäre, wenn ich hier weg wäre. Aber spekulativ jetzt, ich fühle mich gerade sehr wohl hier.

    Zitat

    Sieh das bitte nicht als Kritik,es soll keine sein.


    Um Gottes Willen. Alles gut. Ich antworte Dir gerne auf Deine Fragen. Und hoffe, dass Du etwas für Dich mitnehmen kannst.

    LG
    gerchla

    Hallo Userin,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin Anfang 50, männlich, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange nicht mehr.

    Es ist gut, dass Du Dein Alkoholproblem erkannt hast und es auch als solches akzeptierst. Die Frage, die sich mir nach Deiner Vorstellung aber gerade stellt ist, was Du eigentlich genau möchtest bzw. wo Du eigentlich hin willst mit Deinem Leben. Möglicherweise weißt Du das aber ja auch gar nicht?

    Hast Du einen Plan, wie Du Dein Leben künftig weiter gestalten möchtest? Willst Du zukünftig komplett abstinent leben, kannst Du Dir das vorstellen? Oder glaubst Du daran, dass Du irgendwie und irgendwann wieder kontrolliert trinken kannst? Wie willst Du denn in Zukunft mit Alkohol umgehen, was hast Du diesbezüglich für Gedanken?

    Ich frage das, weil ich gerade noch nicht so genau weiß, wie wir Dir hier helfen können. Natürlich sage auch ich Dir, genau wie Greenfox, dass Du keine Scham zu haben brauchst. Egal ob Du nun in eine SHG gehst (da sitzen Menschen, die genau das gleiche Problem haben wie Du, warum also Scham?) oder ob Du zur Suchtberatung gehst (die machen den ganzen Tag nix anderes als sich mit suchtkrankten Menschen zu beschäftigen) oder ob Du zum Arzt gehst (auch dort bist Du weder die Einzige noch die erste, die ein Alkoholproblem hat, es sei denn Dein Arzt hätte gerade neu angefangen).

    Aber, ich kann aus Deinen Zeilen nicht heraus lesen, ob Du das alles wirklich willst und ob es "nur" die Scham ist, die Dich davon ab hält. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Du uns ein wenig mehr von Dir und Deiner Situation und auch Deinen Intentionen erzählen würden. Das macht es uns leichter Dir von unseren Erfahrugen zu berichten.

    LG
    gerchla

    Hallo Orangina,

    ich glaube, es ist eine sehr individuelle Angelegenheit, wie man nach dem Suchtausstieg mit Einladungen, Feiern, Treffen, etc. um geht. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass man in den ersten Monaten (bei mir war es auf jeden Fall das erste Jahr), sehr gut beraten ist, wenn man Anlässe an welchen überlicherweise getrunken wird erst mal meidet. Für mich war das eine Art Risikominimierung und wenn sich so ein Anlass dann tatsächlich nicht vermeiden ließ und ich auch nicht irgendeine Ausrede (z. B. Krankheit, etc.) gebrauchen wollte, hatte ich einen ganz klaren Plan im Kopf wie ich reagieren würde, wenn es mir zu schwer werden sollte. Tatsächlich gab es, wenn ich mich recht erinnere, in diesen Anfangsmonaten solche Ereingnisse nur im beruflichen Umfeld und hier auch nur ein oder zwei mal.

    Privat hatte ich mich ja geoutet, so dass Familienfeiern wie z. B. Weihnachten für mich kein Problem mehr darstellten. Ich hatte allerdings auch nie das Problem anderen beim Trinken zuzusehen. Meine Angst lag eher darin zum Trinken animiert zu werden. Trotzdem verbrachte ich z. B. mein erstes Silvester im Wald, also mit einem ganz langen Spaziergang der von etwas 22 Uhr bis weit nach Mitternacht andauerte. Das war natürlich eine ganz bewusste Entscheidung, weil ich auch viel Zeit zum Nachdenken wollte und sozusagen ganz bewusst in das neue Jahr, dann mein erstes komplett ohne Alkohol, wechseln wollte.

    Wenn ich schreibe es ist eine individuelle Angelegenheit, dann meine ich damit, dass es unterschiedliche Trinkgewohnheiten gibt. Ich z. B. trank ja nie in Gesellschaft. Als heimlicher Trinker war ich ja sogar "bemüht" in Gesellschaft, wenn überhaupt, äußerst moderat zu trinken um niemanden auf mein Problem aufmerksam zu machen. Niemand nahm wahr, dass ich in irgendeiner Form überdurchschnittlich viel Alkohol trank. Ich musste bei solchen Feierlichkeiten dann halt immer wieder mal "an die frische Luft". Und ging dann zum Auto um mich dort an meinen Vorräten zu bedienen.

    Bei mir waren also z. B. die Situationen wo ich alleine war viel herausfordernder als Gesellschaften. Oder bestimmte Rituale, wie z. B. das Kochen. Da ich gerne und regelmäßig koche und das auch nicht aufgeben wollte, weil es mir einfach Spaß macht, musste ich hier auch aufpassen. Denn da floss nebenher einiges an Alkohol, denn ich war i. d. R. relativ alleine und konnte sogar, wenn ich z. B. die Soßen mit Wein "veredelte" ganz offiziell nebenher und unbemerkt den "restlichen" Wein trinken. Denn zum Essen gab es zuhause i. d. R. keinen Alkohol (weil ich trank ja "nicht" und meine Frau sowieso nicht). Also besorgte ich offiziell kleine Weinflaschen zum Kochen, trank aber die meisten davon nebenbei. Ich erinnere mich gut, dass mich das einige Zeit beschäftigt hat, nachdem ich trocken wurde.

    Und auch das Autofahren. Zwar vermied ich so gut es ging längere Strecken und auch Strecken durch viel befahrene Gebiete wenn ich getrunken hatte. Aber, ich lebte eben am Waldrand und bin häufig nach dem Einkaufen einfach in den Wald gefahren und habe dort im Auto getrunken. In Ruhe und ohne die Gefahr entdeckt zu werden. Um dann noch ein paar hundert Meter Waldweg nachhause zu fahren und ggf. zu erzählen, was da wieder los war beim Einkaufen und das es deshalb mal wieder etwas länger gedauet hat. Also auch das Auto war für mich so Gewohnheitsort. Auch hier war es zunächst ein "komisches" Gefühl komplett ohne zu sein.

    So hat jeder seine eigenen Herausforderungen. Dennoch war es für mich auf jeden Fall richtig, erst mal alles zu meiden, wo mir Alkohol hätte angeboten werden können. Komplett vermeiden lässt sich das sowieso nicht, denn, wie Du ja schon geschrieben hast, leben wir in einer vom Alkohol geprägten Gesellschaft. Ich wollte aber auf jeden Fall alles dafür tun mein persönliches Risiko so gering wie möglich zu halten. Das ich es nicht komplett ausschließen konnte war mir klar, aber da hatte ich mir dann ja "Notfallpläne" zurecht gelegt.

    LG
    gerchla

    Liebe Orangina,

    ich glaube, besonders wenn man am Anfang der Abstinenz steht ist es ganz wichtig, dass man für solche Situationen einen "Plan" hat. Und natürlich ist es ganz richtig, wenn Du Gedanken wie "ein Glas könnte ich dann ja trinken" sofort als das entlarvst, was es ist: Nämlich totaler Unsinn und nebenher noch hochgefährlich.
    Ich glaube Dir ist bewusst, was aller Voraussicht nach passieren würde, wenn Du dieses eine Glas trinken würdest....

    Bei mir war das damals so, dass ich meine Abstinenz über alles gestellt habe. Ich habe mir das sozusagen ins Gehirn gemeiselt. Egal was passiert, egal was irgendjemand zu dir sagt: Niemals wirst du auch nur daran denken etwas zu trinken.

    Das man sich dessen bewusst ist, das ist das Eine aber wie reagiert man denn dann, wenn es tatsächlich dazu kommt? Dafür habe ich mir eine Sprachregelung zurecht gelegt aber gleichzeitig auch eine Handlungsmaxime auferlegt. Für den Fall, dass die Sprachregelung nicht funktionieren sollte. Diese war: Notfalls lasse ich mein Gegenüber einfach stehen und gehe. Egal was er/sie denkt. Es ist einfach alles egal, hauptsache ich trinke nicht.

    Rückblickend kann ich sagen, dass ich viel mehr über diese Situationen, und wie und was da jetzt alles passieren könnte, nachgedacht habe als sie dann tatsächlich eingetreten sind. Es waren ganz wenige Situationen, wo ich überhaupt mal ein Wort mehr dazu sagen musste, warum ich jetzt keinen Alkohol trinke. In der ganz großen Mehrzahl reichte ein "nein danke, ich trinke keinen Alkohol". Nun wird Dich Dein Nachbar wahrscheinlich kennen und wahrscheinlich als jemanden kennen, der ab und an mal was getrunken hat.Deshalb war diese "Einladung" für ihn sozusagen ganz normal, eigentlich sehr nett von ihm, um es mal deutlich zu sagen. Denn er weiß ja nicht was los ist.

    Ich bin zwar jemand der der Meinung ist, dass man sich outen sollte, das es wichtig ist sich zu outen und das man zu seiner Krankheit steht. Aber eben nicht unbedingt jedem Gegenüber, denn es kann durchaus auch mal kontrapoduktiv sein. Die wirklich wichtigen Menschen im (wichtigen) engeren Umfeld sollten m. E. Bescheid wissen. Ob da nun Dein Nachbar dazu gehört kannst nur Du wissen. Deshalb kann so eine "Notlüge" hier sicher heraus helfen. Und ist auch kein Problem. Du könntest aber auch sagen: Ich trinke keinen Alkohol (mehr). Tja und wenn er fragt warum: weil er mir nicht gut tut. Und wenn dann "ein Glas geht doch" kommt, dann müsste eben eine klare Ansage von Dir kommen.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Nachfragen nur im Bekanntenkreis (bei den Verwandten habe ich mich geoutet) kamen oder überhaupt die Aufforderung doch ein Glas mitzutrinken. Weil da ja längst nicht alle Bescheid wussten (und übrigens manche bis heute nicht Bescheid wissen weil es nicht relevant ist). Ich erinnere mich, dass ich mal auf die Frage, warum ich nichts trinke geantwortet habe, dass ich mein Lebenspensum an Alkohol bereits um ein Vielfaches überschritten habe und daher beschlossen habe, künftig ohne Alkohol zu leben. Da kann sich dann jeder denken was er will.

    Ein einziges Mal, zumindest erinnere ich nur an ein einziges Mal, hat jemand da dann genauer nachgefragt. Im griechischen Restaurant, als ich auf den Ouzo verzichtet habe. Und dem habe ich dann gesagt wie es ist. Daraus wurde eine interessante Unterhaltung und gut war's.

    Aber ich kann Dir auch sagen: Je länger Du ohne Alkohol lebst und je mehr Dein Umfeld das auch wahr nimmt, desto seltener werden solche Situationen. Und grundsäztlich findet da (so war es zumindest bei mir) ganz viel im eigenen Kopf statt. "ich kann doch nicht", "ich muss doch irgendwie", "was soll ich dann sagen, dass der andere nicht", etc. Meist reicht es vollkommen aus zu sagen, "nein danke, ich trinke keinen Alkohol" oder von mir aus "ich trinke zur Zeit keinen Alkohol".

    Heute bin ich da tiefenentspannt. Ich habe z. B. eine tolle Nachbarschaft, auch eine sehr enge. Wir sitzen vor allem im Frühjahr und Sommer oft zusammen. Sind alles keine Säufer oder so aber ein paar Weinfans sind schon dabei, so mit eigenem Weinkeller in den Fels gehauen. Wo sie dann mal einen "guten Tropfen" holen und miteinander trinken. Keiner dieser Menschen käme auch nur auf die Idee mir etwas anzubieten. Obwohl ich keinem dieser Menschen je gesagt habe, dass ich Alkoholiker bin. Aber alle wissen, dass ich keinen Alkohol trinke. Und jeder wird sich seinen Teil denken, aber jeder akzeptiert und respektiert das auch. Wir haben z. B. auch ein paar sehr gute Bäcker (Bäckerinnen) als Nachbarn. Die oft einfach mal ein Stück Kuchen / Torte / etc. rüber reichen. Und wenn da Alkohol drin ist, dann sagen sie mir oder meiner Frau das immer! Wie gesagt, ich habe nie gesagt, dass ich Alkoholiker bin, dennoch respektiert jeder, dass ich keinen Alkohol zu mir nehme. Und ich habe mittlerweile längst kein Problem mehr, mich in eine lustige Runde zu setzen wo andere etwas trinken. Ich spreche nicht von Saufgelagen, die nerven einfach nur und finden garantiert ohne mich statt. Wobei ich so ein Umfeld gar nicht habe. Das kann mir bestenfalls mal passieren, wenn ich bei irgendjemanden eingeladen bin, der mir etwas weiter entfernt ist (hatte ich bisher einmal bei der Hochzeit eines Kollegen).

    Das waren meine Gedanken zur Einladung Deines Nachbarn ;)

    LG
    gerchla

    Liebe Orangina,

    ich habe eben versucht die eine PN zu schicken. Du bist noch nicht freigeschalten dafür. Wenn Du hier aktiv bleibst wird das sicher bald passieren. Das was ich Dir schreiben möchte ist sehr umfangreich und ich will das hier öffentlich nicht tun. Ich glaube, das würde auch für mich den Rahmen sprengen. Ich warte jetzt einfach mal ab ob Du irgendwann mal frei geschalten wirst und wenn ja, dann werde ich "nachliefern".

    Bleib dran und gibt Dir Zeit. Zeit ohne Alkohol!

    LG
    gerchla

    Liebe Orangina,

    Zitat

    Verstehst du das?


    Natürlich verstehe ich das. Mehr noch, ich fühle sozusagen mit Dir. Ich kenne all die Gefühle, all das was Du beschreibst. Ich könnte jetzt fast jeden Deiner Sätze hier zitieren und Dir dann sagen, dass ich ähnliches erlebt, gedacht, gemacht.... etc. habe. Und auch das was Du mit "jemanden nicht weh tun wollen" schreibst, genau das kenne ich auch von mir.

    Nur ist es eben leider so: Rücksicht auf andere nehmen, andere nicht verletzen wollen, alles wichtig und ehrbare Ziele. Aber, entscheidend ist trotzdem, dass man sich dafür selbst nicht aufgibt. Entscheidend ist, dass man erst mal mit sich selbst klar kommt, mit sich selbst im Reinen ist, wie ich ja so oft schreibe auch wenn es wohl schon abgetroschen klingt. Ansonsten passiert nämlich Folgendes: Du gibst und gibst und gibst aber eines fehlt bei der ganzen Geschichte, nämlich der Punkt wo Du auch bekommst. Wo Du Deinen Akku aufladen kannst damit Du wieder in die Lage versetzt wirst erneut zu geben. Wenn das nicht passt, dann findet eine Tiefenentladung Deines Akkus statt. Was am Ende dann zu einen Zusammenbruch führt. Verstehst Du was ich sagen will?

    Und weil ich schon beim Akku bin. Als Kind habe ich leere Batterien immer auf die Heizung gelegt und wenn sie dann warm waren, dann haben die immer noch mal ein paar Minuten funktioniert um dann aber wieder komplett leer zu sein. Und irgendwann funktioniert dann das aber auch nicht mehr. Der Alkohol, den Du getrunken hast, das war die Heizung. Er hat Dir ein paar Stunden das Gefühl gegeben, Du hättest genug Kraft oder kannst wieder aufladen. Auf Dauer sorgt er jedoch dafür, dass Du immer mehr Energie verlierst und irgendwann komplett leer bist.

    Du nennst ja mehrere "Baustellen" in Deinem aktuellen Leben. Da ist die Arbeit, da sind die Eltern und da ist der Partner. Und vielleicht sind dann da auch noch ein paar andere, vermeintlich kleinere Problemchen, die auch noch darauf warten gelöst zu werden.

    Du hast bereits einen ganz wichtigen ersten Schritt getan: Du trinkst nicht mehr. Das ist die BASIS für alles was noch folgt. Das musst Du Dir immer vor Augen führen. Nimm Dir ruhig die Zeit die Du brauchst aber trinke auf keinen Fall mehr. Alles wird sich langsam verändern, besonders Deine Denkweise und das Wahrnehmen Deiner Umwelt. Das dauert einen Moment, ist nicht nach ein paar Wochen erledigt.

    So und nun möchte ich Dir etwas schreiben, was "mein" Mönch mir damals (sinngemäß) gesagt hat, als ich mit meinen Problemen bei ihm um Rat gefragt habe. Ich sagte zu ihm, dass da so viele Riesenprobleme vor mir wären und ich gar nicht weiß, wie ich das alles schaffen kann und das ich glaube, dass ich das alles überhaupt nicht schaffen kann. Und er antwortete wie folgt (sinngemäß):

    Er sagte: Stell Dir vor Du hast ein Haus. Das Haus ist total kaputt. Das Dach ist undicht und es regnet herein. Das Wasser steht deshalb im Keller und die Böden und Wände sind feucht. Die Fenster sind teilweise kaputt und undicht. Und überhaupt ist alles in einem fürchterlichen Zustand, die Tapetten lösen sich von den Wänden, die Farbe blättert ab und die Möbel sind längst alle verschlissen.

    Was tust Du? Nun immer eines nach dem anderen. Erst mal kümmerst Du Dich um das Dach. Das ist dafür verantwortlich, dass alles immer noch schlimmer wird weil bei jedem Regenguss neues Wasser ins Haus strömt. Wenn Du das Dach dicht hast, dann kümmere Dich erst mal um den Keller. Die Feuchtigkeit muss raus, das Fundament muss erst mal wieder trocknen. Dann geht es an die Fenster. Neue Fenster rein oder abdichten. Nun kannst mal nach innen gucken. Tapetten wechseln, Böden austauschen am Ende auch neue Möbel besorgen. Und wenn Du das alles hast, dann achtest Du darauf, dass Du künftig immer sofort reagierst, wenn ein Schaden bei Deinem Haus auftritt. Sollte also mal wieder ein Dachziegel undicht sein oder ein Fenster nicht mehr richtig schließen, dann reparierst Du es sofort und wartest nicht, bis noch mehr dazu kommt. Damit stellst Du sicher, dass Dein Haus nie mehr in einem so erbärmlichen Zustand ist, wie Du es jetzt gerade vorfindest.

    Ich glaube Du verstehst was er mir damit sagen wollte, oder? Ich habe das nie vergessen und es zeigt mir, dass ich mich um mich kümmern muss. Ich bin das Haus. Und ich hatte mega viele Probleme. Angehäuft hatte ich sie durch mein Doppelleben und meine Trinkerrei. Die Sucht sorgte einerseits dafür, dass viele dieser Probleme überhaupt erst entstanden und anderseits auch noch dafür, dass ich nicht in der Lage war, auch nur eines davon zu lösen. Somit war klar: Erst mal muss der Alkohol weg.

    Aber, dadurch wurde der Berg an Problemen ja erst mal so richtig sichtbar. Ich nahm ihn plötzlich als das wahr, was er ja auch war: Riesig und bedrohlich. Und auf Dauer nicht einfach ignorierbar.

    Und so arbeitete ich eines nach dem anderen ab. Und glaube mir, teiweise taten sich Lösungen auf, die ich im Traum nicht für möglich gehalten hätte. Und so solltest Du es auch machen.BASIS: nicht mehr trinken, ansonsten kannst Du alles in die Tonne treten. Aber wenn Du nicht mehr trinkst, dann KANNST und WIRST Du Deine Probleme auch lösen können. Ich will damit nicht sagen, dass sie sich von selbst lösen. Du wirst ENTSCHEIDUNGEN treffen müssen. Auch welche, von denen Du vielleicht nicht weißt ob sie richtig oder falsch sind. Auch welche, die richtig weh tun können. Ich empfinde rückblickend das erste Jahr nach meinen Suchtausstieg als das Jahr, wo ich mehr (Lebens-)entscheidungen getroffen habe als alle Jahre vorher. Eine Entscheidung jagte die nächste (da waren auch viele scheinbar kleine dabei, die sich später als ganz wichtig heraus stellten) und bei einigen wusste ich echt nicht was ich tun sollte. Zum Glück hatte ich meinen Mönch der mir oft als Berater diente. ABER: Entscheiden musste ich trotzdem selbst.

    Ich wiederhole mich: Verharren wird Dir nicht helfen. Auch nüchternes Verharren wird Dir auf Dauer nicht helfen. Denn Dein Ziel kann ja nur sein, ein zufriedenes Leben zu führen. Aber Du bestimmst das Tempo und Du bestimmst, was für Dich das Dach ist und für Dich der Keller ist und die Fenster, etc. Eines nach dem anderen aber eben konsequent.

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla