Beiträge von Gerchla

    Hallo Mike,

    mit leichter Verspätung möchte ich Dich auch hier im Forum herzlich Willkommen heißen. Schön, dass Du etwas gegen Deine Krankheit unternehmen willst.

    Kurz zu mir: männlich, Mitte 40, Alkoholiker und ein paar Jahre trocken.

    Leider hatte mich die letzte Woche eine Erkältung dahingerafft, so dass ich nicht hier im Forum war. Deshalb habe ich jetzt Deinen Thread "auf einen Rutsch" komplett durchgelesen. Ich möchte Dir kurz meinen Eindruck schildern:

    Du steckst ganz schön tief drin, in der Sucht. Ich denke, Du erkennst das auch, bist aber scheinbar schon noch damit beschäftigt, Dir Deine gewünschte Welt irgendwie aufrecht zu erhalten. Nicht in der Art, dass Du sagst: "ich habe doch gar kein Problem", aber schon so, dass Du gewisse Dinge für Dich ausschließt, Dir bestimmte Dinge nicht vorstellen kannst oder Du doch auch noch einen Unterschied im Vergleich zu anderen Alkoholikern siehst.

    Ich mag komplett falsch liegen, aber so ist mein Eindruck. Und ehrlich gesagt kenne ich das von mir.

    Ich gebe nicht so gerne Ratschläge, erzähle statt dessen wie es bei mir war / ist. Du kannst, wenn es Dir passt, etwas für Dich heraus ziehen. Wenn nicht, dann halt nicht.

    Hier die Schnellversion meiner Trinkerkarriere:

    Ich war Heimlichtrinker. Mein Umfeld erlebte mich bestenfalls als jemanden, der ab und zu mal ein Bier trinkt. Auch gegenüber meiner Familie ( 2 Kinder) habe ich meine Sucht so lange es ging geheim gehalten. Ich muss da sehr gut gewesen sein, denn meine (Ex)Frau hat mir bei meinem Outing bestätigt, dass sie an sowas nicht gedacht hätte. Dennoch hat meine Familie sehr gelitten. Denn ich dachte zwar, ich trinke ja heimlich (und so gut wie nie vor meinen Kindern - und bei Rot ging ich auch nie über die Ampel ;) ) aber was ich nicht bemerkte, war die Veränderung meines Charakters, meines Wesens und gegen Ende hin auch meiner Gesundheit. Mein Umfeld bemerkte das sehr wohl und machte sich, aufgrund fehlender Erklärung, ziemliche Sorgen um mich und was da wohl mit mir los sein könnte. Das ging über viele Jahre so....

    Eingestiegen bin ich in die Sucht übrigens auf niedrigstem Niveau. Jahrelang auf "Feierabendbierniveau" - fast noch im medizinisch unbedenklichen Bereich. Heute weiß ich allerdings, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits süchtig war - wenn auch komplett ohne körperliche Symptome - aber, die kommen ja eh erst ganz am Schluss. Die Psyche ist schon viel früher im Eimer. Es ist also so, dass die Menge nicht entscheidend ist für die Sucht. Natürlich bist Du bei Deiner Menge gefährdeter körperliche Symptome zu entwickeln (Alkohol ist halt nix anderes als Zellgift :-\) aber einer der weniger trinkt ist deswegen nicht weniger süchtig...

    Die Menge steigerte sich, Details gerne auf Nachfrage. Irgendwann begann dann auch eine körperliche Veränderung sichtbar zu werden. Ich wurde übergewichtig, meine Haut war aufgequollen und die von Dir beschriebenen Symptome wie Durchfall oder auch dieses Stechen ( vor allem wenn ich mich auf den Bauch gelegt habe) waren ebenfalls vorhanden. Zum Schluss trank ich so 10 - 12 Bier und, wenns nicht gelangt hat, noch ne Flasche Wein dazu. Täglich - morgens beginnend. Ach übrigens - ich möchte mich schon als gebildet bezeichnen, habe einen verantwortungsvollen Beruf und Verantwortung für viele Mitarbeiter - ich trank trotzdem den Billigfusel aus den Discountern. Bier aus Plastikflaschen und Wein in Einliter-Flaschen. Warum? Ich hatte keine Zeit darauf auch noch Wert zu legen, ich brauchte meinen Stoff und ich musste das Zeug möglich einach heimlich wieder entsorgen können. Und ich konnte auch fleißig die Discounter wechseln, so dass ich nicht als Stammkunde erkannt werde - ha ha, dachte ich. Natürlich wussten die alle was Sache ist, nur ich dachte ich wäre ja so schlau :o

    Selbstverständlich habe ich relativ bald gemerkt: Da stimmt was nicht! Bereits bei einem Durchschnittsverbrauch von 2 Bier/Tag war mein Gewissen geweckt und ich wusste: Du musst was tun! Tat ich auch. Ich legte Trinkpausen ein. Ging super, anfangs. Wochenlang, sogar Monate. Immer mit dem Gedanken an Alkohol verbunden aber ich war stark genung es durchzuhalten. Auch noch keine körperliche Abhängigkeit. Mein Umfeld bekam davon nichts mit. Ich trank ja heimlich - also trank ich auch heimlich nichts.

    Nun, fast jede Trinkpause endete damit, dass ich anschließend meinen Pegel dauerhauft etwas erhöhte. Als ob ich etwas nachzuholen hätte.... Irgendwann wollte ich dann keine Trinkpausen mehr machen, sondern wirklich echt komplett mit dem Trinken aufhören. Wieder schaffte ich ein paar Wochen, später nur noch ein paar Tage - es wurde schwieriger, es war nur noch Kampf und ich versuchte es immer selbstverständlich heimlich - denn ich war ja Heimlichtrinker, also musste ich auch heimlich aufhören. Nun, im Nachhinein kann ich sagen: Meine liebe Sucht wollte sich halt einfach ein Hintertürchen offen halten.... Denn hätte ich mich geoutet wäre es viel schwieriger geworden wieder heimlich anzufangen....

    Tja, Du wirst es Dir denken: Es ging immer schief. Absolut immer und die letzten Jahre konnte ich dann keinen Tag mehr verzichten. Nicht mal wenn ich mit Fieber im Bett lag. Und irgendwie wollte ich auch gar nicht mehr. Immer dieser Kampf. Irgendwas wird schon mal passieren und dann höre ich auf..... Nun, es passierte nix, ich soff halt weiter.

    Der Tag X kam (Details sprengen den Rahmen) und wollte definitiv, von innen heraus mein Leben ändern und mit dem Trinken aufhören. Es fühlte sich anders an, als bei den Trinkpausen vorher. 1. Maßnahme: Ich outete mich vor meiner (Ex)Frau, zeigte ihr alle meine Geheimverstecke und schüttete meine kompletten Vorräte weg. 2. Ich ging am nächsten Abend zu einer SHG (und kann absolut nicht sagen, dass da nur heruntergekommene Menschen anzutreffen gewesen wären, eher im Gegenteil), 3. Ich ging zum Arzt (allerdings viel zu spät, denn ich da den kalten Entzug fast durch), 4. ich outete mich bei meinem näheren Umfeld (Eltern, Gesschwister, Freunde usw.), 5. Ich machte wichtige Termine aus (z. B. Psychologen - leider gibts da manchmal etwas Wartezeit), 6. Ich begann Gespräche zu führen (Z.B. mit meinem besten alten Freund - der mir unglaublich geholfen hat), 7. Ich machte mir gleichzeitig nebenher tiefe Gedanken darüber, wie ich meine Zukunft gestalten möchte, was ich von meinem Restleben erwarte und wer ich eigentlich sein möchte.

    Nun, nur mal eine grobe Zusammenfassung. Ich möchte noch dazu sagen, dass ich absolut bereit war, alles für ein neues Leben ohne Alkohol zu tun. Auch eine Langzeittherapie anzutreten. Absolut alles hätte ich getan. Ich habe keine LZT gemacht, weil ich spürte, dass ich stabil und auf den für mich richtigen Weg war. Outen und aufarbeiten waren für mich die Schlüssel zum Erfolg, das tat ich die vielen male vorher nicht und musste unweigerlich scheitern. Ich habe das halt nur einfach nicht wahrhaben wollen.

    Nun wusste ich: Mein Leben und meine Krankheit muss von mir aufgearbeitet werden denn: Ein Alkoholiker ist psychisch krank - also bin auch ich psychisch Krank. Alleine geht das nicht, also ließ ich mir gerne helfen - nicht nur professionelle Hilfe sondern auch Hilfe von anderen Menschen. Diese Mischung hat mich enorm weiter gebracht!

    Und so zogen und ziehen die Jahre ins Land und ich war nie glücklicher als heute. Trotz folgender Scheidung und komplettem Neuanfang. Selbstveständlich beschäftigt mich meine Sucht noch heute und ich arbeite noch heute auf (sonst wäre ich nicht hier). Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich auch die "Vorteile" meiner Sucht erkenne: Nämlich die Tatsache, dass ein trockener Alkoholiker einen ganz anderen Blick auf sein Leben oder das Leben an sich gewinnen kann. Und dass es gar nicht sehr viel braucht um Zufrieden oder sogar glücklich zu sein.

    Alles Gute wünsche ich Dir und eine guten Austausch!

    LG
    gerchla

    Hallo Lawio,

    schön das Du hierher gefunden hast.

    Ich möchte mich Greenfox anschließen und Dir raten, einen Suchtberatung aufzusuchen. Dort kannst Du Deine Situation genau schildern und man kann mit Dir zusammen überlegen welche Schritte sinnvoll sind.

    Natürlich kannst Du Dich auch hier im Forum austauschen. Für manche war das auch ein Weg um mit der Sucht fertig zu werden. Lies Dich mal in Ruhe ein. Wenn Du Fragen hast, dann stelle sie einfach.

    LG
    gerchla

    Hallo Sandra,

    schön, dass Du Dich hier wieder gemeldet hast. Und noch schöner natürlich, dass Du aktuell keinen Alkohol mehr trinkst.

    Ich bin auch der Meinung, dass man heute keine Ausrede mehr braucht, wenn man keinen Alkohol mehr trinken möchte. Ich verstehe aber, dass Dich das beschäftigt und auch belastet. Schließlich erinnere ich mich gut an meine Zeit damals zurück. Immer eine Ausrede im Gepäck, wenn ich irgendwo hingegangen bin, wo ich vermutete, man könnte mir was Alkoholisches anbieten. Ich habe allerdings fast nie eine Ausrede gebraucht. Irgendwie hat ein "ich trinke keinen Alkohol" oder "ich trinke lieber xy" meist keine Nachfragen gebracht. Es war ziemlich einfach.

    Ok, mein Umfeld und meine Freunde hätten sicher gefragt, warum ich plötzlich nichts mehr trinke. Aber dort habe ich mich ja schon ganz am Anfang geoutet. Das war absolut mit das Wichtigste um erst mal abstinent bleiben zu können. Weiß Dein engeres Umfeld bescheid?

    Es ist super, wenn Du jetzt aktuell keinen Druck verspürst. Nutze die Zeit um Dein weiteres Vorgehen zu planen. Überlege Dir, welche Schritte Du einleiten willst um dauerhaft trocken zu bleiben, ich meine AUßER keinen Alkohol mehr zu trinken. Du hast es bestimmt schon oft gelesen: Es reicht normal nicht nur nichts mehr zu trinken, Du musst aufarbeiten. Ich schreibe das ja immer wieder weil ich davon überzeugt bin, dass das bei mir der Schlüssel zur dauerhaften Abstinenz war. Und zu einer Abstinenz die ich keinesfalls als Verzicht empfinde sondern im Gegenteil, als absolute Bereicherung. Das ging aber nur durch Aufarbeiten und Beschäftigen mit meiner Krankheit. So wurde mir erst mal bewusst, welches Geschenk es doch ist, dass ich selbst bestimmen kann ob ich trinke oder nicht! Und ich habe mich aus freien Stücken für nicht trinken entschieden, aus tiefer Überzeugung heraus. Das war ein Prozess über Monate, viele Monate und ich bin heute sehr froh, dass ich so viele Gespräche geführt habe, so viel nachgedacht habe, mir so viel Zeit für mich und meine Krankheit genommen habe.

    Ich wünsche Dir, dass Du einen Weg findest, jenseits von "ich muss" oder "ich darf nicht mehr". Einen Weg, wo Du nicht mehr Deinen Magen als Grund nennen musst sondern wo Du selbstbewusst und selbstbestimmt sagst, dass Du keinen Alkohol trinkst weil Du es nicht willst und keinen Sinn darin siehst.

    Schön, dass Du wieder hier schreibst. Ich drück Dir die Daumen für Deinen weiteren Weg.

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Michael,

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    Bin ich nicht abhängig dann dürfte 1 Jahr Abstinenz auch kein Problem sein für mich. Und dieses erste Jahr habe ich ins Auge gefasst. Also erst einmal ein Jahr "Ohne" und etwas Abstand bekommen zum Wein.

    Das ist doch wirklich eine super Idee. Zieh das doch einfach mal durch und dann wirst Du sehen, ob Du anschließend wieder was trinken möchtest. Es könnte ja auch eine Lebenseinstellung von Dir werden, dass Du grundsätzlich auf Alkohol verzichten möchtest - auch als Nicht-Süchtiger. Und das könntest Du ganz entspannt tun. Im Verlgeich zu einem Alkoholiker müsstest Du nicht ganz so genau hinschauen. Ich meine damit, dass Du dann nicht pästlicher sein müsstest als der Papst. Du könntest also durchaus Medikamente zu Dir nehmen, die durch Alkohol haltbar gemacht wurden. Du müsstest nicht jede Lebensmittelverpackung genau studieren, ob nicht doch Alkohol enthalten ist. Du könntest im Restaurant einfach das essen was Du möchtest und müsstest Dir keine Gedanken über eine Bier- oder Weinsoße machen. Bei uns Alkoholikern sieht das meist anders aus.
    Also ich finde, Du hast eine prima Ausgangssituation auch für ein wunderbares Leben ohne Alkohol und ohne Risiken.

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    Ich habe vorher schon mal geschrieben was passiert wäre wenn die Lebensumstände etwas anders gewesen wären als zur Zeit.

    Dazu habe ich eine feste Meinung, die aus meinen eigenen Lebensumständen heraus geformt ist. Denn ich trank ja auch viele Jahre auf sehr niedrigem Niveau. Wahrscheinlich hätte mir ein Psychologe damals ähnliches gesagt wie Dir. Ich meine ein bis zwei Bier pro Tag mit ein bis zwei Tagen Pause pro Woche hören sich ja nun nicht wirklich spektakulär an. Wie ich schon schrieb bin ich mir sicher, dass ich hier bereits abhängig war. Ob jemand von Außen das so beurteilt hätte möchte ich zumindest bezweifeln.

    Und es hätte auf diesem niedrigen Niveau eigentlich auch einfach noch so weiter gehen können. Von mir aus bis zu meinem Lebensende. Aber was passierte? Es wurde mehr, die Pausen fielen weg, ich schrieb es schon häufig. Und warum? Ja, die Sucht eben - stimmt schon aber es waren eben auch die Lebensumstände. Eine deutliche Zunahme meiner Trinkmenge erfolgte z. B. in der Zeit, als wir unsere Eigentumswohnung vekauft hatten. Und der Käufer plötzlich nicht gezahlt hat. Wir waren aber bereits umgezogen in eine Mietswohnung, zahlten also Miete und für unsere Eigentumswohnung noch die Raten für den Kredit. So war das natürlich nicht geplant und das ganze zog sich fast ein Jahr hin. Wir wussten nicht, ob wir unser Geld jemals bekommen oder ob wir (auf eigene Kosten) rückabwickeln müssen. Bald waren auch unsere Reserven aufgebraucht.... Es ging also schon an die Existenz.

    So, nun wusste mein Hirn ja, dass man mit Alkohol wunderbar abschalten kann. Das hatte es gelernt, und zwar über Jahre hinweg und das obwohl die Menge ja eher gering war. Aber die Wirkung gab's ja schon bei geringer Menge, ich war das Zeug ja noch nicht so gewohnt wie später dann. Und so steigerte sich mein Niveau, ausgelöst durch beschriebene Angelegenheit. Auf die Idee mir die Entspannung auf diese Weise zu holen kam ich nur, weil ich vorher schon getrunken hatte, der Alkohol in meinem Leben einfach präsent war. Wenn auch lange Jahre eher ungefährlich....

    Ich denke Du verstehst was ich damit sagen möchte. Man legt sich ein bestimmtes Muster an, das Hirn macht das. Es mag lange problemlos sein - es kann aber kippen.... Wer nie getrunken hat (außer vielleicht mal das Glas Sekt an Silvester oder zum Anstoßen beim Geburtstag), der wird nicht so einfach bei Problemen zu Alkohol greifen. So jemand käme gar nicht auf die Idee - Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel...

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    Meine Frage dreht sich nur darum wie ich mich dort verhalten soll, bzw. wie es in solch einer SHG abläuft. Werde ich dort vorgestellt. Kann ich mich einfach dazusetzen und nur zuhören. Muß ich mich selbst einbringen in die Gruppe. Da ich ja weder einen Entzug hinter mir habe, noch im sozialen Umfeld Defizite vorweisen kann ( ausser die kleinen Widrigkeiten die jedes Leben so mit sich bringt ) ist mir das noch nicht ganz klar. Wie reagieren andere Teilnehmer darauf. Auf jemanden der eigentlich in Wirklichkeit vielleicht nur eine "Alkoholphobie" hat wie die Psychologin diagnostiziert hat. Hole ich mir dort in Wirklichkeit eigentlich nur die Bestätigung das meine Ängste begründet waren. Schwierige Frage. Vielleicht hat jemand hier eine Antwort für mich.

    Dazu kann ich Dir nicht so viel sagen. Ich war zwar einige Zeit (meine Anfangszeit) in einer SHG, habe dann aber festgestellt, dass es mich dort nicht weiter bringt. Ich bin dann auch in keine andere Gruppe (was durchaus sinnvoll sein kann) sondern habe andere Wege eingeschlagen. Für mich war das so richtig - andere sind in SHG bestens aufgehoben.
    Ich kann nur sagen, dass man in meiner Gruppe damit nichts sagen musste, wenn man nicht wollte. Es war eine Gruppe der AA - das sind eher Monologgruppen. D.h. während der Gruppenstunde erzählen Gruppenmitglieder von sich, was sie bewegt usw. Es erzählt nur der, der möchte und die anderen hören zu. Sie kommentieren nicht! Dialoge haben wir dann eher vor oder nach den Gruppenstunden geführt - z. B. wenn wir noch einen Kaffee getrunken haben. Wenn ich mir heute eine SHG suchen würde, dann wäre es sicher keine Monologgruppe... Damals war mir das egal, ich war froh unter Gleichgesinnten zu sein und es hat mir auch sehr viel gebracht für den Start in mein neues Leben.

    Deine Situation ist ja nun noch mal eine ganz andere, Du bist ja kein Alkoholiker sondern jemand, der sich mit diesem Thema auseinander setzen möchte. Bestimmt haben einige Forumsmitglieder (Greenfox z. B.) damit Erfahrung und werden Dir noch Tipps geben.

    LG
    gerchla

    Hallo Michael,

    sehr interessant, was Du da berichtest. Die Psychologin ist also der Meinung, dass Du ein Problem siehst bzw. eines erzeugst, wo gar keines ist. Sie sieht aber schon auch, dass Du Alkoholmissbrauch betrieben hast, hält Dich jedoch keinesfalls für süchtig. Nun, das sind doch erst mal sehr gute Nachrichten!

    Jetzt kannst Du doch ganz entspannt entscheiden, ob Du wieder Alkohol trinken möchtest und Dir auch überlegen warum Du das tun möchtest oder nicht. Oder einfach den Vorschlag von Dietmar in Erwägung ziehen und mal längere Zeit nichts trinken. Und wenn Du tatsächlich eine Art "Phobie" vor Alkohol hast, könnte die Abstinenz natürlich auch eine Lösung sein. Also mal ganz einfach gesagt: Kein Alkohol, keine Phobie.....

    Aber Du scheinst in der angenehmen Situation zu sein, das ganz frei entscheiden zu können. Das freut mich für Dich!

    Alles Gute weiterhin

    LG
    gerchla

    Hallo Lara,

    Zitat

    Ich habe beispielsweise auch gar nicht gewusst, dass es auch Menschen gibt, die in der "Öffentlichkeit" nicht trinken, sondern nur alleine. Inwiefern er ganz alleine etwas trinkt, weiß ich natürlich nicht -ich glaube aber eher nicht... außer zu Hause, wie schon erwähnt.

    Also, eigentlich ist es ja egal, Du wirst mit ihm sprechen und Du wirst sehen wie er reagiert. Und es ist gut, dass Du das machst.

    Trotzdem will ich Dir zu diesem Thema kurz von mir erzählen. Wie schon gesagt, ich trank heimlich. So sah bei mir ein Standard-Tag aus, mehrere Jahre lang und noch vor der Zeit, als ich dann auch schon morgens mit dem Trinken begann:

    Morgens in die Arbeit (nüchtern oder mit Restalkohol vom Vortag, je nach Pegel vom Vorabend) - Früher Nachmittag leichte Nervosität, Gedanken an Alkohol wurden stärker - Nachmittags der Gang in den Keller meiner Arbeitsstätte, denn dort hatte ich ein Alkohollager - Ein bis zwei Bier getrunken - Gegen 17 Uhr die Arbeit verlassen und zur S-Bahn - Vorher im Bahnhof 3 - 4 Dosen Billigbier gekauft - In der S-Bahn auf dem Weg nach Hause mindestens 2 dieser Biere getrunken (Fahrtzeit: 15 Minuten) - Dann von S-Bahn nach Hause gelaufen - die anderen 2 Biere getrunken (Laufweg: nochmal 15 Minuten) - Zuhause angekommen und für meine Familie vollkommen nüchtern erschienen!!!! Mal nachgerechnet: Da hatte ich schon mindestens 5 Bier inuts - Aber keiner hat's gemerkt.

    Ich will das jetzt hier nicht ausdehen, aber Du kannst Dir denken, dass der Abend entsprechend weiter ging. Da trank ich dann zum Essen vielleicht so 1 bis maximal 2 Mal pro Woche ein offizielles Feierabendbier und der "Rest" wurde dann ebenfalls geheim gekippt. Was an einem normalen Abend sicher mindestens nochmal 5 Bier waren, ggf. auch mehr oder mal noch Wein dazu. Alles heimlich getrunken und alle Flaschen auch heimlich entsorgt. Das ging - frage mich nicht wie. Meine Ex-Frau hat mir versichert nichts bemerkt zu haben.

    D. h. sie hat etwas bemerkt, nämlich das ich mich verändere bzw. verändert habe. Dass unsere Ehe den Bach runter geht usw usf. Aber sie hat nicht an Alkohol gedacht. Du bemerkst bei Deinem Freund auch etwas. Bist Dir jetzt unsicher ob Du nicht überreagierst, ob Du Dich nicht täuschen könntest. Ist egal: Wenn er ein guter Freund ist und tatäschlich kein Problem hat (was bei Deiner Beschreibung eher unwahrscheinlich ist), dann wird Dir trotzdem dankbar sein, dass Du ihm das gesagt hast. Er wird Dir nicht böse sein, warum sollte er. Du machst Dir sorgen und willst helfen. Schön so jemanden an seiner Seite zu haben!

    Zitat

    Ich fürchte nur, dass er auch hier ein "Meister" im Verdrängen von Tatsachen ist und sich recht gut selbst belügen kann.

    Warte es ab. Und wenn es so kommt, dann hast Du Deines dazu beigetragen, dass er sich seiner Krankheit bewusst wird. Wie schon gesagt, ich denke nicht, dass es dann was bringt, wenn Du ihn wöchtenlich erneut ansprichst. Aber Du kannst ihn im Auge behalten und vielleicht zu gegebener Zeit oder zu einem bestimmten Anlass mal wieder etwas sagen. Da musst Du jetzt einfach auch mal abwarten was von ihm kommt.

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    Müsste ich den Admin irgendwie kontaktieren, um für den internen Bereich freigeschaltet zu werden? Oder wie funktioniert das?

    Ich wurde damals "einfach so" freigeschalten. Ich denke er ließt ja hier auch mit. Aber Du kannst ihm ja auch einfach mal schreiben.

    Bis bald mal

    LG
    gerchla

    Hallo Uwe,

    herzlich Willkommen auch von mir!

    Zitat

    Alte , kranke Gewohnheiten und Glaubenssätze möchte ich in gesunde und reale transformieren.

    Ich weiß gut, wovon Du sprichst. Ich bin Mitte 40, seit ein paar Jahren ohne Alkohol und das was Du da schreibst ist auch das, was mich nach wie vor beschäftigt. Zwar konnte ich die meisten alten Denkweisen und Gewohnheiten innerhalb des ersten trockenen Jahres ziemlich umstellen, dennoch gibt es da noch viel zu tun. Immer wieder passiert es mir auch mal, dass ich in Einzelsituationen in ein altes Denkmuster oder in eine alte Verhaltensweise zurück falle. Da reagiere ich dann sehr sensibel, weil ich denke, dass ein möglicher Rückfall im Kopf beginnt.

    Mein Ziel ist es, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen was ich sage oder denke. Zu einem großen Teil habe ich das auch schon erreicht. Meine Einstellung und mein Denken haben sich seit meiner nassen Zeit grundsätzlich geändert und das meiste kommt auch aus einer inneren Überzeugung heraus. Dennoch gibt es immer noch Teile, die eher kopfgesteuert sind. Wo ich also erst denke und bewusst ein altes Verhaltensmuster "übersteuere". Das ist ok, ich hätte es aber gerne noch weniger... Wobei ich sagen muss, dass Anfangs alles kopfgesteuert war. Ich musste mir ständig sagen: Das ist nicht Richtig, Du denkst wie früher usw. - Mit der Zeit und mit viel Reflexion und vielen Gesprächen wurde das immer besser.

    Extrem war bei mir z. B. das Verdrängen von Problemen ausgeprägt. Auch das Ansprechen von mir unangenehmen Dingen. Da bin ich dann kopfgesteuert aktiv gegen vorgegangen. Nein, ich kläre das nicht morgen, ich rufe jetzt an! Das konnte ich trainieren, und das ist mittlerweile normal. Fast schon so, dass ich Dinge immer am liebsten sofort geklärt hätte, was manchmal aber eben auch nicht geht.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum und freue mich von Dir zu lesen!

    LG
    gerchla

    Hallo Lara,

    ich finde es gut, dass Du Deinen Freund auf seinen Konsum ansprechen willst/wirst. Es ist oft so, dass das Umfeld ganz klar mitbekommt das etwas nicht stimmt, sich aber nicht traut den Betroffenen anzusprechen. Dafür gibt es sicher unterschiedliche Gründe. Die reichen von "geht micht nichts an" bis "und wenn ich mich doch täusche?".

    Ich denke aber, wie Dietmar schon geschrieben hat, jedes Mal wenn ein Alkoholiker direkt angesprochen wird, wird ihm deutlich gemacht, dass er eben ein Problem hat. Meistens weiß er das ja selbst, verdrängt es aber oder redet es sich schön. Der Konsum, den Du von Deinem Freund beschreibst, ist auf jeden Fall weit jenseits des Normalen. Dazu möchte ich aus meiner eigenen Trinkergeschichte noch sagen, dass das Umfeld meist nur die Spitze des Eisbergs wahr nimmt. Ich beispielsweise trank nach außen hin quasi fast gar nichts. Mal ein Bier, mal ein Biermischgetränk. Meinen tatsächlich notwenigen Pegel trank ich heimlich.

    Du solltest darauf vorbereitet sein, dass er möglicherweise unerwartet reagiert. Evtl. wird er alles abstreiten, vielleicht reagiert er sogar aggressiv oder aber sehr verständnisvoll und bejahend, vielleicht auch jammernd und selbstmitleidig. Aber das ist eigentlich egal, es geht darum, dass Du ihm Deine Sicht der Dinge schilderst und er die Möglichkeit hat, vielleicht auch erst später wenn er Ruhe hat, darüber nachzudenken. Denn, wie von anderen schon geschrieben, "trockenlegen" kannst Du ihn nicht. Das muss er selbst wollen. Im übrigens glaube ich auch nicht, dass es etwas bringt wenn Du ihn künftig ständig und immer wieder ansprichst. Denn sollte er beim ersten Mal nicht einsichtig reagieren und eventuell auch gleich etwas unternehmen, dann wird er sich bei mehrmaligen Ansprachen von Dir missverstanden und genervt fühlen. Und sich evtl. sogar zurück ziehen.

    Aber bis dahin ist erst mal noch ein weiter Weg. Erst mal sehen wie er reagiert. Und Du hast Recht: Egal wie es ausgeht, Du brauchst Dir später auch keine Vorwürfe zu machen, dass Du nichts gesagt hat. Nur sei Dir auch im Klaren darüber, dass Du nicht für ihn verantwortlich bist und dass Du nicht die Macht hast ihn zur Abstinenz zu bringen. Du kannst aber den Anstoss geben und, falls er sich dafür entscheidet und falls er auch tatsächlich bereits süchtig ist, kannst Du ihn begleiten. Als ich aufgehört habe war mein bester Freund einer derjenigen, die mir mit am meisten geholfen hat. Einfach nur durch ganz viele wichtige und tiefe Gespräche. Die anders verliefen als z. B. diejenigen, die ich mit Psychologen geführt habe. Beides hat mir aber enorm geholfen meinen Weg zu finden.

    Ich wünsche Dir alles Gute, viel Glück bei Deinem Gespräch und ich freue mich, wieder von Dir zu lesen!

    LG
    gerchla

    Hallo Frank,

    hm, ich merke schon, dass Dich die Beziehung zu Deiner Frau und wie das dann in Zukunft weiter geht sehr beschäftig.

    Ich schreibe Dir jetzt deshalb, weil ich ja Ähnliches erlebt habe. Dennoch kann ich Deine Situation natürlich nicht beurteilen. Aber kurz von mir berichten, in vorherigen Post habe ich das Thema ja auch schon mehrfach angerissen:

    Als ich meine Ex-Frau in jungen Jahren geheiratet habe (damals völlig frei von Alkoholproblemen) war ich mir sicher: Die oder keine. Da war kein gesellschaftlicher Zwang, der uns heiraten ließ, kein Kind, dass im Kommen gewesen wäre etc. Wir heirateten weil wir das wollten, aus Liebe. Wie gesagt, relativ jung, mit Anfang 20 und da kannten wir uns auch schon eine weile. Irgendwann kam das erste Kind, Glück perfekt - Alkoholproblem noch weit entfernt. Jahre später kam das 2. Kind, meine Tochter - Alkoholproblem schon in Ansätzen vorhanden, wurde durch die Geburt meiner Tochter aber erst mal mit einer langen Trinkpause ad acta gelegt. Meine Kinder wurden zu meinem Ein- und Alles. Nach und nach ging das und es wurde immer stärker. Besonders dann meine Tochter, meine "Kleine", hatte eine mega enge Beziehung zu mir und ich zu ihr.

    Nun, mein Alkoholproblem nahm langsam Fahrt auf. Die Beziehung zu meiner Frau verlor an Fahrt - beides hing sicherlich miteiander zusammen. Es war auch so, dass meine Frau sich weiter entwickelte, ich (wahrscheinlich auch alkoholbedingt) eher stagnierte oder mich sogar in entgegengesetzte Richtung entwickelte. Aber, des lieben Friedens willen, hauptsächlich auch wegen meiner Kinder, versuchte ich mich anzupassen so gut es ging. Das was ich selbst eigentlich wollte geriet komplett in den Hintergrund. Gleichzeitig verstärkte sich meine Sucht immer mehr und es wäre mir (suchtbedingt) auch gar nicht mehr möglich gewesen meinen eigenen Willen durch zu setzen. Der Alkohol hatte das Zepter übernommen - mein Wille war gebrochen - mein Gewissen permanent schlecht - aber die Liebe zu meinen Kindern so groß wie nie. Natürlich kamen in nüchternen Momenten mal die Gedanken an Trennung, an Neuanfang, an Reißleine ziehen usw. - Aber nur ganz kurz, denn ich konnte mir nicht vorstellen ohne meine Kinder zu sein. Und ich hatte meinen Freund Alkohol um solche Gedanken sofort wieder wegspülen zu können.

    So zogen die Jahre ins Land, die Sucht verstärkte sich noch und die Beziehung zu meiner Frau war... Ja, keine Ahnung was das noch war. Ein einziges Lügengebäude, würde ich mal sagen. Auch gefühlsmäßig ein Lügengebäude.

    Nun, nachdem es dann zum Showdown kam und ich wieder nüchtern wurde und anfing wieder denken zu können rückte neben meinem unbändigen Wunsch ein trockenes Leben zu führen natürlich auch die Beziehung zu meiner Frau in den Vordergrund. Du weißt ja, es endete bei mir letztlich in Trennung und Scheidung. Mir geht es jetzt sehr gut, ich habe neue Beziehung und bald auch keine Partnerin mehr sondern wieder eine Frau. Wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, dann ist es nicht die Trennung von meiner Ex-Frau sondern die Tatsache, dass ich ihr keine Chance gelassen habe. Ich denke, nein ich weiß, sie hätte es gerne nochmal mit mir versucht. Trotz allem was passiert war. Ich musste aber diesen Schritt gehen und war auch nicht bereit noch irgendetwas "zu versuchen". Ich meine damit Paartherapie o. Ä. Ich würde heute auf jeden Fall jemanden raten, eine Beziehung die mal gut war nicht einfach wegzugeben sondern schon zu schauen, ob da noch was "geht". Und ich sage das, obwohl ich heute wirklich sehr sehr glücklich bin und mir mein Leben nicht anders wünsche. Aber ich hatte da jetzt auch eine gehörige Portion Glück....

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall, dass die Beziehung zu Deiner Frau wieder so wird, wie Du Dir das vorstellst. Dass Du nicht mehr Dein Kleiner derjenige ist, weshalb Du mit ihr zusammen bleibst. Auf Dauer glaube ich nämlich, ist das nicht ideal. Ist jetzt ein Thema, dass nicht unmittelbar mit Alkohol zu tun hat, aber ich wollte Dir trotzdem einfach mal meine "Erkenntnisse" da lassen.

    Alles Gute und ein schönes Wochenende!

    LG
    gerchla

    Zitat

    Manchmal wird mir richtig schlecht, wenn ich mir überlege, wieviel Geld ich in diesen verdammten
    Alkohol gesteckt habe. Unsummen...dafür hätten andere 3 Häuser gebaut.
    Ich schäme mich da richtig für, in diesen Momenten, wenn mir das schmerzlich bewusst wird.

    Oh ja, das kenne ich. Mann, was habe ich da an Kohle vernichtet. Nicht mal so sehr durch die Kosten für den Alk, denn "meine" Plastikbierflaschen die ich Sixpack-weise aus den Discountern geschleppt habe waren gar nicht so teuer. Aber in meiner alkoholisierten, vernebelten Welt hatte ich überhaupt kein Gespür mehr für's Geldausgeben bzw. auch Sparen. Die Kohle ging nur so raus, teils für völlig sinnlose Sachen. Ich lebte, als müsste ich mir überhaupt keine Gedanken um Geld machen. Ist einfach immer genügend da. War's aber nicht - Dispo ins Unermessliche überzogen, dann wieder irgendeinen Sparvertrag oder eine Lebensversicherung gekündigt um diesen wieder auszugleichen. Dann das ganze Spiel von vorne....

    Bin ich froh, dass ich mein Leben zurück habe!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Blaumann,

    sehr interessant, was Du da alles so berichtest. Erst mal freut es mich, dass Du mit Deinem Plan so voran kommst wie Du Dir das vorgenommen hast. Der Termin bei der Suchtberatung wird Dir sicher noch mal einen anderen Blick auf Deine Situation ermöglichen. Ich bin gespannt, was Du berichten wirst.

    Generell habe ich das Gefühl, dass sich Deine, ich nenne es mal "Einstellung", im Wandel befindet. In Deinen ersten Texten machst Du eher den Eindruck, dass Du ja eigentlich kein richtiges Problem hast und naja, vielleicht mal ein wenig zu viel oder zu regelmäßig trinkst, jedoch im Vergleich zu anderen doch gar nicht so viel. Und Ziel wäre es, hier doch etwas zu Reduzieren, dann passt das schon wieder..... Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass Du für Dich immer mehr erkennst, dass da doch ein wenig mehr sein könnte. Wie schon mal gesagt, ich werde mir nicht anmaßen das zu beurteilen. Weil ich es nicht kann. Es ist aber interessant für mich zu lesen, wie Du offenbar durch Selbstreflexion zu immer neuen Erkenntnissen kommst. Und die Option evtl. auch einfach dauerhaft abstinent zu leben in den Bereich des Möglichen rückt. Übrigens: Du würdest nichts dadruch verlieren. NICHTS - Auch wenn Du noch gar nicht süchtig sein solltest. Lebensfreude, Genuss, Spaß aber auch Frustbewältigung, Trauer verarbeiten usw. geht alles auch wunderbar ohne Alkohol. Ich sage sogar: Es geht wesentlich besser, weil es bewusst ist und weil es echt ist. Aber das nur nebenbei.

    Zitat

    Was ich selbst über meinen eigenen Alkoholkonsum weiß, das wissen auch die, welche unmittelbar in meiner Nähe sind.

    Über diesen Satz bin ich gestolpert. Ich denke, dass Du das für Dich so siehst und das es für Dich dann wohl so auch zutreffend ist. Allerdings gilt das nicht generell. Es gibt viele unter uns, die ihren Konsum so gut es ging "geheim" gehalten haben. Oder dem Umfeld nur "die Spitze des Eisbergs" präsentiert haben. Ich bin ein gutes Beispiel dafür. Ich war ein Heimlichtrinker, auch dann noch, als ich bei einem täglichen Level von 8, 10 oder sogar 12 Bier angekommen war. Und ich war "gut". Natürlich bemerkte mein näheres Umfeld in meinen letzten Trinkerjahren, dass irgendwas nicht so ganz stimmte. Erst mal die körperliche Veränderung (Übergewicht, aufgedunsenes Gesicht, glänzende Augen usw.), dann aber auch die psychische, also: kein Bock auf Freunde, lieber alleine sein wollen, oft alleine Unterwegs sein (um in Ruhe trinken zu können), ewig viel Zeit benötigen wenn ich was zu erledigen hatte (weil ich da ja dann auch trinken konnte) usw. Aber tatsächlich hat z. B. meine Ex-Frau damals nicht daran gedacht, dass ich ein Alki sein könnte. Offiziell habe ich ganz normal getrunken, mal ein Bier, mal ein Mischgetränk. Bei diesem "offiziellen" Bier ging es mir eigentlich immer nur darum, dass ich damit dann kein Problem mehr hatte, wenn ich nach Bier roch. Denn ich hatte ja eines getrunken :o -
    Obwohl es bei mir ja wirklich schon enorme Ausmaße hatte mit der Trinkerei musste ich meine Frau bei meinem Outing erst davon "überzeugen", dass ich wirklich Alkoholiker bin. Das gelang mir dann dadurch, dass ich ihr meine Geheimverstecke gezeigt habe. Also den Reserveradkasten im Auto, der kein Reserverad enthielt sondern diverse Sixpacks. Oder das Lager im Holzschuppen, wo zahlreiche Flaschen hinter dem Feuerholz gebunkert waren. Und sogar "mitten im Wald" hatte ich immer einen oder zwei Kästen Bier (mit Zweigen getarnt) ein paar Meter vom Waldparkplatz aus (war gleich um die Ecke wo ich wohnte) gelagert. Wenn ich da heute darüber nachdenke: Was für ein Stress, was für ein psychischer Stress war das nur, den ich dadurch hatte :o Alles geheim, die leeren Flaschen/Kästen mussten entsorgt werden, ebenfalls geheim, neu beschafft werden, auch geheim und das alles Jahre lang....

    Kleiner Exkurs, was diese Sucht für "Blüten" treiben kann. Es gibt wohl nichts, das es nicht gibt.

    Zitat

    Ich möchte meine Probleme nicht zu Problemen der anderen machen.

    Das ist etwas, das ich auch nicht wollte. Nach der Trennung von meiner Frau, später Scheidung, kam ich relativ schnell mit meiner jetzigen Partnerin (bald Frau :)) zusammen. Noch in einer Phase, wo ich noch lange nicht alles aufgearbeitet hatte was meine Sucht betraf. Ich war trocken, das auch stabil, aber ich hatte doch einen Haufen psychischer Probleme mit mir herum zu schleppen. Selbstverständlich war sie von Anfang komplett von mir Informiert, dass ich Alkoholiker bin und wo ich stehe. Über meine Vergangenheit wusste sie auch Bescheid. Trotzdem gab es Dinge, die ich im Detail nicht mit ihr besprochen habe, denn ich war sicher, dass es sie belasten würde. Diese Dinge habe ich entweder mit Psychologen /Therapeuten oder meinem alten Freund (der mir viel geholfen hat) besprochen. Sie wusste das, somit musste ich sie auch nicht anlügen. Denn Lügen war etwas, was ich als Trinker täglich gemacht habe und das wollte ich nie mehr tun.

    Ich rede nach wie vor offen mit meiner Partnerin über meine Sucht, wenn es mal zu diesem Thema kommt. Es ist aber nicht omnipräsent in unserer Beziehung. Und sie weiß auch, dass es Dinge gibt, die ich eben nicht mit ihr besprochen habe, das diese Dinge jetzt aber auch der Vergangenheit angehören und von mir aufgearbeitet sind (größtenteils mit fremder Hilfe). Und das ist gut so, denn meine Partnerin ist nicht meine Psychologin. Wenngleich sie mir bei fast allen Dingen im Leben selbstverständlich zur Seite steht und ich ihr auch. Aber sie war nicht für meine Vergangenheit verantwortlich!

    Zitat

    PS: Übrigens wer Schreibfehler findet darf sie gerne behalten. 8)

    Also, darüber machen wir uns hier gar keine Gedanken ;) Von mir aus einen Text voller Rechtschreib- und Grammtikfehler, hauptsache der Schreiber kann das sagen was er möchte und wir könnnen vielleicht ein bisschen helfen.

    Alles Gute weiterhin und bis bald.

    LG
    gerchla

    Hallo Blaumann,

    ich finde Dietmar hat den Nagel ziemich auf den Kopf getroffen.

    Es ist gut, dass Du Dich Deinem Arzt anvertraust. Das ist auch ein Schritt, den man erst mal gehen muss. Es ist aber tatsächlich so, dass nicht jeder Arzt Erfahrung mit Alkoholismus hat. Und manchmal kommen dann ärztlicherseits Aussagen, die einem sozugagen "entgegen" kommen. Nämlich immer dann, wenn Arzt eben nichts weiter festellen kann oder so Dinge sagt wie: Dann müssen halt mal ein bisl weniger trinken, etc..... So etwas kommt nicht mal so selten vor. Ich kenne diese Geschichten von Leuten, die wirklich akute Trinker waren. Und solche Aussagen dann natürlich um Anlass nahmen erst mal nichts zu änder. ABER, ich will auch sagen, dass es andere Ärzte gibt. Wirst ja sehen, wie das bei Dir laufen wird.

    Und, wie Dietmar ja auch schon gesagt hat, bei der Suchtberatung sieht es dann schon anders aus. Die sind dort ja täglich konfrontiert mit dieser Krankheit und kennen sich wirklich aus. Vielleicht ist es ja auch mal ein weiterer Schritt für Dich, dass Du dort mal anklopfst. Egal ob Du nun Missbrauch betreibst oder süchtig bist.

    Dazu noch ein kleiner Denkanstoss: Mich hat vor einiger Zeit mal jemand gefragt, ob ich eigentlich ganz sicher bin, dass ich wirklich Alkohliker bin. Und ob es nicht sein kann, dass ich vielleicht doch "nur" Missbrauch betrieben habe. Ich habe darauf geantwortet: "Kann schon sein, dass ich nur Missbrauch betrieben habe. Aber das ist mir mittlerweile völlig egal. Ich will keinen Alkohol mehr trinken weil er mir keine Vorteile gebracht hat und wenn, dann nur temporär. Ich lebe gerne ohne Alkohol."

    Da war er ziemlich beeindruckt und es erschien ihm logisch.

    Alles Gute weiterhin.

    LG
    gerchla

    Hallo Angemon,

    erst mal wollte ich Dir sagen, dass ich es super finde, dass Du auf Deinem Weg bleibst 44.

    Was die "Fressattacken" betrifft: Ich hatte das in dieser Form nicht, ich würde bei mir eher sagen, dass ich plötzlich wieder Appetit hatte und zwar nicht mehr nur auf fettiges, würziges oder salziges Zeugs. Ich musste nicht mehr schon morgens in den Burgerschuppen um mir zum Frühstück zwei Cheeseburger reinzuziehen. Plötzlich mochte ich wieder süße Sachen, vor allem Milchspeisen aller Art. Das konnte ich während meiner Trinkerzeit fast gar nicht essen. Michreis, Joghurt, Quark und co. waren plötzlich wieder angesagt und sind es bis heute. Und ehrlich gesagt: Es war mir total egal, ich hab es einfach nur genossen. Gleichzeitig begann ich meine Ernährung grundsätzlich etwas umzustellen. Etwas weniger Fleisch (nur etwas), weniger fettiges (brauchte ich auch nicht mehr nachdem der Alk weg war), ab und an mal Fisch und mehr Gemüse. Aber immer natürlich reichlich, so dass ich immer gut satt wurde. Nix Diät oder so.

    Ich hatte während der Endphase meiner Trinkerzeit gut über 100 Kilo auf den Rippen. Obwohl ich alles was ich oben beschrieben habe so zu mir genommen habe, purzelten die Pfunde nur so. Zum Trinken gab es ausschließlich Wasser (ein rauhen Mengen) und Tee, morgens auch Kaffee. Sagen wir mal ich hatte vorher im Schnitt so 10 - 12 Bier pro Tag + diverser Schorlen, die ich nachts meistens brauchte. Ab und an kam auch noch Wein dazu. All diese Kalorien waren mit einem Schlag weg. Und obwohl ich wirklich gut gegessen habe und keinerlei "Verzicht" geübt hatte, ging das Gewicht Woche für Woche runter. Bis ich relativ schnell dann bei so 88 Kilo angekommen war. Ab da stagnierte mein Gewicht und es war noch deutlich zu viel, wenngleich ich mich damals natürlich gefühlt habe wie ein halbes Hemd. Nix passte mehr, alles war zu groß. Was für ein herrliches Gefühl.

    Zitat

    Wie sieht es bei euch aus? Macht Ihr Sport und wenn ja welchen Sport und wie motiviert Ihr euch selbst dran zu bleiben?

    Ich wollte damals relativ bald mit meiner alten Leidenschaft, dem Laufen, wieder beginnen. Ich bin in meiner Jugend / frühen Erwachsenen-Zeit sehr viel Langstrecke gelaufen und es hat mich sehr entspannt und mir geholfen Streß abzubauen. Ich habe mich dann aber zunächst bewusst dagegen entschieden. Ich hatte nämlich Angst, dass ich durch das Laufen verdränge. Hört sich vielleicht etwas komisch an, aber ich wollte ERST meine Sucht Aufarbeiten. Denn ich wusste, dass mich Erfolgserlebnisse bei meinem Sport puschen würden, dass ich in eine Euphorie kommen würde (kannte ich von früher) und dass ich mich dadurch stark auf diesen Sport fokusieren würde. Ich hatte aber meine Sucht noch gar nicht richtig aufgearbeitet, es gab noch so viele offene Fragen, ich hatte noch keinen richtigen Lebensplan. Und ich wollte auch sicher sein, dass ich, falls ich z. B. verletzungsbedingt mal meinen Sport nicht mehr ausführen könnte, nicht plötzlich wieder Alkohol vor der Türe stehen habe. Vielleicht kann man es auch so sagen: Ich wusste wie viel mir dieser Sport bedeuten würde, wenn ich ihn wieder beginne. Ich wusste, dass ich an Laufverantstaltungen teilnehmen würde, dass ich enorm positive Gefühle damit verbinden würde. Und ja, dass er mich vom Alkohol ablenken würde. Und genau das wollte ich absolut NICHT. Erst klar sein mit mir und meinem Leben und meiner Vergangenheit - dann mein Sport und dann auch ohne die Gefahr, dass, wenn es mal nicht mehr gehen sollte, ich wieder Alkohol als "Alternative" in Betracht ziehe.

    Ich weiß nicht ob ich Dir damit erklären konnte was ich meine. Ich hoffe es.

    Heute mache ich genau diesen Sport. Ich laufe wieder Langstrecke, laufe einmal im Jahr einen Marathon, habe jetzt auch mit Duathlon begonnnen und es hilft mir alles ungemein meinen Alltagsstress abzubauen bzw. ihn erst gar nicht entstehen zu lassen. Meine kleine Familie trägt das alles mit und freut sich einen gut gelaunten Mann und Papa zu haben. Würde ich mich heute verletzten, kann ich ganz sicher für mich sagen, dass ich deswegen keinesfalls an Alkohol denken würde. Dieses Kapitel habe ich abgeschlossen. In den ersten Montaten, dem ersten Jahr meiner Trockenheit wäre es ganz sicher nicht abgeschlossen gewesen. Heute ist es das.

    Und nebenbei noch zum Gewicht. Das ist mit dem Sport dann natürlich nochmal gewaltig nach unten gegangen. Ich bin jetzt einiges unter 80 Kilo, was meinem Idealgewicht entspricht. Durch den Sport muss ich aktiv darauf achten genügend zu essen, denn ich möchte keines falls zu wenig auf die Waage bringen. Das ist jetzt aber eher ein Luxusproblem ;)

    Abschließend würde ich sagen: Mach Dir erst mal keinen zu großen Kopf über Dein Essverhalten. Wichtig ist, dass Du nicht mehr trinkst. Versuche Deine Krankheit aufzuarbeiten, das war für mich das allerwichtigste. Und dann kannst Du "nebenher" Dein Leben, Deine Gewohnheiten (z. B. Ernährung und Sport) langsam so umstellen, wie Du das gerne hättest. Bei mir hat das super funktioniert, vielleicht ist es auch ein Weg für Dich, das musst Du selbst entscheiden.

    Alles Gute weiterhin!

    LG
    gerchla

    Hallo Lollo,

    herzlich Willkommen im Forum!

    Wie geht es Dir aktuell?

    Zitat

    Ich habe nicht wirklich viel getrunken, im Schnitt 2 Liter Bier (mal mehr, mal weniger - aber kein Schnaps!)

    Hast es ja vielleicht schon in anderen Beiträgen gelesen: Die Menge ist nun nicht unbedingt entscheidend. Auch nicht was man getrunken hat, also ob "nur" Bier oder Wein oder auch harte Sachen. Letztlich ist man süchtig, wenn man nicht mehr ohne kann. Wenn sich das Denken häufig oder ständig um Alkohol dreht. Das Du aber bei einem eher noch niedrigem Trinkniveau die Reißleine gezogen hast ist natürlich positiv. Niedrigeres Niveau bedeutet, dass Du Deinem Körper, Deinen Organen weniger reinen Alkohol zugemutet hast als wenn Du das doppelte, drei- oder vierfache getrunken hättest. Das ist schon mal kein Nachteil ;) Die psychische Abhängigkeit (und die ist es um die es beim Trocken werden und vor allem bleiben geht), die hast Du deshalb trotzdem.

    Zitat

    Zu meiner eigenen Überraschung, sind meine Organ Werte noch im grünen Bereich und ich werde mit jeder Hilfe die ich bekommen kann, alles daran setzen, dass das auch so bleibt.

    Das ist doch sehr positiv. Bedeutet aber nicht, dass es dann ja so schlimm gar nicht sein kann. Ich habe schon von vielen gelesen, die wesentlich mehr getrunken haben als Du und trotzdem unauffällige Werte hatten. Oft wird das dann halt als "Beweis" genommen, dass man ja gar kein Problem hat. Ich habe mich mal mit einem Arzt unterhalten. Der hat mir gesagt, dass es erstaunlich ist, was der menschliche Körper ab kann und das er auch in der Lage ist, vieles wieder zu regenerieren. Er meinte aber auch, dass es wohl auch genetisch bedingt sei, ob jemand schon bei leichtem "Mehrkonsum" von Alkohol körperliche Symptome zeigt und andere schütten das Zeug in sich rein und haben beste Werte. Fakt ist allerdings, dass irgendwann auch mal irreparable Schäde entstehen. Und dann kann auch der beste Körper nicht mehr regenerieren.

    Unabhängig davon wird manchmal die psychische Erkrankung, die durch die Sucht entsteht etwas in den Hintergrund gestellt. Zumindest von den Betroffen selbst. Sie machen sich erst mal Sorgen um ihre körperliche Gesundheit. Das war bei mir auch so. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich beim Aufarbeiten erst mal gemerkt habe, was die Sucht eigentlich mit meiner Psyche angestellt hat. Und es hat Jahre gedauert das wieder zu reparieren bzw. es dauert eigentlich immer noch an.

    Ich wünsche Dir alles Gute und einen guten Austausch hier im Forum!

    LG
    gerchla

    Hallo Calendula,

    wie geht es Dir denn aktuell? Alles im grünen Bereich?

    Zitat

    der Verzicht auf Alkohol auch schon so schwer genug ist und es viel Motivation und Disziplin braucht.

    Ja es braucht Motivation! Aber braucht man die nicht in allen Lebenslagen? Wer motiviert ist ist i.d.R. erfolgreicher als jemand der keine Motivation hat oder gar demotiviert ist. Motivation ist etwas ganz normales und natürlich hilft sie enorm beim Kampf gegen Alkohol. Aber diese Motivation hast Du ja selbst in der Hand. Kommen wir zur Disziplin - auch ja, die brauchts auch. Ich finde, sie ist am Anfang, also da wo Du jetzt noch stehst in der Kombination mit Motivation ganz wichtig. Aber Disziplin hat für mich auch immer so einen "kämpferischen" Touch. Irgendwann sollte aus dieser Disziplin eine Selbstverständlichkeit werden. Irgendwann wird Dich vielleicht mal jemand ansprechen und sagen: "Wow, Du hast ja echt eine tolle Disziplin, Du trinkst ja wirklich nie Alkohol" - und Du wirst antworten: "Danke, aber mit Disziplin hat das bei mir nichts mehr zu tun - Es ist meine Lebenseinstellung" - So wünsche ich Dir, dass es bei Dir kommt!

    Zitat

    Im Moment bin ich aber noch in der Phase in der ich jeden Tag denke, dass ich HEUTE nichts trinke. Ich kreuze jeden Tag dann im Wandkalender den Tag ab, wo ich abstinent war.

    Und das ist doch jetzt erst mal in Ordnung, oder? Immer eines nach dem Anderen. NUR heute nicht trinken - so beginnst Du jetzt Deine Abstinenz. Und damit kannst Du dann auch langsam beginnen aufzuarbeiten, Dir einen Plan für Dein weiteres Vorgehen zu machen. Das ist wichtig weil, Du wirst es oft hier im Forum lesen, "nur" nichts mehr trinken reicht auf Dauer normal nicht aus. Denn Du willst ja irgendwann auch mal weg vom Kampf gegen den Alkohol (Stichwort: Disziplin) hin zur Normalität ohne Alkohol - ganz ohne Druck, Angst und Kampf. Ich glaube das geht nur, wenn man sich mit seiner Krankheit ganz individuell beschäftigt.

    Ich freue mich wieder von Dir zu lesen!

    LG
    gerchla

    Hallo Blaumann,

    auch von mir noch ein herzliches Willkommen hier im Forum.

    Ich bin Mitte 40, Alkoholiker und ein paar Jahre trocken.

    Ich habe jetzt erst mal Deine Beiträge und die der anderen Forumsmitglieder, die Dir geantwortet haben, in Ruhe gelesen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich überhaupt nicht beurteilen kann, wo Du "alkoholtechnisch" jetzt eigentlich stehst. Also Missbräuchler oder bereits hoffnungslos abhängig? Ich will das auch gar nicht beurteilen, weil es grundsätzlich schwierig ist, vielleicht auch unmöglich, aus der Ferne zu einer (richtigen) Einschätzung zu kommen. Was noch hinzu kommt ist, dass diese Alkoholkrankheit extrem individuell ist. Es scheint zwar immer, dass es bei allen gleich abläuft - stimmt auch auf den ersten Blick. Letztlich hat diese Krankheit aber viele Facetten und so individuell wie sie oft entsteht so individuell sind auch oft die Wege heraus ( wobei leider die meisten nicht heraus finden).

    Aus diesen Gründe versuche ich immer einfach nur von mir zu erzählen, von meinen eigenen Erfahrungen zu berichten. Sofern ich zu einem Thema etwas beizutragen habe. In Deinem Fall würde ich gerne folgendes sagen:

    Ich habe viele Jahre auf einem sehr niedrigem Niveau getrunken. Es war niedriger als das von Dir geschilderte. Ich trank über viele Jahre ein bis zwei Bier pro Tag. Immer wieder mal mit ein oder zwei Tagen Pause pro Woche. Selbstverständlich kam es an manchen Wochenenden "ganz normal" zu einer höhere Menge. Z. B. dann, wenn eine Feier an stand. Dann warens halt mal vier Bier oder fünf. Diese Wochenende waren aber extrem unregelmäßig und konnte auch mal komplett ohne Alk verlaufen, wenn ich z. B. der Fahrer war. Ich "bewegte" mich damals also jahrelang auf einem Niveau, dass man fast noch als unbedenklich gemäß der offiziellen Empfehlungen sehen könnte. Ich trank auf diesem Niveau völlig unbewusst, ich hatte keine Ahnung von irgendwelchen Grenzwerten usw.

    Aber schon damals hat mich die Regelmäßigkeit meines Konsums beschäftigt und schon damals habe ich immer BEWUSST die Pausentage eingelegt. Heute weiß ich, dass ich bereits süchtig war. Denn während dieser Pausen dachte ich an Alkohol. Mir fiel es noch sehr leicht diese Pausen zu machen. Insgeheim wäre mir mein Feierabendbier aber wesentlich lieber gewesen als die Apfelschorle.... Aber ich hatte es unter Kontrolle!

    Ich weiß heute, dass ich damals den Grundstein für meine spätere, "richtige" Alkoholikerkarriere gelegt habe. Ich hatte, genau wie Du das von Dir beschreibst, absolut keine Gründe zu trinken. Und ich habe ja auch ohne Grund getrunken - ich trank weil mein Feierabendbier halt dazu gehört. Ob es mir jemals so richtig geschmeckt hat kann ich gar nicht mehr genau sagen. Es war ein Ritual, später einer lieb gewonnene Gewohnheit - ich war nach dem Bier, auch nach zweien, nicht betrunken. Ich war entspannt und alles war gut so wie es war.

    Irgendwann muss es dann aber doch mal passiert sein. Ein paar Problemchen, vielleicht auch öfter mal was zum Feiern, ich kanns nicht mehr sagen, ich kann "den" einen Anlass nicht mehr ausmachen. Aber ich trank etwas mehr - erst mal nur ab und zu auch mal das dritte Bier - dann regelmäßig das dritte Bier. Die Pausen wurden seltener - dafür aber oft länger. Ich musste mir beweisen, dass ich kein Problem habe.... Heute weiß ich, dass man bereits ein gehöriges Problem hat, wenn man sich beweisen muss, dass man keines hat.

    Kommen wir zum kontrollierten Trinken - das ist das, was Du ja jetzt planst. Reduziert und somit auch kontrolliert zu trinken weil Du nicht ganz auf Alkohol verzichten möchtest. Warum eigentlich nicht? Diese Frage habe ich mir damal nie ernsthaft gestellt geschweige denn ernsthaft hinterfragt. Aber ich wollte natürlich auch kontrolliert trinken. Ich glaube jeder Alkoholiker wollte irgendwann mal kontrolliert trinken. ALLES - nur nicht komplett auf Alkoholverzichten. Also ich versuchte es - ich erinnere mich an Kampf - an wollen aber nicht dürfen,an (Du hast das Wort auch bereits verwendet) DISZIPLIN! Es braucht doch nur Disziplin - ich hatte Disziplin, ich konnte kontrolliert trinken - paar Tage, paar Wochen sogar - reduziert, ab und an mit einem kleinen Ausrutscher aber ok. Und es war schrecklich! Immer nur Disziplin, immer nur Kampf, immer nur an Alkohol und nicht dürfen denken. Es kam immer irgendwann die Zeit, wo es dann soweit war und ich für mich selbst einen Grund fand, warum ich heute mal mehr trinken "darf" - und wenn dieser Zeitpunkt dann mal da war, dann waren die Dämme auch schon gebrochen. Ich musste dann noch die Erfahrung machen, dass ich nach jeder kontrollierten Trinkphase aber auch nach meinen richtigen kompletten Trinkpausen (auch da hatte ich viele, Teilweise sogar mehrere Monate lang) immer mit höherem Niveau zurück kam als ich aufgehört hatte. Es schien, als wollte ich aufholen was ich verpasst hatte. Mit beruhigtem Gewissen weil ich mir ja bewiesen hatte, dass ich kann wenn ich will.

    So kam es, dass ich irgendwann bei zehn Bier und einer Flasche Wein als "ganz normale" Ration angelangt bin, ohne Ausfallerscheinungen am nächsten Tag (die hatte ich eh so gut wie nie) und dass auch da dann immer noch nicht Schluss war. Ich musste dann auch schon morgens trinken und es wurden auch mal 12 oder 14 Bier.... Nun ist die Trinkmenge nicht entscheidend, das weiß ich heute. Denn ich war schon mit ein bis zwei Bier abhängig. Dennoch hatte die Menge am Schluss natürlich enorme "Nebenwirkungen".

    Ich wollte dann nicht mehr und ich habe alle Gedanken an kontrolliertes Trinken usw. begraben. Ich habe komplett aufgehört und mich mit der Alkoholsucht im allgemeinen und mit meiner Sucht im Besonderen auseinander gesetzt. Ich habe versucht mir die Frage zu beantworten, warum ich getrunken habe (denn ich hatte objektiv betrachtet echt keinen Grund). Und ich habe mir die Frage gestellt, was mir dies Sucht eigentlich gebracht hat - und was es mir für Vorteile bringen würde, wenn ich weiter oder wieder trinken würde. Ich habe mich auch gefragt, was es mir bringen würde, wenn ich wirklich nur kleine Mengen trinken könnte. Was wäre der Vorteil, warum sollte ich das tun? Was bringt es mir "ein Glas Bier oder Wein" zu trinken? Ich habe diese Fragen für mich beantwortet und mir wurde die absolute Bedeutungslosigkeit des Alkohols für mich persönlich bewusst. Das alles hat übrigens Jahre gedauert und dauert noch an.

    Das wollte ich Dir schreiben. Vielleicht kannst Du für Dich was heraus ziehen und für Dein weiteres Leben mit oder ohne Alkohol!

    Alles Gute wünsche ich Dir und einen guten Austausch!

    LG
    gerchla

    Guten Morgen Isa,

    Zitat

    Dass ich nach ein paar Wochen "kontrollierten" Trinkens "plötzlich" wieder den Schrank voller leerer Bierdosen habe.

    Überlege mal wie das war, dieses kontrollierte Trinken. Ich habe das selbstverständlich auch versucht, wahrscheinlich haben alle Alkoholiker das mal bewusst oder unbewusst versucht. Ich erinnere mich an Kampf! Ich erinnere mich daran, dass ich eigentlich immer mehr wollte, dann aber dagegen angekämpft habe und halt doch "nur" 3 Bier getrunken habe. Und am nächsten Morgen fühlte ich mich wie ein Held! Du hast es geschafft!!! Doch dann ging der Tag weiter und wieder sollten es nicht mehr Bier werden. Und wieder musste ich kämpfen und wieder habe ich es geschafft. Das ging ne zeitlang. Aber irgendwann gab es IMMER einen Auslöser, weshalb ich genau heute mal mehr trinken "darf". Entweder sagte mir mein Suchtteufel: Hey, schaffst es doch. Hast doch gar kein Problem... oder irgendein fürchterliches oder auch ganz tolles Ereigniss motivierte mich dazu zu sagen: Heute ist es mal egal.... Tja, Du wirst es kennen - hat man dann erst mal die Regeln gebrochen ist es auch schon egal. Und schwupp - vorbei mit dem kontrollierten Trinken.

    Davon habe ich mich dann relativ früh verabschiedet. Es fiel mir leichter gar nichts mehr zu trinken. Und immer war ich der Meinung: Jetzt höre ich auf. Und habe das dann für paar Monate (am Anfang meiner Trinkerkarriere) und später paar Wochen (immer wieder mal und in immer längeren Abständen) versucht. Immer war natürlich der Wunsch da jetzt aufzuhören. Immer hatte ich Hoffnung, dass ich es schaffe und das niemand mitbekommt, dass ich überhaupt jemals ein Alkoholproblem hatte. Ich trank ja heimlich, da lags mir dann nahe, auch heimlich aufzuhören.

    Heute könnte ich fast einen Lachanfall bekommen beim Zurückdenken, wenn nicht so traurig wäre und nicht viele anderen die gleichen kruden Gedanken hätten. Natürlich hat das niemals funktionieren können. Ich hatte ja immer mein Hintertürchen - wenn keiner weiß dass ich zum Trinken aufgehört habe weil keiner weiß dass ich getrunken haben dann kann ich wieder anfangen mit dem Trinken weil es ändert ja nichts.... Verrückt....

    Ich konnte es also gar nicht schaffen so trocken zu werden. Denn ich habe ja nichts anderes gemacht als "nur" nichts mehr zu trinken. Ich habe nichts an meinem Umfeld verändert, ich habe nicht an meinem Bewuststein gearbeitet, ich schon gar nichts aufgearbeitet und meine Gedanken waren nach wie vor nass und auch mein Verhalten war, obwohl ich temporär nichts trank, das eines nassen Alkoholiker. Es konnte gar nicht funktionieren. Dazu ist diese Sucht echt viel zu mächtig!

    Ich habe Dir ja geschrieben, dass ich dann viele Gespräche hatte. Diese führten bei mir auch dazu, dass ich mein Leben ziemlich umgekrempelt habe. Das war eine Erkenntnis aus diesen Gesprächen. So habe ich mich z. B. von meiner Frau getrennt (somit auch meine Kinder "verloren") was wirklich das schlimmste war, was ich bisher so erlebt habe. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen (habe heute in gutes Verhältnis zu meiner Ex-Frau und sehe meine Kinder wann ich möchte) aber vielleicht soviel sagen, dass ich auch als nasser Alkoholiker gemerkt habe, dass ich mich eigentlich mein Leben verändern müsste um wieder zu mir selbst zu finden. Aber das ist im nassen Zustand völlig unmöglich - alles erschien mir unmöglich. Das ganze kombiniert mit dem permanent schlechten Gewissen eines ständig lügenden Heimlichtrinkers - Ein Teufelskreis....

    Es war für mich also, und das kann ich rückblickend auch tatsächlich so bestätigen, elementar wichtig und notwendig mein Leben wirklich an vielen Stellen gravierend zu verändern. Auch wenn es teilweise erst mal fürchterlich weh tat. Ich bin heute davon überzeugt, dass ich andernfalls heute wieder trinken würde. Das trifft jetzt natürlich nur auf mich und auf mein Leben zu.

    Was ich damit sagen will ist, dass Du Dir vielleicht auch mal Gedanken darüber machen kannst, wo Du stehst, was Du eigentlich möchtest oder auch wer Du sein willst, was Du von Deinem Leben noch erwartest. Und was Dich daran hindert. Und was zu tun wäre um Dein Ziel zu erreichen. Es ist nicht einfach nur nichts mehr zu trinken. Deshalb wird die Welt nicht automatisch besser und schöner. Und weil sie das eben nicht automatisch wird, ist die Gefahr Freund Alkohol wieder einzuspannen groß.

    Und entschuldige bitte: Ich will nicht schlau daherreden. Vielleicht machst Du Dir diese ganzen Gedanken ja schon lange. Ich will einfach nur zum Nachdenken anregen, weil mir hat das damals eben sehr geholfen.

    Zitat

    "Schlicht keinen Vorteil mehr im Alkohol mehr erkennen" - das tönt sehr reif und gesund. Das möchte ich aus tiefster Überzeugung sagen können - aber so weit ist mein krankes Hirn noch nicht.


    Das ist sicher ein Prozess, der einfach ein wenig Zeit braucht. Und richtig gut ist es dann, wenn es wirklich von Innen heraus kommt. Ich sag' da immer: Nicht vom Hirn gesteuert sondern vom Bauch, von der inneren Überzeugung heraus - als eine Selbstverständlichkeit.

    Ich habe heute noch einige alte Verhaltenmuster die ich mit meinem Kopf "bekämpfe". Besser als nix, sage ich mir da dann. Ich möchte aber irgendwann eben nicht mehr, dass erst mein Kopf zu mir sagt: diese oder jene Denke oder Reaktion ist die gleiche die Du früher hattest und weißt doch das es falsch ist. Ich möchte, dass ich darüber eben gar nicht mehr nachdenken muss. Ein Prozess, wahrscheinlich ein lebenslanger.

    LG
    gerchla