Hallo Mike,
mit leichter Verspätung möchte ich Dich auch hier im Forum herzlich Willkommen heißen. Schön, dass Du etwas gegen Deine Krankheit unternehmen willst.
Kurz zu mir: männlich, Mitte 40, Alkoholiker und ein paar Jahre trocken.
Leider hatte mich die letzte Woche eine Erkältung dahingerafft, so dass ich nicht hier im Forum war. Deshalb habe ich jetzt Deinen Thread "auf einen Rutsch" komplett durchgelesen. Ich möchte Dir kurz meinen Eindruck schildern:
Du steckst ganz schön tief drin, in der Sucht. Ich denke, Du erkennst das auch, bist aber scheinbar schon noch damit beschäftigt, Dir Deine gewünschte Welt irgendwie aufrecht zu erhalten. Nicht in der Art, dass Du sagst: "ich habe doch gar kein Problem", aber schon so, dass Du gewisse Dinge für Dich ausschließt, Dir bestimmte Dinge nicht vorstellen kannst oder Du doch auch noch einen Unterschied im Vergleich zu anderen Alkoholikern siehst.
Ich mag komplett falsch liegen, aber so ist mein Eindruck. Und ehrlich gesagt kenne ich das von mir.
Ich gebe nicht so gerne Ratschläge, erzähle statt dessen wie es bei mir war / ist. Du kannst, wenn es Dir passt, etwas für Dich heraus ziehen. Wenn nicht, dann halt nicht.
Hier die Schnellversion meiner Trinkerkarriere:
Ich war Heimlichtrinker. Mein Umfeld erlebte mich bestenfalls als jemanden, der ab und zu mal ein Bier trinkt. Auch gegenüber meiner Familie ( 2 Kinder) habe ich meine Sucht so lange es ging geheim gehalten. Ich muss da sehr gut gewesen sein, denn meine (Ex)Frau hat mir bei meinem Outing bestätigt, dass sie an sowas nicht gedacht hätte. Dennoch hat meine Familie sehr gelitten. Denn ich dachte zwar, ich trinke ja heimlich (und so gut wie nie vor meinen Kindern - und bei Rot ging ich auch nie über die Ampel
) aber was ich nicht bemerkte, war die Veränderung meines Charakters, meines Wesens und gegen Ende hin auch meiner Gesundheit. Mein Umfeld bemerkte das sehr wohl und machte sich, aufgrund fehlender Erklärung, ziemliche Sorgen um mich und was da wohl mit mir los sein könnte. Das ging über viele Jahre so....
Eingestiegen bin ich in die Sucht übrigens auf niedrigstem Niveau. Jahrelang auf "Feierabendbierniveau" - fast noch im medizinisch unbedenklichen Bereich. Heute weiß ich allerdings, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits süchtig war - wenn auch komplett ohne körperliche Symptome - aber, die kommen ja eh erst ganz am Schluss. Die Psyche ist schon viel früher im Eimer. Es ist also so, dass die Menge nicht entscheidend ist für die Sucht. Natürlich bist Du bei Deiner Menge gefährdeter körperliche Symptome zu entwickeln (Alkohol ist halt nix anderes als Zellgift :-\) aber einer der weniger trinkt ist deswegen nicht weniger süchtig...
Die Menge steigerte sich, Details gerne auf Nachfrage. Irgendwann begann dann auch eine körperliche Veränderung sichtbar zu werden. Ich wurde übergewichtig, meine Haut war aufgequollen und die von Dir beschriebenen Symptome wie Durchfall oder auch dieses Stechen ( vor allem wenn ich mich auf den Bauch gelegt habe) waren ebenfalls vorhanden. Zum Schluss trank ich so 10 - 12 Bier und, wenns nicht gelangt hat, noch ne Flasche Wein dazu. Täglich - morgens beginnend. Ach übrigens - ich möchte mich schon als gebildet bezeichnen, habe einen verantwortungsvollen Beruf und Verantwortung für viele Mitarbeiter - ich trank trotzdem den Billigfusel aus den Discountern. Bier aus Plastikflaschen und Wein in Einliter-Flaschen. Warum? Ich hatte keine Zeit darauf auch noch Wert zu legen, ich brauchte meinen Stoff und ich musste das Zeug möglich einach heimlich wieder entsorgen können. Und ich konnte auch fleißig die Discounter wechseln, so dass ich nicht als Stammkunde erkannt werde - ha ha, dachte ich. Natürlich wussten die alle was Sache ist, nur ich dachte ich wäre ja so schlau :o
Selbstverständlich habe ich relativ bald gemerkt: Da stimmt was nicht! Bereits bei einem Durchschnittsverbrauch von 2 Bier/Tag war mein Gewissen geweckt und ich wusste: Du musst was tun! Tat ich auch. Ich legte Trinkpausen ein. Ging super, anfangs. Wochenlang, sogar Monate. Immer mit dem Gedanken an Alkohol verbunden aber ich war stark genung es durchzuhalten. Auch noch keine körperliche Abhängigkeit. Mein Umfeld bekam davon nichts mit. Ich trank ja heimlich - also trank ich auch heimlich nichts.
Nun, fast jede Trinkpause endete damit, dass ich anschließend meinen Pegel dauerhauft etwas erhöhte. Als ob ich etwas nachzuholen hätte.... Irgendwann wollte ich dann keine Trinkpausen mehr machen, sondern wirklich echt komplett mit dem Trinken aufhören. Wieder schaffte ich ein paar Wochen, später nur noch ein paar Tage - es wurde schwieriger, es war nur noch Kampf und ich versuchte es immer selbstverständlich heimlich - denn ich war ja Heimlichtrinker, also musste ich auch heimlich aufhören. Nun, im Nachhinein kann ich sagen: Meine liebe Sucht wollte sich halt einfach ein Hintertürchen offen halten.... Denn hätte ich mich geoutet wäre es viel schwieriger geworden wieder heimlich anzufangen....
Tja, Du wirst es Dir denken: Es ging immer schief. Absolut immer und die letzten Jahre konnte ich dann keinen Tag mehr verzichten. Nicht mal wenn ich mit Fieber im Bett lag. Und irgendwie wollte ich auch gar nicht mehr. Immer dieser Kampf. Irgendwas wird schon mal passieren und dann höre ich auf..... Nun, es passierte nix, ich soff halt weiter.
Der Tag X kam (Details sprengen den Rahmen) und wollte definitiv, von innen heraus mein Leben ändern und mit dem Trinken aufhören. Es fühlte sich anders an, als bei den Trinkpausen vorher. 1. Maßnahme: Ich outete mich vor meiner (Ex)Frau, zeigte ihr alle meine Geheimverstecke und schüttete meine kompletten Vorräte weg. 2. Ich ging am nächsten Abend zu einer SHG (und kann absolut nicht sagen, dass da nur heruntergekommene Menschen anzutreffen gewesen wären, eher im Gegenteil), 3. Ich ging zum Arzt (allerdings viel zu spät, denn ich da den kalten Entzug fast durch), 4. ich outete mich bei meinem näheren Umfeld (Eltern, Gesschwister, Freunde usw.), 5. Ich machte wichtige Termine aus (z. B. Psychologen - leider gibts da manchmal etwas Wartezeit), 6. Ich begann Gespräche zu führen (Z.B. mit meinem besten alten Freund - der mir unglaublich geholfen hat), 7. Ich machte mir gleichzeitig nebenher tiefe Gedanken darüber, wie ich meine Zukunft gestalten möchte, was ich von meinem Restleben erwarte und wer ich eigentlich sein möchte.
Nun, nur mal eine grobe Zusammenfassung. Ich möchte noch dazu sagen, dass ich absolut bereit war, alles für ein neues Leben ohne Alkohol zu tun. Auch eine Langzeittherapie anzutreten. Absolut alles hätte ich getan. Ich habe keine LZT gemacht, weil ich spürte, dass ich stabil und auf den für mich richtigen Weg war. Outen und aufarbeiten waren für mich die Schlüssel zum Erfolg, das tat ich die vielen male vorher nicht und musste unweigerlich scheitern. Ich habe das halt nur einfach nicht wahrhaben wollen.
Nun wusste ich: Mein Leben und meine Krankheit muss von mir aufgearbeitet werden denn: Ein Alkoholiker ist psychisch krank - also bin auch ich psychisch Krank. Alleine geht das nicht, also ließ ich mir gerne helfen - nicht nur professionelle Hilfe sondern auch Hilfe von anderen Menschen. Diese Mischung hat mich enorm weiter gebracht!
Und so zogen und ziehen die Jahre ins Land und ich war nie glücklicher als heute. Trotz folgender Scheidung und komplettem Neuanfang. Selbstveständlich beschäftigt mich meine Sucht noch heute und ich arbeite noch heute auf (sonst wäre ich nicht hier). Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich auch die "Vorteile" meiner Sucht erkenne: Nämlich die Tatsache, dass ein trockener Alkoholiker einen ganz anderen Blick auf sein Leben oder das Leben an sich gewinnen kann. Und dass es gar nicht sehr viel braucht um Zufrieden oder sogar glücklich zu sein.
Alles Gute wünsche ich Dir und eine guten Austausch!
LG
gerchla